«Die Startseite ist irrelevant geworden»

Deutsche Wirtschafts Nachrichten
Ronnie Grob, 24. August 2012, 09:04

Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten legen einen Blitzstart hin und sind schon wenige Monaten nach Gründung bei Publikum und Werbetreibenden gleichermassen beliebt. Verantwortlich ist ein Altbekannter: Ex-Netzeitung-Chef Michael Maier. Seine BF Blogform Social Media GmbH gibt auch die Deutsch Türkischen Nachrichten heraus, die derzeit im Clinch mit dem «Spiegel» liegen.

Von einem besonderen Glanz kann man bei diesem Medium nicht sprechen: Es nennt sich «Deutsche Wirtschafts Nachrichten», gezeichnet werden die Berichte nicht namentlich, sondern von einem «DWN Redakteur». Sie tragen mitunter einschläfernde Titel wie «Eurozone: Wirtschaft wird auch im dritten Quartal schrumpfen» oder «EZB: Auch Portugal drängt zum Ankauf von Staatsanleihen». Doch die Leser scheinen das zu schätzen. Der Artikel «Juristische Analyse enttarnt ESM-Vertrag als Täuschung der Steuerzahler» vom 4. Juli zog nicht nur über 200 Kommentare nach sich, sondern auch über 2200 Facebook-Likes. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten (DWN, seit März 2012) und die Deutschen Mittelstands Nachrichten (DMN, seit April 2011) bringen es derzeit zusammen auf 1,2 Millionen Unique Visitors im Monat. Die Deutsch Türkischen Nachrichten (DTN, seit Dezember 2010) können 0,8 ausweisen. (Zum Vergleich: Tagesanzeiger.ch wies im Juli 1,65 Millionen aus, die AZ-Websites zusammen 0,416 Millionen.)

Diese drei Websites, allesamt auf WordPress basierende Eigenentwicklungen, sind derzeit die Aushängeschilder der BF Blogform Social Media GmbH von Michael Maier, in den 1990er-Jahren Chefredaktor von Die Presse, Berliner Zeitung und «Stern», in den 2000er-Jahren Gründer und Chefredaktor der Netzeitung, danach Verleger der bürgerjournalistischen Plattform Readers Edition. «Wenn Sie mir vor ein paar Jahren gesagt hätten, dass ein Artikel, dessen Schlagzeile die Begriffe ‹Juristische Analyse›, ‹ESM-Vertrag› und ‹Steuerzahler› enthält, die Leser fortreisst, dann hätte ich nur gelacht», sagt der Herausgeber, über den ein ehemaliger Netzeitung-Redakteur auf Anfrage schreibt, er sei «ein klassischer, bürgerlicher Konservativer» sowie «ein professioneller, beharrlicher Verkäufer seiner Ideen». Maiers Ziel ist es, den Lesern globale Zusammenhänge in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit Auswirkungen auf Deutschland verständlich und kritisch zu erklären. «Wir versuchen, uns mit gründlich recherchierten, originären, angriffigen und gut geschriebenen Artikel zu profilieren.» Quellen zu den Recherchen werden zwar immer angegeben, doch die Angaben bleiben meist allgemein, Links zu den (teilweise durchaus vorhandenen) konkreten Storys werden kaum je im Text verlinkt. Meistens weisen die Links in den Texten auf eigene Storys hin.

Die BF Blogform schreibe schwarze Zahlen und sei unabhängig, versichert Maier. PR mache man aus grundsätzlichen Überlegungen keine. Geld verdient werde einerseits mit Werbung auf der Website, andererseits mit Content-Marketing, also der Bestückung von Kundenportalen mit eigenen Inhalten. Auf der Verlagswebsite wird im Bereich «Corporate Publishing» unterschieden zwischen «Content Marketing» und «Communication». Werbung wird verkauft mit einem eigenen Team. «Wir haben unter anderem IBM, Microsoft, BMW als Werbekunden gewinnen können, ich bin überrascht, wie gut das läuft. Im Wirtschaftsbereich besetzen wir eine Nische», sagt Maier.

Die Redaktion ist überschaubar, lediglich zwölf Leute stellen die Inhalte für die drei Plattformen bereit. Es handle sich dabei um junge Leute um die 30, ihre Namen sind jedoch nicht bekannt. Im Impressum erwähnt sind lediglich zwei Chefs vom Dienst, Anika Schwalbe und Rainer Brunnauer. Maier will das so, denn einerseits findet er es falsch, den Journalisten als Person ins Zentrum zu rücken (er erwähnt den frühen «Spiegel» unter Rudolf Augstein als positives Vorbild), andererseits hat er bei der Netzeitung negative Erfahrungen gemacht mit Grossverlagen, die ihm gute Leute, in die er investiert hat, mit viel Geld abgeworben haben. «Wir wollen aus einer Stimme sprechen, wir schreiben die Artikel auch gemeinsam.» Dass der hohe Output von so wenigen Leute gemeistert wird, überrascht, der befriedigenden Arbeit wird eine hohe Leistungsbereitschaft entgegengesetzt. Die Mitarbeiter seien «sehr gut motiviert» und «marktgerecht bezahlt», sagt Maier dazu. «Wir fangen um 8 Uhr in der Früh an und hören um 2 Uhr in der Nacht auf.» Leistungsdruck gab es schon bei der Netzeitung, 2004 hiess es in einem Artikel von Stefan Niggemeier von einem Redakteur: «Maiers Politik ist die systematische Überforderung.»

Vergleicht man die DWN mit anderen Wirtschaftspublikationen, kommt man nicht umhin, einen etwas alarmistischen Ton festzustellen. Maier hält die aktuelle Schuldenkrise für gefährlich genug, um etwas alarmistisch zu sein, allerdings bemühe man sich in den Artikeln stets um ein solides Aufbereiten von Fakten. Habe man sich mal ausführlich beschäftigt mit den undemokratischen Rettungsschirm-Konstrukten, dann sei es einfach, Diskussionen mit ein, zwei ausgespielten Fakten zu beenden. Eine einfache Lösung der Schuldenkrise hat er freilich auch nicht zur Hand, an einen plötzlichen Crash glaubt er jedoch nicht: «Ich glaube nicht, dass alles in die Luft fliegt, es kommt unangenehmer: ein schleichender Prozess wird zur Verarmung von Regionen und Völkern führen.» Der seit Jahren in Berlin lebende Österreicher fühlt sich als Europäer, doch er beharrt auf Rechenschaft in politischen Dingen: «Uns ist Vielfalt wichtig, trotzdem sind wir EU-skeptisch. Wir sind gegen einen bürokratischen Zentralismus, der nicht mehr demokratisch legitimiert ist. Euroskepsis ist oft mit Ausländerfeindlichkeit gepaart, doch bei uns werden sie keine ausländerfeindlichen Tendenzen finden.»

Dem kontroversen Thema entsprechend branden die Kommentare auf, 2000 freigeschaltete Kommentare in einer Woche sind keine Ausnahme. Bei den DTN dikutierten die Leser so kontrovers, dass die Kommentarfunktion ausgeschaltet wurde. Alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, ist eine Herausforderung, um die sich die männlich und weiblich, deutsch und deutschtürkisch gemischte Redaktion bemüht. Diskussionen um die DTN gibt es aktuell mit der Redaktion des «Spiegel» um den Gründungsherausgeber Ercan Karakoyun, von dem im Archiv fünf Artikel zu finden sind, denn Karakoyun ist ein Anhänger der Gülen-Bewegung. Ihrem Oberhaupt Fethullah Gülen wird von Kritikern die Absicht vorgeworfen, die Trennung zwischen Kirche und Staat aufheben und einen islamistischen Staat errichten zu wollen. Maier schreibt in einem langen Artikel, dass man sich mit Karakoyun im November 2011 «freundschaftlich darauf geeinigt» habe, «dass er seine Herausgeberschaft an den DTN niederlegen solle. Denn uns war klar geworden, dass die Gülen-Bewegung – wie jede andere türkische Bewegung auch – extrem polarisiert.» Die Position des «Spiegel» ist auf Meedia.de nachzulesen.

Die Idee der sogenannten Ethno-News hat Maier aus den USA, dort seien zum Beispiel Hispanic News schon lange ein Renner. «Wir sind die erste und einzige Plattform, die sich in deutsch mit Nachrichten für Deutschtürken profiliert.» Auf Facebook hat die Plattform, die erst seit 2011 existiert, bereits über 6000 Fans. Michael Maier ist überzeugt, dass der Trend im Netz weiter zur verdichteten Spezialisteninformation geht, die Zeit der General-Interest-Portale dagegen sei eher vorbei. Die Leser kommen hauptsächlich über Empfehlungen, Zugriffe durch Suchmaschinen machen lediglich 5 bis 9 Prozent des Traffics aus. Dementsprechend unwichtig ist ihm die Einstiegsseite geworden: «Die Startseite ist irrelevant geworden, der einzelne Artikel ist für uns die Einstiegsseite.»

Wie auch immer man zu Maiers Projekten steht, sie sind eine Bereicherung der deutschen Medienlandschaft. Seine Erfolge zeigen, wo Leser darauf warten, von Journalismus bedient zu werden.

Das Gespräch mit Michael Maier wurde am 14. August 2012 in Berlin geführt.

Ronnie Grob
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Leserbeiträge


  1. P. Lamme, 21. März 2013, 09:13

    Vielen Dank für den informativen Artikel!

    Aufgrund vieler lesenswerter und bemerkenswert pointierter Artikel, hatte ich mich schon gefragt wer hinter den "Deutschen Wirtschaftsnachrichten" steckt. :) image description

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  2. SUWE, 28. April 2013, 10:08

    DWN fällt vor allem auf durch propagandistische und sachlich falsche Schlagzeilen.Interessant ist dass es quer durch das politische Spektrum Geschmäckle bedient.Auf twitter werden die Schlagzeilen durchgereicht und es kostet einige Mühe die mediale Verwirrung zu entflechten.

    Letzte Beispiele : EU Saatgutverordnung http://www.sven-giegold.de/2013/will-die-eu-den-privaten-gemusegarten-verbieten/

    und dieser aktuelle Knaller:

    "Internet-Kontrolle: Jeder Haushalt muss Modem der Deutschen Telekom kaufen" image description

    Antworten...


  3. Fragender, 24. August 2013, 12:29

    Ich finde es fragwürdig, eine Seite anhand der Likes auf FB zu bewerten, wird doch auf mancher Presseseite der Artikel ausgeblendet, bis man ein FB Like abgesetzt hat. Parallelen zur Prostitution drängen sich einem auf. image description

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  4. Dr. Scholz, 25. August 2013, 00:56

    Super Seite mit anderen Nachrichten. Eine Bereicherung der Medienlandschaft. Herausragend fand ich dieses Interview:

    http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/08/10/ende-der-demokratie-millionen-empoerter-menschen-muessten-auf-der-strasse-sein/ image description

    Antworten...


  5. Aufgewachte, 27. Oktober 2013, 04:06

    Wer in einer "Demokratie" schläft,wacht in
    einer Diktatur auf.
    Da der Mainstream sehr oft Artikel ungeprüft
    übernimmt,das Volk für dumm gehalten wird,
    es am besten die Wahrheit nicht wissen soll,
    bin ich zu DWN gewechselt.Da erfahre ich,
    was ich wissen muß,da die DWN unabhängig
    ist.Ein brillantes Medium also für Alle,die
    aufgewacht sind,wie die üblichen Medien uns
    vergackeiern.-Dazu gehören auch die sogenannten
    Wahlumfragen,denen man absolut nicht trauen
    darf.Ich bevorzuge lieber den Investigativ-Journalismus,
    aber keine von der Politik gesteuerten Journalisten,die
    nicht das schreiben dürfen,was sie wissen.
    Gerade der Artikel in DWN: "Luxusleben bis zum Untergang:
    Die sagenhaften Privilegien der EU-Politiker".ist lesenswert,
    denn es geht uns alle etwas an,was die EU so treibt.
    Sie etwa nicht,Herr Grob? image description

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  6. Adebar, 14. Oktober 2014, 14:54

    Deutsche Wirtschaftsnachrichten vermutlich russisches Propaganda-Forum, aus folgendem Grund: russland-Kritisches wird herausgenommen, USA-kritisches belassen; na, fällt der Groschen ? Probierts aus, macht mit denen einen Psychotest ! image description

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