«Es braucht einen langen Atem»

dpa
Ronnie Grob, 22. Juli 2011, 09:00

Manchmal erzählen Zahlen mehr als Worte. Zum Berufsalltag von Christina Elmer gehört es, diese verborgenen Geschichten ausfindig zu machen und mit den Mitteln des Datenjournalismus für das Publikum aufzubereiten. Die Redaktorin für Infografiken bei der Deutschen Presse-Agentur dpa erzählt, welche speziellen Fähigkeiten und Fertigkeiten diese in Mode gekommene Disziplin des Journalismus erfordert.

Was sind die wichtigsten Grundlagen, um Datenjournalismus zu betreiben?
Ganz praktisch braucht man ein Verständnis für Statistik und Zahlen. Und einen langen Atem, weil man oft schwer an die Daten herankommt und die Geschichte darin auch nicht immer sofort sieht.

Was ist denn das Neue am Datenjournalismus? Das gab es doch schon immer …
Was es immer schon gab, war die Geschichte, die dann mit den vorliegenden Daten ergänzt wird. Das Neue ist die Idee, eine These, eine Story aus den Daten heraus starten zu können, also Data-Driven-Journalism. Für viele definiert sich Journalismus weiterhin darüber, gut formulieren zu können, – Daten finden die wenigsten Kollegen wirklich spannend. In einem Seminar sagte mal jemand: «Wenn ich Mathe gekonnt hätte, wäre ich doch nicht Journalistin geworden!»

Was sind für Dich die wichtigsten Datenquellen?
Im deutschsprachigen Raum:
1) die Statistischen Ämter insgesamt
2) die Bundesministerien
3) Forschungsinstitute, zb für Gesundheit das Robert-Koch-Institut
4) je nach Bereich Verbände und Vereine (die sind aber oft nicht im Web anzutreffen)
Einen Überblick bekommt man auf offenedaten.de, die fassen als Metakatalog zusammen, was es an offenen Daten gibt in Deutschland. Von dort aus gelangt man dann direkt zu den Datenquellen für alle möglichen Themenbereiche.
Für internationale Fragen suche ich auf Websites von Organisationen wie UN, ILO, WHO, IWF und OECD. Dort sind die Daten aber oft nicht ganz so handlich aufbereitet, und es etwas länger, sich in die Hintergründe einzulesen.

Wie findet man den richtigen Ansprechpartner? Und mailt man den einfach an, wenn man eine Anfrage hat?
Um auf neue Quellen zu stossen, google ich zunächst gerne – am besten mit der erweiterten Suche, wo man ganz gezielt nach Formaten und Quellen suchen kann. Bei Datenveröffentlichungen ist dann oft eine Ansprechsperson angegeben. Am besten bewährt hat sich da die Ebene der Sachbearbeiter, die direkt an den Daten arbeiten. Denn beim Pressesprecher kommt man oft nicht weiter, bei denjenigen, die ein Statement dazu abgeben können, auch nicht.

Was wünschst Du Dir von denen, die Daten zur Verfügung stellen?
Auf jeden Fall müssen die Daten öffentlich zugänglich sein. Am besten sind maschinenlesbare Werte, die man mit vielen Programmen abrufen kann. An CSV-Dateien zum Beispiel kann man mit jedem Programm rangehen. Persönlich verwerte ich viel mit Excel. Wenn es sich um umfangreiche Daten handelt, arbeite ich auch gerne mit Datenbank-Formaten.

Zweifelst Du manchmal auch an Statistiken, die Dir zur Verfügung stehen? Gibt es gefälschte Statistiken?
Bei internationalen Quellen zweifle ich manchmal, weil ich da keinen Einblick habe, wie die Behörden den in einzelnen Ländern arbeiten. Daten werden ja nie alleine veröffentlicht, sondern immer mit einem Metadatenblatt – jeder Datenjournalist sollte wissen, wie man so eins liest. Wenn solche Metainformationen nicht existieren, ist das erst recht ein Grund, zu zweifeln. Es lohnt sich, das auch unter Aktualitätsdruck genau zu prüfen.

Aber diese Zeit fehlt doch in den Redaktionen. Lesen nicht viele Journalisten nur die Pressemeldung zur Studie? Wenn es gut kommt, auch mal das Fazit?
Das glaube ich auch. Leider ist es nicht weit verbreitet, nochmals bei den Details einzusteigen. Aber wenn einem etwas auffällt und man dem nachgeht, kann man eine Geschichte erzählen, die so niemand anders hat. Die Pressemitteilungen kann der Leser ja auch selbst lesen, dazu braucht er keine Journalisten.

Hast Du ein Beispiel?
Ein schönes ist das Elterngeld: Jedes Jahr verbreitete das Familienministerium Jubelmeldungen, dass es gut angenommen und auch von immer mehr Vätern beantragt werde, etc. Das statistische Bundesamt liefert dazu jeweils ein Datenblatt, auf dem steht, welche Sätze verteilt wurden und wie lange Elterngeld ausbezahlt wurde. Es stellte sich heraus, dass die Hälfte nur den Mindestsatz erhält, es sich dabei also um Studenten, Arbeitslose oder Geringverdiener handelt. Geplant war das Elterngeld aber, um ganz normal Beschäftigte dazu zu bewegen, eine Pause für das Kind einzulegen. Die meisten Väter beanspruchten das Elterngeld nur für ein paar Monate, die Mütter dagegen zum grössten Teil ein volles Jahr. Das stand zwar in den Daten drin, nicht aber in der Pressemitteilung des Ministeriums.

Wie geht ihr mit gemachten Fehlern um? Fremden? Eigenen?
So schnell und so offen wie möglich berichtigen. Wenn der Fehler bereits raus ist, verschicken wir zusätzlich auch eine Achtungsnotiz mit hoher Priorität. Wir müssen den Fehler am selben Tag noch bemerken, denn sonst steht er bereits in der Zeitung. Daher ist der Druck da, unbedingt richtig zu arbeiten und mit dem Vier- oder Sechs-Augen-Prinzip nochmals nachzuprüfen.

Was war der schlimmste Fehler, der Dir je passiert ist?
Einmal bin ich um eine Zeile verrutscht, das war mir tierisch peinlich. Zum Glück konnte dieser Fehler noch zurückgehalten werden.

Wer macht den besten Datenjournalismus weltweit / im deutschsprachigen Raum?
Der «Guardian» liefert Glanzlichter, oder die «New York Times», die sind im infografischen Bereich stark. Über Datenjournalismus lesenswert ist das Open Data Blog von Lorenz Matzat bei der Zeit.

Wie entsteht eine Infografik, die mehr ist als nur eine Abbildung offensichtlicher Fakten? Kannst Du ein Beispiel geben?
Bei den «Afghanistan Warlogs» beispielsweise entsteht durch die interaktive Darstellungsart eine ganz neue Art von Storytelling. Der Nutzer selbst entscheidet, was ihm wichtig ist. Das ist doch motivierender, als eine Geschichte vorgekaut zu kriegen. Wir versuchen auch, unsere Regionalkunden mit interaktiven Infografiken zu erreichen – in der Form eines Dienstes namens RegioData, der ihnen die Daten für ihr Verbreitungsgebiet aus einer Statistik liefert. Damit wollen wir den Zeitungen ermöglichen, Datenjournalismus für ihre Region zu machen. Bislang nutzen aber leider nur wenige Redaktionen dieses Angebot. Insgesamt ist Datenjournalismus hierzulande auch noch nicht weit verbreitet. Es ist fast wie ein Teufelskreis: Weil Journalisten nicht daran gewöhnt sind, so zu arbeiten, fragen sie nicht nach Daten. Und weil niemand nach den Daten fragt, ist auch wenig Druck da, die Informationsfreiheit zu verstärken. Und weil die Informationsfreiheit nicht so gross ist, kommen auch Journalisten nicht richtig auf Ideen.

Wie stehst Du zu Wikileaks?
Durchaus positiv, auch wenn man in einzelnen Fällen nicht alles gut finden muss. Da ist es wichtig, genau abzuwägen: Einerseits sollen Daten dafür sorgen, mehr Transparenz in eine von Interessen geleitete Informationspolitik zu bringen. Andererseits müssen Informationen über einzelne Personen auf jeden Fall gut geschützt werden.

Du hast die Wichtigkeit der richtigen Nutzung von Suchmaschinen erwähnt. Wie hast Du das gelernt? Gibt es da auch offizielle Anleitungen?
Ich habe das in einem Uniseminar gelernt, Trainings dazu gemacht und dann auch selbst Trainings gegeben. Wir machen jedes Jahr Schulungen für Recherche im Internet, was hilft, den Horizont zu erweitern. Journalisten sollten selber vermehrt einen Spiel- und Jagdtrieb entwickeln – es liegt so viel rum, das nicht gefunden und darum auch nicht ausgewertet wird. Mein Eindruck ist, dass die Fülle von Informationen in der heutigen Medienwelt für viele Journalisten abschreckend wirkt – so geht das Selbstexplorative noch stärker verloren. Wer für einen Themenbereich zuständig ist, ist dann schnell mal überfordert, weil er ja dazu gezwungen ist, alles mitzukriegen.

Was rätst Du Konsumenten von Infografiken, auf was müssen sie achten?
Es gibt vielfältige Manipulationsmöglichkeiten. Beachten sollte man auf jeden Fall die Skala – wo fängt sie an, wo hört sie auf? Welche Farben werden verwendet, welche sind besonders auffällig? Wie ist das Umfeld, in dem die Infografik präsentiert wird? Ist ein (Emotionen auslösendes) Foto hinterlegt? Welche Auswahl wurde getroffen? Habe ich das Gefühl, dass ich einen vollständigen Themenüberblick erhalte? Wenn die Grafik nicht vermitteln kann, was sie aussagen will, dann ist sie vielleicht eher Design als Journalismus.

Was kannst Du über Deutschland sagen, nachdem Du so viele
Regionalstatistiken angelegt hast?

Es gibt einzelne Regionen, die immer wieder vorkommen, bei sozialen Themen, bei demografischen Entwicklungen, beim Unterschied zwischen Stadt und Land. Viele Entwicklungen, die deutschlandweit zu beobachten sind, spielen sich im Regionalen oft viel differenzierter ab, beispielsweise bei der hausärztlichen Versorgung.

Wie haben sich die Unterschiede zwischen dem Osten und dem Westen entwickelt?
Bei bestimmten Themen ist der Abstand zwischen Ost- und Westdeutschland noch sehr stark, besonders bei historisch gewachsenen Themen wie der Kinderbetreuung.

Das Gespräch mit Christina Elmer wurde am 20. Mai 2011 in Berlin geführt.

Ronnie Grob
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Ronnie Grob

Autor MEDIENWOCHE

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