Pseudokostenpflicht

Twitter-Logo von @KueddeR
Ronnie Grob, 13. Juli 2012, 10:16

Nacht für Nacht macht es sich @KueddeR zur Aufgabe, als «kostenpflichtig» deklarierte Artikel aus allen grösseren Schweizer Zeitungen über Twitter frei zu verlinken. Damit tut er zwar nichts Verbotenes, zeigt aber die Grenzen der Bemühungen auf, die Leser online zum Zahlen zu bringen. Die Verlage stecken in einem Dilemma.

Stellen Sie sich vor, irgendwo bietet jemand etwas an, doch weit und breit ist niemand zu sehen, nur ein grosses Schild, die Ware sei kostenpflichtig. Würden Sie bezahlen?

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Und so weiter. Diesen Herbst will die NZZ eine durchlässige Paywall errichten. Beim Tages-Anzeiger gibt man sich «entschlossen», im Herbst zu dieser Frage «konkrete Umsetzungsideen» entwickelt zu haben. Und die AZ Medien geben gegenüber MEDIENWOCHE bekannt, über eine Paywall-Einführung Ende Jahr zu entscheiden.

Bei der Ausgestaltung der Bezahlschranke gibt es zwei Extreme, und beide sind problematisch:

– Werden alle Inhalte hinter eine unzugängliche Mauer gestellt, dann wird kaum über sie diskutiert. Das Medium findet als reines Printmedium statt und ist akut vom Aussterben bedroht.

– Sind alle Inhalte frei verfügbar, bleibt man abhängig von der nur unbefriedigende Einnahmen einbringenden Online-Werbung.

Das Problem der Verlage in der jetzigen Situation ist der teilbare Link, der das Netz zur wunderbaren Kommunikationsmaschine gemacht hat, wie wir sie alle lieben. Denn ein Nutzer, der über einen auch für andere zielführenden Link verfügt, will ihn teilen und tut das auch. Ob der Link aus einem passwortgeschützten Bereich entstammt, interessiert ihn zurecht herzlich wenig, er hat ja bereits bezahlt (hier zum Beispiel die aktuelle Weltwoche als PDF-Datei). Auf die Idee, jemanden, der ein Video in die Videothek zurückbringt, zu fragen, mit wie vielen Leuten er den Film angeschaut hat und um Nachzahlung zu bitten, käme ja auch niemand. Der Kommunikationsraum ist nun mal das Netz, und wenn etwas Unzugängliches diskussions- und publikationswürdig ist, dann wird es eben zugänglich gemacht. Nichts anderes machen Journalisten.

Twitterer wie «NewsMän» @KueddeR teilen so gerne Inhalte aus dem passwortgeschützten Bereich, dass man fast von einem Geschäftsmodell sprechen könnte. Doch das gibt es nicht. «Bin kein Journalist» steht in der Twitter-Bio von @KueddeR. Von ihm auf Anfrage zu erfahren ist (in insgesamt 12 Häppchen à 140 Zeichen per Direktmitteilung auf Twitter) lediglich, dass er ein Medienkonsument sei, der anonym bleiben möchte. Seine Tätigkeit sieht er als Service: «Da ich viel lese, fände ich es schade, wenn interessante Artikel ungelesen ins Archiv wandern für immer. 99 Prozent der Artikel, die ich verzwitschere, sind Links, die die Zeitungen als Feature (not a bug) anbieten, zum weiterempfehlen. Hier sind keine urheberrechtliche Probleme vorhanden.» Als Ausnahme erlaube er sich ab und zu, einen Screenshot eines Artikels zu posten. «Als zahlender Kunde erlaube ich mir, vereinzelt Artikel so weiterzugeben. Falls eine Zeitung schon wegen einem Screenshot bei mir reklamieren würde, dann würde ich mein Abo kündigen und die Zeitung nicht mehr kaufen.»

Für die Paywall-Bemühungen der Zeitungen hat er Verständnis, der NZZ-Paywall nach Vorbild der New York Times sieht er gespannt entgegen: «Wenn die Verlage mittels Werbung ihre Kosten nicht decken könnten, müssen sie was ändern. Ob sich das durchsetzt? Werden wir sehen, aber was für eine Alternative gibt es sonst? Sehe keine.»

Die Links aus dem passwortgeschützten Bereich, die jeden Tag von diesem Konto veröffentlicht werden, sind durchaus im Sinne der Verlage, wie zum Beispiel Tamedia-Unternehmenssprecher Christoph Zimmer sagt: «Wir freuen uns, wenn Artikel aus der iPad-App des Tages-Anzeigers über soziale Netzwerke weiterempfohlen werden. Das ist ganz explizit erwünscht. Vorgehen würden wir nur gegen eine exzessive Weitergabe, beispielsweise durch dafür programmierte Software oder User.» Nicht ganz so enthusiastisch ist die Haltung der AZ Medien. Unternehmenssprecherin Eva Keller: «AZ Medien tolerieren im Moment das Teilen von Links, wobei dieses Thema in Diskussion steht – wie auch das Vorgehen gegen Urheberrechtsverletzungen.»

Gewiss, die technische Umsetzung einer Paywall ist schwierig. Doch nicht nur die NZZ hat Mühe, ihre terminlich gesteckten Ziele zu erreichen, auch die New York Times benötigte für eine erste Version zwei Jahre und die FAZ brauchte nur schon zwei Jahre, um die Grundlagen für eine Paywall zu schaffen (siehe dazu das Interview mit Tobias Trevisan im «Schweizer Journalist» 06-07/2012).

Das weitaus grössere Problem für die meisten Verlage ausser vielleicht der NZZ ist aber die Qualität. Denn für mittelmässigen oder gar unterdurchschnittlichen Journalismus wird kaum jemand Geld ausgeben wollen. Aktuell ist der finanzielle Spielraum bei vielen Verlagen klein, die Frustration über das bisher online verschwendete Geld dagegen gross. Entmutigt ziehen sich viele zurück auf das, was sie zu verstehen glauben: Papier. Und setzen so auf eine wegsterbende Leserschaft.

Ronnie Grob
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Leserbeiträge


  1. Mark Balsiger, 13. Juli 2012, 12:32

    Dem unbekannten "Newsman" @KueddeR will ich an dieser Stelle einmal öffentlich ein Kränzlein winden. Mir scheint, dass er fast rund um die Uhr online ist, viele wertvolle Links verbreitet und sich auch inhaltlich einmischt.

    Mir schreibt er gelegentlich direkt Nachrichten, wenn er Tippfehler in meinen Postings entdeckt. Er reagiert auch prompt, wenn ich ihn darum bitte, einen einzelnen Artikel, auf den ich online nicht Zugriff habe, freizuschalten. So werden Postings komplett. Ein toller Service.

    Ein Portrait über @KueddeR, ohne dass er seine Anonymität aufgibt, wäre wünschenswert. image description

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    • Rouven Born, 13. Juli 2012, 17:05

      Ich bin absolut der Meinung von Mark Balsiger: Viele Artikel würden mir verborgen bleiben, wenn KueddeR nicht gewesen wäre. Er verfasst dazu Kommentare, ordnet ein. Oft wundere ich mich, warum er nicht Journalist geworden ist.

      Ich habe es schon getwittert, und sage es nochmals: Ich habe durch die veröffentlichten Tagi-Artikel von KueddeR den Tagi sogar abonniert (und das als Basler!).

      Übrigens: Seit wenigen Tagen bietet auch die BaZ diese Twitter-Funktion des Teilens an. Ich hoffe, andere Zeitungen machen das nach... image description

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  2. Peter Hogenkamp, 13. Juli 2012, 20:21

    Lieber Ronnie, Du hattest mich noch per Mail um einen Kommentar gebeten, der offenbar für diesen Artikel gedacht gewesen wäre – bin zu spät dran, denn ich hätte erst jetzt antworten können.

    Ich schliesse mich vollumfänglich Christoph Zimmer von der Tamedia an. Das Feature mit dem «Guest Pass» (siehe zum Beispiel dieser Link: Kalifornisches Kaleidoskop) haben wir ja extra für das Webpaper programmiert – da würde es verwundern, wenn wir die Nutzung schlecht fänden. Damit es richtig abhebt, müssen wir es allerdings nicht nur im Webpaper (seit sechs Wochen, derzeit 1000 User pro Tag), sondern auch im E-Paper (seit 20 Monaten, derzeit 10'000 User pro Tag) einbauen, und das dauert noch etwas.

    Die Idee ist die gleiche wie bei der Paywall: Abonnenten werden zum Teilen ermuntert, geringe Nutzung durch Nicht-Abonnenten ist gratis, erst bei Intensivnutzung erfolgt die Zahlungseinladung. Diese ganze Paywall-Logik ist eine komische Gratwanderung, die in der Theorie sehr abstrakt klingt; umso mehr freue ich mich, demnächst praktisch mit diesen Instrumentieren arbeiten zu können. Ich bin überzeugt, die Paywall wie auch die gesamte übrige «Vermarktungsarchitektur» ist ein Prozess, der nie abgeschlossen sein wird. Insofern sehe ich auch absehbaren Artikeln wie «100 Tage Paywall – die erste Zwischenbilanz» gelassen entgegen.

    Und was die Termintreue angeht: Es ist halt sehr schwer abzuschätzen, wie lange ein Prozess dauert, den man noch nie durchlaufen hat, und für den aus auch kein Vorbild eines Mitbewerbers im gleichen Kulturraum gibt. Wir haben diese Woche Stunde um Stunde über sämtliche Aspekte des Detailkonzept meines Mitarbeiters diskutiert, das inzwischen rund 45 Seiten umfasst. Hätte mir das jemand vor einem Jahr gezeigt, hätte ich mich schön gehütet, eine Schätzung wie «Relaunch und Paywall – alles im Q1» abzugeben. Wenn die Tamedia wirklich im Herbst die Paid-Strategie beschliesst, bin ich gespannt, wie lange die brauchen werden.

    Aber ehrlich gesagt, diese Termindiskussion interessiert fast nur Medienleute und Medienjournalisten. Unsere Leserinnen und Leser freuen sich derzeit erstmal darüber, dass seit fünf Wochen fast die gesamte, nunmehr «konvergente» Redaktion die Website bespielt und schon einen grossen Schritt vorwärts gekommen ist auf dem Weg zum Ziel, NZZ-Qualität auch online anzubieten. (Das klingt wie ein PR-Satz, aber ich meine ihn so.) image description

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  3. geheim, 15. Juli 2012, 15:48

    Die technische Umsetzung einer Paywall ist übrigens recht simpel - Nutzerkonten mit verschiedenen Zugriffsrechten auf verschiedene Bereiche einer Webseite gehören zu den Standardfeatures eines jeden CMS. Es ist auch nicht allzu schwer zu erkennen, wenn ein Zugang von zu vielen Leuten gleichzeitig genutzt wird - gleichzeitige Zugriffe von verschiedenen IPs lassen sich schnell erkennen und man sperrt den Account. Das sollte einen Webentwickler maximal 2 oder 3 Arbeitstage kosten, dazu muss irgendein Marketingfuzzi einen Text formulieren, der die Nutzer zum Anmelden bringt. Fertig. image description

    Antworten...

    • Peter Hogenkamp, 15. Juli 2012, 16:20

      «Das sollte einen Webentwickler maximal 2 oder 3 Arbeitstage kosten.»

      Wann kannst Du bei uns anfangen? Ich zahle Dir für die zwei oder drei Tage pauschal CHF 15'000, ein recht geiler Tagessatz. Falkenstrasse 11, kannst auch einfach morgen früh kommen und Dich beim Empfang melden. image description

      Antworten...

      • Webentwickler, 20. Juli 2012, 08:17

        @geheim:

        So einfach ist das nicht. User sollen ja OHNE Anmeldung eine gewisse Anzahl Artikel lesen können. Ebenso müssen Aritkel mit bestimmten Referern (z.B. aus Twitter/Google usw.) immer aufrufbar sein. Wie erkennt man also einen nicht eingeloggten User? Anhand der IP? Blöde Idee, dann wären Nutzer grosser Firmen hinter Firewalls gleich komplett ausgesperrt, ausser man plant mühsame und aufwändige Whitelists. Cookies? Zu einfach (Cookie löschen, Privatemode aktivieren, schon hat man wieder Gratisartikel). Es ist tatsächlich so: eine wirklich funktionierende Lösung gibt es nicht, allenfalls eine Hürde die den meisten Usern zu mühsam ist. Hinzu kommen bei so grossen Seiten auch Performanceprobleme. Seiten werden meistens gecached direkt vom Proxy oder gar einem CDN ausgeliefert. Jeden Request durch eine Paywall-Abfrage, womöglich noch mit DB-Zugriffen, zu schicken ist kaum möglich. Bleiben also Lösung mit JS oder ESI-Includes oder eine Kombination von beidem. Natürlich mit Caching der Zugriffsrechte usw.

        Kurz gesagt: eine "Paywall" mit zwingendem Login für eine kleine Webseite baue ich auch in 2 Tagen, eine Lösung wie hier diskutiert aber definitiv nicht. image description

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        • Vladimir Sibirien, 21. Juli 2012, 21:33

          Weshalb darf die Abfrage nicht durch die DB laufen (geht auch mit cache...)? Warum JS einsetzen? Warum nicht einfach Freigabe für 1000 views egal von wo und gut ist? Warum muss jedes Problem zu Tode gefrickelt werden?

          Steckt das Geld, das ihr durch eine schlanke Lösung gespart habt, in guten Journalismus. Die Aussage, dass die Lösung dieses IT-Problemes offensichtlich >>45'000.- kostet, ist beschämend. Mit dem Zeitungsabonnement will ich kein Zeitungs-Stuxnet mitfinanzieren sondern Journalisten.

          Diejenigen, welche Inhalte gratis konsumieren wollen, werdet ihr NIE als Leser gewinnen. Diejenigen, welche Qualitätsjournalismus konsumieren wollen, interessiert die schönste und teuerste Paywall-Lösung nicht. Gibt es Studien dazu, wieviel Abonnenten eine Paywall letztlich akquiriert hat? Ich vermute in einem Bereich, in dem man nicht mal ins Röhrchen blasen muss. image description

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          • Webentwickler, 24. Juli 2012, 07:47

            Wie meinst du das? Die ersten 1000 Views pro Story sind gratis, wer zu spät kommt muss zahlen?

            Aber du hast schon recht. Eine Soft-Paywall lässt sich eh nicht zuverlässig bauen, also reicht der einfachste Ansatz völlig aus. Dummerweise wollen das die Chefs nicht verstehen. Aber die verlangen auch 100% zuverlässige Umfragen, natürlich ohne E-Mail-Bestätigung oder Captachs. Oder sie glauben an "ausgewürfelte" Zahlen wie Verweildauer.

            Hingegen hätte ich keine Lust irgendwelche Schnittstellen zu Aboverwaltungen in SAP zu machen oder ähnliches. Spätestens da verstehe ich die Zahl von 45'000 (woher hast du die?) dann schon :-) image description

          • Vladimir Sibirien, 25. Juli 2012, 18:00

            @Webentwickler: Ja, die Chefs :-) Wie recht Du hast. Ein Chef einer grossen Zeitung sagte vor etwa 4 Jahren: News dürfen im Internet nicht vor der Printausgabe erscheinen.

            Herr Hogenkamp wollte 3 Tage a 15'000 Franken bezahlen. Da dies wohl ein "günstiger" Preis wäre, nehme ich an, dass die Implementation mehr als 3x 15'000 kostet. image description


  4. Leander Wattig, 16. Juli 2012, 16:22

    "AZ Medien tolerieren im Moment das Teilen von Links, wobei dieses Thema in Diskussion steht (...)"

    Eine gestrige und traurige Denke im Jahr 2012 ... image description

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  5. Dorian, 16. Juli 2012, 22:58

    Verlinken und und in Social Media diskutieren ist etwa so wie eine Zeitung im Café auslegen. KueddeR bringt einfach noch Lesezeichen an (und ist knapp 800 Followern ja kaum eine Gefahr für die Verlage mit allen >100k Leser). Das NZZ Abo kostet das Café gleichviel auch wenn eine Ausgabe 10x gelesen wird.

    Das Café bietet aber eigentlich wunderbaren Anschaungsunterricht wie die Zeitung zusätzliche Erträge erwirtschaften könnte... Bsp: ich kann mehrere Zeitungen lesen, ich kann dazu etwas konsumieren, mich mit anderen unterhalten, etc. Da gäbe image description

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  6. Simon Zaugg, 21. Juli 2012, 11:21

    A propos: Die aktuelle Ausgabe von brand eins geht auf das "Geld verdienen im Netz" ein. Sehr empfehlenswert, falls die am Thema interessierten Leser hier das nicht schon längst gesehen haben. Drei Artikel sind zwar online, aber die Ausgabe kaufen lohnt sich. image description

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