SRF-Regionaljournale: «Staatssender» oder Messfehler?

René Grossenbacher
Nick Lüthi, 5. Februar 2016, 14:18

Gewähren die Regionaljournale von Schweizer Radio SRF den Akteuren aus Regierung und Verwaltung zu viel Raum in ihrem Programm? Medienforscher René Grossenbacher (Bild) hat hierzu im Auftrag des Bakom verdächtig hohe Werte ermittelt. Doch die Journalistinnen und Journalisten wehren sich: Mit Grossenbachers Methode lasse sich Behördennähe nicht messen und wenn, sei diese nicht a priori negativ zu werten.

Die Zahlen hätten das Zeug zum Skandal: In der regionalen Berichterstattung erweisen sich die Programme von Radio SRF als eigentlicher Behördenfunk, sprich: Staatssender. So könnte man die Befunde der Studie «Analyse der Radioprogramme der SRG SSR 2014 (Deutschschweiz)» lesen, die das Forschungsinstitut Publicom im Auftrag des Bundesamts für Kommunikation vorgelegt hat.

Publicom und ihr Chef René Grossenbacher haben herausgefunden, dass sämtliche sieben Regionaljournale des Deutschschweizer Radios SRF beim gemessenen Leistungsmerkmal «Behördennähe» auffällig hohe Werte aufweisen. Gemessen wurde der Anteil der exekutiven Akteure am Total der politischen Akteure. Der höchste Wert schlägt beim Regionaljournal Bern, Freiburg, Wallis zu Buche. Von zehn Informationsbeiträgen mit politischen Akteuren, kommen in deren neun Vertreter aus Regierung oder Verwaltung zu Wort.

Die geringste gemessene Behördennähe weisen die Regionaljournale für die beiden Basel, sowie für Aargau und Solothurn auf. Aber auch bei ihnen stammt immer noch mehr als jede zweite politische Stimme auf dem Sender aus Exekutive und Ämtern. So weit so schlecht.

Aber was wurde genau gemessen? Und stimmen die Zahlen überhaupt? Hierzu gehen die Meinungen zwischen Forschung und Praxis diametral auseinander. Eine Umfrage der MEDIENWOCHE bei Mitarbeitenden und Leitungspersonal verschiedener Regionaljournale ergibt einhellig das gleiche Ergebnis: absoluter Humbug. Mit der gewählten Methode könnten keine verlässlichen Aussagen zur Behördennähe der jeweiligen Programme gemacht werden, finden die Journalistinnen und Journalisten.

Sie monieren zuerst einmal den zu kleinen Beobachtungszeitraum der Forschenden. Aus den viereinhalb Stunden Sendung pro Regionaljournal könnten keine Schlüsse gezogen werden. Publicom gesteht dieses Manko insofern ein, als dass die Studie dazu festhält: Es sei «zu berücksichtigen, dass die Ergebnisse lediglich auf je ca. 4.5 Stunden Sendezeit beruhen. D.h. einzelne Beiträge und Ereignisse können diese relativ stark beeinflussen.»

Weiter kritisieren die Regionaljournale die negative Wertung der Variablen «Behördennähe». Im Forschungsbericht steht dazu: «Unter dem Aspekt des Pluralismusgebots von besonderem Interesse ist, welche politischen Akteure im Fokus stehen. Zunächst ist festzuhalten, dass die oft bei Medien zu beobachtende starke Behördennähe bei den meisten SRF-Programmen kaum festzustellen ist. Eine Ausnahme bilden die Regionaljournale, die eine ausgeprägte Tendenz zu behördennaher Berichterstattung an den Tag legen.» Ein Vorwurf, den keine Redaktion auf sich sitzen lässt.

Rolf Hieringer, in der Radio-Chefredaktion zuständig für die Regionaljournale, wehrt sich: «Behördennähe muss nicht negativ sein. Wir haben ein starkes politisches Profil und eine gewisse Informationspflicht, da lässt es sich nicht vermeiden, dass Regierung und Verwaltung eine starke Präsenz in den Programmen haben.» Der langjährige Radiojournalist illustriert das an einem Beispiel: «Wenn wir mit einem Regierungsrat ein zehnminütiges kritisches Interview führen, zählt das in der Studie als zehn Minuten Behördennähe. Mit dieser Behördennähe kann ich gut leben».

Publicom-Chef René Grossenbacher sieht die Unabhängigkeit der Berichterstattung weniger wegen ungefilterter Behördenpropaganda in Gefahr, als wegen eines zu engen Fokus auf die Agenda von Exekutive und Verwaltung: «Auch das stellt ein Risiko dar», gibt Grossenbacher zu bedenken. Radiomann Hieringer hält dagegen: «Wer politischen Journalismus macht, kommt an der Agenda von nicht vorbei.»

Zumindest in diesem Punkt werden sich Theorie und Praxis nicht finden. Dennoch halten die Radioleute die amtlich verordnete Programmforschung nicht für komplett nutzlos. So sorgten die Befunde zur Behördennähe in den Regionalredaktionen immerhin dafür, dass die eigene Berichterstattung überprüft und das Bewusstsein geschärft wurde für die Risiken behördlicher Beeinflussung. Als Schuss vor den Bug hat der Bericht seine Wirkung nicht verfehlt. Aber als Grundlage für eine fruchtbare Debatte auf der Grundlage wissenschaftlicher Befunde taugt die Radiostudie nicht.

Damit befinden sich Radio SRF und Publicom in bester Gesellschaft. Auch die Presse tut sich jeweils schwer mit der Qualitätsmessung im «Jahrbuch Qualität der Medien». Die teils drastischen Befunde und die auf den Fuss folgende Fundamentalkritik an den Forschungsmethoden zeigen hier wie dort, dass sich Forschung und Journalismus nur schlecht verstehen.

«So läuft es seit Jahrzehnten», weiss Medienforscher Grossenbacher. «Wenn die Resultate nicht genehm sind, ist die Methode falsch.» Es gebe aber auch Lichtblicke. So sei die Methode der Radiostudie seit ein paar Jahren von der SRG grundsätzlich akzeptiert, wenn auch mit Vorbehalten. Aber konkrete Verbesserungsvorschläge seien nie unterbreitet worden, weiss der Publicom-Forscher – ausser dem Wunsch nach einer grösseren Stichprobe: «Das würden wir noch so gerne machen, aber ich kann versichern, dass die Resultate sich kaum verändern würden.» Das muss bis zum Tatbeweis eine Behauptung bleiben. Publicom täte indes gut daran, in einer nächsten Untersuchung das selbst eingestandene Manko der zu kurzen Messdauer zu beheben.

Nick Lüthi
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Nick Lüthi

Leiter MEDIENWOCHE

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Leserbeiträge


  1. Christian Bernhart, 8. Februar 2016, 15:01

    Das Resultat mit dem Höchstmass an Behördenhuberei beim Regionalsender Bern, Fribourg Wallis ist so offenkundig, dass es dafür eigentlich gar keine Studien braucht. Jeder Hafenkäse, jedes Gesetzlein wird aufgetischt. Null Recherche, oder doch: sobald etwas mit Kolorit und Klischee typischer urregionaler Färbung sich abzeichnet, wird die Reporterin losgelassen. Und dann lautet bald einmal die erste Frage: Was ist das für ein Gefühl, wenn.... Ich nehme an, alles, was SRF rekrutiert, kommt oft aus den Lokalradios. Ja und dann gibt es auch noch Abgänger von der BZ Region. Doch die finden keine oder denen fehlt die Zeit, um wirklich tief zu schürfen.

    Aber was solls: Auch das Echo der Zeit hat dazu keine Zeit mehr, sondern sendet ellenlange, langweilige Interviews mit irgendwelchen Akademikern, die dann sofort zu Experten werden, oder dann hat man interne Journalisten, die als "unsere Experten" geoutet werden. image description

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