Selbstzensur aus Angst vor der «Hexe»

Antonio Fumagalli
Antonio Fumagalli, 18. Januar 2016, 10:33

Unser Kolumnist absolviert derzeit ein Stage bei «El Nuevo Diario» in Nicaragua – und hat dabei Einblick in eine Medienlandschaft, die weit davon entfernt ist, die vierte Gewalt im Staat zu sein.

Ernsthaft zwar, aber nie verärgert und schon gar nicht böse – so lernte ich Orlando, einen Fotografen der nicaraguanischen Tageszeitung «El Nuevo Diario» in den ersten
Tagen meines Aufenthalts kennen. Bis an jenem Mittwoch, um 17.01 Uhr in der ehemaligen Kolonialstadt Leòn. Sein Gesicht verfinsterte sich, hastig zog er mich zur Seite. «Du hast gerade einen grossen Fehler begangen», liess er mich in typischem Nica-Spanisch, das «s» verschluckend, wissen.

Nun, was hatte ich getan? Orlando, der mich schon zweimal auf Reportage begleitet hat, wollte mir unbedingt das Dach von Leòns Kathedrale zeigen. Er selbst brauchte von dort oben ein paar Fotos für einen Artikel. Dummerweise erbaten wir exakt eine Minute nach dem Ende der offiziellen Besuchszeiten um Einlass. Also versuchte ich einen vermeintlichen Trumpf auszuspielen: Wir seien Journalisten und möchten uns für einen Artikel gerne einen kurzen Überblick verschaffen, erklärte ich dem Türsteher. Ich dachte, dass dies für einen Touristen-Hotspot wie die Kathedrale nur positiv sein kann. In der Schweiz hätte eine solche Flucht nach vorne durchaus erfolgreich sein können. Nicht so hier. Die Türe blieb verschlossen und Orlando hielt mir kurz darauf eine Standpauke. Wir könnten nur hoffen, dass am kommenden Morgen ein anderer Türsteher Dienst habe (was dann auch der Fall war), sagte er. Ansonsten kämen wir nur mit der persönlichen Genehmigung des Tourismus-Ministers auf die Kathedrale.

Ich liess mir erklären: In Nicaragua hat man als Journalist gegenüber behördlichen Stellen per se das Nachsehen. Medienschaffende sind der Regierung, die seit 2007 wieder vom einstigen Revolutionsführer Daniel Ortega angeführt wird, suspekt. Wer eine Information will, braucht einen direkten Kontakt in ein Ministerium oder muss aus den offiziellen Verlautbarungen zitieren. Eine Website mit den Ansprechpartnern, wie wir sie in der Schweiz kennen? Hier undenkbar. Entsprechend konnten es meine nicaraguanischen Redaktionskollegen fast nicht glauben, als mir das Schweizer Justizministerium innert Tagesfrist und ziemlich ausführlich schilderte, wie der Gefängnisalltag eines Auslieferungshäftlings – zu denen auch ein nicaraguanischer Fifa-Funktionär gehört – aussieht. Für eine solche Antwort hätte man mich hier wochenlang vertröstet, um die Anfrage letztlich versanden zu lassen, sagten mir die Kollegen.

Das Erstaunliche an der behördlichen Verweigerungshaltung: Ich arbeite hier für eine Zeitung, die der sandinistischen Regierung überaus freundlich gestimmt ist. Dem war allerdings nicht immer so, bis ins Jahr 2009 – Ortega war damals bereits wieder an der Macht – war die Zeitung gemäss der Schilderungen meiner Redaktionskollegen der (zerstückelten) Opposition näher. Dann übernahm eine der wichtigsten Banken des Landes, über welche die Regierung Löhne und weitere Zahlungen abwickelt, das Ruder. Die Bank ihrerseits ist in erster Linie an politischer Stabilität interessiert. Einige führende Journalisten verliessen den «Nuevo Diario» im Zuge dieser Übernahme, andere passten sich an.

Was seither abläuft, kann am besten mit «Selbstzensur» beschrieben werden: Im Wissen, dass die Chefredaktion missliebige – ergo: regierungskritische – Artikel aus dem Blatt kippt, versuchen es die Journalisten gar nicht mal erst. Ein Beispiel: Eine Redaktionskollegin vermittelte mir kürzlich den Kontakt zu einer Gesundheitsexpertin, die in den 1980er-Jahren der Revolutions-Regierung angehörte. Gleichzeitig fügte sie an, dass es sich nicht lohne, diese für ein Statement anzufragen – weil sie in der Zeitung ohnehin nicht erwähnt werden dürfe. Wie die meisten der damaligen Mitstreiter hat die Ex-Ministerin nämlich mit Ortega gebrochen und gehört nun einer Oppositionsgruppierung an. Mit diesem Schritt ist sie für unsere Zeitung zum roten Tuch geworden.

Neben der Chefredaktion und den Ressortleitern überwacht offenbar ein eigens dazu abgestellter Kadermann der Bank, dass die publizistische Ausrichtung der Zeitung nicht aus dem Ruder läuft (das «offenbar», weil ich diesen Mann noch nie gesehen habe – alle kennen ihn aber). Gefällt ihm ein Artikel nicht, ruft er am nächsten Tag an. Auch wichtige Inserenten – etwa Telekomunternehmen – werden verschont. Einige Redaktoren gehen gar davon aus, dass der «Kontrolleur» noch am Abend die wichtigsten Artikel des folgenden Tages überprüft.

Exemplarisch zeigt sich unsere Hofberichterstattung auch im Umgang mit der wohl schillernsten Frau des Landes: Firstlady Rosario Murillo, in der Bevölkerung wahlweise auch als «la bruja» (die Hexe) oder «la chayo» (Eigenwort) bekannt. Sie ist jedoch weit mehr als einfach nur die Frau des Präsidenten. Innenpolitisch gibt sie in Nicaragua den Ton an. Und sie ist mit Abstand die Kommunikativste im Lande: Jeden (!) Mittag hält sie per Telefon eine Art Pressekonferenz ab, bei der sie sich zu allen möglichen Themen äussert – von den Arbeitslosenzahlen über den Tourismusboom bis hin zum bevorstehenden Vulkanausbruch. Denn sie ist offizielle Sprecherin der Regierung (wohlgemerkt: derjenigen ihres Mannes). Entsprechend oft erscheint sie in der Zeitung. Früher hat man sie dabei schlicht als «primera dama» betitelt, doch das hat sie irgendwann geärgert. Also hat sie interveniert. Seither heisst sie bei uns «Coordinadora del Consejo de Comunicación y Ciudadanía» (so viel wie: «Koordinatorin des Kommunikations- und Bürgerrats»).

Es sind dies persönliche Einblicke in eine Medienlandschaft, die weit davon entfernt ist, ihre Rolle als vierte Gewalt im Staat wahrzunehmen. Ohnehin teilt sie sich in ein regierungsfreundliches und in ein -kritisches Lager auf – wobei Ersteres längst Überhand genommen hat. Etwas dazwischen gibts kaum. Alle TV-Kanäle bis auf zwei sind staatlich kontrolliert. Und von den grossen Printprodukten gilt nur noch «La Prensa» als regierungskritisch. Diese nimmt ihre Rolle dafür mit umso mehr Furor wahr. Nennt sie Machthaber Daniel Ortega, tut sie dies in Anlehnung auf dessen juristisch überaus umstrittene Regierungstätigkeit konsequent mit folgendem Zusatz: «el presidente inconstitucional» – «der verfassungswidrige Präsident».

Antonio Fumagalli

Inlandredaktor bei der Aargauer–Zeitung/«Die Nordwestschweiz»

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Leserbeiträge


  1. Frank Hofmann, 18. Januar 2016, 15:09

    "Primera dama"? Ich schätze, es mindestens die vierte. :-)
    Dieser Ortega ist ein ganz übler korrupter Kerl, der einiges auf dem Kerbholz hat. image description

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