Der Ausbau vor dem Abbau

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Nick Lüthi, 12. Oktober 2015, 12:24

Ohne Abstriche am Programm lasse sich das aktuelle Sparprogramm nicht umsetzen, teilte die SRG Anfang Woche mit, das Publikum werde Sendungen «vermissen». Befürchtungen eines Substanzverlusts sind indes unbegründet. Gemessen an den vielen Neulancierungen wird sich der zu erwartende Abbau im nicht wahrnehmbaren Bereich bewegen.

Ein Programmangebot ist kein starrer Zustand. Sendungen kommen und verschwinden wieder. Dauernd. Nur ganz wenige halten sich über Jahrzehnte und machen so in der öffentlichen Wahrnehmung die Identität eines Senders aus. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Darunter finden sich Dutzende von Sendungen, wie ein Blick auf das aktuelle Programmraster zeigt. Von A wie «Achtung, fertig, Werbung!» bis Z wie «Zambo» reicht in diesem Jahr die Programmpalette von SRF zwei. Wie dynamisch sich die Sendungslandschaft bewegt, zeigen die aktuellen Neulancierungen. Allein in den letzten drei Wochen wurden mindestens fünf neue Sendungen in die Programme von Schweizer Radio und Fernsehen SRF aufgenommen.

  • «Gadget box», 22. September: Eine Dauerwerbesendung massgeschneidert für die Bedürfnisse von Sponsor Microspot. Prädikat: Service-public-unwürdig. Alles dazu in diesem Artikel.
  • «#SRFGlobal», 22. September: Eine jahrelange Leidensgeschichte findet ihr Ende: Das Schweizer Fernsehen hat endlich ein Auslandmagazin! Mit sehr schlanken Strukturen zeigt die Sendung, wie Nachrichtenfernsehen in Zukunft noch stärker auf billige Alltagstechnologie und die Persönlichkeit der Journalistinnen und Moderatoren setzen muss. Hier versuchen Experten die Welt verständlich zu machen.
  • «Nigelnagelneu», 25. September: Ein klassisches Umbau- und Heimwerkerformat, hinlänglich bekannt und seit Jahren mehr oder weniger erfolgreich in allen privaten und öffentlich-rechtlichen Varianten durchgespielt, kommt SRF mit einer Neuauflage. Mittelmässig originell, aber gut vermarktbar, diesmal mit Ikea.
  • «Roiber und Poli», 2. Oktober: Ein Kurzepisodenformat für das Web mit einer durchgeknallten Story um eine mittelständische Räuber-Familie, erzählt von der verstorbenen Tochter aus dem Jenseits – eine Perle mit Kultpotenzial. Und dazu erst noch kostengünstig produziert. So geht Service-public 2.0.
  • «Äthersachen», 7. Oktober: Ein neues Hörspielmagazin. Im Anschluss an eine Hörspielausstrahlung diskutieren Autorinnen und Regisseure mit weiteren Fachleuten über das Gehörte, bei Bedarf ergänzt mit Archiv-Einspielern. Geplant sind sechs Ausgaben pro Jahr.

Dass sind alles keine Strassenfeger, aber dennoch wichtige Mosaiksteinchen für ein Programm, das ein möglichst breites Publikum erreichen will. Den neu lancierten Formaten haben etwas gemeinsam: Sie wurden entweder mit bescheidenem Aufwand realisiert oder finanzieren sich mit kreativem Sponsoring. Als kommerzielle Leichtgewichte bieten sie aber nur beschränktes Sparpotenzial. Einsparungen in diesem Bereich fallen kaum auf, weil eine Sendung genauso gut aus programmlichen und nicht allein aus Spargründen aus dem Programm verschwinden könnte. Die Gleichung «Je teurer die Produktion, desto mehr Zuschauer» gilt beim Fernsehen immer noch ausgeprägter bei anderen Mediengattungen.

So richtig teuer ist eine Serie wie der «Bestatter». Ein solches Format dürfte daher nicht so schnell wieder auf die heimischen Bildschirme kommen. Bis zum jüngsten Anlauf mit einer selbst produzierten Serie hat es auch fast zehn Jahre gedauert seit dem Ende von «Lüthi & Blanc». Und so dauert es nun wohl weitere zehn Jahre, bis die nächste grosse Kiste fällig wird. Mit Verzicht spart man auch. Doch nun geht es offenbar nicht mehr allein damit und mit kosmetischen Schnippeleien. Oder anders: Wenn die SRG 40 Millionen Franken sparen könnte, ohne das Programm anzutasten, hätte sie in der Vergangenheit unwirtschaftlich gearbeitet.

Wenn es das Publikum bemerken sollte, wo die SRG etwas abzwackt, dann vor allem darum, weil die private Konkurrenz ausführlich darüber berichten wird. Bis ein Abbau weitherum spürbar würde, verfügt die SRG aber noch über ausreichend Programmsubstanz. Umso mehr, wenn vor dem Abbau noch flott ausgebaut wurde.

Nick Lüthi
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Nick Lüthi

Leiter MEDIENWOCHE

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