Hunde, die bellen, beissen nicht

megafon
René Zeyer, 20. Februar 2017, 17:48

Zurzeit konzentriert sich die globale Medienaufmerksamkeit auf den 45. Präsidenten der USA. Manche meinen darin bereits eine Renaissance des kritischen Journalismus zu erkennen. Doch gefehlt. Die lautstarke «Entlarvung» präsidialer Misstritte sind Teil des Problems und übertönen die strukturellen Mängel einer ganzen Profession.

Es gehört zum Einmaleins der Kommunikation, wie Henryk M. Broder richtig schrieb, zuerst die Laub- und sehr viel später die Kettensäge hervorzunehmen. Es ist eine Verhöhnung aller Opfer des Faschismus, jeden missliebigen Politiker als Faschisten zu beschimpfen. Es entwertet die nötige Kritik an Autokraten wie Erdogan oder an astreinen Diktaturen wie in China oder in vielen Staaten der Dritten Welt, einen einwandfrei demokratisch gewählten Präsidenten als Diktator zu denunzieren.

Als Gegenargument wird angeführt, dass es jetzt Zeit sei, auf den grossen Alarmknopf zu drücken. Die Darstellung von Trump als fundamentalistischen Wahnsinnigen, der das blutende Haupt der Freiheitsstatue in der einen und ein ebenfalls blutiges Messer in der Hand hält, sei eben keine Abbildung der Realität, sondern eine Warnung vor einer möglichen.

Schliesslich – das Heranziehen dieser historischen Parallele erfolgt so sicher wie das Amen in der Kirche – hätten schon spätestens ab 1933 viele – wobei nicht gesagt wird, dass die meisten Kommunisten waren –, klar gewarnt, dass Hitler Krieg bedeute. Allerdings: genutzt hat das offensichtlich damals auch nichts. Die Medien, die Publizistik ganz allgemein, überschätzt ihre Wirkung gewaltig.

Vor und nach Zolas «J’accuse», eines der wenigen Male in der jüngeren Geschichte, dass der flammende Appell eines berühmten Schriftstellers tatsächlich Folgen hatte. Inzwischen wird «ich klage an» auch für die Kritik an Unregelmässigkeiten bei der Müllabfuhr missbraucht. An jeden Pipifax wird das Wort «gate» angehängt. In Erinnerung an Watergate, wo tatsächlich die Recherche von zwei Journalisten, gedeckt von der mutigen Herausgeberschaft einer Zeitung, einen bedeutenden Beitrag zum bislang einzigen unfreiwilligen Rücktritt eines US-Präsidenten leistete.

Heutzutage ist das Mittel der hartnäckigen Recherche, unterstützt (und finanziert!) von Medien weitgehend durch «Leaks» ersetzt worden. Also die Auswertung von gestohlenen Datenbergen, die von meist anonymen Quellen an die Medien herangetragen werden, ohne dass genauer abgeklärt werden kann, durch welche Hintermänner sie instrumentalisiert werden. Auch wenn es hier gelegentlich zu Rücktritten oder in ganz seltenen Fällen zu Strafverfolgung kommt: Die Enthüllung der weltweiten Bespitzelungen durch US- und andere Geheimdienste, wobei sogar die Quelle in Gestalt von Edward Snowden Namen und Gesicht hat, bewirkte Aufklärung und Debatte. Es wäre aber eine Illusion anzunehmen, dass die sogenannte «Vierte Gewalt» damit verändernd in die Wirklichkeit eingegriffen hätte; bespitzelt und überwacht wird weiterhin. Noch viel weniger trifft das auf all die Finanzdatenleaks zu, die jeweils mit grossem Brimborium angekündigt wurden und dann sang- und klanglos verröchelten.

Es ist Jahre, wenn nicht Jahrzehnte her, dass ein deutschsprachiges Medium durch eigene Recherchen einen Riesenskandal aufdeckte; nur ältere Semester erinnern sich dunkel an die Causa «Neue Heimat» oder die deutsche Parteispendenaffäre. Daraus lassen sich vier Schlussfolgerungen ziehen:

  1. Die unangemessene und frühzeitige Verwendung aller denkbaren Superlative wie «Faschismus», «Diktator» oder «Ende der Welt» entkräftet wirkungslos diese Begriffe und macht sie untauglich für die Bezeichnung von Zuständen, die sie wirklich verdienen würden. Das ist so wie beim alten Beispiel des Schwimmers, der ein ums andere Mal «Hilfe, ich ertrinke» schreit, und wenn er dann wirklich untergeht, kommt niemand zur Rettung.
  2. Die durch technologische Veränderungen bewirkte Finanzkrise der Medien, also das Wegbrechen von Inserateeinnahmen, ein fehlenden Geschäftsmodell für ihren Ersatz, die Granulierung von Informationen durch unzählige Plattformen im Internet und das Leben in einer von der Realität abgekoppelten Echoblase des Mainstream-Journalismus, das ihn nicht zuletzt zu krachenden Fehlanalysen führt, ergeben einen dramatische Bedeutungsverlust bei der Lenkung des öffentlichen Diskurses.
  3. Der Ersatz eigener Recherchen durch das Anfüttern mit Datenbergen verhindert Wiederholungen von Glanztaten wie die Aufdeckung des Watergate-Skandals. Indem jedem Skandälchen zur Aufplusterung das Suffix «gate» angehängt wird, entwertet man dieses Symbol, analog zum inflationären Gebrauch der Wörter Faschismus oder Diktatur, von Hetzer, Populist, Demagoge und Rechtsnationaler ganz zu schweigen.
  4. Es ist zwar psychologisch verständlich, dass ein dramatischer Bedeutungsverlust der Einflussmöglichkeiten der Medien mit einer übersteigerten Haltung kompensiert wird, dass das Drücken aller publizistischen Alarmknöpfe nicht nur nötig, sondern wirksam sei. Es ist aber realitätsfremd.

«Tempora mutantur, nos et mutamur in illis», könnte man in gepflegtem Latein sagen, die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen. Die Medien verlieren in offenen und zivilisierten Gesellschaften ihre Bedeutung als korrektive Gewalt in gesellschaftlichen und politischen Entscheidungsprozessen.

Es entstehen halt neue Formen der Meinungsbildung, kleine Lagerfeuer um Blogs und in sozialen Plattformen, Entwicklungen von Schwarmintelligenz wie Wikipedia, neue Wirklichkeitswahrnehmungen via Web, wo eigentlich alles abrufbar ist, man muss nur wissen, wie man es findet. Wer sich über die Welt informieren will, dem wurde es noch nie so leicht gemacht wie heute. Wer es schon früher nicht tat, ist auch heute selber schuld. Was die Rezeptionsmöglichkeiten betrifft, ist das alles wahr und richtig.

Aber: Informationsaufnahme, Einordnung, Analyse und Gewichtung zur Beförderung der Meinungsbildung ist nur die Hälfte der Miete. Genauso wichtig ist, dass zumindest der Staatsbürger, der in einer partizipativen Demokratie lebt, in der er Mitbestimmungsmöglichkeiten über sein eigenes Schicksal hat, eben nach seiner Meinungsbildung entscheiden darf und soll.

Und wenn hier die Bedeutung der Medien bei der Entscheidungsfindung schwindet, sie nicht nur an mangelnden finanziellen Ressourcen leiden, sondern auch an einem dramatischen Verlust von Glaubwürdigkeit – bei Umfragen schneiden Medien hier regelmässig noch schlechter als Politiker ab –, wenn sie neben ihrem Beitrag zu Meinungsbildung auch die Fähigkeit zu Aufdeckung, Analyse und Aufklärung verlieren, dann muss wirklich der Alarmknopf gedrückt werden. Besonders in den aktuellen Zeiten, wo sich wirtschaftliche Probleme, ein massiver Vertrauensverlust des politischen Establishments und als Folge davon das Entstehen neuer politischer Bewegung zu einem perfekten Sturm vereinen.

Problem erkannt, Problem gebannt? Keinesfalls. Und was wäre die Lösung des Problems? Der Wunsch, dass letzte Leuchttürme der Publizistik, sei das mit allen Einschränkungen «Der Spiegel», «Wall Street Journal», «Financial Times», «New York Times», «Economist», «Guardian», auch «Le Canard enchainé», NZZ, FAZ, öffentlich-rechtlichen Medien und ein paar anderen weiter ein langes Leben beschieden sei? Während sie sich zumindest teilweise selbst in die Bedeutungslosigkeit schreiben und senden? Ist das Klagen über diese Phänomene einfach einer falschen Perspektive geschuldet, wo es in den USA doch neben Fox-News immerhin noch weitere bedeutende Networks, nicht zuletzt den Public Broadcasting Service gibt, dazu eine Unzahl grossartiger Zeitschriften wie «New Yorker», «Vanity Fair», «Mother Jones», um nur einige zu nennen, die einen Recherchierjournalismus betreiben, der im deutschen Sprachraum nicht existiert?

Der Diagnostiker ist überfordert, wenn man von ihm Therapievorschläge erwartet. Aber es ist immerhin schon ein nötiges Stück Denkarbeit, diese Diagnose zu erstellen. Ob die Rückkehr zu einem aufklärerischen Recherchierjournalismus, der durch Aufdeckung, Einordnung und Analyse die nötigen Elemente zur Meinungsbildung und zur Entscheidungsfindung des Bürgers in den wenigen demokratischen Staaten der Welt liefert, die richtige Antwort wäre – keine Ahnung. Wahrscheinlich schon, aber wie? Es bleibt die Hoffnung, und der Alarmknopf sei gedrückt. Selbstverständlich im Wissen um die Wirksamkeit solcher Aktionen.

René Zeyer

René Zeyer

Publizist und Buchautor in Zürich

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