von Nick Lüthi

Tamedias stiller Zeitungsriese

Fünf Journalisten entlassen, die Hintergrundseiten abgeschafft, eine protestierende Redaktion: Auf den ersten Blick sieht bei der «Berner Zeitung» alles so aus, wie man es sich von Tamedia-Titeln gewohnt ist; Journalismus unter dem Renditediktat. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn in den letzten Jahren konnte die Regionalzeitung ihre Stellung innerhalb und ausserhalb des Konzerns ausbauen.

Für Chefredaktor Peter Jost folgte Ende Oktober die Feuertaufe. In seiner bald dreijährigen Amtszeit konnte der 42-jährige Journalist Entlassungen vermeiden. «Ein Personalabbau kommt immer zuletzt», sagt Jost im Gespräch mit der MEDIENWOCHE. Zuerst schöpfe er alle anderen Möglichkeiten zur Kosteneinsparung aus. Das hat er auch diesmal getan: hier den Vertrag mit einer Agentur neu aushandeln, dort die Konditionen für den Comic-Strip anpassen, immer mit dem Ziel, ein paar zehntausend Franken freizuschaufeln. Doch das allein reichte diesmal nicht. Um die wirtschaftlichen Ziele des Konzerns zu erreichen, blieb Jost nichts anderes als ein Stellenabbau. Bei aller individuellen Tragik für die Betroffenen könne man bei 3,4 von insgesamt 133 Redaktionsstellen nicht von einem substanziellen Abbau sprechen, findet der BZ-Chefredaktor.

Als ausgebildeter Bankfachmann mit einschlägiger Berufserfahrung vor dem Wechsel in den Journalismus hat Jost eine Ahnung von Zahlen und kann rechnen. Im Umgang mit den Vorgaben des Konzerns agiere Jost «recht clever», attestiert man ihm auf der Redaktion. Von den Vorgesetzten in Zürich lässt sich der 42-jährige Journalist nicht so leicht ein X für ein Y vormachen. Aber am Renditeziel kann auch der Chefredaktor nichts ändern. Das muss er erreichen. Und koste es Personal. Oder sonst seinen Kopf. Tamedia ist bekannt für ein rigides Kostenregime. Die ertragsschwachen regionalen Tageszeitungen kriegen das in voller Härte zu spüren. Der Spielraum für eigenständigen Journalismus wird immer kleiner. Darum sehen sich die Blätter gezwungen, über Redaktions- und Landesgrenzen hinweg zu kooperieren um immerhin noch den Schein einer Komplettzeitung aufrecht erhalten zu können. So füllt der Tages-Anzeiger, das historische Flaggschiff des ehemaligen Zeitungsverlags, seine Seiten auf Papier und im Netz inzwischen mit Artikeln von mindestens einem halben Dutzend anderer Titel, von «Sonntagszeitung» über «20 Minuten» bis «Süddeutsche Zeitung». Der Tages-Anzeiger seinerseits beliefert den «Bund» in Bern, die kleine, traditionsreiche Schwester der «Berner Zeitung». Im Web wird der Artikelaustausch noch exzessiver praktiziert mit dem Newsnet als Tauschbörse.

Anders die «Berner Zeitung». Im Gegensatz zu ihren Schwesterblättern kommt die BZ ohne substanzielle redaktionelle Kooperationen aus. Die Berichterstattung von lokal bis international, von Kultur bis Wirtschaft in Print und Online bestreitet sie eigenständig, abgesehen vom Material aus Text- und Bildagenturen, sowie der Tamedia-internen Kurzmeldungsplattform Newsexpress. Es mag paradox erscheinen, aber die Unabhängigkeit ist auch eine Folge des Spardrucks. So verzichtet die BZ seit Mai auf die Alimentierung ihrer Website mit überregionalen Stoffen aus anderen Tamedia-Titeln. Eine Kosten-Nutzen-Abwägung habe gegen die Fortführung dieser Newsnet-Kooperation gesprochen. «Als Lokalzeitung laufen bei uns auch online die Geschichten aus unserem Einzugsgebiet am besten», weiss Chefredaktor Jost. Den Entscheid sah man in Zürich nicht gerade gerne.

Anstelle der Newsnet-Artikel bringt bernerzeitung.ch jetzt eigenständiges Material. Dazu kann sie auf die Leistung eines rund zwanzigköpfigen Ressorts zählen, das die Bereiche Politik und Wirtschaft abdeckt. Das Ressort ist für die Verhältnisse einer Lokalzeitung so gut dotiert, weil es auch zahlreiche andere Blätter inner- und ausserhalb des Tamedia-Verlags mit Artikeln beliefert. Als es darum ging, eine neue Lösung für den Mantelteil der Zürcher Landzeitungen zu finden, nachdem der Winterthurer Landbote für diese Rolle weggefallen war, bot sich die geografisch zwar ferne, aber in der Praxis erprobte «Berner Zeitung» als Lieferantin an. Seit 2014 werden die überregionalen Seiten für den Winterthurer Landboten, Zürcher Oberländer und -Unterländer, sowie die Zürichsee Zeitung in Bern produziert. Zusammen mit den eigenen Regionalausgaben im Berner Mittelland, den Partnerzeitungen Thuner Tagblatt und Berner Oberländer, sowie den unabhängigen Titeln Bieler Tagblatt und Freiburger Nachrichten, welche die BZ bereits seit Jahren alimentiert, erreichen die Mantelseiten der «Berner Zeitung» mehr Leser als «Bund» und Tages-Anzeiger zusammen.

Trotzt der jüngsten Sparmassnahmen und Entlassungen sieht Peter Jost die Zukunft nicht so düster, wie sie jüngst SRG-Generaldirektor Roger de Weck prophezeite, als er sagte, mit Zeitungen lasse sich «noch drei bis fünf Jahre Geld verdienen». Den Grund für seinen verhaltenen Optimismus sieht Jost weniger auf dem Werbemarkt, dort geht es tatsächlich rasant den Bach hinunter, sondern viel mehr auf dem Nutzermarkt. «Unsere Vertriebserlöse sind stabil», weiss Jost. Die Aboverluste der letzten Jahre konnte die BZ bisher mit einer Preiserhöhung und neu dazu gewonnen digitalen Abonnementen kompensieren. Heute kostet ein Jahr «Berner Zeitung» im Briefkasten 462 Franken. Das leisten sich weiterhin gut 100’000 Abonnentinnen und Abonnenten. Positiv entwickeln sich zudem die Leserzahlen, zumal via Web und App zusätzliches Publikum zur «Berner Zeitung» findet. Finanziell schlägt sich dieser Aufwärtstrend allerdings erst dann nachhaltig nieder, wenn sich diese Digitalnutzer als Abonnenten gewinnen lassen.

Damit das gelingt, investiert die Zeitung in den Journalismus – so gut das im Konzern-Korsett geht. Die Hauptrichtung der Entwicklung gibt der Medien(nutzungs)wandel vor: von News zu Hintergrund. Eine Zeitung, die gekauft werden will, egal ob gedruckt oder im Web, muss einen Mehrwert bieten, der deutlich über das hinausgeht, was es kostenlos online gibt. Für eine Regionalzeitung gestaltet sich das noch ein bisschen einfacher, weil die Konkurrenz überschaubar ist. Umso unverständlicher erscheint vor diesem Hintergrund die Einstellung der samstäglichen «Zeitpunkt»-Seiten – ausgerechnet das Hintergrund-Ressort der «Berner Zeitung» versenken, wo doch gerade mehr Hintergründiges und Exklusives gefragt wäre. Bis jetzt wurde der Abbau noch nicht öffentlich kommuniziert. Man hört bereits den Aufschrei der besorgten Berner Bildungsbürger und insbesondere jener, die angeben, an der sonst als charakterlos verschmähten «Berner Zeitung» immerhin den «Zeitpunkt» zu schätzen. Nun, der Schein trügt. Zwar verschwinden die drei wöchentlichen Zeitungsseiten, die bisher mit «Zeitpunkt» angeschrieben waren. Was aber bleibt, sind die Journalisten, die 15 Jahre lang im Wochentakt mehrseitige Dossiers stemmten. Und was auch bleibt, und das ist fast noch wichtiger als die Personen, sind die Strukturen und Gefässe für hintergründigen Journalismus. «Anstatt nur einmal pro Woche ein Thema zu vertiefen, können wir das nun jeden Tag bieten», sagt BZ-Chefredaktor Peter Jost.

Herrscht also eitel Sonnenschein? Natürlich nicht. Die jüngsten Sparmassnahmen lassen sich nicht komplett wegretuschieren. Ein Abbau bleibt ein Abbau. Auch bei der «Berner Zeitung». So zeitigen die fünf Entlassungen nicht nur unmittelbare Folgen mit dem Verlust redaktioneller Arbeitskraft, sondern auch indirekt: Ressorts müssen umgebaut und neu gruppiert werden, damit die Arbeitslast ideal verteilt und so bewältigt werden kann. Das bringt verständlicherweise Unruhe in die Redaktion, für die man teils auch den Chef und seine Kommunikation verantwortlich macht. Ansonsten gilt Jost als «sehr menschlich». Das ist nicht zuletzt seinem Berufsverständnis als Chefredaktor geschuldet. Jost lässt machen. Auch in der politischen Kommentierung. Bei ihm zählen Kompetenz und das bessere Argument, nicht Rang und Stallgeruch. Der Chef muss nicht zu allem und jedem seinen Senf dazu geben. Das kann zu interessanten Konstellationen führen, etwa wenn die «Berner Zeitung» ihre in der Berner Öffentlichkeit als linker wahrgenommene Schwesterzeitung «Bund» links überholt. Chefredaktor Peter Jost sorgt das nicht. Er steht zu seinem Publikumspragmatismus. Die linken Ausschläge in der Stadt korrigiert der Chef dann wieder mit einem armeefreundlichen Kommentar, in dem sich das ländlich-konservative Publikum besser wiedererkennt. Jost gilt nicht als publizistisches Schwergewicht. Eine eigentliche Blattlinie können auch Redaktoren nicht wirklich erkennen, ausser eben: dem Publikum in seiner ganzen politischen und geografischen Breite etwas bieten. Das bietet Freiräume, nicht nur inhaltlich, sondern vermehrt auch formal.

Zu den verwendeten Darstellungsformen im Tagesgeschäft zählen zunehmend auch Multimedia-Formate. Bei den publizistischen Flaggschiffen macht sich Online zudem daran, dem gedruckten Wort und Bild den Rang abzulaufen. Multimedia bietet mehr, dokumentiert emotionaler, vermittelt packender. Das weiss auch Stefan von Bergen. Der langjährige Hintergrund-Redaktor dokumentiert gegenwärtig die Geschichte des AKWs Mühleberg vor der geplanten Stilllegung in drei Jahren. Kernstücke der mehrteiligen Multimedia-Reportage sind die mit Video dokumentierten Gespräche mit den teils hochbetagten Akteuren der Zeitgeschichte. «Multimedia bedeutet eineinhalb Mal mehr Aufwand im Vergleich mit einer Print-Reportage», sagt der 56-jährige Journalist. Alleine könnte er das gar nicht bewältigen. Ihm zur Seite steht deshalb Multimedia-Chefin Claudia Salzmann, die ihre Kollegen bei Konzeption und Realisierung unterstützt. Das inzwischen zehnköpfige Online-Team kann dank geschickter Personalpolitik auf das Fachwissen gelernter Fernsehleute zurückgreifen. Andere Journalistinnen im Team blicken auf eine langjährige Tätigkeit für bernerzeitung.ch zurück und profitierten von Aus- und Weiterbildungsangeboten. Die Chefredaktion setzt beim Vorantreiben des Wandels vor allem auf Eigeninitiative. Das scheint sich auszuzahlen. Vor allem jüngere und Online-affine Journalistinnen und Journalisten realisieren vermehrt multimediale Formate. Die Haltung der Redaktion dem Wandel gegenüber ist pragmatisch: Das Online-Zeugs muss man machen, dem kann man sich nicht entziehen. Die Qualität scheint auf jeden Fall zu stimmen. In den letzten Jahren gab es Auszeichnungen für Online-Projekte beim Swiss Press Award oder den Grimme-Awards.

Die Momentaufnahme der «Berner Zeitung» stimmt trotz anhaltender negativer Konjunktur auf dem Zeitungsmarkt und des konstanten Tamedia-Spardrucks zuversichtlich. Noch gelingt es einer umsichtigen Chefredaktion, mit allerlei Sparkniffen, die sich im besseren Fall sogar als Effizienzgewinne auszahlen, Spielräume freizuschaufeln und sie der Redaktion als Spielwiesen für das kommende Unbekannte bereitzustellen. Aber alle wissen, wie schnell der Wind drehen kann. Eine heute gut aufgestellte Redaktion kann schnell vom Kurs abfallen nach falschen Weichenstellungen und einem Sparkurs, der jegliche Kreativität erstickt. Bei der «Berner Zeitung» zeigt Peter Jost seit bald drei Jahren, dass er mit geschickter Politik gegen oben und einem dem Medienwandel angemessenen Redaktionskonzept der Zeitung eine Perspektive gibt, die über die Publikation der nächsten Halbjahreszahlen hinausgeht.

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

Lahor Jakrlin 22. November 2016, 01:45

Was kann man sich denn von einer grossen Regionalzeitung mehr wünschen, als Breite, Offenheit für die Leserschaft. Und wenn man sich daran hält – es begann ja mit Michael Hug und wurde von Peter Jost mit verlegerischem Verstand fortgesetzt und rossartig weiterentwickelt – dann kommen auch Glaubwürdigkeit und der Erfolg.
Auch das Layout, weniger streng als jenes von Bund und Tagi, aber sehr ordentlich und animierend, trägt dazu bei, dass man sich als bernische/r Leserin und Leser auf beiden Seiten des Stadtgrabens in der BZ zuhause fühlt.

Antworten...

Sandro Prezzi 22. November 2016, 07:02

Die BZ tut gut daran, ihre Position als Regionalmedium zu stärken und Mehrwert zu bieten und diesen nicht zu verschenken. Der Content kann dann auf allen Vektoren den Abonennten zur Verfügung gestellt werden ohne diesen zu verschenken. Learning: der durch Facebook Instant Articles kuzrfristig erzeugte Traffic ist bei Berücksichtigung aller Effekte kein Gewinn, sondern ein Verlust. Er nagt an der Bereitschaft für Abos zu bezahlen (Hauptgrund). Warum für Tageszeitung Abo bezahlen, wenn Aritkel via FB Online doch gratis verfügbar sind. Wenn dies alle Verlage beherzigen würden… hätte FB ein weiteres Problem – nämlich nur noch Fake News die ausschliesslich auf Reichweite aus sind (Infotainment wäre ein viel zu netter Begriff dafür – aber wie wärs mit Emotainment?).

Apropos Werbung – Werbung folgt Nutzung und ist auch bereit für Qualität mehr zu bezahlen. Jüngstes Beispiel: Credit Suisse Schweiz Kampagne – Tageszeitungen bis Lokalpresse wegen Nähe, Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

Antworten...