Tote Flüchtlinge oder FC Aarau?

Antonio Fumagalli
Antonio Fumagalli, 15. Juni 2015, 12:16

Wovon soll sich ein Blattmacher leiten lassen, wenn er die Frontseite der Zeitung gestaltet? Bei einer Regionalzeitung mit nationalem Anspruch ist diese Frage besonders heikel. Unser Kolumnist schildert das Dilemma anhand eines aktuellen Falles: Todesdrama im Mittelmeer oder Abstiegskandidat FC Aarau?

Vor ein paar Wochen hatte ich Sonntagsdienst. Es war der Tag, an dem sich das bisher folgenschwerste Flüchtlingsdrama im Mittelmeer ereignete. Bis zu 900 Menschen kamen ums Leben, die genaue Zahl wird nie jemand wissen. Es war aber auch der Tag, der im Falle einer Niederlage in Vaduz den Abstieg des FC Aarau besiegelt hätte. Im Verlauf des Nachmittags, als sich das Ausmass der Katastrophe immer deutlicher abzeichnete, der kapitale Match in Liechtenstein aber noch nicht mal angepfiffen war, musste sich der Blattmacher der Aargauer Zeitung / «az Nordwestschweiz» eine heikle Frage stellen: Mit welchem der beiden Themen soll man auf der Frontseite aufmachen, welches soll man kommentieren?

Es ist ein Fall, der schwarz-weiss nicht ist. Doch es ist einer, der ein stetig wiederkehrendes Dilemma einer Regionalzeitung mit nationalem Anspruch exemplarisch aufzeigt. Wovon soll sich ein Zeitungsmacher in seinen Entscheidungen leiten lassen? In erster Linie natürlich davon, was seine Konsumenten interessiert. Untersuchungen, etwa die Leserforschung mit der Reader-Scan-Methode, zeigen, dass ein Artikel markant häufiger gelesen wird, wenn sich der Leser persönlich betroffen fühlt. Journalisten können dabei alleine durch die Erzählform und insbesondere die Titelsetzung schon viel herausholen.

Aber natürlich nicht alles. Der FC Aarau dürfte vielen Aargauer Lesern – so gefühlskalt sich das anhört – emotional näher liegen als Flüchtlinge, die einen elenden Tod finden. Kaum ein Thema ist so von persönlicher Abstumpfung gefährdet wie die menschlichen Tragödien, die sich in regelmässigen Abständen im Mittelmeer ereignen. Die 50 Somalier, die in den Fluten ertranken, sind die gleiche Anzahl Personen, wie gestern Abend rund um uns in der vollgestopften Gartenbeiz sassen. Also ziemlich viele. Die 250 Syrer, von denen nur ein paar Dutzend gerettet werden konnten, sind die gleich grosse Gruppe, die beim letzten Konzert im Kulturlokal eine einmalige Stimmung herbeizauberte. In den Nachrichten jedoch finden die toten Flüchtlinge nur dann ernsthafte Beachtung, wenn ein neuer Höchstwert vermeldet wird oder wenn sich auf der Überfahrt bisher unbekannte Schicksale ereignen («Muslime werfen Christen über Bord»). Dann spielt der Sensationsfaktor, der beim Publikum das Interesse weckt.

Also auf den FC Aarau setzen? Nein. Denn die Leser erwarten von der Zeitung nicht nur das, was ihnen persönlich nahe geht. Sie erwarten auch eine Einordnung gemäss bekannten Relevanzkriterien. Dass auf dieser Ebene das Pendel zu den Flüchtlingen ausschlägt, leuchtet ein. Bezeichnenderweise hat sich bei uns noch nie ein Leser darüber beklagt, dass die Zeitung zu seriös sei. Das Gegenteil ist hingegen immer wieder der Fall. Fairerweise muss aber auch gesagt sein, dass die Ausgangslage für ein Printmedium wie die «az Nordwestschweiz», die eine Abonnentenquote von über 99 Prozent aufweist, eine bedeutend andere ist als diejenige einer Publikation, die sich wöchentlich oder gar täglich am Kiosk behaupten muss. Und: Leser, die in ihrer Zeitung über einen längeren Zeitraum nicht mehr das finden, was sie suchen, bestellen das Abo gleich ganz ab – und kehren womöglich nie mehr zurück.

Der Rückschluss, dass das Schicksal von verunglückten Migranten nun bei jedem neuen Fall auf der Frontseite erwähnt sein sollte, wäre falsch. Siehe Abstumpfung, siehe Leserinteresse, siehe Abokündigungen. Die Losung, die unser Chefredaktor in umstrittenen Fällen herausgibt, ist aber nicht falsch: Im Zweifel für die Relevanz.

Übrigens: Der FC Aarau hat damals das Spiel gegen Vaduz gewonnen und damit den Kopf nochmals, allerdings nur vorübergehend, aus der Schlinge ziehen können. Die Sportgötter können von Zeit zu Zeit auch die Freunde der Blattmacher sein.

Antonio Fumagalli

Inlandredaktor bei der Aargauer–Zeitung/«Die Nordwestschweiz»

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Leserbeiträge


  1. Gwunderfitz, 15. Juni 2015, 16:10

    Relevanz in Ehren, aber ich bin sicher, dass ein Beitrag über den FC Aarau besser gelesen worden wäre. Daran muss sich eine Zeitung orientieren. image description

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