von Adrian Lobe

Wie viel Meinungspluralismus verträgt eine Redaktion?

Mit der Verpflichtung des Pulitzer-Preisträgers Bret Stephens hat die «New York Times» bei ihren Lesern einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Nicht seine Meriten sind das Problem, sondern seine Haltung zum Klimawandel. Enttäuschte Wissenschaftler wenden sich ab, Abo-Kündigungen gingen ein, weil nun ein «Klimaleugner» für das Weltblatt schreibt

Der Start einer neuen Kolumne wird meist mit der üblichen publizistischen Politur begangen: Man findet ein paar lobende Worte für den Autoren und vergewissert sich seines eigenen pluralen Meinungsspektrums. So war das auch bei der Vorstellung des neuen «New York-Times»-Kolumnisten Bret Stephens. Leitartikler James Bennet präsentierte den neuen Kollegen mit dessen Maxime, wonach «Meinungsjournalismus Journalismus und kein Agitprop sei» und rief das publizistische Erbe des legendären Times-Reporters Adolph Ochs in Erinnerung, der die Meinungsseiten zu einem Forum für «intelligente Diskussion mit allen Meinungsschattierungen» machen wollte.

In diesen «turbulenten und suchenden Zeiten in den USA und auf der Welt», gab sich Bennet bescheiden, «sollten wir die Demut haben zu erkennen, dass wir nicht in allem richtig liegen und den Mut besitzen, unsere eigenen Annahmen und Argumente auf den Prüfstand zu stellen». Stephens‘ Referenzen sind durchaus beachtlich: Redaktor beim «Wall Street Journal», später Kolumnist, 2013 der Pulitzer-Preis für den besten Kommentar. Die Chefredaktion wusste um Stephens‘ kontroverse Ansichten. Bei einem Gespräch zwischen ihm und Leitartikler Nick Kristof wurden die aussenpolitischen Differenzen sichtbar. Dass Stephens‘ erste Kolumne zum Lackmustest für die Blattlinie geriet, war offensichtlich auch den Strategen im Verlag nicht bewusst.

Unter der Überschrift «Climate of Complete Certainty» (Klima kompletter Sicherheit) stellte Stephens Ende April die Modelle und Simulationen der Klimaforschung in Frage und streute Zweifel am Bericht des Weltklimarats von 2014, worin vor den globalen Folgen der Erderwärmung gewarnt wird. Stephens argumentiert durchaus differenziert, konnte in der einseitigen Tonlage («Glaubt nicht alles, was die Wissenschaft sagt!») aber auch als Vorlage für Klimaleugner gelesen werden. Entsprechend wütend waren die Reaktionen der überwiegend linksliberalen Leserschaft der «Times». Im Netz brach ein Sturm der Entrüstung aus, 600 Leserbriefe und Abo-Kündigungen gingen ein.

Zu den prominentesten Lesern, die ihr Times-Abo gekündigt haben, gehört der renommierte deutsche Klimaforscher Stefan Rahmstorf. Auf Twitter veröffentlichte er einen gepfefferten Protestbrief an die Redaktion, in dem er Stephens‘ Klimalügen entlarvte und die Redaktion scharf kritisierte. «Die «Times» argumentierte, dass Millionen mit Stephens übereinstimmen. Ich fragte mich, was als nächstes kommt – wann stellen Sie einen Kolumnisten ein, der behauptet, dass sich die Sonne und die Sterne um die Erde drehen, weil Millionen damit übereinstimmen?» Das Schreiben wurde inzwischen auf Twitter 9500 Mal geteilt und 16‘000 Mal gelikt worden.

Um den Flurschaden zu ermessen, muss man wissen, dass die Op-Ed-Seite so etwas wie ein Weltforum ist. Wer hier schreibt, gehört zur globalen Elite. Die «Times» ist eine Autorität. Entsprechend gross ist nun der Reputationsverlust. Die Chemikerin Christine Maria Rose schrieb stellvertretend für viele ihrer Kollegen: «Klimaleugner haben schon genug Einfluss in der Regierung, ich bin enttäuscht, dass Sie ihnen auch eine Stimme in der NYT geben.» Sarah Jones formulierte in der «New Republic» eine generelle Kritik an den Meinungsspalten der NYT. Die Op-Ed-Seite sei mehrheitlich weiss und männlich, in der letzten Zeit habe eine «anti-intellektualistische Feigheit» Platz gegriffen. So drehte sich eine der letzten Kolumnen von Thomas L. Friedman um eine Golf-Partie mit einem Yogi in Dubai. Intern soll es dem Vernehmen nach recht ruhig geblieben sein, ganz anders, als Verleger Arthur O. Sulzberger 1973 den ehemaligen Redenschreiber von Richard Nixon und PR-Mann William Safire anheuerte und es am Redaktionssitz der Times an der Upper West Side kräftig rumorte.

Normalerweise waren die Positionen der Op-Ed-Seite klar bestimmt. Hier die liberale Fraktion um Thomas L. Friedman, den Keynesianer und Nobelpreisträger Paul Krugman und Reporter Nicholas Kristof, dort die Konservativen um David Brooks. Dass eine liberale Zeitung konservativen Kolumnisten Platz freiräumt, ist in der publizistischen Landschaft keine Seltenheit. So schreibt Jan Fleischhauer, der mit dem Buch «Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde» einen Bestseller landete, eine erfolgreiche Kolumne für «Spiegel Online» («Der Schwarze Kanal»), was ihn vom «Welt»-Journalisten Alan Posener den spöttischen Vorwurf eintrug, er sei in Wahrheit nur ein «Hofkonservativer». Die wöchentliche Chronik des Nationalkonservativen Eric Zemmour im «Figaro» ist näher am Front National als an den gaullistischen «Republikanern», die die Eigentümer des Blatts aufgrund diverser Verstrickungen im Präsidentschaftswahlkampf unterstützten.

Auch Harald Martenstein vertritt in seiner Kolumne im «Zeit Magazin» eher konservative Positionen, zumindest weiter rechts als jene im Politik-Teil. Die «taz» ätzte einmal über ihn: «Martenstein versöhnt die Stimme des Stammtischs mit dem Stil des Feuilletonisten – was zur Meinungsspreizerei unangenehmster Ausmasse führt.» Viele Leser lesen das «Zeit Magazin» aber nur wegen seiner Kolumne. Insofern dient eine Kolumne auch dazu, das eigene Profil zu schärfen und ein möglichst breites Meinungsspektrum abzubilden. Das war auch das Kalkül der «New York Times», die mit der Verpflichtung von Stephens einen meinungsstarken Autoren gewinnen wollte, der die Leserschaft rechts der Mitte ansprechen sollte. Die Frage ist nur, ob man mit einem Klimaskeptiker anschlussfähig an das rechtskonservative Publikum bleiben will, das ohnehin eher zur «Washington Post» oder dem «Wall Street Journal» greift, oder um den Preis der Meinungsvielfalt die eigene, liberale Leserschaf vergrault. Dass die Personalie zum Politikum werden würde, hätte den Verantwortlichen klar sein müssen.

Bereits mit seinem ersten Text wirft Stephens die grundsätzliche erkenntnistheoretische Frage auf, was Wahrheit ist und was man als Fakten anerkennt. Das steht im Kontrast zur allgemeinen Blattlinie. So hat sich die «Times» in einer aktuellen Image-Kampagne mit grossflächigen Plakaten die «Wahrheit» auf die Fahnen geschrieben. Die Werbeaktion wurde als Reaktion auf die aggressive Rhetorik Donald Trumps lanciert, der einen offenen «Krieg gegen die Medien» führt und die «New York Times» neben anderen Medien als «Volksfeinde» denunzierte. Stephens’ erste Kolumne läuft diesem Anspruch zuwider.

Der Autor schreibt wörtlich: «Es gibt eine Lektion hier. Wir leben in einer Welt, in der Daten Autorität vermitteln. Doch Autorität verkommt zur Gewissheit, und Gewissheit gebiert Hybris.» Das klingt fast wie die postfaktische Behauptung, es gebe keine Fakten mehr. Die Grenzen zwischen Publizistik und Propaganda verschwimmen. Ironischerweise betreibt Stephens mit der Dekonstruktion von Fakten, die nicht postmodern, sondern destruktiv ist, das Geschäft der Trump-Administration, die die «Times» so vehement bekämpft. An die kontroverse Kolumne brachte die Redaktion den dezenten faktischen Hinweis an, dass die vom Weltklimarat festgestellte Erderderwärmung von 0,85 Grad Celsius das globale Mittel und nicht nur die nördliche Hemisphäre meint. Die Faktenchecker der NYT müssen künftig auch ihr eigenes Blatt prüfen.

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Leserbeiträge

Markus Schär 05. Mai 2017, 05:57

Dürfen jetzt in der Medienwoche Leute schreiben, die nicht lesen können?

Bret Stephens schreibt in seiner Kolumne „Climate of Complete Certainty“ (die übrigens damit anfängt, dass sich das Team Clinton seines Sieges völlig sicher war):

„Anyone who has read the 2014 report of the Intergovernmental Panel on Climate Change knows that, while the modest (0.85 degrees Celsius, or about 1.5 degrees Fahrenheit) warming of the earth since 1880 is indisputable, as is the human influence on that warming, much else that passes as accepted fact is really a matter of probabilities. That’s especially true of the sophisticated but fallible models and simulations by which scientists attempt to peer into the climate future. To say this isn’t to deny science. It’s to acknowledge it honestly.“

Wenn Bret Stephens ein Klimaleugner ist, dann ist Adrian Lobe ein Analphabet.

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Adrian Lobe 06. Mai 2017, 04:07

Lieber Herr Schär,

warum so polemisch? Offensichtlich haben Sie sich die Sache nicht genauer angesehen und auch diesen Text nicht gründlich gelesen. Wir haben „Klimaleugner“ bewusst in Anführungszeichen gesetzt, weil es sich um eine Zuschreibung handelt. Was Ihnen in Ihrer flüchtigen Kommentierung entgangen ist, ist der Umstand, dass die von Ihnen zitierte Passage falsch ist – die NYT hat diese korrigiert. Im Übrigen bin ich mir nicht sicher, ob das Bezweifeln erkenntnistheoretischer Grundlagen wirklich der Wahrheitsfindung dient. Wer Fakten zur Hybris verklärt, betreibt das Geschäft der Trumpisten.

Beste Grüße

Adrian Lobe

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Markus Schär 07. Mai 2017, 01:22

Ach, wie konnte ich in dieser sachlichen Debatte nur polemisch werden? (Das könnte daran liegen, dass ich wie Bret Stephens – einfach im Schweizer Zwergenmassstab – seit zehn Jahren erlebe, wie bei diesem Thema die Regeln nicht nur des Journalismus, sondern der Wissenschaft ausser Kraft gesetzt werden.) Eine sachliche Debatte ist nicht möglich; darum nur ein paar Anmerkungen, damit Ihr Text samt Replik nicht so stehen bleibt:

* Um in den unsinnigen angeblichen 97-Prozent-Konsens einzustimmen, muss jemand anerkennen, dass sich die Erde erwärmt hat und dass die Menschheit – weil sie das Treibhausgas CO2 ausstösst – dafür mitverantwortlich ist. Das tut Bret Stephens im zitierten Abschnitt ausdrücklich. Es ist deshalb abwegig, ihn als Klimaleugner zu beschimpfen, mit oder ohne Anführungszeichen. Und es ist heuchlerisch, wenn Sie behaupten, Sie gäben nur die Zuschreibung wieder, während Sie ihm unterstellen, er betreibe die «Dekonstruktion von Fakten» à la Trump. «Das klingt fast wie die postfaktische Behauptung, es gebe keine Fakten mehr», ist eine unzulässige Verzerrung des Zitats zu Gewissheit und Hybris.

* Ein Fakt ist, wie es das lateinische Wort sagt, nicht gottgegeben, sondern menschengemacht. Bret Stephens anerkennt ausdrücklich die «moderate Erwärmung» von 0,85 Grad seit dem 19. Jahrhundert, also dem Ende der Kleinen Eiszeit – es ist läppisch, die Faktenchecker zu bemühen, weil er von der nördlichen Hemisphäre statt von der ganzen Erdkugel schrieb. Eine moderate Erwärmung – und was sonst sollen 0,85 Grad sein? – bleibt eine moderate Erwärmung, wo immer. Aber auch dieser Fakt ist menschengemacht: Die Klimaforscher basteln laufend an den Temperaturkurven herum, weil die gemessenen Daten allzu peinlich von den mit ihren Computermodellen vorausgesagten abweichen. In der Schweiz (und meines Wissens auch in Deutschland) ist die ganze Erwärmung seit den Achtzigerjahren menschengemacht, nämlich auf die Homogenisierung der Daten zurückzuführen. Es gibt aber auch Meteorologen, die sagen, die Daten der neuen Messinstrumente hätten nicht nach oben, sondern nach unten korrigiert werden müssen – dann wäre allerdings von der Erwärmung nichts geblieben.

* Was Sie mit dem «Bezweifeln erkenntnistheoretischer Grundlagen» meinen, bleibt mir schleierhaft. Bret Stephens weist darauf hin, dass sich die Klimaforschung, wie jede Wissenschaft, an die Erkenntnis von Karl Popper halten sollte, dass es keine ewigen Wahrheiten geben kann: «Claiming total certainty about the science traduces the spirit of science.» Der entscheidende Wert in der Klimawissenschaft ist die Klimasensitivität, also die Erderwärmung bei einer Verdoppelung des CO2-Anteils in der Atmosphäre. Der IPCC gab, nach zwanzig Jahren Arbeit an dieser Frage, in seinem Bericht von 2014 keinen wahrscheinlichsten Wert mehr an (im Gegensatz zu früheren Berichten) und weitete die Unsicherheitsspanne wieder aus. Trotzdem behauptete er insgesamt eine grössere Gewissheit, 95 Prozent, denn je zuvor.

* Der letzte Satz Ihrer Replik verrät endgültig, worum es geht: «Wer Fakten zur Hybris verklärt, betreibt das Geschäft der Trumpisten.» Bret Stephens verklärt keine Fakten zur Hybris (wie soll das gehen?); er zeigt, dass sich das Clinton-Lager aufgrund seiner Daten (=Fakten?) in Sicherheit wiegte. Er besteht auf der Skepsis gegenüber allen vermeintlichen Gewissheiten, wie sie jede Wissenschaft pflegt, die diesen Namen verdient. Wenn Sie ihm, der den Präsidenten Trump für unsäglich hält (wie ich auch, btw), deswegen unterstellen, er betreibe das Geschäft der Trumpisten, dann verraten Sie: Es geht gar nicht um Wissenschaft, sondern um Politik.

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frank müller 09. Mai 2017, 11:22

ich kann herrn schär nur beipflichten, was er schrieb. ich habe die kolumne von stephens auch gelesen und kann beim besten willen die aufregung nicht verstehen, weder von herrn rahmstorf (was ihn damit als nicht-wissenschafter entlarvt). stephens stellt die bisherige forschung zum klima nicht grundsätzlich in frage, er sagt nur, dass jeder das recht haben darf und sollte, zweifel an den aussagen zur zukunft des klimas zu haben, weil zu viel gewissheit gefährlich ist, wie er am beispiel von hillary clinton aufzuzeigen versuchte. daher kann ich viele interpretationen von herrn laube nicht nachvollziehen. er ist es selber, der die polemik entfachte. die wissenschaft muss sich selber immer wieder in zweifel ziehen, weil man die zukunft beim besten willen nicht mit gewissheit wissen kann, sonst ist sie eine (pseudo)wissenschafft (bewusst mit zwei f), da sie pseudowissen erschafft, weil es niemand auf dieser erde gibt, der die zukunft mit gewissheit wissen kann. ich schreibe hier als ehemaliger wissenschafter…

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