«Die Angst, sich lächerlich zu machen, verhindert extrem viele gute Sachen»

Sascha Lobo (Foto: Ronnie Grob)
Ronnie Grob, 4. Juni 2013, 08:21

Wer glaubt, Sascha Lobo sei vor allem eine Frisur, täuscht sich. Mit seinen eloquent-witzigen Formulierungen unterhält der 38-jährige Berliner Vortragsredner, Kolumnist und Unternehmer bestens, er transportiert darin aber auch echte und wertvolle Gedankenanstösse zum Medienwandel. Im Gespräch mit der MEDIENWOCHE redet er über seine Mitverantwortung an Begriffen wie «Digitale Bohème» und «Shitstorm» und erklärt, ob er ein Nerd oder ein Yuppie ist und warum er noch nie Drogen konsumiert hat.

«Mein Haus am See» am Rosenthaler Platz in Berlin Mitte ist eine Sammlung bequemer Polstermöbel mit ein paar Tischchen und einer Kaffeetheke, nonstop geöffnet und natürlich mit kostenlosem Internet-Zugang. Wer also spontan ein Projektmeeting einberufen muss oder einen geheizten Ort mit Kaffee braucht, um eine Arbeit zu Ende zu schreiben, kann das auch an einem Dienstagmorgen um 3 Uhr nachts tun. Wir treffen uns um 10.30 Uhr, Lobo kommt ganz in schwarz gekleidet und auf die Minute pünktlich, bestellt einen Latte Macchiato mit Sojamilch. Es ist ein Interviewtag für ihn, vor und nach dem Gespräch hat er Termine mit anderen Journalisten.

Im 2006 erschienenen Buch «Wir nennen es Arbeit» hast Du (zusammen mit Holm Friebe) einen grundlegenden Wandel in der Arbeitswelt vorhergesehen. Heute sind die Berliner Cafés und Co-Working-Arbeitsplätze voll mit Menschen, die alleine an Laptops sitzen und an «Projekten» arbeiten. Was von Deinen damaligen Erwartungen ist eingetroffen und was nicht?
Wir haben 2005, als wir dieses Buch zu schreiben begonnen haben, vieles nicht gewusst, sondern nur gespürt oder erahnt. Bewahrheitet hat sich die Veränderung und Flexibilisierung der Arbeitswelt für die meisten Kulturberufe. Die Mechanismen der Digitalen Bohème sind bis in Konzerne hineingesickert, die Möglichkeit, digital vernetzt und also von überall her zu arbeiten, hat die Arbeit grundlegend verändert. Noch nicht so gut geklappt hat es, diese Mischform der Arbeit auf eine eigene, erfolgreiche Ebene zu bringen. Viele hängen in prekären Verhältnissen, haben wenig Lobbyunterstützung. Finanziell und absicherungstechnisch steht die Digitale Bohème schwierig bis fragwürdig da.

Wie geht es nun weiter?
Kurzfristig werden weiterhin viele die Selbständigkeit wagen. Trotz der Sicherheitsbedürfnisse auslösenden Krise gibt es immer noch ein Wachstum der Selbständigkeit in Kulturberufen, wenn auch nicht immer freiwillig. Langfristig muss man die Sozialsysteme umbauen. Die Frage zum Beispiel, wer wessen Rente warum und wann zahlt, muss ganz neu gestellt werden.

Aktuell gibt es ja eine Zweiklassengesellschaft in den Sozialsystemen. Einerseits jene, die über alte Verträge verfügen, andererseits jene, die neu hinzukommen und nur Zeitarbeitsverträge erhalten.
Die Frage «Was bringt mir Arbeit?» wird in Deutschland extrem zugunsten von Angestellten und Langzeitangestellten ausgelegt. Doch Unternehmen und Sozialsysteme müssen sich auf die projekthafte Arbeit der Digitalen Bohème einstellen, die sich immer stärker ausbreitet. Der «Eckrentner», der Standardrentner, der 45 Jahre gleichbleibend in Sozialsysteme einzahlt, existiert so gar nicht mehr.

Von all Deinen Tätigkeiten ist Dir das Dasein als Autor am Wichtigsten. Was ist Dein Antrieb, zu schreiben?
Ich betrachte das Publizieren als eine Mischung aus Wirtschaft und Kunst. Ich lebe davon, dass ich mich auf eine Bühne stelle, etwas in die Welt setze und eine Reaktion vom Publikum bekomme. Das ist Teil meines Wesens und meiner Berufung. Im Schriftlichen fühle ich mich zuhause, visuell gestaltend, schauspielerisch und musikalisch bin ich nur mittel begabt.

In Deinem Roman «Strohfeuer» ist zu lesen: «Mit meiner Wirkung im Raum beschäftigte ich mich oft, eigentlich immer. In meinem Hinterkopf berechnete ein kleines Programm ständig, wie ich in dieser Sekunde auf einen Beobachter oder eine Kamera wirken würde. Die Kontrolle über meine Wirkung war ein wesentlicher Teil meiner Kommunikation und damit meines beruflichen Erfolges.» Was hat diese Passage mit Dir zu tun?
«Strohfeuer» ist etwa drittelbiografisch und beschäftigt sich mit einer Zeit, die mich sehr geprägt hat, der New Economy. Was ich da an mir selber gemerkt habe, ist eine grosse Hybris, und wie leicht man auf die eigene Hybris reinfallen kann. Also zu glauben, die Dinge seien eigentlich ganz einfach und beherrschbar, «ist doch ein Kinderspiel, das krieg ich auch hin, zack, bumm, fertig». Diese Art von Selbstüberschätzung, Grössenwahn, teilweise auch Narzissmus tragen viele Leute in sich, und ich glaube, es ist sinnvoll, sich damit zu beschäftigen. Der Unterschied zu mir ist, dass die Figur im Buch eine Läuterung nur vortäuscht, während ich glaube und hoffe, eine tatsächliche Lernfähigkeit zu haben.

Weiter heisst es: «Mein Leben, mein Selbstwertgefühl basierten darauf, Menschen von mir zu überzeugen. Im Beruf überzeugte ich Leute, mir Geld zu geben. Im echten Leben überzeugte ich Frauen, mit mir ins Bett zu gehen.»
Wenn man mit Anfang 20 postadoleszent ist und anfängt, die Klaviatur der Gesellschaft zu spielen und gewisse Zusammenhänge zu verstehen, gerät man leicht in das sehr problematische Fahrwasser, die Gesellschaft rein ökonomisch zu betrachten. Dass das Leben aus Marketing besteht, wie die Figur in «Strohfeuer» glaubt, ist in meinen Augen ein klassischer Trugschluss, eine Styroporweisheit.

Auf Deiner Website sind «Instant-Interviews» verfügbar zu Deiner Person und zu einem Buch von Dir. Du schreibst dazu: «nur noch eigene Fragen dazugiessen – und fertig!».
Ich habe die Instant-Interviews 2009 eingeführt, in der bisher weitaus medienintensivsten Zeit mit 5 bis 8 Interviews in der Woche. Das war mir irgendwann zu viel, weshalb ich versucht habe, mich auf substanziellere Dinge zu konzentrieren, als darauf, jede Medienanfrage zu beantworten. Im Rahmen dieser Abkehr habe ich den Ersatz der Instant-Interviews geschaffen, als Mischung aus Scherz und tatsächlicher Umgangsweise. Interessanterweise hat erst Ende 2012 ein Medium das so verwendet, wie ich mir das vorgestellt habe.

Was kritisierst Du am Journalismus?
Journalisten werden ja nicht zu wenig kritisiert, Journalisten werden nicht gut genug kritisiert. Um es am Beispiel des Leistungsschutzrechts festmachen: Grosse Teile des Journalismus haben lautstark für dieses Gesetz gekämpft, zum Teil mit nachweisbaren, faktischen Lügen. Dabei haben sie so getan, als wären sie unabhängige Berichterstatter, tatsächlich haben sie Lobbyismus in eigener Sache betrieben. Die Politik hat aus Angst vor der Axel-Springer-Maschinerie klein bei gegeben und am Ende ein vermurkstes, völlig sinnloses Gesetz erlassen, das die Probleme des Journalismus nicht lösen wird. Das war eine Niederlage des Journalismus und ein Verrat am Journalismus.

Wie lange brauchst Du für eine Deiner wöchentlichen Kolumnen für «Spiegel Online»?
Einen Tag und mehr, ich reserviere mir dafür jeweils den Montag. Mein Anspruch ist es, Kolumnen mit einem Erkenntnismehrwert zu schreiben, und das dauert.

Deine Ehefrau schreibt: «Werbung ist in 100% der Fälle Lüge. Werbung ist in 100% der Fälle Manipulation. Werbung degradiert Menschen in 100% der Fälle zu Geldvieh. Werbung vermittelt in 100% der Fälle falsche Bilder, Werte und Erwartungen.» Du bist bekannt als Werber, machst Du eigentlich noch Werbung?
Nein, nicht mehr hauptberuflich, ich habe mich etwas davon entfernt, ohne dass ich diese Zeit bereue. Meine Frau hasst Werbung wie die ranzige Pest, aber das hält unsere Ehe aus. Während sie Werbung einfach nicht erträgt, finde ich diesen Deal ok: Ich schau eure Werbung an und ihr gebt mir dafür eure Inhalte kostenlos, ich nutze darum auch keinen Werbeblocker. Ich glaube aber, dass es Angebote braucht für Leute, die diesen Deal nicht ok finden.

Wird sich Journalismus im Internet jemals auf eine zufrieden stellende Weise durch Werbung finanzieren können?
Klar, im angelsächsischen Raum finanzieren sich verschiedene Medienunternehmen über Werbung. Dass es auch bei uns funktionieren kann, sieht man an «Spiegel Online». Ich glaube aber, dass ergänzend in Zukunft Paid Content eine wichtige Rolle spielt, hier muss sich nur noch die richtige Verfahrensweise finden.

Warum sollen Journalisten bloggen, wenn sie damit konkret kein Geld verdienen?
Die Frage ist eine Katastrophe, denn die tut so, als müssten Journalisten nur das machen, was unmittelbar Geld bringt. Das ist eine oberflächliche Ökonomisierung der Denkweise. Ich glaube, dass man bloggen sollte, um sich einem Thema zu nähern und um sich selbst zu positionieren. Das ist eine thematische Investition und eine wirtschaftliche Investition über Bande. Der direkte Austausch mit dem Publikum führt zwar zu 90 Prozent in die Sackgasse, aber für die restlichen 10 Prozent lohnt er sich – diese Interaktion bereichert den Journalismus stark. Mit einem gut geführten Blog kann man sich aber nicht nur inhaltlich fortbilden, sondern auch selbst im Markt positionieren und damit die eigenen Jobchancen erhöhen.
Jeder Journalist sollte bloggen, es ist fahrlässig, es nicht zu tun. Weil man sich mit einem Publikum und einem Fachgebiet auseinandersetzt, lernt man viel mehr, als man am Anfang glaubt.

Warum haben Journalisten so grosse Mühe damit, eigene Fehler einzugestehen?
Alle Menschen haben grosse Mühe, eigene Fehler einzugestehen. Es wird bloss sehr viel schwieriger, wenn man auf der Bühne steht.

«Machen – auch wenn es sich seltsam oder bekloppt anfühlt», hast Du den Leuten an der diesjährigen re:publica empfohlen. Aus eigener Erfahrung?
Definitiv aus eigener Erfahrung. Ich bin viel zu oft zurückgeschreckt vor eigentlich sinnvollen Aktivitäten und Aktionen, weil ich dachte: «Das ist jetzt zu doof, das ist jetzt zu bescheuert.» War es natürlich auch oft. Aber die Angst, sich lächerlich zu machen, verhindert extrem viele gute Sachen. Darum: Macht ein Blog über dreibeinige Hunde! Macht ein Fake-Twitter-Konto des Dalai Lama! Gründet einen Verein oder eine Partei! Das Machen gehört unterstützt, denn leider unterschätzen die meisten Menschen die Macht des Machens. Machen reisst andere Leute mit und führt dazu, dass man merkt, ob die bekloppte Idee nun wirklich bekloppt ist oder die gute Idee wirklich gut.

Wie weit ist Reclaim.fm?
Reclaim.fm soll noch diesen Sommer zu einem eigenen Plug-In für WordPress-Blogs werden. Es ist eine Methode, die eigenen Hinterlassenschaften in den verschiedenen Sozialen Netzwerken im eigenen WordPress-Blog zu spiegeln, zu speichern, durchsuchbar zu machen und auf diese Weise etwas Kontrolle über die Inhalte zurückgewinnen.

Auf Saschalobo.com ist einsehbar, wo Du Dich jeweils gerade aufhältst bzw. aufzuhalten vorgibst. Ab wann wird Transparenz totalitär?
Der Unterschied, ob Transparenz für Privatpersonen totalitär wirkt oder nicht, liegt in der Freiwilligkeit. Messungen von Aktivitäten im Netz und viele andere Sensoren, die Bild, Ton und Bewegung aufzeichnen, machen die Gesellschaft immer datenintensiver und damit über Bande auch transparenter. Das Problem fängt dort an, wo diese Transparenz nach dem Gefühl des Einzelnen zu weit geht und ein Zwang besteht. Das würde ich aber nicht als Totalitarismus bezeichnen, sondern als Verhandlung der Frage, bis in welche Tiefe Technologie die Gesellschaft verändern darf. Transparenz des Staates ist übrigens das Gegenteil von Totalitarismus.

Debatten werden in Deutschland oft von rituell wiederkehrenden Empörungswellen angespült. Muss das so sein?
Ich würde sagen Ja. Empörung ist ein wichtiger Hygienefaktor für die Öffentlichkeit, ein Mittel, um im Rechtsstaat Widerstand zu zeigen und so die Politik zu lenken. Nichts ist schlimmer als eine zynische Völlig-Egal-Gesellschaft.

«Es führt kein Weg an massiven staatlichen Investitionen in eine netzneutrale Glasfaserinfrastruktur vorbei», schriebst Du kürzlich. Ist es eine kluge Idee, wenn der Staat Einfluss auf das Internet hat? Wer Geld gibt, will ja dann meistens auch was bestimmen.
Es ist eine leider notwendige Idee, dass der Staat Einfluss haben muss auf das Internet, zum Schutz des freien und offenen Internets. Es hat sich gezeigt, dass die Infrastruktur, in der das Netz funktioniert, sehr wohl etwas ist, wo Konzerne das Sagen haben – anders, als viele Aktivisten in den 1990er-Jahren dachten. Hätte der Staat keinen Einfluss, hätten wir ein Konzern-Internet, und das wäre eine Katastrophe.

Du hast Dich 2009 als «Sympathisant» im Online-Beirat der SPD engagiert, um «Online-Wissen in die Partei hineinzutragen». Wie ist das herausgekommen?
Das ist durchaus auch mit Ernüchterung verbunden gewesen. Netzpolitik ist in Deutschland lange, lange Politik und ganz zum Schluss ein bisschen Internet. Es ist trotzdem inzwischen gelungen, Wissen in die Parteien zu tragen, allerdings nicht unbedingt mir persönlich. Das sieht man an einzelnen Personen und Entscheidungen eher als am grossen Ganzen der Netzpolitik.

Du hast 2009 SPD gewählt. Was wählst Du diesen Herbst?
Ich habe Rotgrün gewählt und werde wieder Rotgrün wählen. Ich wünsche mir eine rotgrüne Bundesregierung.

Zahlst Du gerne Steuern?
Ich zahle einigermassen gerne Steuern, aber ich zahle auch unfassbar viele Steuern. Es braucht die staatliche Umverteilung, denn nur auf freiwilliger Basis funktioniert das nicht.

Ich kann oft kaum glauben, wie staats- und obrigkeitsgläubig deutsche Journalisten und Blogger teilweise sind.
Der Glaube und die Hoffnung, der Staat möge es irgendwie richten, hat ja oft mit Sicherheitsdenken zu tun und verbindet die Schweiz und Deutschland. Wie ich gelesen habe, ist der durchschnittliche Schweizer der weltweit einzige Mensch, der mehr Versicherungen abschliesst als der durchschnittliche Deutsche. Das ist eine Frage der Lebensinfrastruktur und ihrer Erhaltung. Und in beiden Ländern gibt es ein Wissen um die hohe Relevanz der Infrastruktur. Die Schweiz hat zum Beispiel ihr durch die Berge eher benutzerunfreundliches Land äusserst benutzerfreundlich eingerichtet, es gibt dort Tunnels, Strassen, Zugstrecken, die rein wirtschaftlich keinen Sinn machen. Ich meine, es ist die Aufgabe des Staates, in ganz vielen Bereichen eine Art mit Infrastruktur verbundenes Gemeinwohl sicherzustellen, das allen nützt. Das halte ich nicht unbedingt für staatsgläubig.

Seit der Frankfurter Buchmesse 2006 trägst Du Deine Haare als roter Haarkamm, eine «strategische Entscheidung». Ist es nicht anstrengend, jeden Tag eine Marketing-Frisur zu tragen? Du bist ja nun seit bald 7 Jahren in jeder Runde der Hahn, der Gockel.
Damit habe ich überhaupt kein Problem, ich mag die Frisur ja gern. Aber angenommen, ich würde meine Frisur überhaupt nicht mehr ertragen, würde ich noch eine Nacht darüber schlafen, und sie dann abschneiden.

Wie gehst Du um mit dem Promi-Status, der (unter anderem auch) Deiner Leuchtfrisur geschuldet ist?
Der ist zu 97 Prozent angenehm, man lernt viele Leute kennen, hat viele Möglichkeiten. Ich hadere nicht damit.

«Lobo stammt aus Wilmersdorf, er wurde antiautoritär erzogen, hatte alle Freiheiten», stand mal einem Porträt über Dich. Bist Du ein Hippie-Kind?
Meine Mutter ist 1969 von Deutschland auf dem Landweg nach Indien getrampt und hat dort meinen Vater, einen Argentinier, kennengelernt. Ich habe also einen Migrationshintergrund. Meine beiden Eltern hatten in ihren Elternhäusern sehr autoritäre Situationen und haben mich deswegen sehr frei erzogen. Ich habe nie Verbote bekommen, sondern Erklärungen. Meine Mutter hat mir beispielsweise nie verboten, Drogen zu nehmen, das hat dazu geführt, dass ich nie in meinem Leben Drogen genommen habe. Zusammen mit einem muslimisch erzogenen Jungen war ich der einzige meiner Klasse, der nicht gekifft hat.

Hast Du Geschwister?
Ja, einen vier Jahre jüngeren Bruder, den ich sehr liebe und mit dem ich eng befreundet bin. Er ist auch mein Wirtschaftsberater, denn mir fällt es leichter, Geld zu verdienen als es zu verwalten.

In Prozentanteilen: Wie setzt sich Dein Medienkonsum zusammen?
50 Prozent Internet, 49 Prozent mobiles Internet, 1 Prozent Restmedien.

Bist Du ein Nerd?
Ja und Nein, ich hänge zwischen den Welten. Und vermittle zwischen der digitalen und der nicht-digitalen Welt.

Bist Du ein Yuppie?
Nimmt man Yuppie im Wortsinne als «Young Urban Professional», dann stimmt «Young» schon seit einigen Jahren nicht mehr, «Urban» absolut und «Professional» hab ich ja schon mit meinem ersten Buch «Wir nennen es Arbeit» zumindest ironisch gebrochen. So gesehen bin ich Drittel- bis Halbyuppie.

Hast Du die erste Euro-Million bereits verdient?
Ich bin der schlechteste Sparer der westlichen Zivilisation, möchte aber zu meinen konkreten finanziellen Umständen nichts weiter sagen, ausser dass ich keine finanziellen Sorgen habe.

Wie stehst Du zu Ironie?
Ironie ist für mich die Pest der westlichen Zivilisation im 3. Jahrtausend. Ich hasse Ironie und würde sie niemals anwenden.

Wann bist Du zuletzt Bus gefahren?
2009 für den Vodafone-Spot. Wenn man nicht den Zubringer-Bus vom Terminal zum Flugzeug mitrechnet.

Du lädst Dir grundsätzlich und immer alles legal herunter. Warum? Und wann kommst Du in Versuchung?
In Versuchung komme ich jeden Tag, weil der Zugang zu digitalen Kulturgütern noch immer katastrophal geregelt ist, dumm und kontraproduktiv für alle Seiten, auch wenn das die Urheberrechtslobby nicht wahrhaben will. Es gibt eine Serie von J.J. Abrams, «Revolution», die mich wahnsinnig interessiert und die ich mir sehr gerne ansehen würde. Mehr kann ich dazu leider nicht sagen, weil ich es nicht schaffe, mir diese Serie in Deutschland digital auf legale Weise zu besorgen. Währenddessen das illegale Angebot ja immer nur zwei Klicks weg ist. Ich nutze es aber nicht, und dafür muss ich mich jeden Tag neu entscheiden.

Du hast den Weg geebnet für die breite Verwendung des furchtbaren Worts «Shitstorm». Kannst Du es bitte wieder zum Verschwinden bringen?
Meine Rolle bei der Verbreitung des Wortes «Shitstorm» ist nur eine Begleitende, ich hab das Wort weder erfunden, noch bin ich dafür hauptverantwortlich. Aber ich trage wahrscheinlich eine mediale Mitschuld an der Verbreitung, ich habe mich dafür entschuldigt. Der «Shitstorm» als Begriff geht nun rauf und runter, irgendwann wird die hochfrequente Verwendung wieder etwas zurückgehen. Die Bedeutung des Begriffs ist heute sehr unscharf, man versteht darunter ganz verschiedene Dinge wie «berechtige Empörungswelle», «Kritikäusserung» oder «Beschimpfungsrandale in Netzwerken».

«Ich bin Experte im Verlieren», hast Du 2009 gesagt.
Ich habe darüber schon mehrfach gesprochen, auch «über das Scheitern». In der Phase der New Economy durfte ich ein sehr intensives Scheitern auf mehreren Ebenen erfahren. Man muss Scheitern lernen, um die Angst davor zu verlieren. Wer zu viel Angst davor hat, zögert vor dem Machen, vor dem Experimentieren. Wiederum sollte man es sich nicht schönreden, denn Scheitern ist ganz grauenvoll! Ich habe in meinem Leben ungefähr 60 Menschen entlassen, was jedes Mal ein ganz schlimmes Scheitern war (bis auf die drei oder vier Ärsche, die ich gerne entlassen habe). Die Mehrzahl dieser Gespräche waren furchtbar für alle Beteiligten, ich musste auch meinen Bruder entlassen, meine damalige Freundin und schließlich mich selbst.

Wie geht’s weiter?
Aktuell fliessen 85 Prozent meiner Zeit in ein von mir mitgegründetes Unternehmen namens Sobooks, das dieses Jahr starten wird. Sobooks ist kurz für Social Books und soll die nächste Generation der E-Books gestalten. Das E-Book, wie wir es heute kennen, ist nur das, was die Digitalisierung mit dem Buch getan hat. Doch was tut das Internet mit dem Buch, und da vor allem die Sozialen Medien? Diese Fragen versuchen wir mit Sobooks zu beantworten.

Das Gespräch mit Sascha Lobo fand am 23. Mai 2013 in Berlin statt.

Ronnie Grob
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Ronnie Grob

Autor MEDIENWOCHE

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Leserbeiträge


  1. golda meir, 5. Juni 2013, 08:42

    "... Der Glaube und die Hoffnung, der Staat möge es irgendwie richten, hat ja oft mit Sicherheitsdenken zu tun und verbindet die Schweiz und Deutschland ..."

    Lieber Sascha Lobo, das ist genau das, was die Schweiz und Deutschland glücklicherweise trennt! Drum bin ich, wie viele andere auch, hierher geflüchtet. image description

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