«Hüehnärhuut puur»

Alpabfahrt Urnäsch, Screenshot sf.tv
Ronnie Grob, 17. September 2012, 11:35

Das Schweizer Fernsehen überträgt an einem Samstag ab 7 Uhr morgens während sechs Stunden Kühe und Bauern, die vom Berg ins Tal laufen. Ein wahrlich gewagtes Experiment, das aber von den Zuschauern geradezu euphorisch aufgenommen wird.

In weisser Schrift auf rotem Banner werden sie eingeblendet, die per SMS, E-Mail, Twitter und Facebook einlaufenden Zuschauerreaktionen: Immer wieder ist von zu Herzen gehenden Bildern ist die Rede, von Tränen, die damit ausgelöst werden. Es melden sich Zuschauer, die ihre eingespielten Samstagsrituale über den Haufen geworfen sehen, die nicht zum Kochen kommen oder zum Einkaufen, weil sie so fasziniert sind von der Sendung: «Hüehnärhuut puur diä Sändig. Wunderschöö!», so eine der Reaktionen.

Du meine Güte, sind die Beatles zurück? Nein, das Schweizer Fernsehen hat nur mal das übliche Samstagmorgenprogramm (Sternstunde Philosophie, Sternstunde Kunst, Horizonte) ausfallen lassen und als Ersatzprogramm sechs Stunden lang von der Alp ins Tal tschalpendes Vieh gezeigt. Und tatsächlich: Tiere, Kinder, Gesang, freie Luft, ausgefallene Mode, exzentrischer Ohrschmuck, es ist eine wahre Freude. Die Appenzeller Alpfahrt ist auf der Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz, im Frühling geht hoch auf die Alp (Alpaufzug), und im Herbst wieder hinunter (Alpabzug).

Impressionen von der Alpabfahrt

Das Produktionsteam begleitet zwei Familien in der Nähe des Säntis im Appenzell, mit 21 Kameras, 40 Mikrofonen und insgesamt 6,5 Kilometer Kabel: Die Bisers verlassen die Alp Fischegg und die Buffs die Alp Langboden. Ins Tal hinunter müssen auch die 21 Kühe von der Potersalp, die in der Verantwortung von Sennerin Rita Stark stehen. Begleitet werden die Alpabzüge von Henriette Engbersen und Fabienne Frei. Und in Urnäsch ist das Team von «Schweiz Aktuell Extra» mit Sabine Dahinden als leitende Moderatorin und Interviewerin und Oliver Bono als Korrespondent vom Marktplatz und Kommentator des Säulirennens vertreten. Zu kritisieren an der Übertragung gibt es wenig; ein dringendes Lob, denn besonders einfach sind sie nicht, die Gespräche mit den wortkargen Appenzellern, die ganz TV-untypisch nur mit einem Satz antworten. «Was ist das für ein Moment, wenn man ins Dorf kommt?» – «Ein schöner Moment.» – «…».

Etwas schneller von­stat­ten­ge­hen könnten die Übergänge zwischen den Schaltungen. Die Pausen, die entstehen, weil Informationen dazu von der Regie über den Knopf im Ohr eingeflüstert werden, sind unnötig. Statt dem Zuschauer kompliziert zu erklären, was als nächstes kommt, wäre es besser, die Moderation ohne lange Worte abzuschliessen und weiterzugeben. Auch stellenweise unkommentierte Bilder sind bei einer sechsstündigen Übertragung weniger ein Unglück als vielmehr eine Erholung. Eines der Highlights der Übertragung war sicher der ehemalige Bundesrat Hans-Rudolf Merz, der seine Sammlung hölzerner Kühe und Bauern aus appenzellischer Schnitzkunst zeigte und darauf mit ein paar Männern «zäuerlete», natürlich mit den Händen im Hosensack.

Konrad Weber diente der Übertragung als Beobachter der Zuschauerreaktionen, rund 1500 SMS, 100 E-Mails und mehr als 1000 Tweets waren in den sechs Stunden eingegangen: «Dies überraschte und erfreute mich, unterstreicht aber auch die Emotionalität als Stärke des Live-Fernsehens und zeigt, wie und wohin sich dieses in Zukunft entwickeln kann.» Statt 3000 Zuschauer mit einem Marktanteil von 1,6 Prozent (Sternstunde Kunst am Samstag zuvor, am 8. September um 10 Uhr) sahen die «Alpabfahrt Urnäsch» ein Vielfaches. Im Schnitt über die ganze Sendezeit wurde ein Marktanteil von 36,9 Prozent erreicht (94.000 Zuschauer). Zur Spitzenzeit um 12:00 Uhr erreichte die Live-Übertragung mit einen Marktanteil von 48,6 Prozent (167.200 Zuschauer) fast jeden zweiten Zuschauer.

Das Schweizer Fernsehen täte gut daran, vermehrt auf Live-Übertragungen dieser Art zu setzen. Den Alltag im Land zu zeigen, so, wie man das auch schon aus der Langstrasse, dem Opernhaus und dem Flughafen in Zürich gemacht hat, ist nicht nur perfekter öffentlich-rechtlicher Service mit breitem Zuschauerinteresse, sondern stösst auch auf grosse Sympathie. Mein Tipp: Imagekampagnen in eigener Sache ersatzlos streichen und das eingesparte Geld für mindestens eine Live-Reportage pro Monat einsetzen. Es müssen ja nicht immer 24 Stunden sein, wie es der RBB mit 24 h Berlin so grossartig vorgeführt hat, manchmal reicht auch die Hälfte oder, wie gezeigt, ein Viertel der Zeit.

Die Alpabfahrt Urnäsch wurde am 15. September 2012 von 7 bis 13 Uhr live auf SF1 ausgestrahlt.

Ronnie Grob
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Ronnie Grob

Autor MEDIENWOCHE

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