Red Bull beerbt die SRG

Red Bull Media House
Nick Lüthi, 21. Oktober 2016, 19:45

Ein Entscheid von grosser Symbolkraft: Die SRG hat sich aus Spargründen mit ihrer langjährigen Medienausstellung aus dem Verkehrshaus zurückgezogen. In ihre Fussstapfen tritt Red Bull. Der österreichische Getränke- und Medienkonzern eröffnete Anfang Oktober in Luzern die «Media World».

Jetzt fliegen sie wieder. In spektakulären Aufnahmen sieht man die Bergretter der Air Zermatt in ihrem oft dramatischen Arbeitsalltag, wie sie mit Präzision und Geschick in einer unwirtlichen Welt zwischen Himmel, Fels und Eis Leben retten. Eine neue, sechsteilige TV-Serie porträtiert die Helikopterpiloten, Rettungsärzte und -sanitäter des Walliser Rettungsflugunternehmens. Seit letztem Montag gibt es die eindrücklichen Bilder des Real-Life-Drama «The Horn» bei Red Bull TV zu sehen. Die auf Alpinismus, Action- und Abenteuersportarten spezialisierte Medienabteilung des österreichischen Getränkeherstellers wandelt damit auf SRG-Pfaden. Vor neun Jahren widmete das Schweizer Fernsehen der Air Zermatt ebenfalls Sendezeit in einer siebenteiligen Dokumentar-Serie.

Das zeitgeistige und für den internationalen Markt produzierte Red-Bull-Remake der SRF-Reportage feierte Anfang Oktober im Verkehrshaus Luzern seine Vorpremiere. Das war kein Zufall. Seit 2011 führt der Energydrink-Hersteller regelmässig Veranstaltungen im und um das Luzerner Museum durch, etwa ein Skateboard-Wettbewerb, mehrmals die sogenannten Flugtage oder vor einem Jahr die Papierflieger-Schweizermeisterschaft. Auch Ausstellungen und Filmvorführungen organisierte das Verkehrshaus immer wieder zusammen mit dem österreichischen Getränke- und Medienkonzern.

In der Zwischenzeit hat die Kooperation verbindlichere Formen angenommen. Seit Anfang Oktober beherbergt das Verkehrshaus mit der «Media World» eine neue Medienausstellung, die in enger Zusammenarbeit mit dem Red Bull Media House entstanden ist. Damit beerbt ein globaler, privater Medienkonzern die SRG auf traditionsreichem Territorium. Als das Verkehrshaus vor 25 Jahren die neuen Kommunikationshallen eröffnete, lieferte die SRG das Kernstück, ein Mini-TV-Studio, das sich schnell zum Publikumsmagneten entwickelte. 2008 hat die SRG ihre Medienausstellung letztmals umfassend aktualisiert und als sogenannte Media Factory komplett neu aufgebaut. Damals ging das öffentliche Medienhaus von einem offenen Zeithorizont aus bei der Kooperation mit dem Verkehrshaus.

Vor rund einem Jahr hat nun die SRG entschieden, das prominente Schaufenster im beliebtesten Museum der Schweiz aufzugeben. «Vor allem aus Kostengründen», erklärt SRG-Sprecher Daniel Steiner und verweist auf Sparprogramm und Stellenabbau bei Schweizer Radio und Fernsehen. Der Verlust wiege aber nicht allzu schwer. Man werde als Ersatz für die Medienausstellung die Besucherführungen in den eigenen Studios ausbauen. «Dort kann dem Publikum ein vollständigerer Blick hinter die Kulissen gegeben werden als mit einer externen Ausstellung», findet Steiner.

Dennoch markiert der Ausstieg der SRG eine Zäsur, zumal die beiden Institutionen eine über fünfzigjährige Geschichte miteinander verbindet. 1964, fünf Jahre nach der Gründung des Verkehrshauses, eröffnete die SRG ihr Zentralschweizer Studio in den Räumlichkeiten des Museums. Zwanzig Jahre sollte die Innerschweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft IRG dort bleiben. Auch diente das Verkehrshaus der SRG in der immer wieder als Veranstaltungsort für Tagungen und Versammlungen ihrer Gremien.

Der Bruch zwischen den langjährigen Partnern ist indes nicht komplett. Die SRG werde voraussichtlich Partnerin des Verkehrshaus bleiben, heisst es. Ein entsprechender Vertrag stehe kurz vor Abschluss. Und auch in der neuen «Media World» wird im bei den Meilensteinen der TV-Geschichte Archivmaterial der SRG gezeigt. Verschwunden ist hingegen die Studioeinrichtung, die bisher der realen Sendeinfrastruktur des Schweizer Fernsehens nachempfunden war mit identischem Design und den Senderlogos.

Nun ist es aber nicht so, dass die SRG- und SRF-Logos allesamt durch rote Bullen ersetzt worden wäre. «Die ‹Media World› ist – wie das ganze Verkehrshaus – frei von Werbung», betont Museumssprecher Olivier Burger. Die Red-Bull-Akzente setzt das Rahmenprogramm, das die neue Dauerausstellung begleitet. So zeigt das Verkehrshaus-Kino bis Ende Jahr «Wie Brüder im Wind», ein von der Red-Bull-Tochter Terra Mater produzierter Spielfilm mit spektakulären Flugaufnahmen aus der Perspektive eines Adlers. Die Funktionsweise der Spezialkamera wird nebenan in der «Media World» erklärt.

Stärker als bei der Vorgängerausstellung der SRG steht heute moderne Medientechnologie im Zentrum. Von 360-Grad-Videos über Virtual Reality bis zu Game-Entwicklung fehlt nichts. Verkehrshaussprecher Burger sagt offen, dass Red Bull damit deutlich weiter geht als die SRG: «Mit der ‹Media World› erfolgte ein technologischer Quantensprung.» Herzstück der Ausstellung bleibt, wie all die Jahrzehnte davor, weiterhin das TV-Studio. Red Bull TV und externe Kunden werden die Einrichtung ausserhalb der Öffnungszeiten für ihre Sendungsproduktion nutzen. Zudem soll das Studio an externe Kunden vermietet werden.

Das Verkehrshaus scheint dem langjährigen Ausstellungspartner SRG nicht gross nachzutrauern. «Red Bull Media House hilft uns jüngere Zielgruppen anzusprechen», erwähnt Olivier Burger ein strategisches Plus der neuen Kooperation. Und von Red Bull klingt das Echo zurück: «Die Medienkompetenz von jungen Leuten zu fördern und sie für die Medienbranche zu begeistern, ist essentiell für die Zukunft des Medienstandorts Schweiz», heisst es auf Anfrage bei Red Bull Media House. Da scheinen sich zwei gefunden zu haben, die zusammenpassen.

Nick Lüthi
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Nick Lüthi

Leiter MEDIENWOCHE

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