von Lothar Struck

Plagiator Dylan: War es Wurstigkeit oder Genialität?

Die Posse um die Entgegennahme des Nobelpreises durch Bob Dylan ist um ein skurriles Kapitel reicher. Der Musiker und Lyriker soll seine Preisrede nur in Teilen selbst verfasst und den Rest aus zweitklassiger Textquelle abgeschrieben haben.

Hat er oder hat er nicht? Hat der Literaturnobelpreisträger Bob Dylan abgeschrieben oder nicht? Die amerikanische Journalistin Andrea Spitzer hatte da etwas gefunden. Dylan bezog ich in seiner Nobelpreis-Vorlesung (ein für das Preisgeld zwingender Text) auf einen seiner Lieblingsromane Moby Dick von Herman Melville und zitierte aus dem Buch. In Wirklichkeit waren es jedoch keine Original-Zitate sondern nur notdürftig veränderte Formulierungen aus «SparkNotes», einer Hilfeseite für Schüler, die sich mit dem Roman befasste.

Vor einigen Jahren verloren in Deutschland ein paar Politiker über ihre plagiierten Doktorarbeiten ihre Positionen. Dabei war selbst unter Akademikern umstritten, ob man derart harte Massstäbe anlegen sollte. Mit dem eigenen Stand hat man naturgemäss immer etwas mehr Verständnis. Und der normale Bürger erinnerte sich an das Abschreiben beim Banknachbarn in der Schulzeit.

Plagiate sind seit dem 17. Jahrhundert Diskussionsstoff in literarischen Zirkeln. Und schon Shakespeare soll es betrieben haben. Thomas Mann schrieb ganze Seiten aus Lexika ab, wenn es beispielsweise um medizinische Sachverhalte ging. Andere Autoren wie Nabokov oder Bertold Brecht werden ebenfalls immer wieder genannt. Heute nennt man das Phänomen freundlich Intertextualiät. Die Plagiatsjäger in der Literatur gelten in der Regel als Spiesser oder Spassverderber. Der Vorwurf hat seine Schärfe weitgehend eingebüsst. Fast ist es so, dass der Plagiierte sich geehrt fühlen soll benutzt worden zu sein.

Und so sind Plagiatsdiskussionen nur noch für zwei Gruppen relevant: Zum einen für Journalisten, die allerdings selber oft genug abschreiben. Und zum anderen für den akademischen Betrieb, der maulwurfartig die entsprechenden Texte umgräbt.

Das alles ist auch einer Nobelpreisakademie inzwischen bekannt. Dort war man hingerissen von Dylans Vortrag, vermutlich weil man die Schülerhilfe-Seite nicht kennt. Vielleicht fehlt es da und dort inzwischen auch an literarischer Bildung.

Bildquelle Vorschaubild: Montage, Hintergrund pixababy, CC0 Public Domain

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