Gleichgewicht droht zu kippen

Wissenschaftsmagazine
Silke Fürst, 31. Januar 2014, 10:14

Die Wissenschaft verschanzt sich nicht mehr länger im Elfenbeinturm. Durch aktive Medienarbeit und neue Medien wollen Forscher ihre Ergebnisse dem Publikum näherbringen. Gleichzeitig schwinden die Ressourcen im Wissenschaftsjournalismus. Das kann zu einem ungesunden Ungleichgewicht führen.

Wissenschaftler sollen die Ergebnisse ihrer Forschung nicht länger hinter den sperrigen Türen ihrer Fachpublikationen halten. Vom modernen Wissenschaftler wird erwartet, dass er sein Wissen dem Bürger verständlich und lebendig vermitteln kann. Denn Nützlichkeit und Praxisbezug sind die neuen Schlüsselwörter im Wissenschaftsbetrieb. Von Wissenschaftspolitik und -verbänden über Fachgesellschaften bis hin zur eigenen Hochschule und ihrer Medienstellen: Sie alle fordern und fördern eine stärkere Sichtbarkeit von Forschung. Dabei gilt das Verhältnis zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien eigentlich als spannungsgeladen.

Der Wandel der Wissenschaftskommunikation bringt daher viele Fragen mit sich: Inwieweit wollen und können Wissenschaftler sich überhaupt an der öffentlichen Wissensvermittlung beteiligen? Welche Rolle spielen dabei der Wissenschaftsjournalismus, die Wissenschafts-PR und die neuen Medien? Wie verträgt sich das Streben nach wissenschaftlicher Exaktheit mit der Popularisierung von Wissen? Und was wird am Ende eigentlich vermittelt?

Keine Online-Revolution in Sicht
Gross ist die Hoffnung, dass soziale Netzwerke und Weblogs den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit verändern werden. Auf diese Weise könnten Wissenschaftler unmittelbar mit Nutzern in Kontakt treten und die Möglichkeit nutzen, ihre eigenen Forschungsergebnisse zu verbreiten und auf sich aufmerksam zu machen. Der Wissenschaftsjournalismus würde damit zugleich an Bedeutung verlieren.

Eine realistische Vision? Nach Ansicht des Informationswissenschaftlers Cornelius Puschmann dürften Blogs selbst für die ältere Generation kaum noch eine technische Barriere darstellen. Allerdings sind die Zeitressourcen eines Forschers ohnehin knapp und die Anreize für solche Aktivitäten unklar. Welche Gruppen lassen sich mit Blogs eigentlich erreichen? Derzeit zeichnet sich eher ab, dass Wissenschaftler zwar gegenüber Neuerungen aufgeschlossen sind, die ihre Fachinhalte betreffen. Gegenüber neuen Kommunikationsformen verhalten sie sich aber eher konservativ. Der Jülicher Kommunikationsforscher Hans Peter Peters kann dies auf Basis zahlreicher Befragungen aus den letzten Jahren bestätigen. «Einzelne Wissenschaftler diskutieren sehr aktiv in sozialen Netzwerken und Blogs“, aber der Grossteil der Forscher setzt andere Prioritäten.

Ausserdem beflügeln soziale Netzwerke vor allem die wissenschaftsinterne Kommunikation. Forscher nutzen etwa Twitter, um Kollegen auf ihre Arbeiten aufmerksam zu machen und in Diskussion zu treten. Der gängige Weg in die Öffentlichkeit geht dagegen immer noch am stärksten über die journalistischen Medien. Das liegt nach Peters vor allem daran, dass Journalismus eine breite Öffentlichkeit herstellt und damit den Kontakt zu verschiedenen Zielgruppen ermöglicht. Ausserdem sind Journalisten «professionelle externe Beobachter“. Sie geben den vermittelten Informationen eine besondere Qualität von Glaubwürdigkeit und gesellschaftlicher Relevanz.

Institutionalisierte Medienkontakte
Deshalb ist es gerade dieser klassische Weg, den die Hochschulen und deren Medienstellen befördern und professionalisieren wollen. Sie bieten Wissenschaftlern Medientrainings an, unterstützen sie in der Erstellung von Medienmitteilungen, vermitteln Kontakte zu Journalisten und fragen regelmässig nach, ob es Neues zu berichten gibt.

Wie eine Befragung von deutschen Wissenschaftlern gezeigt hat, sorgen die Medienstellen damit für eine merkliche Steigerung der Medienaktivitäten von Wissenschaftlern. Inzwischen ist mehrfach belegt, dass ein grosser Teil mindestens einmal im Jahr Medienkontakte hat. Von einer allgemeinen Zurückhaltung kann daher nicht mehr gesprochen werden. Darauf haben auch die Fachgesellschaften Einfluss genommen.

Die Schweizerische Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft (SGKM) versammelt ihre Mitglieder mit ihren jeweiligen Forschungsschwerpunkten in einem eigenen Portal, das Medienanfragen erleichtern soll. Auf diese Weise wird institutionell unterstrichen, dass Kontakte zu Journalisten auch zur Arbeit eines Wissenschaftlers gehören. Zusätzlich wurde an der Universität Lugano 2004 mit dem «European Journalism Observatory» (EJO) ein eigenes Forum gegründet, das aktuelle Forschungsergebnisse journalistisch aufbereitet an verschiedene Redaktionen und eine breitere Öffentlichkeit vermitteln soll. Allerdings ist unklar, ob das Onlineportal tatsächlich ein breiteres Publikum findet oder die Wissenschaftler am Ende nicht doch wieder unter sich bleiben.

Reputation ≠ Prominenz
Galt es vor einigen Jahren noch eher als unseriös, sich in den Medien zu Wort zu melden, so gilt Medienpräsenz heute eher als Vorteil. Sie kann sich positiv auf die wissenschaftliche Reputation auswirken, wird von der Hochschule gern gesehen und ist überdies beim Wettbewerb um Drittmittel von Bedeutung. Allerdings gilt dies unter Einschränkungen: Wer nach medialer Prominenz schielt, sich in den Medien ständig zu Wort meldet und seine wissenschaftlichen Kerngebiete verlässt, kann noch immer den Argwohn der Kollegen auf sich ziehen.

Das Verhältnis zwischen Wissenschaftlern und Journalisten hat sich damit deutlich entspannt. In der Mehrzahl akzeptieren Wissenschaftler, «dass Medien verständliche, unterhaltsame Alltagssprache verwenden müssen» und die wissenschaftliche Präzision darunter teilweise leiden kann. Sie machen insgesamt eher positive Erfahrungen mit Journalisten. Dabei lässt sich allerdings hinterfragen, ob dies für oder gegen die Qualität des gegenwärtigen Wissenschaftsjournalismus spricht.

Zuletzt wurde der Wissenschaftsjournalismus in Deutschland und der Schweiz durch Redaktionszusammenlegungen und Stellenkürzungen deutlich geschwächt. Und insbesondere die «freien Mitarbeiter, die im Wissenschaftsjournalismus zahlreicher sind als in anderen Sparten, müssen bei ihrer Arbeit ökonomisch» und zeiteffizient denken. Erleichtert wird ihnen die Arbeit durch die Medienstellen, die es in der Schweiz an jeder Hochschule gibt und die in den letzten Jahren ausgebaut wurden.

Wie der Schweizer Journalismusforscher Stephan Russ-Mohl deutlich macht, ist dies ein regelrechtes Einfallstor für unkritischen Copy-Paste-Journalismus. Der Leser erhält so vermehrt Medienmitteilungen im journalistischen Kleid – und die Wissenschaft ein willkommenes Forum der Selbstdarstellung. Das trifft auch auf Webseiten zu, die unter der Rubrik ‚Aktuelles‘ oder ‚Nachrichten‘ lediglich Medienmitteilungen aus der Wissenschaft auflisten. Allerdings differenziert die Bloggerin Brynja Adam-Radmanic die Problematik hier zu Recht: «Im Kerngebiet des Erklärens von wissenschaftlichen Inhalten und Methoden liefern Medienmitteilungen oft hochwertige Information. In allen Gebieten, die darüber hinausgehen, kann und darf Wissenschafts-PR den Journalismus aber niemals ersetzen.» Dazu gehört etwa die Darstellung von Kontroversen, die in der Wissenschaft nicht die Ausnahme, sondern das Tagesgeschäft sind, aber in Medienmitteilungen keinen Platz finden. Denn Wissenschafts-PR inszeniert den Wissenschaftler vor allem als Experten, der mit (scheinbar) eindeutigen Ergebnissen die Welt erklärt.

Eventisierung
Darüber hinaus werden in der Wissenschaft aber auch jene Veranstaltungen stärker zum Event, die vormals nur der fachöffentlichen Debatte galten. Über wissenschaftliche Tagungen wird bereits im Vorfeld berichtet. Auf einigen Tagungen werden inzwischen unentwegt Fotos geschossen, die im Anschluss oftmals unkommentiert als einzige Spur der Tagung veröffentlicht werden. Was dann bleibt, ist der Eindruck, dass etwas passiert ist und die Wissenschaft irgendwie tätig war. Das ‚Was‘, also die konkreten Diskussionen und Ergebnisse, bleiben meist im Verborgenen.

***

Mit einem in Kürze folgenden zweiten Teil zur gewandelten Wissenschaftskommunikation soll in der MEDIENWOCHE ein anderer Kurs eingeschlagen werden. Thema wird dann die Tagung «Wissenschaftskommunikation im Wandel»sein, die diesen Freitag und Samstag an der Universität Zürich stattfindet. Sie ist der Auftakt für eine sich herausbildende Fachgruppe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, die sich der Erforschung von Wissenschaftskommunikation widmet. Zur Frage steht, ob diese Konferenz nicht nur die gestiegene Bedeutung der Wissenschaftskommunikation symbolisiert, sondern dem Thema auch neue Facetten und Einsichten abgewinnen kann.

Silke Fürst

Silke Fürst

Doktorandin und Mitarbeiterin an der Universität Fribourg

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Leserbeiträge


  1. Reiner Korbmann, 31. Januar 2014, 21:06

    "Wissenschaftskommunikation im Wandel" - Ein ständig aktualisiertes Storify einer spannenden Tagung #wisskomm14 auf "Wissenschaft kommuniziert" http://wp.me/1XAlm image description

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