von René Zeyer

Wenn man das Halszäpfchen sieht

Das jüngste «Spiegel»-Cover mit dem US-Präsidenten in der Pose eines IS-Schlächters markiert den vorläufigen Tiefpunkt einer hysterischen Anti-Trump-Manie. Doch das Nachrichtenmagazin steht damit nicht allein. Damit begeben sich diese Medien selbst auf das Niveau, das sie mit ihrem Gezeter anzuprangern vorgeben.

Der Träger eines grossen Namens im «Spiegel» kann sich noch steigern. Während das deutsche Nachrichtenmagazin nach der Wahl Trumps «Das Ende der Welt» kommen sah, behauptete Jakob Augstein, dass in den USA der «Faschismus die Macht ergriffen habe» und begründete es damit, dass Trump «ein Faschist» sei. Viel mehr geht da nicht, ausser noch, nachgelegt von Augstein: «Donald Trump hat damit begonnen, die amerikanische Demokratie in eine Diktatur zu verwandeln.» Passend dazu legt auch der «Spiegel» selbst noch einen drauf. Das aktuelle Titelblatt zeigt eine brüllende Trump-Figur in Dschihadisten-Pose mit blutigem Messer in der Hand, der gerade die Freiheitsstatue geköpft hat und ihr blutendes Haupt triumphierend in der Hand hält. Damit verabschiedet sich das deutsche Nachrichtenmagazin in seinem 70. Jahrgang davon, noch ernst genommen zu werden.

Selbst die «Zeit» steht dem in nichts nach. Dr. Josef Joffe, der Herausgeber des deutschen Blatts der gepflegten Schreibe und des unaufgeregten Nachdenkens, antwortet auf die Frage, wie man Trump aus dem Amt entfernen könne: «Mord im Weissen Haus zum Beispiel.» Wie lässt sich das noch steigern? Das Problem all dieser Trump-Kritiker ist: Wenn man das ganze Vokabular an Beschimpfungen, Kritik, ja selbst an Androhung von Gewalt durch hat, was kann dann noch kommen? Wenn bei der Erwähnung des Namens Trump sofort Gehirnstarre und intellektuelle Schnappatmung einsetzt, wenn man in Äusserungen des Unmuts bereits das Halszäpfchen sieht, weil sie dermassen herausgekräht werden, dann ist kein Platz mehr für Reflexion, Einordnung, Analyse.

Da weder Faschismus noch Diktatur in den USA ausgebrochen sind, da es nicht angehen kann, das Ergebnis demokratischer Wahlen mit Gewalt beantworten zu wollen, geht unsere einzige Methode verloren, mit der wir durch Erkenntnisgewinn eine Verbesserung unserer Lebensumstände bewirken können. Die Methode der Aufklärung, die Realität so gut wie möglich zu analysieren und so vernünftig wie möglich das Voranschreiten zu besseren Zuständen zu befördern. Stattdessen wird nur im wahrsten Sinne des Wortes das konfliktiv-sprunghafte Verhalten des neuen Präsidenten gespiegelt, auf dem gleichen erbärmlichen intellektuellen Niveau, das ihn auszeichnet.

Als aktuelles Beispiel dafür eignet sich sein Dekret, die Einreise von Bürgern von sieben moslemisch geprägten Staaten zeitweise zu untersagen. Es war ein Schnellschuss, sorgte für Chaos und Unsicherheit und wurde von den durchaus funktionieren Organen des US-Rechtsstaats zuerst teilweise, dann durch einen republikanischen Bundesrichter vorläufig total kassiert. Trump und seine Berater haben offenbar vor der Aufgabe versagt, eine «executive order», mit der ein US-Präsident regieren darf, so zu formulieren, dass sie umsetzbar ist und einer juristischen Überprüfung standhält. Das ist die Realität, und sie zeigt auch, dass das System von «checks and balances», also die fein austarierte gegenseitige Kontrolle der Staatsorgane in den USA, funktioniert.

Der Erfolg der Präsidentschaft Trumps, die zudem erst wenige Tage alt ist, hängt davon ab, ob er seine Wahlversprechen, seinen Slogan «Make America Great Again» einlösen kann. Den US-Wähler interessiert dabei das Geschrei der Medien oder die kritischen Einwürfe europäischer Politiker schlichtweg einen Dreck. Der von Existenzangst und Arbeitsplatzverlust bedrohte US-Mittelstand ist nur daran interessiert, ob es ihm unter Trump spürbar besser geht, er seinen amerikanischen Traum, oder eine Nummer kleiner sein Streben nach seinem individuellen kleinen Glück, mithilfe Trumps realisieren kann oder nicht.

Die Berichterstatterpflicht unserer Medien müsste darin bestehen, diese Frage zu beantworten. Zumindest Analysen und Einordnungen zu liefern, ob Trumps Massnahmen dazu beitragen werden oder nicht. Stattdessen Trump als blutrünstiger Schlächter, Amok, psychisch Gestörter, wie namhafte Psychiater per Ferndiagnose sich nicht entblöden zu konstatieren. Das ist wahrlich Analyse auf Trump-Niveau. Es ist schlimmer: erbärmlich, dumm, verlogen, falsch und tödlich für die Bedeutung der sogenannten Vierten Gewalt. Die grössten Triumphe Trumps erzielt er bislang im Lager seiner Gegner.

Die bisherigen Äusserungen und Handlungen von Präsident Trump erwecken den Anschein, dass er ein intellektueller Tiefflieger und jemand ist, der schneller spricht und handelt als denkt. Aber er schafft es, die versammelte Intelligenzia, die Meinungsführer, grossen Denker und auch viele Politiker auf sein Niveau runterzuziehen. Und auf diesem Niveau ist er ihnen allen einwandfrei überlegen. Einfach unfassbar.

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Leserbeiträge

Ihr Name* 09. Februar 2017, 08:31

Guten Tag, Herr Zeyer
Ich bin froh, gibt es Leute wie Sie, die solche Artikel schreiben.
Ich hoffe, sie (Sie) werden gehört und gelesen.
Beste Grüsse
Ingrid Essig

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Pierre Mollet 10. Februar 2017, 12:17

In der Tat, Herr Zeyer:
Diesen Text würde ich zu 100% unterschreiben.
Vielen Dank!

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Christian Krebs 13. Februar 2017, 07:12

Danke, Herr Zeyer, das mußte schon lange einmal gesagt werden!
Es ist mir ein Rätsel, wie die sogenannten kritischen, intelektuellen Medien seit nun über einem Jahr auf das Phänomen Trump hereinfallen: Erst machen sie ihn lächerlich bis zum Geht-nicht-mehr – und das interessierte seine Anhänger überhaupt nicht. Jetzt treiben sie den Angst-Hype auf die Spitze – und es interessiert diese wieder nicht. Beide Übertreibungen erreichten (und erreichen) genau das Gegenteil, die Medien-Maschine treibt sich durch ihre absurden Mechanismen des permanenten Skandalisieren-müssens (Reichweite!, Quote!, Abverkauf!) selbst ins Abseits und in die Unglaubwürdigkeit. Die Medien haben mit diesen Mechanismen Trump groß gemacht – und sie begreifen es immer noch nicht.
Traurig, daß Zeit, Spiegel & Co. den Geifer aus dem Mundwinkel gar nicht mehr herausbekommen – und von den Zeiten der Aufklärung mit ihrem Drang zur Ratio entfernen wir uns immer mehr. Sowohl geistig wie zeitlich.

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