von Nick Lüthi

Digitalradio: von halb leer auf halb voll

Digitalradio bewegt sich. Aber fast ausschliesslich in Arbeitsgruppen und Fachgremien. Beim Publikum ist DAB weiterhin kein Renner. Wenn sich die Efforts hinter den Kulissen nicht positiv auf die Etablierung des designierten UKW-Nachfolgers auswirken, schwächt dies den Radiomarkt insgesamt. Denn heute kostet jede Sendeminute zweimal, da sie parallel über UKW und DAB ausgestrahlt wird. Jürg Bachmann, Präsident Verband Schweizer Privatradios, über die kleinen Vorwärtsbewegungen in Sachen DAB in der Schweiz.

MEDIENWOCHE: Wie kommt DAB-Digitalradio in der Schweiz voran?
Jürg Bachmann: Vor einem Jahr standen wir vor der Situation, dass es entweder vorwärtsgeht oder Digitalradio begraben werden kann. Vor sich Hindümpeln, wie das lange Jahre der Fall war, bringt niemandem etwas und kostet nur Geld.

Unternimmt nun die Branche etwas, damit es vorwärtsgeht?
Anfang 2013 haben sich Vertreter der Privatradioverbände VSP, RRR und Unikom, sowie SRG und Bakom in der Arbeitsgruppe Digimig zusammengefunden, um Digitalradio endlich gemeinsam voranzubringen.

Was kriegt der Hörer von diesem Effort mit?
DAB ist per se kein Renner beim Publikum. Die Arbeitsgruppe erarbeitet, derzeit noch im Hintergrund, einen Umsetzungsplan. Allen ist klar, dass der heutige Zustand, in dem die Radios sowohl analog als auch digital senden, möglich kurz gehalten werden muss. Also eher fünf Jahre und nicht zwanzig.

Das heisst, UKW wird in fünf Jahren abgestellt.
Wir sehen bewusst davon ab, schon heute oder zu Beginn des gemeinsamen Umsetzungsplanes eine Jahreszahl zu nennen. In anderen Ländern war es einer der grossen Fehler, viel zu früh mit konkreten Abschaltterminen zu operieren. Damit ruft man nur Kritiker auf den Plan, die dann mit Häme reagieren, wenn der Termin nicht eingehalten werden kann. Als Bundeskanzler Schröder in Deutschland für 2005 das Ende von UKW verkündet hatte, verkam er zur Lachnummer – und mit ihm zusammen auch DAB.

Dass UKW irgendwann abgestellt wird, ist aber unbestritten.
UKW wird man in absehbarer Zeit nicht vollständig ausser Betrieb nehmen. Solange die Technologie in den angrenzenden Ländern genutzt wird, und das wird vermutlich um einiges länger dauern als in der Schweiz, muss nur schon aus Sicherheitsgründen ein Minimalservice mit Verkehrsnachrichten aufrechterhalten werden entlang der Achsen Nord-Süd und West-Ost. Das gilt auch für die die einheimische Katastropheninformation über Radio.

Die Botschaft lautet also: UKW wird es noch ewig geben. Das ist doch komplett verkehrt für eine beschleunigte Etablierung von DAB.
Das verstehen Sie falsch. Wir wollen nicht mit Negativbotschaften die Hörer zum Umsteigen bringen, sondern mit positiven Anreizen. Deshalb steht das Aufschalten von neuen Sendern im Zentrum der Kommunikation und nicht das Abschalten einer alten Technologie.

Aber selbst in der Branche scheint man der Sache nicht recht zu trauen. Roger Schawinski und sein Radio 1 haben sich jüngst von DAB verabschiedet. Es scheint also auch eine Zukunft ohne Digitalradio zu geben.
Was Roger Schawinski genau zum Ausstieg bewogen hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Klar ist aber, dass die IP-Technologie, auf die er anstelle von DAB setzen will, keine echte Alternative zu DAB sein kann, allein schon aus Kostengründen und dem Verlust der free-to-air-Eigenschaft von Broadcastradio nicht. Alle Verbreitungstechnologien über Internet ziehen variable Kosten nach sich, weil jeder zusätzliche Hörer kostet. Mit einer Rundfunk-Technologie, wie DAB eine ist, hat man fixe Kosten. Es kostet immer gleich viel, egal wie viele Personen zuhören.

Damit die Leute umsteigen, braucht es attraktive Geräte und Programme. An beidem mangelt es in der Schweiz. Wieso?
Für neue, DAB-exklusive Radioprogramme fehlt schlicht das Geld und möglicherweise auch der Markt. Darum hatten bislang nur wenige den Mut, in einem heute schon gesättigten Markt das Risiko mit einem neuen Angebot einzugehen. Bei den Geräten ist das Angebot in den letzten Jahren deutlich vielfältiger und preiswerter geworden. Die meisten Geräte werden in China und Japan hergestellt und dort wird für den Weltmarkt produziert. Im globalen Rahmen ist DAB eine von mehreren Verbreitungstechnologien, welche in Zukunft in Hybridradios aufgenommen wird. Die Geräteauswahl wird in Zukunft also noch wachsen.

Bis jetzt kann ich Ihren Ausführungen nicht entnehmen, warum es – im Gegensatz zu früheren Jahren – nun endlich vorwärtsgehen sollte mit Digitalradio in der Schweiz.
Da hat sich schon einiges getan und die Situation ist nicht mehr mit früher vergleichbar. Die regulatorischen Rahmenbedingungen sind im Hinblick auf die Etablierung von Digitalradio deutlich liberalisiert worden. Ausserdem gibt es in der Zwischenzeit auch eine Vielfalt bei den Sendetechnologien, sodass es sich auch kleinere Radios leisten können, digital zu senden. Aber klar, es ist für keinen Sender einfach, UKW hinter sich zu lassen, solange diese Technologie noch breit genutzt wird. Und gerade Privatradios befürchten, bei einer Umstellung von UKW auf DAB Hörer und damit Einnahmen zu verlieren. Diese Bedenken sind ernst zu nehmen. Es braucht griffige Massnahmen, damit ein solches Szenario nicht eintrifft. Diese werden ein zentraler Teil des Pakets sein, das wir gegenwärtig erarbeiten.

Wo sind die Mutigen, die vorangehen?
Es darf nicht sein, dass jeder abwartet, bis der andere einen Schritt macht. So bleibt die Entwicklung blockiert. Für eine erfolgreiche Etablierung von Digitalradio braucht es eine konzertierte Aktion aller Akteure. Daran arbeiten wir in der Arbeitsgruppe Digimig.

Jürg Bachmann ist seit 2006 Präsident des Verbandes Schweizer Privatradios (VSP). Er war schon Geschäftsführer von Radio Aktuell (heute FM1) und Energy Zürich sowie VR-Delegierter von Radio Ri und Präsident des Ausbildungsradios toxic.fm. An der Universität St.Gallen erfüllt er einen Lehrauftrag für «Medienkompetenz und Radiojournalismus».

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Leserbeiträge

Peter Büchler 30. Dezember 2013, 06:13

Die meisten Beiträge im Nezt über DAB+ folgen ähnlichen Argumenten. Zuwenig verschiedene Programme, zuwenig Geräte. Meiner Meinung nach sind das nicht unbedingt die Hauptprobleme.

Die Auswahl an Geräten: Mindestens bei den Heimgeräten, kann ich nicht zustimmen. Die Auswahl finde ich gar nicht so schlecht. Der Hörer wird eher unterwegs im Stich gelassen. Ausserdem empfangen in der Wohnung sehr viele Leute – gerade in der Schweiz – ihre Lieblingssender übers Kabelnetz. Meist noch mit der guten alten Stereoanlage. Gerade auch mit der Digitialisierung des Kabels oder auch über W-LAN steht eine riesengrosse Auswahl zur Verfügung. Wieso soll man also für Zuhause ein neues Gerät kaufen wenn alles, was man braucht schon da ist?

Doch kaum ist man unterwegs, sieht es aber recht mau aus. Hier wird der Hörer ziemlich im Stich gelassen. Die Autohersteller bauen mittlerweile fast nur noch Radios ein, die man nicht austauschen kann, weil sie fest mit dem Navi und der Bordelektronik verbunden sind. Und was für Radios bauen sie ein? UKW-Geräte. Mit ein wenig Glück mit Anschluss für MP3-Player, USB-Sticks oder iPod/iPhone. Genau die Branche, die schon lange nach der Einführung von CDs immer noch fleissig Kassettengeräte verbaute, weil es – so vermute ich – billiger war.

Ist man mit ÖV oder zu Fuss unterwegs, genau das gleiche Problem. Es gibt einige Smartphones mit eingebautem UKW-Radio, aber kaum oder überhaupt nie mit DAB+-Radios. Ich bin jetzt kein Spezialist und weiss auch nicht, ob die technisch problematisch ist. Trotzdem feht genau bei diesen Geräten sowas. Klar, ich kann auch über eine App Radio hören. Hier wird aber oft vergessen, dass nicht jeder eine Datenflatrate hat oder man denke nur, wenn man im Ausland ist. Radio hören übers Internet würde dort unbezahlbar.

Ums einfach zu sagen: Einen UKW-Nachfolger ist meiner Meinung nach Unterwegs viel nötiger, als daheim. Ein Beispiel SRF 4 News kann ich unterwegs nicht hören, ausser ich habe ein grosszügiges Datenabo bei einem Telekomanbieter. Gleiches gilt z.B. für Radio 24 ausserhalb des Grossraums Zürich. Die Liste kann mit vielen weiteren Sendern ergänzt werden.

Das sind wir dann auch bei der Sendervielfalt. Auch hier bin ich der Meinung, dass die gar nicht so schwach ist. Nur weil ich ein DAB+-Gerät besitze, möchte ich ja auch nicht zwangsläufig andere Sender als sonst hören. Mag ich z.B. Radio 32, dann höre ich ja deswegen über DAB+ nicht plötzlich Radio 32 Goldies. Gleiches gilt für Radio Top oder Top Two usw.. Eine grössere Vielfalt ist ein sehr schöner Nebeneffekt, aber kaum das Killerkriterium. Ich glaube sehr viele Hörer sind Gewohnheitstiere und bleibe auch gerne beim Lieblingssender. Wer gerne SRF 3 hört, möchte dies vermutlich auch über DAB+.

Mit DAB+ kann also der „grosse Durchbruch“ erst gelingen, wenn endlich mehr mobile Geräte Verfügbar sind. Auf Heimgeräte zu setzen ist zwar OK, aber nicht erste Priorität. In Schweizer Wohnungen werden Kabelnetz, Satellitenempfang und/oder Internet noch lange dominieren.

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Ueli Custer 03. Januar 2014, 05:10

Peter Büchler trifft den Nagel genau auf den Kopf und versenkt ihn perfekt. Wer in einer Vertretung von z.B. japanischen Autos nach einem DAB-Radio fragt, erntet nur ein fragendes Gesicht. Solange der sehr bedeutende Radiokonsum im Auto nur von einigen deutschen Spitzenmarken mit DAB abgedeckt wird, lässt sich UKW sowieso nicht abschalten. Und bei den Handys liegt das Problem auch beim extremen Stromverbrauch von DAB-Empfängern. Aber beides lässt sich von der Schweiz aus kaum wesentlich beeinflussen. Kommt dazu, dass ich mit meinem brandneuen DAB+-Empfänger das Regionaljournal AG/SO nur dann empfangen kann, wenn es direkt beim Fenster steht. Dort habe ich auch Sichtverbindung zum Bantiger. Im Badezimmer höre ich dann aber schon mehr Pausen als Radio. Das kann es ja nicht sein.

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MCDT 07. Januar 2014, 02:19

Gesicherte Facts und Figures von MCDT* zum Thema DAB+ Digitalradio:

Empfang
Das Digitalradio-Netz ist in der Schweiz ebenso gut ausgebaut wie das UKW-Netz: Ende 2013 betrug der Ausbau outdoor und für Autoradio 99 Prozent (exkl. Tunnel), indoor 94 Prozent.

Geräte
Die Zahl der DAB/DAB+-Geräte in der Schweiz hat sich in den letzten 7 Jahren stark entwickelt. Befanden sich 2006 noch knapp 15‘000 Geräte im Markt, waren es Ende 2013 an die 1,5 Mio. Geräte! Bereits 1/3 der Haushalte hört Radio digital.
Die Gerätevielfalt nimmt laufend zu. In der Schweiz bieten zurzeit 80 Hersteller rund 420 unterschiedliche Radios in allen Preisklassen an. Darunter auch verschiedenste portable Radios.

Smartphone
Frontier Silicon hat im Dezember 2013 angekündigt, einen neuen Digitalradio-Chip auf den Markt zu bringen. Damit können erstmals auch Smartphones und Tablets DAB+ empfangen. Bis anhin war dies nicht möglich.

Programme
Gegen Ende 2013 gingen in der Deutschschweiz weitere 7 Privatradios und 3 SRG-Regionaljournale über DAB+ auf Sendung. Damit sind in der Deutschschweiz bereits 50 Programme über DAB+ empfangbar! In der französischen Schweiz warten derzeit 12 Privatradios auf ihre DAB+ Aufschaltung, die voraussichtlich im Frühjahr 2014 erfolgen wird.

Autoradio
DAB+ Autoradio nimmt weiter an Fahrt auf: Seit Anfang 2013 sind gewisse Automodelle bereits ab Werk mit DAB+ ausgestattet. Und fast alle Hersteller bieten den Einbau auf Wunsch an.

Nahe Zukunft
Bei den DAB+ Zusatzservices wie TPEG werden ab 2014 Fortschritte erwartet. Der DAB+ Tunnelausbau wird vorangetrieben. Und weltweit besteht die Absicht, marktführende Radiohersteller davon zu überzeugen UKW-Geräte nur noch in Kombination mit DAB+ auszurüsten.

Energie
Betrachtet man die gesamte Wertschöpfungskette, dann ist Digitalradio nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch umweltfreundlicher: Digitalradio benötigt pro Programm gerade mal 10 Prozent der Energie, die Radiohören über UKW verbraucht, weil unter anderem für die Verbreitung von bis zu 18 Programmen in der Schweiz nur 210 Sendeanlagen benötigt werden. Für UKW sind derzeit für die Verbreitung von 4 Programmen 853 Sendeanlagen in Betrieb!

*MCDT AG – Marketing and Consulting for Digital Broadcasting Technologies – bündelt alle Kräfte rund um DAB+ Digitalradio in der Schweiz und vernetzt die Branche: Hersteller, Importeure, Handel, SRG SSR, Privatradios, Autoindustrie, Mobiltechnologie.

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michael müller 14. Januar 2014, 08:12

frühe kunden zu denen ich gehörte, glaubten der branche vor zehn jahren, dass dab die zukunft sei. Jetzt gibts noch ca. 3 maue srg kanäle über dab zu hören.im prinzip ist der dab emofänger schon alteisen. Das vertrauen in dab+ habe ich nicht. Prinzipiell fühle ich mich von den damaligen „experten“schlecht beraten. Es sind die gleichen die nun dab+ promoten. Ein flat abo bei einem mobilfunkprovider scheint mur die bessere investition. So kann ich was ich will via stream anhören. podcasts gibt es auch noch, welche gehört werden wollen,

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Joel Weibel 22. Januar 2014, 02:30

Peter Büchler trifft sicher einen Punkt. Radiohören ist so eine Autosache. Wenn nicht standardmässig in jedem Auto ein DAB+-Gerät installiert ist, wird sich das Ding nie durchsetzen, weil die Privatradios ihre Morgenshows nur damit als Cashcow weiterbetreiben können. Als Nutzer von DAB+ muss ich allerdings Michael Müller widersprechen: Seit die Regionaljournale aufgeschaltet wurden, fehlt mir als eher konservativer Radiohörer (DRS4, DRS1 BE/FR/VS und DRS3) nichts mehr. Ich bin von daher überzeugt: Sobald die Dinger im Auto sind, wird UKW sehr schnell vergessen werden.

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