von Harry Rosenbaum

Vom schwierigen Umgang mit der Satire

Was darf Satire – was darf sie nicht? Nach dem Massaker in den Redaktionsräumen von «Charlie Hebdo» ist die Frage tausendfach gestellt und tausendfach beantwortet worden: Satire darf alles. – Wirklich? Eine Umfrage bei Schweizer Satirikerinnen und Satirikern.

«Fuck Charlie Hebdo», hat ein Betriebsrat des Daimler-Werks Rastatt (D) auf seiner privaten Facebook-Seite über den Anschlag auf das Satiremagazin gespottet. Das sei durch die freie Meinungsäusserung nicht mehr gedeckt, meinten darauf der Betriebsrat, die Gewerkschaft IG Metall und Daimler und haben beim Arbeitsgericht gegen den Spötter ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet. – Man kann sich nun fragen: Ist das richtig oder nur ein Maulkorb aus besonderem Anlass? Ursprünglich ist Satire Spottdichtung. Sie nimmt sprachlich und zeichnerisch überspitzt, ironisch und provozierend gesellschaftliche Zustände und Missstände auf die Schippe. Durch das Massaker bei Charlie Hebdo wird die Satire nun unter Beobachtung stehen. Gut tun wird ihr das bestimmt nicht.

Satire muss als Satire erkennbar sein
Die langjährige Radiokorrespondentin, Kolumnistin Theaterautorin und ehemalige Zytlupe-Redaktorin bei SRF, Gisela Widmer, unterrichtet Satire an der Schweizer Journalistenschule MAZ in Luzern. – Wie wirkt der Anschlag auf «Charlie Hebdo» auf ihre Kurse? «Es wird vermutlich eine ziemlich hitzige Debatte geben, ob Satire alles darf und muss», sagt Widmer. Wo sind die ethisch-moralischen Grenzen? «Die Befürwortung von Zensur aus moralischen Gründen hat in der Satire – und überhaupt in der Kunst – nichts verloren. So entsteht eine Kultur der Selbstzensur, und Selbstzensur ist das Ende der Satire», sagt die MAZ-Dozentin.

Also ist die Satire die regellose Kunst des Verspottens? «Die einzige Regel ist, dass Satire als Satire erkennbar sein muss», präzisiert Widmer. Man dürfe nicht etwas schreiben und im Nachhinein sagen: «Das war doch Satire!» Die Medien-Frau aus der Innerschweiz hat selbst grosse Erfahrungen mit dem Satireschreiben. 2011 wurde ihr Theaterstück «biedermanns.umgezogen», eine Satire auf die Islamdebatte, am Luzerner Theater uraufgeführt. «Beim Schreiben sagte ich mir immer wieder: Nur den Propheten nicht beleidigen! Ich fand das eine scheussliche Erfahrung», erinnert sich Widmer. «Nun wird das Stück in Deutschland nachgespielt. Mal schauen, wie’s kommt.»

Wie soll die Satire mit dem Islam umgehen, gibt es da ein No-Go? «Jetzt wird überall empfohlen, aus Rücksicht auf unsere muslimischen Mitmenschen in Sachen Satire zurückhaltend zu sein», sagt Widmer. «Ich finde dies diskriminierend. Indirekt sagt man damit: Die sind halt noch nicht so weit wie der Rest der Gesellschaft. – Ich werde täglich in meinen Gefühlen als Mensch verletzt und in meiner Intelligenz beleidigt. Greife ich darum zur Waffe?»

Religion nicht zum Selbstzweck lächerlich machen
Gibt es beim Satireblatt Nebelspalter Regeln, wann ein Thema zur Zielscheibe werden darf und wann nicht? Chefredaktor Marco Ratschiller dazu: «Da bei uns rund 70 Prozent des Heftinhalts auf einem Einsende-Wettbewerb basiert, läuft es grösstenteils umgekehrt: Die Redaktion stellt aus den vorhandenen Vorschlägen zusammen.» –Was ist für den Nebelspalter Satire? «Wer sich an aktuell diskutierte Ereignisse oder zuvor an ausgeschriebene Themenschwerpunkte hält – und dabei den in der Schweiz üblichen gesetzlichen Rahmen achtet – zeichnet oder schreibt im Sinne des Nebelspalter-Satireverständnisses», sagt Ratschiller.

1998 hat der Nebelspalter eine Karikatur in der bereits gedruckten Ausgabe überklebt, die im Zusammenhang mit der Diskussion über die nachrichtenlosen Vermögen aus der Nazi-Zeit eine Helvetia zeigte, die von einer Person mit klischeehaftem jüdischen Aussehen ausgepresst wurde. Die Entscheidung fiel nach einer Aussprache mit jüdischen Organisationen in der Schweiz. Dieser Vorfall passierte vor Ratschillers Zeit als Chefredaktor. Die Abläufe könne er daher nicht im Detail rekonstruieren, sagt er. «Unter dem aktuellen Eindruck der Ereignisse um Charlie Hebdo in Paris, im Zuge derer Millionen für die Meinungsfreiheit und das Recht, auch Mohammed zu beleidigen, auf die Strasse gingen, wäre aber sicher eine Diskussion spannend, wie weit man mit jüdischen Stereotypen einen anderen Umgang pflegt als mit anderen Satirezielen», sagt Ratschiller.

Setzt die Nebelspalter-Redaktion der Satire Grenzen, wenn beispielsweise Bevölkerungsminderheiten, religiöse Gefühle, die Integrität von Personen oder Lebensanschauungen tangiert werden könnten? «Religiöse Glaubensinhalte und -symbole dürfen nicht zum Selbstzweck lächerlich gemacht oder verunglimpft werden. Das ist die einzige klare Vorgabe, die mir der Verleger – ganz in der Tradition des Titels – an meinem ersten Arbeitstag mit auf den Weg gegeben hat», sagt Ratschiller. «Wo Religion oder ihre Exponenten aktuelle gesellschaftspolitische Diskussionen prägen, schauen wir aber sehr wohl genauer hin.»

Humor macht die Macht zur Mücke
Der Walliser Staatsrat und SVP-Nationalrat Oskar Freysinger hat sich mit Satire schon die Finger verbrannt. Bei der Bundesratskandidatur von Toni Bortoluzzi am SVP-Parteitag 2002 reimte er im Spottgedicht «Dornwittchen im Zwergenland» auf seinen Parteikollegen: «Und die Moral von der Geschicht: Dornwittchens klitzekleines Fuzzi ist wohl zu eng für Bortoluzzi!» Darauf verlor Freysinger das Kantonalpräsidium der SVP Unterwallis. Ein Gedicht mit Wortspielen über Kanaken, Kacke und Kakerlaken 2008 in der Pendlerzeitung «.ch» trug ihm seitens der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus den Vorwurf des Rassismus ein. Der nationalkonservative Politiker und Possenreisser meint heute: «Wie Tucholsky schon sagte : Die Satire darf alles. Aber die Satire ist nur gelungen, wenn sie nicht hasserfüllt ist, wenn man spürt, dass der Autor eine gewisse Sympathie für die Person empfindet, über die er sich lustig macht.» Persönlich verzichte er darauf, das Leiden und den Schmerz seiner Mitmenschen ironisch zu kommentieren. Da gebe es für ihn eine Grenze, sagt Freysinger. «Humor macht die Macht zur Mücke», glaubt der gelernte Mittelschullehrer.

Satire darf sich etwas mehr erlauben
Der Kabarettist Massimo Rocchi, die Kabarettistin Birgitt Steinegger, der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät und die Komiker Viktor Giacobbo und Mike Müller wurden wegen Witzeleien mit ethnischen Anspielungen des Verstosses gegen die Antirassismus-Strafnorm bezichtigt. Alles Bagatellfälle, wie sich herausstellte. Niemand wurde verurteilt. Der Medienjurist und Direktor der Schweizerischen Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris, Philip Kübler, sieht Handlungsbedarf. Er kritisiert die Antirassimus-Strafnorm, weil sie keine «explizite Ausnahme für Satire und Kunst» enthält. Rassismus und Blasphemie, die manchmal sehr nahe beieinander lägen, seien gesetzlich klar definiert, sagt Kübler. Im Zusammenhang mit der Kulturfreiheit, worunter beispielsweise die Satire gehöre, sei der Spielraum aus rechtlicher Sicht sehr gross. «Die Rechtsprechung muss in punkto Rassismus und Blasphemie sehr flexibel sein. Die Satire ist eine Kunstform und darf sich etwas mehr erlauben, vorausgesetzt sie bleibt im humoristisch-kulturellen Rahmen», sagt Kübler. «Heikel wird es, wenn sie diesen Kontext verlässt.»

Karikaturisten sind in der arabischen Welt zahlreich
Reaktionen auf Satire gegen den Islam und seine fundamentalistische Auslegung erwecken den Eindruck, dass es sich hier um eine völlig humorlose Welt handelt. Das täuscht. Reinhard Schulze, Direktor am Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Universität Bern, sagt: «Die Menschen, die in islamischer Umgebungen leben, sind nicht weniger für Satire zugänglich als in Europa. Dies zeigen die zahllosen Karikaturen, die in arabischen, persischen oder türkischen Zeitungen zur Veröffentlichung gelangen. Im Stil unterscheiden sie sich kaum von den Karikaturen, die in westlichen Medien publiziert werden.» Es gebe zahllose berühmte arabische Karikaturisten, die vor allem als politische Karikaturisten bekannt seien. Satire spiele auch eine grosse Rolle im Theater und im Fernsehen, vor allem in Ägypten. «Die gesellschaftskritische und politische Satire hat grosse Konjunktur und unterscheidet sich nur insofern von der westlichen Satire, als das Vorverständnis des Publikums, das ja zum Verstehen der Satire wichtig ist, logischerweise ein anderes ist», sagt der Professor. Die Satire greife bisweilen feinsinnig auch islamische Themen auf, da brauche es dann noch mehr Hintergrundwissen, um diese zu verstehen. Klarer sei es, wenn die Satire die Ultrareligiösen und Dschihadisten aufs Korn nehme, sagt Schulze.

Satire zur Sache und nicht gegen Symbole
In einem kürzlich in einer libanesischen Zeitung erschienenen Comic, der den Dschihad verulkt, besteigt ein Kämpfer ein Taxi. Im Wagen plärrt das Radio. «Ausmachen!», befiehlt der Dschihadist. «Zu Mohammeds Zeiten gabs kein Radio.» Der Taxifahrer gehorcht. Nach einer Weile stellt er die Klimaanlage im Auto ab. «Was soll das», fragt der Dschihadist. «Zu Mohammeds Zeiten gabs keine Klimaanlagen», sagt der Taxifahrer. «Hm», erwidert der Dschihadist und holt sein Handy hervor. Der Taxifahrer greift nach hinten und wirft das Handy aus dem Fenster. «Verdammter Idiot», brüllt der Dschihadist, und der Taxifahrer sagt ruhig: «Zu Mohammeds Zeiten gabs keine Handys.» Der Dschihadist bekommt einen Wutanfall, der Taxifahrer stoppt brüsk, steigt aus, öffnet die hintere Wagentüre und wirft den Dschihadisten aus dem Auto in den Wüstensand, mit den Worten: «Zu Mohammeds Zeiten gabs keine Taxis. Warte gefälligst hier bis das nächste Kamel kommt!»

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