von Carmen Epp

Wie ich aus der Ferne das Lokale wiederentdeckte

Viele nutzen den Lokaljournalismus als Sprungbrett, um dereinst für ein Magazin oder ein nationales Medium zu arbeiten. Unsere Kolumnistin jedoch ging den umgekehrten Weg: Vom Magazinjournalismus zurück ins Lokale. Wieso?

Eigentlich hatte ich dem Lokaljournalismus und dem Kanton Uri ja abgeschworen. Die immer gleichen Anlässe mit den immer gleichen Personen und Geschichten, und nicht zuletzt der Umgang des Kantons mit dem Fall Walker brachten mich dazu, dem Mikrokosmos Uri und dem «Urner Wochenblatt» nach fünf Jahren den Rücken zu kehren. Weg von der Heimat in Uri und der Aktualität, hin zu den Tieren und zeitloseren Themen bei der «Tierwelt». Das war vor zweieinhalb Jahren.

Nun bin ich zurück – im Kanton Uri und im Lokaljournalismus. Bei einer anderen Zeitung zwar – der «Urner Zeitung», der Konkurrenz meines früheren Arbeitgebers – aber wieder konfrontiert mit all dem, was mich damals geradezu flüchten liess. Was war geschehen?

Der Wechsel hätte wohl radikaler nicht sein können. Von der auf einen Kanton spezialisierten Allroundern wurde ich von heute auf morgen zur Hunde-Spezialistin. Auch die Arbeitsweise änderte sich: Beim «Urner Wochenblatt» sass mir stets die Aktualität im Nacken, die ich in begrenzte Zeilen quetschen musste. Bei der «Tierwelt» konnte ich mich gut und gerne eine Woche einem einzigen 7000-Zeichen-Artikel widmen. Ich hatte freie Hand bei der Themenwahl und der Einteilung meiner Zeit.

Ich verstehe jeden Kollegen, der sich genau das wünscht. Und ich möchte die Erfahrungen, die ich während den zwei Jahren bei der «Tierwelt» sammeln durfte, auch keineswegs missen. Nur war das auf Dauer nichts für mich. Ich merkte, dass sich die Themen bei einem spezialisierten Gebiet ebenfalls oder gar noch schneller wiederholen als man denkt. Und mir fehlte plötzlich, was mich zwei Jahre zuvor weggetrieben hatte: die Aktualität, die Pflichtstoffe, die Kürze und – so absurd und unglaublich das auch klingen mag – sogar der Stress.

Trotzdem haderte ich zuerst, als mich der Redaktionsleiter der «Urner Zeitung» anrief und mir eine Stelle anbot. Würde ich wirklich auf den Luxus des langsamen Magazinjournalismus verzichten und in die Heimat zurückkehren wollen? Schliesslich warteten dort wieder die gleichen Anlässe, die gleichen Personen und die gleichen Themen, die mich vor zwei Jahren zur Flucht getrieben hatten. Doch ich sagte zu, mit der Befürchtung zwar, dass ich die Entscheidung schon bald bereuen würde.

Doch es kam anders. Der Anfang war zwar schwer. Das Wiedersehen mit alten Bekannten, denen ich Jahre zuvor als Journalistin auf die Füsse getreten war. Das flaue Gefühl vor dem Einschlafen, ob sich beim Artikel, den ich in kürzester Zeit schreiben musste und der morgen im Blatt ist, keine Fehler eingeschlichen hatten. Das Wissen, dass der verärgerte Leser nicht irgendwo am anderen Ende der Schweiz die Faust im Sack macht, sondern mir beim Spaziergang durchs Dorf begegnen würde. Daran musste ich mich erst wieder gewöhnen.

Seither sind es aber gerade diese Aspekte des Lokaljournalismus, die ich geniesse. Die Nähe zum Leser, die Unmittelbarkeit zu dem, was die Leute beschäftigt und das Gefühl, etwas bewirken zu können, wenn auch nur im Kleinen – all das wirkt ungemein belebend, selbst nach sehr langen und sehr stressigen Tagen.

Ich bin mir bewusst, dass die Euphorie, die ich jetzt verspüre, wieder abreissen könnte. Wie damals vor zweieinhalb Jahren. Im Gegensatz zu damals weiss ich aber heute, dass ich – allen Widrigkeiten zum Trotz, die der Lokaljournalismus mit sich bringt – früher oder später wieder ohnehin wieder zurückkehren würde. Einmal Lokaljournalistin, immer Lokaljournalistin.

Bildquelle Vorschaubild: Collage, Hintergrund: Google Street View

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