«Eigentlich geht es den Zeitungen in Deutschland prächtig»

Thierry Chervel
Ronnie Grob, 23. März 2011, 12:53

Für Kulturjournalisten und Feuilletoninteressierte ist der Perlentaucher seit vielen Jahren die Adresse, um sich online zu informieren, was in den Feuilletons der drei oder fünf wichtigsten deutschsprachigen Zeitungen steht, die man nicht täglich liest.

Geschäftsführer des kleinen Berliner Unternehmens ist der 53-jährige Thierry Chervel. Wir haben ihn gefragt, was er selbst am liebsten liest, wie er die Zeitungsredaktionen einschätzt und was er von Schweizer Medien und Medienschaffenden denkt.

Die Website Perlentaucher.de gibt es seit 2000, also schon 11 Jahre lang. Wie geht es dem Unternehmen Perlentaucher derzeit?
So lala. Wir mussten ja einen Aufruf an die Leser lancieren, weil die Werbesituation im letzten Jahr recht unangenehm war für uns, besonders durch den Verfall der Preise bei der Displaywerbung.

Hat das etwas eingebracht?
Ja. Nicht nur, dass uns viele, auch Schweizer Leser, sehr motiviert haben, weiterzumachen, sondern auch konkret etwa 22.000 bis 23.000 Euro. Wir haben nun auch einige Leser, die uns regelmässig Geld überweisen, was wir als eine Art informelles Honorar für unsere Leistungen betrachten, die ja kostenlos sind. Wir sind unseren Lesern sehr dankbar und werden dieses Jahr mit Sicherheit durchstehen.

Ist es richtig, den Perlentaucher als kleines Familienunternehmen zu bezeichnen?
Eigentlich ja, wir sind sozusagen eine Currywurstbude: vier feste Leute, drei in der Redaktion, ein Techniker. Als Geschäftsführer bin ich für die Werbeakquise verantwortlich.

Welche Werbekunden hat denn der Perlentaucher?
Die wichtigsten Werbekunden sind die klassischen Qualitätsbuchverlage.

Wir sind ja zwei der wenigen Frühaufsteher der Branche. Wann geht’s denn los am Morgen?
Wir fangen um 7 Uhr an, zu dritt. Zuweilen arbeiten wir abends vor.

Welche Perlentaucher-Rubrik wird am meisten gelesen?
Das Zentralstück ist schon die Feuilletonrundschau, auch, weil sie täglich aktuell ist. Wenn wir Artikel von Autoren publizieren, dann wird das auch gut angeklickt. Auch die Buchseiten haben gute Zugriffszahlen, das liegt aber auch an den Zugriffen über Suchmaschinen.

Lest ihr die Zeitungen im E-Paper oder auf Papier?
Die FAZ lesen wir aus Tradition auf Papier, sonst lesen wir PDFs oder E-Paper. Es ist ja ein Irrtum, zu glauben, dass alle Zeitungen komplett im Netz stehen: Nur die taz ist komplett online.

Wie geht die Zeitungsauswertung konkret vor sich? Hat jeder seine festen Zeitungen?
Feste Zeitungen ja, es kann aber jeder alles. Die Zuteilungen hängen von der Situation ab.

Die Feuilleton-Rundschau verweist in den letzten Jahren mehr und mehr auch auf Blogs und andere Online-Quellen. Warum?
Die Öffentlichkeit hat sich verändert durch das Internet. Sie hat ihre Kristallisationspunkte verloren, was ja eigentlich begrüssenswert ist. Als Beispiel: Gerhard Schröder hat kürzlich in der «Peiner Allgemeinen Zeitung» ein Interview gegeben, wo er – vorsichtig gesagt – den Genozid an den Armeniern etwas milde beurteilt. Auch wenn die Quelle etwas abgelegen ist, wird das dann doch über die sozialen Netzwerke und Blogs weiterverbreitet und findet seinen Widerhall. Früher hätte ja niemand die «Peiner Allgemeine Zeitung» wahrgenommen.

Mit dem «Ententeich» hat der Perlentaucher ja seit einiger Zeit auch ein eigenes Blog. Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht?
Die Erfahrung ist, dass ein Blog Arbeit bedeutet. Trotzdem ist es gut, eines zu haben, weil man, wenn man etwas zu sagen hat, ein Forum hat. Über die Zeit verdichtet sich dann schon was.

Du hast einen gut bezahlten und vergleichsweise sicheren Job bei der «Süddeutschen Zeitung» aufgegeben. Hast Du das je bereut?
Nein. Insgesamt arbeitete ich fünf Jahre für das Feuilleton der «Süddeutschen Zeitung». Vier Jahre in Paris als Kulturkorrespondent, und dann ein Jahr lang als Feuilletonredakteur im Berliner Büro. Damals gab es eine Berlin-Seite, die wurde später eingestellt.

Wie ist der aktuelle Stand im nicht enden wollenden Prozess, der die FAZ und die SZ gegen Euch führt?
Die FAZ und die SZ haben uns verklagt wegen den Resümees von Buchkritiken, die wir auf dem Perlentaucher veröffentlichen. Sie behaupten, darin sei zu wenig Eigenes – und wir bestreiten das. Die Zeitungen wehren sich vor allem dagegen, dass wir diese Notizen an Internetbuchhändler weitervertreiben. Im schlimmsten Fall müssten wir sie aus der Datenbank entfernen.

Wie sehr belastet das Euer Unternehmen?
Das sind auch jetzt wieder Kosten, die auf uns zukommen. Insgesamt ist das nervend und behindernd. Die FAZ hat parallel uns sowohl juristisch als auch journalistisch attackiert. Wie weit das koordiniert war, kann ich nicht beurteilen. Die SZ hat nur juristisch angegriffen.

Was rätst Du Journalisten, die sich selbständig machen möchten?
Ich kann nur jedem, der anfängt, raten, sich mit dem Internet auseinander zu setzen. Er sollte sich ein Blog zulegen und sei es, dass er es nur nutzt, um auf seine anderswo erscheinenden Artikel hinzuweisen und eine Kontaktmöglichkeit anzubieten.

Wie siehst Du den aktuellen Zustand der Zeitungsredaktionen?
Eigentlich geht es den Zeitungen in Deutschland prächtig. Erst kürzlich war ja zu lesen, dass der Axel-Springer-Verlag 2010 über 500 Millionen Euro Gewinn gemacht hat. Aber klar, die Zeitungen sind immer noch traumatisiert von der Zeitungskrise 2003, die damals zu den ersten grösseren Entlassungen führte. Was gerne vergessen wird: Die grossen Profiteure des New-Economy-Booms waren ja die alten Medien, die sich mit Anzeigen von Internet-Startups dumm und dämlich verdient haben.

Und wie steht es mit dem geistigen Zustand?
Natürlich sind die deutschen Kulturseiten publizistisch sehr wichtige Produkte und im internationalen Vergleich auch sehr gute. Ich kenne kein anderes Land, in dem so viele Bücher besprochen werden. Gut, die Feuilletons sind nicht mehr zehn oder elf Seiten dick wie in den goldenen Zeiten. Man darf dabei aber auch nicht vergessen, dass Feuilletons noch nie etwas zur wirtschaftlichen Situation einer Zeitung beigetragen haben.

Ein Problem der Redaktionen ist zudem die mangelnde Fluktuation. Auch die Devise, möglichst wenige Leute von aussen schreiben zu lassen, ist inhaltlich kontraproduktiv. Wir mochten die Feuilletons früher vor allem, weil sie Stimmen von aussen zuliessen, also Debattenraum waren.

Wie siehst Du die Homogenität in den Redaktionen?
In der Islamdebatte gibt es eine grosse Homogenität der kulturellen Öffentlichkeit. Rund 80 Prozent der publizistischen Stimmen stehen auf der Seite der Kritiker der Islamkritik. Immerhin lassen die FAZ und die Zeit und die taz auch Gegenstimmen zu, während die SZ sehr dogmatisch verfestigt ist. Die Debatte zum Islam ist die derzeit wohl kontroverseste. Beim Medienwandel sind die Fronten eher Print gegen Internet.

Was sagst Du zur Debatte über Thilo Sarrazin?
Ich fühle mich Sarrazin überhaupt nicht nah. Diskurse, die selber wieder kulturalistisch werden, lehne ich ab. Man braucht keinen neuen Populismus, sondern einen neuen Liberalismus. Wir müssen darüber nachdenken, warum es gut ist, in einem säkularen Staat zu leben, warum es ohne Kapitalismus nun mal nicht geht, warum Konsum nicht an sich etwas schlechtes ist. Die Moderne sollte sich gegenseitig befruchten und nicht in ihre kulturalistischen Lager zerfallen. Deswegen lehne ich Sarrazin mit seiner Tendenz zur genetischen Argumentation zutiefst ab.

Allerdings bin ich für weite Grenzen der Meinungsfreiheit und verteidige natürlich Sarrazins Recht, aufzutreten. Es muss in einer freien Öffentlichkeit hart zugehen können und man muss auch mal über die Stränge schlagen dürfen. Sonst ist die Öffentlichkeit nicht frei. Ich selber sympathisiere eher mit Broder und Necla Kelek als mit Sarrazin.

Was sind die besten Publikationen im deutschsprachigen Raum? Und weltweit?
Die Wirtschaftsseiten der FAZ sind grossartig, das ist mein Lieblingsmedium in Deutschland. International finde ich den Guardian und die New York Times online vorbildlich. Alles in allem kann man sehr froh sein, dass das Internet den Radius erweitert hat.

Auch wenn einige jetzt das Gesicht verziehen werden: Ich finde Gawker toll, das ist wunderbarer, moderner, frecher, schneller Boulevardjournalismus. Und Technikblogs wie TechCrunch. Ich mag aber auch abseitigeres, wie Open Culture oder Three Quarks Daily, was übrigens ein wunderbares Blog ist, um Essays zu finden. Es ist vielleicht kein Zufall, dass ich im Wesentlichen Englischsprachiges empfehle, im deutschsprachigen Bereich findet wenig Innovation statt. Gut, ich könnte sagen, der Spiegel ist ein wichtiges Institut – aber das hätte ich vor zwanzig Jahren auch schon sagen können.

Man muss wohl inzwischen konstatieren, dass eine Entwicklung, die in den USA stattgefunden hat, in Deutschland offenbar nicht stattfindet. Man sagt ja immer, die Entwicklung komme später, aber es ist in Deutschland keine Huffington Post entstanden, es gibt kein Daily Beast, kein Gawker, kein Tech Crunch. Das ist schon schade.

Was denkst Du denn über deutschsprachige Blogs?
Es ist gut, dass es sie gibt. Würde die Debatte über den Medienwandel nur von etablierten Medien bestritten werden, hätte sie eine Schlagseite. Carta hat publizistisch viele Zeichen gesetzt, Netzpolitik ist ein wichtiges Blog, auch das Blog von Jörg Lau find ich gut. Die Achse des Guten könnte ein Beispiel sein, wie ein politisches Blog aussehen könnte. Schade ist, wie wenige etablierte Journalisten Blogs führen. Die meisten Zeitungsredakteure lassen sich das Internet offensichtlich noch ausdrucken.

Und auch sehr schade ist, dass sich die Blogosphäre so sehr selbstbezüglichen Themen wie dem Medienwandel zuwendet. Ich würde gerne mehr themenspezifische Blogs lesen, zum Beispiel über klassisches Ballett, Theater oder Gesundheitspolitik. Ich glaube, dass jeder, der anfängt, ein Blog zu führen und sich ernsthaft mit einem Thema auseinandersetzt, von den Pressestellen auch wahrgenommen und beliefert wird, also Rezensionsexemplare oder Freikarten bekommt.

Schwieriger ist natürlich, überhaupt Geld zu verdienen. Am ehesten gelingt das wohl, in dem man sich thematisch spezialisiert und bei den Formen diversifiziert. Man sollte sich auch nicht zu schade sein, mal eine Powerpoint-Präsentation zu machen und einen Vortrag oder ein Seminar zu halten. Bei Seminaren werden in der Regel ja immerhin Tagessätze von 600 bis 800 Euro anerkannt. Freie Journalisten dagegen werden bekanntlich äusserst schlecht bezahlt.

Was denkst Du von den Schweizer Medien?
Die Medienseite der NZZ ist eine der lesenswertesten. Wir mögen die NZZ sowieso gerne, andere Zeitungen beobachten wir nicht so intensiv. Was ich an der NZZ insgesamt schätze, ist ein gewisser Kosmopolitismus. Dieses natürlicherweise nach aussen Geöffnete schätze ich sehr, das haben viele kleinere Länder. Die grösseren Öffentlichkeiten in Europa, also die deutsche oder französische, sind zu stark auf sich selbst bezogen.

Welche zeitgenössischen Schweizer Medienschaffenden und Intellektuellen sind relevant?
Das ist eine gute Frage. Ich könnte jetzt einige Redakteure der NZZ nennen, die ich gerne lese, aber ich weiss nicht recht. Man darf es ja kaum zugeben, aber ich habe eine gewisse Sympathie für Roger Köppel, allein, weil er die Mohammed-Karikaturen in der Welt abgedruckt hat. Von den anderen Zeitungen hat das ja sonst niemand gemacht.

Die eine Stimme der Schweiz könnte ich jetzt nicht nennen, doch das gilt auch für Deutschland. Wer sind denn heute die grossen Intellektuellen aus Deutschland, auf deren Äusserungen man wartet? Mal abgesehen von den ganzen alten Herren von Grass über Enzensberger bis Habermas, die seit 50 Jahren den Diskurs regieren (und jetzt am Ende doch auch etwas nachlassen)?

Wer ist denn da? Es gibt einige Professoren: Peter von Matt, Herfried Münkler oder Gerhard Schulze. Auch in Frankreich nennt man Leute, die man seit Jahrzehnten kennt, zum Beispiel André Glucksmann oder Alain Badiou. In ganz Europa sind keine repräsentativen Stimmen nachgewachsen. Die letzte Generation der bekannten und wichtigen Intellektuellen ist die 68er-Generation.

Kann es objektiven Journalismus geben? Also Journalisten, die es schaffen, ihre Haltung nicht in ihre Stücke zu tragen?
Nein. Es muss keine Objektivität geben, sondern Nachvollziehbarkeit der Argumentation, Belegen der Quellen, Fairness, Einbezugnahme der Person. Was heisst schon Objektivität? Ich weiss nicht, ob das ein Kriterium sein kann.

In Deutschland gibt es viele Publikationen, die klar linke Positionen einnehmen, zum Beispiel die Taz oder die Jungle World. Welche Publikationen positionieren sich klar rechts, ohne dabei radikal zu sein?
Ich wüsste gar nicht, was eigentlich links und rechts ist in diesem Spektrum. Ist die Jungle World eine linke Zeitung, auch wenn sie pro-israelisch ist, was unter vielen Linken ja als unanständig angesehen wird? Mein Eindruck ist: Linke können immer sagen, was links und rechts ist. Ich selber kann das nur schwer sagen. Wahrscheinlich gibt es nur pro- und anti-demokratisch.

Auch wenn die Linken traditionell als säkular und fortschrittlich gelten, stehen sie heute in vielen Punkten für konservative und kulturalistische Positionen ein. Eigentlich gibt es keinen Unterschied mehr zwischen der Linken und der Konservativen. Die Linke ist ein Teil des konservativen Lagers.

Meiner Meinung nach rechts ist zum Beispiel das aktuelle Buch von FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners («Die Panikmacher – Die deutsche Angst vor dem Islam»). Darin sind klassisch reaktionäre Positionen zu lesen: Verteidigung von Religion. Lob des Kopftuchs, weil es die Kostbarkeit und Sittlichkeit der Frau ausstellt. Aber auch Sorge um den Status von Religion jenseits von Islam in Deutschland. Festhalten am unklaren Verhältnis zwischen Religion und Staat in Deutschland. Das ist eine klassisch konservative, rechte Position – und gleichzeitig eine, die heute von den meisten Linken geteilt wird. Es ist kompliziert.

Ronnie Grob
AUTOR

Ronnie Grob

Autor MEDIENWOCHE

  • Artikel teilen, weiterleiten, drucken


  •  


Schreiben Sie einen Beitrag
  • (wird nicht veröffentlicht oder weitergegeben)
  • *Pflichtfelder
  • E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren zu diesem Beitrag abonnieren.