von Stephanie Rebonati

«Online-Kommentare sind wie kleine Geschwüre»

Mike Müller bewegt sich gekonnt zwischen TV-Studio, Theaterbühne und Filmset – und steht dort immer auch im Rampenlicht der Medien. Im Interview spricht der 49-Jährige über den «massiven Wandel» des Kulturjournalismus, er vergleicht die grassierenden Leserkommentare mit «kleinen, selbstreferenziellen Geschwüren» und er erklärt, warum er auf die Frage: «Was halten Sie von Roger Federer?» keine Antwort gibt.

Mike Müller mag Hollywood-Bücher und Zoosendungen, den Begriff Comedian allerdings nicht, wäre er ein Tier, dann ein Gorilla oder eine Amöbe, sagt er. Seine Mutter nannte ihn Michu, sein Bruder sagt über ihn, dass er kein Arschloch ist und Viktor Giacobbo nennt ihn einen guten Bootsfahrer. Als Kind wollte er Schreiner werden, weil das Holz so gut riecht oder Kübelmann, weil man hinten auf dem Kehrichtwagen stehen darf. Mike Müller trinkt keinen Fair-Trade-Kaffee und mag keine Happy Ends.

MEDIENWOCHE: Am 9. März feiern Sie im Zürcher Theater Neumarkt Premiere mit «Truppenbesuch». In diesem Stück inspizieren Sie die Schweizer Armee. Was steht am Montag in der Presse?
Mike Müller: Keine Ahnung. Das ist ein eingleisiges Verhältnis. Ich spiele für die Leute und die Zeitungen schreiben darüber. Das ist keine dialogische Form.

Die Medien schreiben regelmässig über Ihre Auftritte. Sie können doch einschätzen, wie diese auf Ihr neustes Stück reagieren werden.
Nein, das hat man sich nicht zu fragen. Man tritt ja nicht auf, um diese Kritiken zu bekommen. Abgesehen davon ist die Kritik von Zufällen geprägt. Erstens ist sie reine Geschmackssache und zweitens muss ein Kritiker wissen, was es bedeutet, eine Kritik zu verfassen. Das ist heute ja nicht mehr gewährleistet – besonders bei den Onlinemedien. Wenn aber einer kommt, der weiss, wie eine Rezension angegangen wird und dann eine negative Einschätzung von diesem folgt, dann muss man sich schon überlegen, ob da etwas dran ist oder nicht. Die Bedeutung der Kritik ist bei Filmen anders.

Wie ist es anders?
Wenn der Grundton in den Onlinemedien durchgehend negativ ist, kann man sich einen Film abschreiben. Das kann bitter sein. Kinogänger sind jung und konsumieren Gratis- und Online-Medien. Im Theater und im Fernsehen ist der Altersdurchschnitt höher.

Was haben Sie von Ihrem Bruder, der als Journalist in Berlin lebt, über den Journalismus erfahren?
Durch ihn habe ich mitunter mitbekommen, wie massiv sich der Kulturjournalismus gewandelt hat, was ich dann auch selber im Umgang mit Journalisten merke. Da muss ich manchmal erklären, dass eine Late-Night-Show nie live-live ist, auch die von David Letterman nicht! Es gibt Kulturjournalisten, die zu wenig über die Produktionsbedingungen wissen.

Wurden diese Journalisten schlecht ausgebildet?
Nein, nein, ich will auch kein Journalisten-Bashing veranstalten! Ich schätze sehr viele Kritiker – auch als Leser. Das Problem liegt vor allem bei Online- und Gratismedien. Die Leute müssen dort über allesmögliche schreiben, es muss schnell gehen und dadurch geht die Kompetenz halt zurück. Mich hat einmal eine Journalistin von «20 Minuten» interviewt. Sie wollte mir Leserkommentare vorlesen, ich solle auf diese reagieren, was ich strikt ablehnte. Das kann man auf der Redaktion doch nicht ernst nehmen. Was ist das überhaupt für eine Form? Heute ist es ja mittlerweile so, dass ein Bericht aufgrund von Leserkommentaren generiert wird. Die sind wie kleine, selbstreferentielle Geschwüre, die nachwachsen und es hat sich noch nie jemand gefragt, was die genau sind. Da möchte ich also nicht dabei sein, bei dieser Veranstaltung.

Fühlen Sie sich von Journalisten ernstgenommen?
Das ist von Fall zu Fall verschieden. Journalisten müssen mich nicht unbedingt ernst nehmen. Journalisten müssen ihr Metier ernst nehmen. Denn ich bin als Person unwichtig.

Das stimmt nicht.
Doch. Da bin ich ganz streng. Ich bin nur Ansprechperson in einem bestimmten beruflichen Zusammenhang. Und dann ist es natürlich einfacher, wenn der Journalist etwas über diesen beruflichen Zusammenhang weiss.

Sie treten als Komiker, als Schauspieler und als Gesprächsgast in diversen Sendungen auf. Da geht es auch um den Menschen Mike Müller.
Immer nur über meine Arbeit. Das ist das einzige, was ich interessant und öffentlich erzählenswert finde.

Einerseits sagen Sie konsequent, dass Sie in den Medien nicht über Privates sprechen und andererseits wird Ihr Bauchumfang regelmässig thematisiert, man liest über Ihre politische Gesinnung, über Ihre Bekennung zum Atheismus, Ihre Mitgliedschaft bei Exit, und dass Sie nicht an ein Leben nach dem Tod glauben – ist das nicht alles bereits privat?
Doch, doch. Ich behaupte nicht, dass man das so wahnsinnig strikt trennen kann. Natürlich geben wir in unserem Beruf genug preis. In der Sonntagssendung etwa sieht man extrem viele Schwächen und Macken von uns. Ich finde, das reicht. Ich versuche nicht über Dinge zu sprechen, von denen ich glaube, dass ich gar nichts davon verstehe. Am Sonntagabend nehmen wir uns im Rahmen der Late-Night-Show das Recht, uns mit diversen Themen zu beschäftigen. Wenn mich aber ein Journalist fragt «Was sagen Sie zu Roger Federer?», dann sage ich nichts. Ich sage: «Das ist ein Tennisspieler». Das wird man manchmal gefragt!

Wo beginnt das Private?
Dort, wo es mit dem beruflichen nichts mehr zu tun hat. Die Tatsache, dass ich nicht über alles spreche, ist ja auch eine Form von Imagepflege. Ich möchte einfach wirklich nicht über mich lesen müssen, auf welcher Marke Bürostuhl ich sitze.

Lesen Sie, was über Sie geschrieben wird?
Oft, um zu kontrollieren, ob der Journalist sich an meine Rückmeldung nach dem Gegenlesen gehalten hat. Das will ich also schon wissen und da kann ich auch eklig werden.

Sie nerven sich ab Journalisten, die mit der idealistischen Debatte um ernste und unterhaltende Kultur auf Sie zukommen. Weshalb?
Nerven ist übertrieben. Ich wundere mich. Diese Haltung ist einfach altmodisch. Das kommt von Leuten, die schon lange nicht mehr im Theater oder im Kino waren und vermutlich auch nicht die geilen Serien aus den USA schauen. Das ist etwas, das ich bei Journalisten, die über Kunst schreiben, aber voraussetze. Jemand, der in den 70er stehengeblieben ist, gehört nicht in den Journalismus. Besonders in den letzten zwanzig Jahren haben sich die Grenzen von sogenannter ernster und unterhaltender Kultur verschoben und verwoben – ob in einzelnen Fällen erfolgreich oder nicht, ist eine andere Frage. Mit dem «Bestatter» war das ja auch wieder eine Diskussion: «Geht das überhaupt? Einer, der Late-Night macht, spielt in einem ernsten Krimi?» Diese Frage ist überholt.

Im Rahmen Ihres Krimis «Der Bestatter» wurden Sie vor allem zum Tod und Beerdigungen befragt. Im «Blick»-Interview versuchten Sie mehrmals auszuweichen.
Ich weiche nicht aus, weil ich mit meiner Meinung hinter dem Berg halten möchte. Ich weiche aus, weil es eben nicht so wesentlich ist, was ich denke.

Unterschätzen Sie Ihre Meinung? Nehmen Sie sich zu wenig ernst?
Nein, gar nicht. Wenn ich den Bestatter spiele, spielt meine persönliche Meinung zum Thema einfach keine Rolle. Wichtig ist vielmehr, dass ich mich für das Thema interessiere.

Aber Sie können sich ja vorstellen, dass ein Interview mit dem «Blick» in diese Richtung führen könnte – das ist Boulevard.
Ich habe nichts gegen Boulevard. Ich lehne eigentlich kaum eine Interviewanfrage ab, ausser aus zeitlichen Gründen. Wenn der «Blick» über das berichten möchte, dann soll er das tun. Ich habe keine schlechten Erfahrungen mit dieser Zeitung gemacht, ich sage den Journalisten manchmal «so und so weit erzähle ich und das und das spielt keine Rolle». Aber wenn man eine Fernsehsendung macht und sich zu gut ist für den Boulevard, dann geht etwas nicht ganz auf. Fernsehen ist ein Boulevardformat.

Sie waren bei Aeschbacher, im Literaturclub, im Kulturplatz und vielen anderen Sendungen zu Gast. Sie geben gerne Interviews. Warum?
Ich bin nicht sicher, ob ich gerne Interviews gebe. Ich finde, es führt zu einem gefühlsmässigen Problem, wenn man in kurzer Zeit zu viele Interviews gibt: Es findet eine psychische Inflation statt. Ich gebe nur Interviews auf Projekte bezogen. Das ist Promotion, rein wirtschaftlich betrachtet, könnte man es auch PR nennen. Es ist ja auch nur interessant, über etwas zu reden, wo ich beruflich gerade drinnen bin. Ausser eben es ist auf einer Meta-Ebene, wie es bei diesem Interview jetzt der Fall ist.

Am 25. September 2012 waren Sie bei Karin Frei im Club, wo Sie und SVP-Nationalrat Walter Wobmann heftig aneinandergerieten. Dort ging es nicht um Ihren Beruf, sondern um Ihre politische Gesinnung.
Ja, das ist dann daraus geworden. Ich war zu emotional, obwohl ich wirklich ein Problem mit dieser Fremdenfeindlichkeit habe, das ist eine Form von Eitelkeit und Selbstüberzeugtheit. Das stört mich. Aber angefragt wurde ich damals vom Club als Satiriker – da ging es um diesen Mohammed-Trailer – denn es ging um die Frage, ob die Satire so etwas machen darf oder nicht.

So wurden Sie von Karin Frei auch vorgestellt.
Danach wurde ich aber nicht mehr dazu befragt. Eigentlich hätte ich dort auch nur über die Möglichkeiten und Grenzen der Satire sprechen sollen.

Seit fünf Jahren sind Sie sonntäglich in der Satirepolitsendung Giacobbo/Müller zu sehen. Dort thematisieren Sie Aktualitäten der vorangehenden Woche. Hat das mit Journalismus zu tun?
Nur im Ansatz und im Look und in der Form. Aber letztlich ist das eine Unterhaltungssendung.

Letzteres betonen Sie immer wieder. Das finden aber nicht alle. Ex-Mister Schweiz Renzo Blumenthal beklagte sich öffentlich nach Ihrer Sendung vom 22. Mai 2011. Es ging um Rätoromanisch im Kindergarten und Inzucht. Was ist damals vorgefallen?
Er hat vielleicht etwas wenig Humor gezeigt. Ich habe es ja dann richtiggestellt: «Wenn Bündner, die behindert sind aufgrund von Inzucht, sich betroffen fühlen, tut es mir natürlich leid.» Es ist nicht so schlimm, wenn sich jemand mal betupft fühlt.

Kürzlich sagten Sie im «Focus», dass Sie einige Pointen bereuen würden. Welche?
Sage ich nicht.

Nach eigenen Angaben haben Sie noch nie einen Entschuldigungsbrief für eben diese bereuten Pointen geschrieben. Warum?
Ich hatte eigentlich noch nie das Gefühl, dass ich brutal zu weit gegangen bin mit einer Aussage.

Vorletzte Woche haben Viktor Giacobbo und Sie sich in der Sendung umarmt, weil sie Selbstkritik betrieben haben. Wie sieht die wöchentliche Sendekritik bei Ihnen aus?
Das eine ist bilateral, meistens telefonisch am Montag und dann gibt es jeden Donnerstag eine Feedbackrunde, an der jeweils drei von fünf Leuten aus unserem Autorenpool anwesend sind. Die Idee ist, dass Viktor und ich nur zuhören und nicht kommentieren. Das funktioniert.

Die blinden Flecken des Journalismus sind die Selbstbeobachtung und Selbstkritik. Sind das auch die blinden Flecken bei der Satire und Parodie?
Ja, sicher. Wir haben einfach einen Vorteil; wir haben die Videokontrolle.

Wir können auch nachlesen, was wir geschrieben haben.
Schauen ist brutaler. Wir machen ja etwas, das wirkungsorientiert ist und da müssen wir diese Wirkung auch überprüfen. Das Empfinden täuscht häufig, weil unser Beruf mit Tempo und Show zu tun hat. Man kann sich während einer Sendung enorm über etwas aufregen, bei der Videokontrolle erkennt man aber, dass es halb so wild war. Und umgekehrt.

«Schubweise befasse ich mich mit dem Älterwerden», haben Sie dem «Blick» gesagt. Im Oktober werden Sie 50 Jahre alt. Was geht in Ihnen vor?
Diese Schübe sind natürlich nicht zahlenmässig. Diese Schübe kommen anders, also meistens körperlich, wenn man beispielsweise findet, dass man auch schon besser skigefahren sei oder einen Dialekt hatte ich auch schon mal schneller drauf gehabt.

Was wünschen Sie sich?
Ein gutes Fest.

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Leserbeiträge

Albert Kuhn 10. März 2013, 03:49

Wegen Federer: Ich spiel auch gern Ping Pong.

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