Mit gemischten Gefühlen auf Reisen

Carmen Epp
Carmen Epp, 17. Mai 2015, 20:19

Bisher hatte ich nur Verachtung übrig, wenn ich las, wohin meine Journi-Kollegen jeweils gratis und franko verreist waren, um mit einer Reisereportage für ihr Blatt zurückzukehren. Nun mache ich es selber – und weiss nicht, ob ich mich auf die Pressereise nach Estland freuen oder dafür schämen soll.

Als Redaktorin der «Tierwelt» bin ich unter anderem für das Ressort «Reisen» verantwortlich. Einmal im Monat stellen wir in dieser Rubrik eine Reportage aus einem für unsere Leser interessanten Reisegebiet vor. Aus Ländern also, die Tier- und Naturliebhabern etwas zu bieten haben. Dafür greifen wir auf Angebote von Reisejournalisten zurück, die uns ihre Reportagen anbieten. Oder aber die «Tierwelt»-Redaktoren gehen selbst auf Reisen.

Nun bin ich an der Reihe: Ich fliege heute für vier Tage nach Estland. Nach einer Nacht in Tallinn gehts in Begleitung einer Reiseleiterin in einen Nationalpark an der Westküste des Landes, wo sich gerade massenhaft Zugvögel beobachten lassen. Tags darauf gehts in den Osten des Landes zur nächtlichen Bärenbeobachtung. Am letzten Tag folgt Entspannung auf einem Gutshof nahe Tallinn, bis der Flug via Helsinki zurück nach Zürich wartet.

Anders als bei Ferieneisen, trete ich diese mit gemischten Gefühlen an. Zum Einen freue ich mich riesig auf das Baltikum – ein Gebiet, das ich nach zwei privaten Finnlandreisen schon lange im Visier hatte. Wenn da nicht der fade Beigeschmack wäre: Habe ich meine Ferien in fernen Ländern bisher aus der eigenen Tasche finanziert, reise ich dieses Mal nicht auf meine Kosten. Bezahlt wird die Reise von der Tourismusorganisation Estlands. Die dürfte allein für Flug und drei Übernachtungen geschätzt um die 700 Franken aufwenden; was die Reisebegleitung für die vier Tage kostet, weiss ich nicht. Dafür kriege ich vom Verlag zwei Arbeitstage bezahlt.

Ich lasse mich also kaufen von einer Tourismusorganisation, damit ich den «Tierwelt»-LesernEstland schmackhaft mache. Der Gedanke wird mich auf der Reise und darüber hinaus unangenehm begleiten. Während das Teufelchen auf der linken Schulter mir Verrat am Beruf und Käuflichkeit vorwirft, versucht mich das Engelchen auf der linken zu besänftigen: «Du schreibst nur, was Du wirklich erlebst und ermöglichst den Lesern damit einen unverstellten Blick in ein Land, das ihnen bisher wahrscheinlich unbekannt blieb.»

Das Gewissen beruhigt ausserdem, dass ich auf dem Anmeldeformular die Frage, ob ich die Hotels namentlich erwähnen werde, mit einem dicken, fetten «Nein» beantwortet habe. Was unsere Leser interessiert, sind nicht die Hotelanlagen oder das kulinarische Angebot, sondern die Tiere, die Landschaft und die Natur. Und die können mich nicht bestechen; sie sind oder sie sind nicht. So werde ich auch mit einem kritischen Blick durch Estland reisen. Wie wird mit der Natur in Estland umgegangen? Und was mich vor allem interessiert: Wie authentisch ist die Bärenbeobachtung im Osten des Landes, wo damit geworben wird, dass die Sichtung eines Braunbären sehr wahrscheinlich ist? Ausserdem werde ich im Text für Transparenz sorgen und erwähnen, unter welchen Umständen die Reise zustande kam: «mit freundlicher Unterstützung von XY». Ausserdem wird mich mein Freund auf der Reise begleiten und dabei die vollen Kosten übernehmen, die wir dann zu zweit tragen. So ganz kostenlos ist der Spass für mich also doch nicht.

Insofern – so rede ich mir zumindest ein – dürfte sich meine Pressereise durchaus von jenen unterscheiden, die ich einst so argwöhnisch beäugt habe. Wenn beispielsweise Lokaljournalisten nach Miami reisen, um dann in ihrem Blatt vom bezahlten Hotel und dem gesponserten Essen zu schwärmen. Oder sich vom Autohersteller X zur Vorstellung des Modells Y nach Cannes einladen lassen, um dann über die PS und das Design der Neuheit zu schreiben. In diesen Fällen erschliesst sich mir die Relevanz der Reisereportagen für die Leserschaft nur schwer. Wenigstens in diesem Punkt kann ich ohne schlechtes Gewissen behaupten: Egal, von wem sie bezahlt wird, meine Reise zu Vögeln, Bären, Elchen und Bibern in Estland dürfte die «Tierwelt»-Leserschaft interessieren. Und darüber zumindest freue ich mich aufrichtig.

Carmen Epp

Redaktorin «Tierwelt» und Kolumnistin Medienwoche

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Leserbeiträge


  1. Angelo Scudeletti, 18. Mai 2015, 10:28

    Wenn Journalistinnen markwaldern, sollen sie es tun - aber bitte ohne peinliche Rechtfertigungen. image description

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  2. Felix Hürlimann, 18. Mai 2015, 13:41

    Pressereisen sind PR-Journalismus
    Wenn sie ein schlechtes Gewissen haben, dann sollten sie so konsequent sein und auf Pressereisen verzichten. Es steht ihnen frei, eine Reise selber zusammenzustellen und auf ihre oder den Kosten der Redaktion loszuziehen. So können sie frei und unabhängig berichten.
    Stehen sie zu ihrem Standpunkt und verzichten sie bitte auf solche peinlichen Rechtfertigungen. image description

    Antworten...


  3. Grüter Roland, 18. Mai 2015, 16:29

    Guten Tag Frau Epp

    Vorschlag: Lesen Sie mal "Uffkotte, gekaufte Journalisten".
    Grüsse image description

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  4. etienne bürdel, 21. Mai 2015, 17:04

    Bei den Pressereisen scheitert es bereits beim Agenda-Setting - wenn Journalisten nur über etwas berichten, weil sie es angeboten bekommen, stimmt schon etwas nicht. Eine Rechtfertigung für die Berichterstattung bringt dann auch nicht mehr viel. image description

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