von Nick Lüthi

Unkaputtbare Ultrakurzwelle

Bis 2024 wollen sämtliche Schweizer Radios nur noch digital senden. Die UKW-Sender könnten dann eigentlich abgeschaltet werden – wäre da nicht das Radio-Notsendernetz. Der Bund gedenkt bis über 2024 hinaus in Krisenlagen mittels UKW die Bevölkerung zu informieren; die «Auslauftechnologie» kennt vorerst kein Verfalldatum.

Bei allem Ungemach, das sich über der SRG zusammengebraut hat, dürfte eine Funktion des öffentlichen Rundfunks als weitgehend unbestritten gelten: seine Aufgabe als Informationsorgan bei Krisen und Katastrophen. Gemäss Artikel 11 der geltenden Konzession verpflichtet sich die SRG, «die notwendigen organisatorischen und technischen Massnahmen» zu treffen, «damit sie ihren Leistungsauftrag beim Radio so weit als möglich auch in Krisensituationen erfüllen» kann. Die Rolle der SRG wird mit dem Auslaufen der geltenden Konzession nach 2017 überprüft und dann bestätigt oder neu definiert. Klar ist indes, dass die Information, von wem sie auch immer kommt, auch nach 2017 über UKW gesendet wird.

Doch bereits sieben Jahre später, 2024 sollte mit analogem Radio in der Schweiz eigentlich Schluss sein. Radio gibts dannzumal nur noch via DAB+ Digitalradio, die flächendeckende UKW-Versorgung würde abgeschaltet. Darauf hat sich die schweizerische Radiobranche vor einem Jahr geeinigt. Natürlich kann ein solcher Umstieg auch erst ein paar Jahre später erfolgen, die Jahrzahl 2024 ist nicht sakrosankt, aber sicher eine deutliche Absichtsbekundung, das analoge Radio innert nützlicher Frist hinter sich lassen zu wollen.

Einigermassen quer zur Branche steht deshalb der Bevölkerungsschutz mit seinem Krisenfunk. Der Übergang zu Digitalradio ist hier noch nicht vorgesehen: «Zurzeit ist tatsächlich UKW als Übertragungstechnologie festgelegt – und wird dies auch noch auf Jahre hinaus bleiben.» Pascal Aebischer, Sprecher des Bundesamts für Bevölkerungsschutz, ergänzt aber: «Gleichzeitig beginnen wir jetzt aber mit der Planung für die Zukunft das nächste Jahrzehnt, damit ein notwendiger Technologiewechsel nicht verpasst wird.» Unverbindlicher könnte man das nicht formulieren. Wobei eines klar ist: Hier wartet noch viel Arbeit und Bürokratie, bevor auch der Krisensender digital funkt.

Nun gibt es gute Gründe, warum das so ist und der Bevölkerungsschutz ein langsameres Tempo anschlägt auf dem Weg in die Radiozukunft. Die digitale Radiotechnologie erbringt nämlich noch nicht nicht die gewünschte Leistung für die erhöhten Anforderungen an einen Krisensender. Damit das Signal bis in die Schutzräume vordringt, die sich oft unterirdisch befinden, braucht es UKW. Fachleute im Bundesamt für Kommunikation nennen das als einen Grund, warum heute sicher nicht digital gesendet werden könnte auf der Krisenfrequenz.

Kommt dazu, dass die geheimen Sendeanlagen erst kürzlich komplett erneuert wurden. Seit einem Jahr befindet sich das System in voller Betriebstauglichkeit. Während rundum im Land digitale Radiosender aufgebaut wurden, hat der Bund in der ganzen Schweiz neue, leistungsstarke UKW-Anlagen erstellt. Der Entscheid dafür fiel 2009, als noch nicht absehbar war, dass sich die Branche fünf Jahre später auf einen ambitionierten Abschaltfahrplan einigen würde.

Beim Bundesamt für Kommunikation hält man es für sinnvoll, dass sich die verschiedenen Parteien bereits heute Gedanken zu einer künftigen Krisenkommunikation machen. Das sei in der Vergangenheit nicht immer so gewesen. Ausserdem gebe es gute Gründe, warum das Migrationszenardio der Branche und die Zukunft des Krisenfunks getrennt behandelt würden. Den Vorwurf der «Digitalisierungsbremse» hört man deshalb beim Bund nicht gerne, auch wenn es eine Tatsache ist, dass nach heutigem Stand der Krisenfunk mindestens drei Jahre über den branchenweiten Abschalttermin hinaus über UKW gesendet werden soll.

Das hat auch für den Gerätemarkt und das Publikum Konsequenzen. Wer seinen alten UKW-Empfänger entsorgen und mit einem digitalen ersetzen möchte, muss darauf achten, dass dsa neue Gerät weiterhin auch UKW empfängt. Wer ein reines DAB+-Radio erwirbt, ist vom Krisenfunk abgeschnitten, erst recht in Schutzanlagen, wohin das digitale Signal nicht durchdringt.

Asynchrone Entwicklungsstränge gehören im Technologiewandel zur Tagesordnung. Im vorliegenden Fall gehen Markt und Regulierung nicht im Gleichschritt, die Behörden bremsen, die Branche geht voran. In der Praxis ist indes kaum mit Komplikationen zu rechnen. UKW-Empfänger gelten völlig zurecht als unkaputtbar. Solange ein vernünftiger Ton rauskommt, bleiben die Radio noch Jahrzehnte funktionstüchtig und in vielen Schutzräumen stehen seit je Geräte bereit als Teil der Notausrüstung.

Grundsätzlich erweisen sich aber zweideutige Signale als heikel für den Übergang zu DAB+. Der nun zwei Jahrzehnte andauernde Prozess von UKW zu Digitalradio ist denn auch stark geprägt von Rückschlägen und Rückschritten – neben denn paar wichtigen und wegweisenden Richtungsentscheiden. Derzeit steht DAB wieder einmal im Gegenwind. So hat Schwedens Regierung jüngst einen Marschhalt verordnet beim Umstieg auf Digitalradio. Unter anderem mit dem Argument, Radio müsse im Krisenfall alle erreichen – was nur mit UKW zu bewältigen sei. Im Nachbarland Norwegen, das als Musterschüler in Sachen Radiodigitalisierung gilt und wo per 2017 der Übergang stattfinden soll, rebelliert die Provinz Finnmark. Das Regionalparlament fordert einstimmig einen Stop der Migration bis die Polarregion anständig versorgt sei mit DAB-Radio. Die Regierung hat umgehend Besserung versprochen, hält aber klar am Abschalttermin für UKW per 2017 fest.

Damit solche Momente des Zweifels die Radionutzer nicht verunsichern, gelte es den Mehrwert des Neuen zu betonen. «Deshalb steht das Aufschalten von neuen Sendern im Zentrum der Kommunikation und nicht das Abschalten einer alten Technologie,» sagte Privatradiopräsident Jürg Bachmann 2013 in einem MEDIENWOCHE-Interview.

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