Blendle – Glücksfall und Dilemma

Nik NIethammer
Nik Niethammer, 4. Januar 2016, 12:18

Wie ich gelernt habe, Blendle zu lieben. Und warum der Online-Kiosk den Journalismus nicht allein aus der Krise führen wird. Unser Kolumnist über Blendle als Glücksfall und Dilemma.

Sie sind gelb und rot und blau und liegen übereinander gestapelt in der untersten Schublade meines alten Schuhschranks. Duzende Klarsichthüllen mit fein säuberlich herausgetrennten Zeitungsseiten.

Das war lange Zeit beinahe zwanghaft: mochte ich einen Text, wollte ich ihn behalten. Physisch. Herausragende Reportagen, brillante Interviews, kluge Meinungsstücke – ab ins Körbchen. Bedrucktes Papier, aufbewahrt für die Ewigkeit.

Nun staubt die Sammlung vor sich hin. Mein Archiv ist heute das Internet, die Klarsichthüllen heissen Twitter und Facebook. Längst nicht jeden Text, der mir gefällt, poste ich. Danke, Herr Zuckerberg, für den «Nur ich»-Button. Ich nutze das Netzwerk wie eine Pinnwand: da wird alles fest getackert, was beim Stöbern im Netz hängen bleibt: Reportagen, Longreads, Blog-Einträge, Kommentare, Analysen; eben alle Texte, die mich ansprechen, inspirieren, irritieren. Manchmal schreibe ich kurze Notizen zu einzelnen Links, hebe einen Satz hervor, der mich besonders berührt.

Seit drei Monaten wird mein tägliches Verlangen nach gutem Journalismus auf eine ganz neue Art befriedigt: jeden Morgen zwischen 7.28 Uhr und 7.48 Uhr, via Mail, hübsch aufbereitet, mundgerecht serviert.

Blendle sei dank!

Blendle ist für mich der Ort, an dem es garantiert lesenswerten wertvollen Journalismus zu entdecken gibt. Und der es einem leicht macht, dafür zu bezahlen.

Als das holländische Startup am 14. September 2015 in Deutschland an den Start ging, habe ich mich noch am selben Tag registriert. Ich habe dem digitalen Kiosk meine persönlichen Interessen mitgeteilt – Medien, Familie, Politik, Radsport und einige mehr – seither empfiehlt mir Blendle jeden Morgen sechs Lesegeschichten, sorgfältig ausgewählt und kommentiert von einer Redaktion und prominenten Kuratoren. «Es gibt Artikel, die vergisst man nie. Das hier ist so einer. Berührend und persönlich berichtet er vom Leben einer jungen Frau, die ohne Lithium wahnsinnig wird, doch mit Lithium stirbt. Unbedingt lesen.» Die Geschichte stand im Magazin NEON, und weil NEON die Geschichte nicht online gestellt hat, und ich NEON nicht abonniert habe, hätte ich diesen Text wohl nie zu lesen bekommen.

Mein Fazit nach drei Monaten Blendle: Der Online-Kiosk macht ziemlich vieles richtig. Die Auswahl an Texten aus über 100 Titeln ist beeindruckend, wenn gleich viele Zeitungen und Zeitschriften noch fehlen (in der Schweiz sind nur die NZZ und das Magazin «Reportagen» vertreten). Die Preise sind moderat, variieren für die meisten Texte zwischen 25 und 89 Cent, teurer wird’s, wenn man eine ganze Ausgabe kaufen möchte (die Süddeutsche Zeitung kostet aktuell 1.99 Euro, der STERN 2.74 Euro). Ich kaufte auf Blendle im Schnitt für 15 Euro pro Monat rund 20 hochwertige Geschichten und Denkstücke. Zugang und Bedienung sind extrem benutzerfreundlich, die Oberfläche ist aufgeräumt und schlicht gehalten. Ich kann Zeitungen und Magazine durchblättern, mit der integrierten Suchfunktion nach Stichworten oder Themen suchen, mir viel gelesene Artikel anzeigen lassen oder Menschen folgen und sehen, welche Stücke sie lesen und empfehlen. Alle Texte bleiben in meinem Archiv gespeichert – und wenn mir ein Stück nicht gefällt, krieg ich mein Geld zurück.

Die Geld-zurück-Nummer hab ich erst einmal beansprucht, nachdem ich mich bei meiner Kaufentscheidung von den Blendle-Leuten habe verführen lassen. Ein Text aus dem STERN wurde in die Stratosphäre geteasert («Super smart, super lehrreich und absolut lesenswert»), erwies sich dann aber als ziemlich lau. Einmal den Button «Erhalte Dein Geld zurück» geklickt – und die 25 Cent waren wieder auf meinem Guthaben-Konto. Coole Sache, versuchen Sie mal am Kiosk ein Magazin zurückzugeben, weil die Titelgeschichte Schrott war. Eben!

«Blendle rettet den Journalimus. Und führt die Verlagshäuser aus der Krise.» Ein steile These, die ich trotz meiner Begeisterung für Blendle nicht teile. Aus diesen Gründen:

  • Blendle wird auch auf lange Frist den Verlagen nicht die Einnahmen bringen, die bei den Abos und Werbeerlösen wegbrechen.
  • Blendle, quasi das iTunes der Medien, kann sich nur dann durchsetzen, wenn alle grossen Verlage ihre Text-Ware im Online-Kiosk anbieten.
  • Verlage werden weiterhin – wenn auch teilweise zeitverzögert – hochwertige und einzigartige Inhalte kostenlos abgeben und nicht hinter einer Bezahlschranke verstecken. Zeitungen erhoffen sich so mehr Reichweite und höhere Werbeerlöse auf ihren Portalen. Solange guter Journalismus im Netz weiterhin kostenlos ist, bleibt Blendle ein Nischenprodukt.
  • Wer Blendle regelmässig nutzt, wird immer weniger darauf achten, woher ein Artikel stammt, den er gerade gelesen hat. Die Grenzen zwischen den einzelnen Titel verschwimmen. Wenn es aber in Zukunft egal ist, wo ein grossartiger Text erschienen ist und ob in derselben Ausgabe einer Zeitung oder eines Magazins noch weitere grossartige Texte stehen, dann bedeutet das nichts weniger als das Ende der Zeitungen und Magazine in der heutigen Form.

Nik Niethammer

Chefredaktor Elternmagazin Fritz+Fränzi. Zuvor Chefredaktor TeleZüri/Tele24, Sat.1, Schweizer Illustrierte, Radio 1.

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Leserbeiträge


  1. Fred David, 4. Januar 2016, 13:58

    Interessanter Beitrag, gelesen ohne Sofort-Geld-zurück-Reflex... Vor allem der letzte Punkt: Wenn es Medien nicht gelingt, ihre "Marke" so zu pflegen, dass sie unverwechslebar sind, versinken sie im Ozean der Belanglosigkeit.

    Medien-"Markenpflege" setzt unverwechselbare Köpfe voraus, die wissen, wovon sie reden, denen man vertraut, die man nicht für bestechlich oder abhängig hält, die eine eigene Meinung nicht nur haben, sondern sie auch attraktiv zu verteidigen wissen. Medien brauchen das, was es früher nur in US-TV-Programmen gab: journalistische Ankermen- and women.

    Solche Köpfe langfristig an sich zu binden ist langwierig, teuer, nervenaufreibend und oft frustrierend - all das eben, was vigilante Medienmanager eher als Ballast empfinden.

    Aber man sieht doch Ansätze: Manche Chefredaktoren (sofern es sie überhaupt noch gibt, was nicht sicher ist, s. "Blick"-Group etc.) verstehen sich heute wieder mehr als Journalisten, weniger als Medienmanager und Sitzungsmatadore. Gut so. image description

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