von Nadia Bellardi

Wer kommt zu Wort?

Gesellschaftliche Minderheiten, etwa Migranten, kommen in den Medien kaum vor – und wenn, dann oft stigmatisiert dargestellt. Das muss nicht so sein. In der Schweiz und in Europa gibt es zahlreiche Initiativen, die gesellschaftliche Vielfalt in den Medien sichtbar machen wollen. Staatliche, private und marktorientierte Modelle ergänzen sich.

Die öffentliche Debatte über Migration wird stark von ihrer Darstellung in den Medien beeinflusst. Den Migranten werden oft bestimmte Bilder zugeordnet und ihre Identität auf wenige Charakteristika und Lebensläufe reduziert. Laut T. A. van Dijk, Sprach- und Rassismusforscher an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona, spielen Medien eine zentrale Rolle in der Verbreitung und Annahme von rassistischen Ideologien: «Weltweite Ereignisse werden von den Medien weder passiv beschrieben noch neutral aufgenommen, sondern aktiv re-konstruiert. Im Allgemeinen unterstützen Medien eine Informationsperspektive, die normalerweise weiss, westlich, männlich und mittelschichtig ist.»

Diskriminierende und isolierende Bilder schwächen die Position von Migranten und behindern ihre Entwicklung im Migrationsland. Wenn nicht negativ oder sensationserregend, dann kommen gesellschaftliche Minderheiten in den Medien in der Regel gar nicht vor. So verschwinden diese Gruppen als Gesellschaftsakteure und Publikum. Auch im Zeitalter der sozialen Netzwerke üben Massenmedien weiterhin einen grossen Einfluss darauf aus, was die Öffentlichkeit als relevant wahrnimmt und wem sie das Recht gibt, gehört zu werden.

Gründe für die unbefriedigende Darstellung von Migranten in den Medien gibt es viele:

  • ein Mangel an Informationsquellen
  • zu wenige (Medien)Experten oder qualifizierte Auskunftspersonen mit Migrationserfahrung
  • Vorurteile und Stereotypen, die mit der Realität des Migrantenlebens wenig zu tun haben
  • wenig Berichterstattung über Themen und Schwerpunkte, die mit den Prioritäten und Standpunkten von Migranten und Migrantinnen im Einklang stehen
  • das Fehlen von Migrationsperspektiven bei Diskussionen über gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen
  • politische und kommerzielle Interessen, die einen Einfluss auf redaktionelle Entscheidungen ausüben

Auch in der Schweiz zählen Migrantinnen und Ausländer seit jeher zu den vernachlässigten Minderheiten in den Medien. 2007 stellte eine Studie der Universität Freiburg fest: «Obwohl die Schweizer Bevölkerung zu mehr als einen Fünftel aus Ausländern besteht und viele weitere ebenfalls Wurzeln im Ausland haben, fühlt sich dieser Teil der Bevölkerung in den Medien marginalisiert.» Gemäss der Studie würden Medien eine Brückenfunktion zwischen Einheimischen und Zugewanderten nicht wahrnehmen. Die wichtigste Forderung der Migranten war jene nach aktiver Partizipation in den Medien, also in der Programmgestaltung vor und hinter der Kamera.

Der Bericht des Bundesrates vom 17. Juni 2016 zur «Überprüfung der Definition und der Leistungen des Service public der SRG» scheint nun diese Empfehlungen ernst zu nehmen. So hält der Bundesrat fest: «Im Vordergrund dieser Integrations- und Identifikationsfunktion stehen aus heutiger Sicht in erster Linie drei Aspekte: der Austausch unter den schweizerischen Kulturen bzw. die Stärkung der gegenseitigen Verständigung und des nationalen Zusammenhalts, die Berücksichtigung der kommunikativen Bedürfnisse aller Generationen sowie die Integrationsbedürfnisse von Menschen mit Migrationshintergrund.»

Es fängt mit der Ausbildung an

Verschiedene Initiativen von europäischen Organisationen, darunter Medien, Behörden und NGOs, fördern seit über 15 Jahren Vielfalt und Anti-Diskriminierung in den Medien, und reflektieren über die Schwierigkeiten deren Umsetzung. So auch «Mediane». Das Gemeinschaftsprogramm von EU und Europarat hatte zum Ziel, mehr minderheitenspezifische Perspektiven in die Medien einzubringen, ohne dabei ausschliesslich über damit zusammenhängende Probleme zu sprechen. Zentral war die Empfehlung, in Nachrichten auf verschiedenartigere Informationsquellen und Experten zurückzugreifen und gleichzeitig die Ausbildung und Auswahl von Journalisten zu ändern, damit die Profile der Medienschaffenden auch an Vielfalt gewinnen.

Für Stéphane Bijoux, stellvertretendr Direktor für Informationsvielfalt von France Télévisions, wäre das eigentlich eine Selbstverständlichkeit: «Wir sind ein öffentlicher Dienst und wichtiger, als nur für Vielfalt in den Inhalten zu sorgen, sei es, die Gesellschaft in der Unternehmensstruktur zu repräsentieren.» Journalismusschulen müssen vermehrt «Studenten mit unterschiedlichen biografischen Hintergründen auswählen – einschliesslich der am stärksten benachteiligten».

Es gibt durchaus auch Erfolgsmeldungen: In der europäischen TV-Fiktion und -Unterhaltung hat die Vielfalt an Boden gewonnen – oft als kommerzielle Strategie, um relevant und in Kontakt mit den Konsumenten zu bleiben. Noch wichtiger ist es aber, das Vielfaltspostulat in den berufsethischen und beschäftigungspolitischen Leitlinien von öffentlich-rechtlichen Anstalten und Regulierungsbehörden zu verankern, basierend auf der Annahme, dass eine vielfältigere Belegschaft (Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Beeinträchtigungen) zu einer inklusiveren Medienproduktion beiträgt. Diese Strategie wäre für die SRG sicher auch sinnvoll, um ihre Leistungen im Bereich Integration zu stärken, findet der Bundesrat in seinem Service-public-Bericht: «Uvek und Bakom sollen den regelmässigen Austausch mit der SRG zu deren Integrationsbestrebungen fortsetzen. (…) Eine der grössten Herausforderungen des Service public stellt aus Sicht des Bundesrates die Erreichbarkeit des jungen Publikums dar. Er erwartet von der SRG, ihre audiovisuellen Angebote in Zukunft so auszurichten, dass sie auch beim jungen Publikum auf Resonanz stossen. Das Gleiche gilt für Menschen mit Migrationshintergrund.»

Einander kennenlernen

Andere Instrumente können durch Berufsverbände, etwa Mediengewerkschaften oder berufsständische Organisationen wie Presseräte oder Ombudsstellen realisiert werden. Bereits 2003 hatte die katalanische Journalistengewerkschaft eine «Agenda der Interkulturalität» in Barcelona herausgegeben, mit dem Ziel, Medieninhalte und Medienschaffende differenzierter darzulegen. Die Agenda enthalte Kontaktinformationen von qualifizierten Journalisten verschiedener Herkunft, die als Freelancers oder Festangestellte in der Region arbeiteten – oder arbeiten wollten. Zusätzlich wurden die Kontaktinformationen den Pressesprechern von Migrantengruppen und Organisationen angeboten, ebenso die Namen etablierter Medienschaffender, die sich für die Themen Migration und interkulturelles Leben interessierten. Zweck der Publikation war es, Vernetzungen zu erleichtern, Informationsquellen zu differenzieren und die Kommunikationsbestrebungen von Migranten ans Ziel zu bringen.

Ähnliches wird in Deutschland von den «Neuen Deutschen Medienmachern» realisiert, ein «bundesweiter unabhängiger Zusammenschluss von Medienschaffenden mit und ohne Migrationshintergrund». Ihr Projekt «Vielfaltfinder» ist eine Expertendatenbank für Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und viele andere Spezial- und Alltagsthemen. Die einzige Gemeinsamkeit der Fachleute: sie haben Migrationsgeschichte und spiegeln die Vielfalt Deutschlands wider. Das Ziel ist es, ihre Expertise und Leistung, in unterschiedlichen Ämtern und Tätigkeiten, sichtbar zu machen.

In Österreich wurde 2015 Join media gegründet, um aus Krisenregionen geflüchteten Medienschaffenden dabei zu unterstützen, ihre Arbeit wieder aufnehmen zu können. Dem Netzwerk gehören Journalistinnen und Journalisten aus Afghanistan, dem Irak, Iran, Libanon, Österreich, Pakistan und Syrien an. Laut der Webseite hat der Branchenaustausch zwischen österreichischen Redaktionen und den „Newcomer«-Journalisten bereits zu ersten Kooperationen und Workshops geführt.

Auch die Entwicklung von Richtlinien, welche die Qualität der Medienarbeit zum Thema Migration verbessern, ist eine wichtige Leistung. Die italienische Carta di Roma ist einen verbindlichen Codex für die Berichterstattung über Migrations- und Flüchtlingsthemen. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Berufsverbandes (Ordine dei Giornalisti), dem Nationalen Presseverein (Federazione Nazionale della Stampa Italiana) und der UNO-Flüchtlingsorganisation (UNHCR). Seit 2011 ist der Verein Carta di Roma Ansprechpartner für Medien, Institutionen und alle, die sich mit dem Thema Asyl und Migration medial auseinandersetzen.

Nicht zuletzt kommt es auch auf die gewählte Darstellungsform an, um ein Thema sachgerecht darzustellen. So hilft Datenjournalismus, anhand von Daten und Fakten, statt Emotionen oder subjektive Meinungen, über komplexe Phänomene zu berichten. Folgende Projekte zum Thema Asyl und Migration sind besonders spannend: The Migrant Files, Open Migration, The Big Picture.

Wichtige Rolle der Alternativradios

In der Schweiz sind Migranten und Migrantinnen seit über 30 Jahren selber aktiv in der Medienproduktion, insbesondere bei den nicht-kommerzorientierten Radios, die den konzessionsrechtlichen Auftrag haben, ein «Minderheitenprogramm» anzubieten. Solche Community-Medien, auch als dritter Mediensektor definiert, spielen eine entscheidende Rolle darin, Partizipation, Medienkompetenzen und das Vorantreiben von sozialer Inklusion zu fördern. In ihrer Rolle als freiwillige Journalistinnen, Reporter und Sendungsmacherinnen können migrationserfahrene Medienschaffende vom Objekt zum Subjekt der Berichterstattung werden, Sichtbarkeit für ihre Anliegen und Leistungen schaffen, sowie ihre eigene Darstellung (mit)bestimmen. Die Erfahrungen bei der Programmgestaltung und Organisation des Radios tragen wesentlich zur beruflichen und sozialen Integration bei. Freiwillige können sich so im Bereich Journalismus professionell weiterbilden, sich vernetzen und ihre Kompetenzen einsetzen. Die Integrationsleistungen der komplementären Radios werden wissenschaftlich anerkannt, etwa in einer Studie der Universität Zürich und auch der Bundesrat würdigt «die Leistungen der komplementären nicht kommerziellen Radios im Migrationsbereich» Sie wünsche sich eine Fortsetzung dieses Engagements, schreibt die Landeregierung im aktuellen Service-public-Bericht.

Alternativmedien sind prädestiniert, Vertreter der Minderheits- und der Mehrheitsbevölkerung sowie Fachleute in dieser Problematik miteinander zu vernetzen – eine Arbeit, die sich längerfristig auch auf die etablierten Medien auswirken wird. Einzelne Figuren, wie etwa der Berner Komiker Müsülm, ist diesen Weg bereits gegangen. Seine erste Medienerfahrung machte er beim Berner Alternativ Radio RaBe, bevor er schliesslich via Radio 105 als Late-Night-Comedian beim Schweizer Fernsehen landete. Mit Gülsha Adilji, Moderatorin und Aushängeschild vom Jugendsender Joiz, etablierte sich eine weitere Medienmacherin mit Migrationshintergrund mitten im Mainstream.

Solche Erfolgsgeschichten sind aber erst Einzelfälle. Es braucht daher weiterhin Unterstützung von interkulturellen und mehrsprachigen Projekten, welche die Inhalte von Sendungen, Artikeln oder Berichten über die «Sprachbarriere» hinweg an ein breiteres Publikum vermitteln können. Durch die Förderung der mehrsprachigen Mediengestaltung können die Erfahrungen, die Situation und der kulturelle Hintergrund der Migranten dem gesamten Publikum näher gebracht werden.

Mit Offenheit und Empathie zu mehr Vielfalt

Am International Journalism Festival in Perugia wurde in diesem Jahr auch über das kreative Potential der Vielfalt diskutiert. Wer mit Offenheit, Neugier, Empathie – und Bescheidenheit vorgeht und den eigenen Blick auf die Welt hinterfragt, kann Stimmen und Perspektiven in die Berichterstattung einbinden, welche normalerweise nicht im Vordergrund stehen.

Die Fähigkeit, «das Andere» zu erfassen, müsste Teil des grundlegenden journalistischen Denkens sein oder durch spezielle Projekte/Weiterbildung gefördert werden. Der eigene Hintergrund, die Ausbildung, die man absolviert hat, Erfahrungen, die man gemacht hat und Netzwerke, die man sich aufgebaut hat, beeinflussen die Art und Weise, wie man die Welt sieht und repräsentiert. Eine transkulturelle Herangehensweise, das heisst sich selbst in dem anderen zu sehen, erlaubt es uns, Identität als etwas Facettenreiches wahrzunehmen, als etwas, dass sich konstant durch Interaktion verändert, über Nationalität, Geschlecht, Sprache und Hautfarbe hinaus.

Journalismus, der sich auch auf Gemeinsamkeiten und Verbindungen fokussiert, kann der Komplexität der heutigen Gesellschaft besser gerecht werden, als die kaleidoskopische Zersplitterungen, die uns aus allen Bildschirme begegnen.
Aber es ist nicht ausschliesslich eine journalistische Verantwortung – die gesamte Gesellschaft muss sich ihrer Rolle in einer vernetzten Welt bewusst werden. Initiativen wie das Pilotprojekt Medien für 8 Millionen vielfältige Menschen für die transkulturellen Gestaltung von Medieninhalte, Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnen der öffentlichen Institutionen, Verwaltungen und Ausländergemeinschaften, können interkulturelle Integration und eine neue Debatte über die Rolle der Medien in der Gesellschaft vorantreiben.

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Leserbeiträge

Richard Scholl 12. Juli 2016, 01:30

Ja, Frau Bellardi, Einwanderer (undeutsch: Migranten ) sind immer Minderheiten. Die einen sind willkommen, die anderen weniger, oder sogar überhaupt nicht. Zudem kann eine Minderheit so gross sein, dass sie sich selbst genügt, ja sogar eine Parallelgesellschaft bildet, die keinerlei kulturelle
Interesse an den Gastgebern hat. Nun, es gibt aber eine Minderheit in allen westlichen Ländern, die sich überproportional im Kulturellen artikuliert; die Juden. Siehe deren dominante Präsenz in allen Feuilletons, in der Literatur, in der E-Musik.

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tanuk1 26. Juli 2016, 06:32

Ja, Richard, und der Antisemitismus war schon immer ein guter Freund des Rassismus von selbstgenügsamen Mehrheitsautochthonen, die auf ihrer Scholle hängen geblieben sind (unschön: Einheimische).

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