von René Worni

Ein neues Magazin für Basel

Der Medienplatz Basel bleibt weiter in Bewegung. Im Herbst erscheint erstmals das «Journal de Bâle». Mit dem zweisprachigen Magazin (deutsch/englisch) sollen vernachlässigte Leserschichten im Kreis der englischsprachigen Expats erschlossen werden. Initiant des «Journal» ist Philipp Probst (45), unabhängiger und passionierter Basler Journalist, Buchautor und LKW-Fahrer. Im Gespräch mit der MEDIENWOCHE erklärt Probst, was sein neues Magazin will und weshalb er nicht in den Chor der BaZ-Defätisten einstimmen mag.

MEDIENWOCHE: Sie lancieren im kommenden September ein neues Magazin. Warum braucht Basel ausgerechnet jetzt ein «Journal de Bâle»?
Philipp Probst: Weil es uns Freude macht. Der Zeitpunkt ist zufällig und hat nichts mit der Umwälzung in der Basler Medienszene zu tun. Ob Basel tatsächlich ein neues Magazin braucht, werden wir sehen. Wir möchten ein Stadtmagazin lancieren, wie es das in anderen, vor allem deutschen Städten, schon lange gibt.

Es ist zweisprachig, nicht etwa Deutsch/Französisch, wie das angrenzende Frankreich vermuten liesse, sondern Englisch. Weshalb?
Es gibt in Basel viele englischsprachige Leute, die für eine befristete Zeit bei uns arbeiten und von den Medien überhaupt nicht bedient werden. Sie erhalten eine super gemachte Anmeldebroschüre vom Staat, und dann lässt man sie allein. Wir haben natürlich auch Heimwehbasler im Fokus und Basler und Baslerinnen, die mit ausländischen Partnern und Partnerinnen leben und mehr über die Region informiert sein wollen. Wenn man zum Beispiel in Zürich wohnt, dann bekommt man mit dem «Journal de Bâle» wenigstens alle zwei Monate die grossen Basler Themen mit.

Zoologischer Garten, Rheinhafen, schöne, grossformatige Bilder: Die Nullnummer des «Journal de Bâle» riecht nach Heimatkunde für Touristen.
Wir suchen die historische Anbindung. Denn die heute brisanten Themen, wie etwa der Verkehr, haben ihre Ursachen in der Vergangenheit. Der Verkehr ist in Basel ein komplexes Thema, das mit vielen Animositäten der Basler Politik verknüpft ist.

Wenn Sie von Basel sprechen, dann meinen Sie auch den anderen Halbkanton?
Ja, dazu gehört Baselland, ein Teil des Fricktals, Teile von Süddeutschland sowie das Elsass. Im Zentrum steht aber die Metropole Basel.

Grenzüberschreitende Publikationen hatten in Basel nie eine Chance.
Man will immer dieses Dreiland zelebrieren, wonach wir mit den Franzosen und den Deutschen ein Herz und eine Seele seien. Doch da müssen wir uns nichts vormachen. Das ist auch sprachbedingt. Die Grenzgänger kommen heute vermehrt aus Süddeutschland und nicht mehr aus dem Elsass.

Welche Rolle soll Ihr Projekt auf dem Medienplatz Basel spielen? Gibt es Konkurrenz?
Offenbar gibt es noch weitere Magazinprojekte, aber wir sind die Ersten mit dem «Journal de Bâle». Unser Projekt ist klein und wir finanzieren es selber.

Wie klein?
Wir rechnen mit ein paar Hundert Abonnenten zum Einstieg. Wenn wir das auf einige Tausend steigern können, dann entkorken wir den Champagner.

Wie erreichen Sie Ihr Publikum?
Wir streuen unsere Nullnummer möglichst breit, auch an Firmen, welche Tausende von Expatriates beschäftigen. Dort besteht ein grosses Bedürfnis nach einer Publikation, denn diese Leute müssen hier nicht Deutsch lernen. Sie leben zum Beispiel im Novartis-Campus, wo ausschliesslich Englisch gesprochen wird. Es gibt auch Expat-Clubs in Basel. Doch wie gesagt, wir beginnen klein und werden uns, nebst einigen Verteilaktionen, vor allem über Social Media bekannt machen.

Auch die neue noch namenlose Alternative zur Basler Zeitung will einen Beitrag zur Medienvielfalt am Rheinknie leisten. Was halten Sie davon?
Sie haben die grosse Chance, kulturell, politisch, moralisch und gesellschaftlich erfolgreich zu sein. Aber wirtschaftlich wird das eher schwierig.

Warum?
Solch grosse Projekte, die finanziell auf eigenen Beinen stehen müssen, sind heute praktisch unmöglich. Die neue Zeitung steht und fällt mit dem Geld von Roche-Erbin Beatrice Oeri. Aber irgendwann einmal sind die Millionen weg. Selbst wenn 20 000 oder 30 000 Baslerinnen und Basler eine neue Zeitung wollen, dann hat man damit noch keine Abos verkauft. Das entscheidet sich erst, wenn die Einzahlungsscheine verschickt werden.

Was geht Ihnen grundsätzlich durch den Kopf, wenn Sie die Umwälzungen in der Basler Zeitungslandschaft betrachten?
Es ist schön, dass die neue namenlose Zeitung es probiert. Es ist genauso schön, dass die BaZ existiert. Die soll auch weiter existieren. Es wäre für Basel fürchterlich, wenn sie eingehen würde.

Doch Leute mit tendenziell rechtsbürgerlich gefärbtem politischem Hintergrund lenken ein Blatt in einer Stadt, die traditionell links stimmt. Dabei gehört die BaZ zur Identität der Basler Bevölkerung, ganz gleich, ob man sie mag oder nicht.
Richtig. Man merkt es der Zeitung aber nicht an. Chefredaktor und Blocher-Biograph Markus Somm macht aus seiner SVP-nahen Einstellung zwar keinen Hehl. Er schreibt jeweils am Samstag eine halbe Seite über sich und die Welt. Doch das muss man ja nicht lesen. Auch Max Frenkel schreibt mittlerweilen auf einer Seite, wo er niemandem mehr weh tut. Gleichzeitig schreiben auch ex SP-Präsident Helmut Hubacher und der grüne Nationalrat Daniel Vischer eine Kolumne. Das sind wirklich keine rechtsliberalen Geister. Und dann kommt der grosse Rest der BaZ-Redaktion. Sie ist entscheidend, ob die Zeitung ein rechtsliberales Blättchen geworden ist, das gegen die Basler Bevölkerung und ihr politisches Stimmverhalten anschreibt. Das zeigt sich im Lokalteil. Doch dort ist die Berichterstattung ausgewogen. Man tut den Journalisten auch Unrecht, denn das sind keine Deppen.

Sie sehen die BaZ demnach als reine Lokalzeitung?
Manche Tageszeitungen möchte über die ganze Schweiz ausstrahlen und am liebsten auch noch nach Deutschland. Aber das sind Träume, die spätestens in Zeiten des Internets endgültig ausgeträumt sind. Wenn eine Tageszeitung überhaupt noch eine Berechtigung hat, dann ist es der Lokaljournalismus. Die einzige Tageszeitung mit Ausstrahlungskraft auf die gesamte Deutschschweiz ist 20 Minuten.

Also auch nicht NZZ und Tages-Anzeiger?
Nein. Warum soll ich den Tages-Anzeiger lesen in Basel? Es ist in Zürich Wollishofen zwar schön, der See, die Rote Fabrik. Das sind Seiten, die mich nicht interessieren, die ich aber mitzahle. Schon bei der Basellandschaftlichen Zeitung habe ich das Problem, dass die zwar einen guten Basel-Teil machen, aber hintendran kommt ja noch der halbe Aargau.

Sie waren in den 1980er Jahren beim Projekt für einen Basler Blick dabei. Doch bereits nach elf Monaten war es aus. Schon damals schien es in Basel neben der BaZ keinen Platz für einen weiteren Titel zu haben.
Die Produktion war zu teurer. Wir reden hier von Schwarzweissbildern und Chemiebädern. Und die Journalisten und Produzenten muss man ja auch haben. Der Blick verkaufte sich in Basel eine zeitlang sehr gut. Doch daraus einen eigenständigen Blick für Basel abzuleiten, diese Rechnung ging nicht auf.

Sie selber haben sich nach Stationen bei der Schweizer Illustrierten und bei 20 Minuten in Bern vom Angestelltendasein als Journalist verabschiedet und fahren Lastwagen und neuerdings Bus bei den Basler Verkehrsbetrieben. Kann man denn als freier Journalist nur noch mit einträglichen Nebenjobs überleben?
Nein, das ist meine persönliche Entscheidung. Ich wollte noch etwas anderes machen. Journalismus war für mich immer eine 24-Stundensache. Mit der Zeit ist das ungesund. Ausserdem habe ich viele Projekte, unter anderem erscheint am 16. September mein erster Roman «Der Storykiller». Nach «Der Fürsorger», die Lebensgeschichte des Betrügers Hans-Peter Streit, die auch verfilmt wurde, ist dies mein zweites Buch.

Wie bekommen Sie Busfahren, Journalismus und Literatur unter einen Hut?
Meine Work-Life-Balance als Busfahrer erlaubt es mir, dass ich mindestens soviel Zeit in meine Projekte investieren kann, wie ich Bus fahre. Ich fahre acht bis neun Stunden täglich, aber dann bin ich als gesunder Mensch noch nicht k.o. Fahren inspiriert mich, da kommen die Ideen. «Das Leben kommt von vorn», singt Herbert Grönemeyer. Oder «Das Leben ist Transit». Das ist mein Ding.

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Leserbeiträge

ursula m seiler 11. August 2011, 02:21

..bin ja gespannt und freue mich und hoffe, wie so viele, dass wir endlich wieder lesenswertes serviert bekommen… guete aafang. umss

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