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Nick Lüthi, 24. August 2015, 14:15

Weil Ringier sein Werbegeschäft mit der SRG und der Swisscom zusammenlegen will, kommt es im Verlegerverband zum Eklat: Das Zürcher Medienhaus verlässt die Branchenorganisation wegen unüberbrückbarer Differenzen in der Haltung zur SRG. Der Verband Schweizer Medien verliert damit an Gewicht, das schon vorher zu schwinden begann. Eine Chance für eine Standortbestimmung und einen Neustart.

Wie hältst du es mit der SRG? Die Gretchenfrage spaltet die Verleger. Bereits im Abstimmungskampf um das revidierte RTV-Gesetz traten deutliche Differenzen innerhalb der Branche zutage. So plädierte etwa AZ-Medien-Verleger Peter Wanner für eine Zustimmung zur neuen Medienabgabe, und auch andere Medienunternehmer hielten ein Ja zur Vorlage für vertretbar. Die meisten davon, weil sie über ihre Radio- und Fernsehbeteiligungen selbst von den Neuerungen profitieren würden. So erscheint es nicht abwegig, dass der Verband Schweizer Medien eine Annahme der Gesetzesrevision empfohlen hatte. Doch es war ein «Ja aber». Denn mit ihrer Zustimmung zu einer allgemeinen Medienabgabe anstelle der heutigen Empfangsgebühren forderten die Verleger ein kommerzielles Korsett für die SRG.

In einem vielbeachteten Essay in der NZZ forderte Pietro Supino ein Werbeverbot auf allen Kanälen und Plattformen des öffentlichen Rundfunks in der Schweiz. Der Tamedia-Präsident wiederholte damit, was Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument bereits Anfang Jahr als Losung für den Umgang mit der SRG ausgegeben hatte. Nach dem knappen Ausgang des Referendums gerann die Forderung zur zentralen Verlegerposition – obwohl sich die Verbandsmitglieder längst nicht einig waren, wie nun die Vorgänge der letzten Tage zeigen.

Ringier hält nichts von einem SRG-Werbeverbot. Im Gegenteil: Der Medien- und Unterhaltungsriese will in Zukunft sogar vom Erfolg der SRG mitprofitieren, wenn er sein Werbegeschäft mit demjenigen des öffentlichen Rundfunks zusammenlegt. Das war kein spontaner Entscheid. Die Gespräche mit SRG und Swisscom dauerten schon länger, bevor sie in konkrete Verhandlungen mündeten. So liesse sich auch das auffällige Schweigen erklären von Ringier-CEO Marc Walder zur Abstimmung um das Radio- und Fernsehgesetz: zu heikel, sich hier zu exponieren. Einzig Ende Februar äusserte sich Walder im Rahmen einer Anhörung der Medienkommission zum Service public positiv zu Kooperationsmöglichkeiten mit der SRG. Ausserdem pflegt Ringier seit jeher einen entspannteren Umgang mit der SRG und Swisscom.

Wenn nun Ringier wegen allzu enger Bindung an die SRG den Verlegerverband verlässt (verlassen muss), dann schwächt das zuerst einmal die Branchenorganisation selbst. Schon früher sind Unternehmen aus dem Verband ausgetreten. Im aktuellen Fall jedoch und unter den Vorzeichen des Medienwandels und der anstehenden Grundsatzdebatten zum heimische Mediensystem könnte der Austritt eines schwergewichtigen Mitglieds einen irreparablen Schaden verursachen.

Denn letztlich offenbart der Austritt von Ringier aus dem Verband Schweizer Medien, was in den letzten zehn Jahren immer deutlicher zutage getreten war: Die Interessen der Verbandsmitglieder driften immer weiter auseinander. Gegen aussen vertretene Verbandspositionen sind oft nur schlecht zusammengezimmerte Kompromisse, hinter denen nicht alle Mitglieder stehen und das auch offen sagen.

Das ist bei der ewigen Diskussion um einem Gesamtarbeitsvertrag für Journalisten der Fall, wo etwa eine Tamedia viel mehr Spielraum hätte und auch Verhandlungsbereitschaft zeigte, als dies mittelgrosse und kleinere Verlage imstande waren. Und auch bei der Forderung nach einem Leistungsschutzrecht klang der Verband oft entschlossener als die einzelnen Mitglieder, die den Nutzen von Google als Trafficbringer und das dräuende Bürokratiemonster sehr wohl erkannten.

Die Meinungsverschiedenheiten in zentralen Dossiers rühren daher, das die im Verband organisierten Unternehmen immer weniger Gemeinsamkeiten aufweisen. Ringier setzt als international weit verzweigtes und stark diversifiziertes Medien- und Unterhaltungsunternehmen seine medienpolitischen Prioritäten anders als die weiterhin stark vom Zeitungsgeschäft abhängigen Verleger.

Im medienpolitischen Tagesgeschäft mit der bald anstehenden Service-public-Debatte dürfte der Verband Schweizer Medien geschwächt dastehen. Das schwächt aber nicht zwingend die Anliegen der Branche. Denn längst lobbyieren die einzelnen Unternehmen auch in eigener Sache, spannen punktuell und informell zusammen, wo es für beide Seiten opportun erscheint. Aus einem ebensolchen lockeren Gesprächszusammenhang entwickelte sich übrigens das Joint Venture von Ringier, SRG und Swisscom im Werbegeschäft.

Die Zeit ohne (oder nach) Ringier wird darüber entscheiden, ob der Verlegerverband als Branchenlobby eine Zukunft hat oder nicht. Klären muss der Verband insbesondere, wessen Interessen er künftig vertreten will. Der Verlust eines Schwergewichts, ermöglichte es zu fokussieren. Das dürfte nicht ganz einfach fallen, denn auch unter den verbleibenden Mitgliedern herrschen bezüglich Branchenpolitik grosse Differenzen. Die Chancen für einen Neuanfang stünden umso besser, wenn der ewige Präsident Hanspeter Lebrument (74) in Bälde das Zepter weiterreichen könnte an eine junge Kraft, die es schafft, den Verband aus den teils festgefahrenen Positionen herauszubewegen.

Nick Lüthi
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Nick Lüthi

Leiter MEDIENWOCHE

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Leserbeiträge


  1. Ueli Custer, 24. August 2015, 15:08

    Herrschte bisher innerhalb des Verbandes an der Spitze so etwas wie ein "Gleichgewicht des Schreckens" mit den beiden annähernd gleich grossen Riesen Tamedia (Umsatz 2014: CHF 1114,5 Mio.) und Ringier (Umsatz 2014: CHF 988,5 Mio., davon CHF 721,2 Mio. im Inland), so bleibt als Grosser jetzt nur noch die Tamedia. Sie macht allein mehr Umsatz als die nächstplatzierten NZZ mit CHF 471,1, die AZ Medien mit CHF 247,7, die Somedia mit CHF 128,9 und die Basler Zeitung Medien mit CHF 55,0 zusammen. Diese vier kommen auf total 902,7 Mio. Franken. image description

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