Kalkulierte Provokation

Nik NIethammer
Nik Niethammer, 16. November 2015, 10:43

Wer sich öffentlich äussert, gerät schnell in die Versuchung, Halbgares weiterzutwittern, irgendetwas Unbestätigtes zu liken und so die Spekulationsmaschine auf Hochtouren zu bringen. Davor sind auch Medienschaffende nicht gefeit. Es wird aber kein Essen besser, wenn dir alle ihren Senf auf den Teller spucken. Beobachtungen nach dem Tod von Helmut Schmidt und den Anschlägen von Paris.

Die Nachricht vom Tod des Jahrhundertpolitikers Helmut Schmidt war keine Stunde alt, als sich die deutsche CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach zu Worte meldete. «Wir können nicht mehr Ausländer verdauen, das gibt Mord und Totschlag» – dieses Zitat Schmidts aus dem Jahr 1981 verbreitete Steinbach auf Twitter. Und versuchte mit einem 34 Jahre alten Spruch eines eben Verstorbenen Stimmung zu machen gegen die Flüchtlinge in Deutschland. Der Tweet wurde hundertfach geteilt; eine Welle der Empörung schwappte durchs Netz und gipfelte in Kommentaren wie diesem: «Einfach nur geschmack- und pietätlos, was aus dem Hirn einer kotzhässlichen Nazi-Tochter da entfleucht. Geh in den Wald, friss Zyankali, du asoziales Stück Dreck».

Während ich diese Zeilen schreibe, treffen immer neue Meldungen aus Paris ein. Barak Obama spricht von einem «Anschlag auf die Menschheit», Angela Merkel sagt sichtlich bewegt «wir weinen mit ihnen». Ich bin geschockt, traurig über diesen erbärmlichen Anschlag, der uns alle zum Ziel hatte, unsere Werte, unsere Freiheit, die Art, wie wir leben. Ich versuche zu verstehen, was passiert ist, steure immer neue Newsseiten an, lese Liveticker, stelle gleichzeitig das Radio an und CNN – ein Reflex aus der Golfkriegszeit.

Wer sich hilflos fühlt, sehnt sich nach Informationen. Informationen sind die wichtigste Nahrung gegen Unsicherheit. Ich sehne mich nach jemandem, der mir erklärt, was das zu bedeuten hat. Der keine Spekulationen liefert, sondern Fakten. Der vielleicht auch einmal sagt: «Wir wissen nichts Neues. Aber wenn wir etwas Neues wissen, teilen wir es mit Dir. Genau hier.»

Während ich also fassungslos dem Nachrichtenstrom folge, nutzen Wirrköpfe und Scharfmacher die Anschläge für ihre rechten Parolen: «Ich schätze mal, der Terror von Paris wird auch unsere Debatten über offene Grenzen und einer Viertelmillion unregistrierter junger islamischer Männer im Lande in eine ganz neue frische Richtung bewegen», schreibt «Welt»-Autor Matthias Matussek auf Facebook. Und beendet seinen Kommentar mit einem lachenden Smiley.

Und Roger Liebi, Präsident der SVP Stadt Zürich, twittert: «Schlimm, dass man zugelassen hat, dass sich die islamische Brut in unserer Gesellschaft ausbreiten konnte. Wer warnte, wurde verunglimpft.» Die Reaktion folgt postwendend: «Ich verunglimpfe jetzt auch mal ganz direkt, ohne meine sonst übliche sarkastische Zurückhaltung: ARSCHLOCH», schreibt eine Userin.

Was haben Steinbach, Matussek und Liebi gemeinsam? Sie wissen genau, was sie tun. Sie missbrauchen tragische Ereignisse für ihre eigenen Zwecke. Sie zündeln, provozieren und vertrauen auf den Empörungsreflex. Sie halten uns ein Stöckchen hin – und wir alle springen. Der Aufschrei ist gewollt, der Erregungssturm kalkuliert.

Steinbach, Matussek und Liebi können das aushalten. Erst durch die Vervielfältigung in den sozialen Medien, erst durch die zahlreichen Kommentare, katapultieren sie sich ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Steinbachs Entgleisungen wurden von FAZ.de, Spiegel online und zahlreichen weiteren News-Seiten aufgegriffen.

Was also tun? Bringen wir unsere Abscheu anders zum Ausdruck. Indem wir Dumpfbacken und Hetzer einfach nicht beachten. Ignorieren. Totschweigen. Heizen wir den Krawall nicht weiter an, lassen wir uns von Leuten wie Steinbach, Matussek und Co. nicht länger instrumentalisieren. Das ist schwierig, keine Frage. Gerade Medienschaffende tragen eine besondere Verantwortung. Sie sollten Hetzbotschaften von relevanten Meinungsäusserungen unterscheiden können und nicht selbst an der Eskalationsspirale mitdrehen. Das geschieht auch, wenn man Hetzer als solche kennzeichnet und sich von ihnen distanziert.

So meldete sich zwei Stunden nach dem Post von Matussek Jan-Eric Peters, Chefredaktor der Welt-N24-Gruppe auf Facebook: «Die zivilisierte Welt hat gerade andere Probleme als ein durchgeknalltes Posting. Aber damit das klar ist: Ich distanziere mich im Namen der ‹Welt›, die für andere Werte steht, für Freiheit und Menschlichkeit. Die Gedanken unserer Redaktion gehören den Opfern von Paris. Alles weitere intern nach dieser langen Nacht, die noch nicht zu Ende ist.» Im Fall von SVP-Mann Roger Liebi, der nach zahlreichen empörten Reaktionen seinen Twitter-Account gelöscht hat und sich in eine falsche Ecke gedrängt sah, übernehme ich das gerne gleich selbst: «Einfach mal Klappe halten.»

Nik Niethammer

Chefredaktor Elternmagazin Fritz+Fränzi. Zuvor Chefredaktor TeleZüri/Tele24, Sat.1, Schweizer Illustrierte, Radio 1.

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Leserbeiträge


  1. Peter Achten, 22. November 2015, 06:45

    Lieber Nik,
    Die Frage ist doch, muessen denn alle sofort und ueberall ihren Senf auf Facebook, Twitter, WahtsApp, WeChat etc. dazu geben....
    Best,
    Peter (Peking) image description

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