Courant normal im Ausnahmezustand

2012
Nick Lüthi, 21. Dezember 2012, 12:03

Unglaubliche Fehlleistungen neben ausgezeichneten Recherchen, hysterische Krisenbeschwörung neben erfreulichen Geschäftszahlen: 2012 war ein ganz normales Jahr in verrückten Zeiten. Die Schweizer Medien bewegen sich weiter solid seitwärts.

Zum Jahresende knirschte es noch einmal heftig im Gebälk der Branche: Der CEO von AZ Medien tritt frühzeitig ab, SRF fährt sein mächtiges Online-Flaggschiff auf, der BaZ-CEO beleidigt den Journalistenstand, Verleger und Drucker kündigen zwei Gesamtarbeitsverträge. Und natürlich darf der Klassiker unter den Krisenmeldungen nicht fehlen: der Tages-Anzeiger will demnächst 14 Redaktionsstellen abbauen.

2012 ist genau so ein Krisenjahr, wie andere Jahre zuvor auch schon und deshalb schon wieder so etwas wie Normalität: Courant normal im Ausnahmezustand. Und so wird es auch noch eine Weile weitergehen. Ausser für jene, die der Branche den Rücken kehren. Umso erfreulicher zu sehen, dass trotz – oder gerade: wegen der grossen Schwierigkeiten in denen die Branche steckt, leidenschaftlich über Sinn und Zweck und Aufgaben der Medien debattiert wird; manchmal auch hier in der MEDIENWOCHE.

Januar: Fall Hildebrand
Das Jahr begann mit einem Paukenschlag. Nationalbankchef Philipp Hildebrand soll Insider-Geschäfte betrieben haben, schlagzeilte die «Weltwoche» am 4. Januar. In der Folge wurde aber weniger über Hildebrand diskutiert, als über die Recherche. Wir fragten eine illustre Runde: Ist es ein Fall Hildebrand oder ein Fall «Weltwoche»?

Februar: Audienz bei Dr. Meyer
Er ist einer der wichtigsten Feuilletonisten und Publizisten der Schweiz, steht aber selber nur selten im Rampenlicht: Martin Meyer, Leiter des NZZ-Feuilletons, bot uns Einblick in seine Gedankenwelt.

März: DRS und SF heissen neu SRF
Schweizer Radio und Fernsehen präsentieren die neuen Logos und Sendernamen. Natürlich war die Aufregung gross. Nur: Nicht neue Logos gefährden den Markenkern, sondern unbedachte Eingriffe ins Programm. Das schrieben wir damals und finden es auch heute noch.

April: Frühling in den Schreibstuben
Eine leichte, frische Frühlingsbrise erfasst die Schweizer Feuilletons: Die NZZ wagt sich an vormals verpönte Stoffe, «Das Magazin» entdeckt das Internet und in der «Weltwoche» lockt ein ansprechender Kulturteil.

Mai: Watchblogs haben ausgedient
Sie galten als Hoffnungsträger einer neuen, partizipativen Medienkritik. Doch die Watchblogs hatten selten einen langen Atem. Stattdessen wird umso intensiver auf Twitter über Leistungen und Fehlleistungen der Medien diskutiert.

Juni: Was ist der Presseausweis noch wert?
Mehr als 7000 Journalisten werden im Berufsregister geführt und dürfen den geschützten Titel «Medienschaffender BR» tragen. Doch erfüllen wirklich alle die dazu erforderlichen Kriterien?

Juli: Ein Hoch auf das Sommerloch!
In den ereignisarmen Sommermonaten können Redaktionen eigenständige Akzente setzen und müssen nicht im Hamsterrad Aktualitäten abspulen. Ein Glücksfall für den Journalismus.

August: Als Fotoreporter in Syrien
Pascal Mora hat die Umwälzungen in Nordafrika mit der Kamera begleitet. Im letzten Sommer machte er sich nach Aleppo in Syrien auf. Weshalb er trotz Erfahrung weiterhin Angst hat in Kriegs- und Krisengebieten zu arbeiten – und es trotzdem macht.

September: Trotz Erfolg die Stelle los
Weil er nicht als Co-Chefredaktor in einer konvergenten Redaktion arbeiten wollte, entschied sich Hansi Voigt, bisher Chefredaktor von 20 Minuten, das Unternehmen zu verlassen. Kurz vor dem Entscheid sprach Voigt mit uns und bot Einblick in die Machart der erfolgreichsten Nachrichtenplattform.

Oktober: Auf dem Holzweg
Fundamentalistisch, kleingeistig und schlicht irrelevant: Warum die Basler Zeitung in der Publikumsgunst immer weiter sinkt.

November: Zeitungskrise? Nicht am Sonntag
Die NZZ am Sonntag gehört zu den wenigen Auflagengewinnerinnen in einem Zeitungsmarkt, der sich sonst auf dem Rückgang befindet. Warum das so ist: Gründe und Mutmassungen.

Dezember: Die dümmste Idee der Verleger
Google ist böse. Finden die Verleger. Darum rufen sie nach dem Staat, der soll helfen. Ein neues Gesetz muss her gegen den Giganten, das den Verlagen Einnahmen garantiert. Mit dieser Forderung begeben sich die Schweizer Verleger auf den gleichen Holzweg wie ihre Kollegen in Deutschland.

Nick Lüthi
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Nick Lüthi

Redaktor MEDIENWOCHE

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