Hochgepinnte Mundwinkel

Torte
Nick Lüthi, 1. November 2013, 10:38

Am 1. November 1983 gingen in der Schweiz die ersten kommerziellen Lokalradios auf Sendung. Der Beitrag der Privaten zu Meinungsbildung und -vielfalt hält sich seither in überschaubaren Grenzen. Dafür dürfen sie auf andere Leistungen stolz sein.

1. Roger Schawinski hat’s erfunden
Und was er erfindet, ist einfach gut. Der Nimbus des Übervaters überstrahlt die Branche bis heute und in alle Ewigkeit. Ohne ihn und seine Pioniertat mit der Gründung des Piratensenders Radio 24 befände sich die Schweiz noch heute im radiofonen Dampfzeitalter.

2. Privatradios sind Talentschmieden
Wer bei Schweizer Radio und Fernsehen gross herauskommt, hat sein Rüstzeug in der Regel bei einem Privatradio geholt. Das gilt für einen Sven Epiney (Radio Förderband), wie auch für Sandro Brotz oder Steffi Buchli (beide Radio Zürisee) und Aberdutzende anderer bekannter und weniger bekannter Gesichter und Stimmen. Bei allem Stolz auf ihre Ausbildungsleistung führen die regelmässigen Abgänge in Richtung Leutschenbach den Privaten schonungslos die Grenzen ihrer Attraktivität als Arbeitgeber vor Augen.

3. Gebühren kassieren, ohne als «Staatssender» zu gelten
Seit 1991 erhält ein Teil der Privatradios Empfangsgebühren, die sich heute auf 20 Millionen Franken pro Jahr belaufen. Öffentliche Mittel gibt’s für kommerzielle Sender in strukturschwachen (Berg)Regionen. Anders als bei der grossen Schwester SRG, wo die Gebührenfinanzierung regelmässig Anlass zu Polemik bietet («Staatssender!»), haben es die Privaten, die so privat gar nicht sind, geschafft, solche Kritik gar nicht erst auf sich zu ziehen.

4. Nirgendwo gibt es mehr gute Laune
Wer um sechs Uhr früh mit einem Dauergrinsen hinter dem Mikrofon steht und es sich zur Aufgabe macht, den morgendlichen Griesgram zu vertreiben, tut zweifellos Gutes für die Menschheit. Wenn man Verkehrsstaus in der Schweiz gelassen erduldet und niemand ausrastet und gar gewalttätig wird, dann ist das auch ein Verdienst der munteren Morgenmoderatorinnen und -moderatoren der Privatsender mit ihren hochgepinnten Mundwinkeln.

5. Die wahren globalisierten Medien
Keine andere Mediengattung setzt so konsequent auf globalisierte Konzepte. Schon vor mehr als zehn Jahren haben US-Berater kleine, erfolglose Schweizer Sender zur gnadenlosen Höreranbiederung gezwängt und auf internationales Erfolgsformat getrimmt. Hätten Zeitungen ihre Newsroom- und Konvergenzprojekte mit gleicher Vehemenz durchgedrückt, sie hätten heute ein paar Probleme (aber auch viele gute Journalisten) weniger.

6. Stehvermögen dank Wandlungsfähigkeit
Nach dreissig Jahren haben sich manche Sender bis zur Unkenntlichkeit von ihrem Ursprung entfernt. Anstatt den Betrieb aufzugeben, zogen es die Sender vor, unter grossen Verrenkungen und mit immer neuen Konzepten und Namen doch noch den kommerziellen Erfolg zu suchen. Paradebeispiel für die Wandlungsfähigkeit und das Stehvermögen ist der Baselbieter Sender, der 1983 als Radio Raurach den Betrieb aufgenommen hatte. Nach zwölf Jahren unter dem Gründungstitel folgten alle paar Jahren Namens- und Strategieänderungen. Als Radio Edelweiss, Radio Basel 1, Radio Basel und nun als Radio Energy Basel suchten immer wieder andere Medienmacher ihr Glück.

7. Benchmark für die SRG
Wie wüsste man die Programme der SRG zu schätzen, wenn es die Privaten nicht gäbe? «Sounds!» von Radio SRF 3 entfaltet seine Pracht erst richtig nach einem Tag eingemittetem und durchhörbarem Top-Neo-Energy-Klangteppich; den Gehalt eines «Echo der Zeit» weiss man erst zu würdigen im Kontrast du den «privaten» News-Häppchen.

8. Service public als Dienst am Publikum
In einem hängigen Postulat fordert FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger vom Bundesrat, er solle den Service public der Medien definieren. Vielleicht müsste Leutenegger einfach mal Privatradio hören. Denn die müssen von Gesetzes wegen einen regionalen Service public bieten. Und das geht so: Journalismus auf die Essenz reduzieren, keine Ausschaltimpulse bieten, gute Laune verbreiten. Wenn das kein Rezept ist für den Dienst am Publikum.

9. Organisch eingebundene Werbung
Alle kommerziellen Medien suchen derzeit verzweifelt nach Werbeformen, die möglichst eng mit den redaktionellen Inhalten verwoben sind; Content Marketing und Native Advertising heissen die Modewörter. Das private Kommerzradio kennt das längst: Die Publireportage aus dem Fitnesszentrum klingt nicht anders als die Reportage von der Neueröffnung des Fitnesszentrums.

10. Gelassener Umgang mit der Digitalisierung
Im Jahr 2013 kann Roger Schawinski, Erfinder des Lokalradios in der Schweiz, unwidersprochen von sich geben, er denke, auf Digitalradio zu verzichten. Einen Zeitungsverleger, der heute erwöge, seiner Webseite den Stecker zu ziehen, würde man für einen Spinner halten. Während die Digitalisierung in der übrigen Medienwelt alles auf den Kopf gestellt hat, bleiben die meisten Privatradios davon weitgehend unberührt. Wieso digital, wenn es auch analog geht?

Nick Lüthi
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Nick Lüthi

Leiter MEDIENWOCHE

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Leserbeiträge


  1. Frank Hofmann, 1. November 2013, 18:58

    Früher musste, wer bei den Öffentlichen arbeiten wollte, etwas wissen und können. Ein Studium war von Vorteil. Heute kommen die "Stars" von den Privaten, Hauptkriterium: grosse Klappe, nicht zu knappes Selbstbewusstsein. image description

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