von Michael Angele

Die Verdeutschung der NZZ

Der «Blick von aussen» mit dem die Neue Zürcher Zeitung auf dem deutschen Markt den publizistischen und nun auch den kommerziellen Erfolg sucht, erweist sich bei genauerer Betrachtung als Hohlformel. Michael Angele, Schweizer Journalist in Berlin, über eine NZZ, die deutscher ist als sie zu sein vorgibt.

Der Newsletter hat als mediale Form eine erstaunliche Karriere hingelegt. Lange Zeit eine Art Teletext im digitalen Zeitalter, ist er etwa beim Berliner Tagesspiegel zum heimlichen Kernprodukt gewachsen. Auch das neue Angebot der NZZ für Deutschland, NZZ Perspektive, wirbt primär mit ihren Newslettern. Es gibt den täglichen Perspektive Newsletter, er kommt 16.30 und sagt uns Lesern in Deutschland, welche Artikel wir Leser in Deutschland «gerade besonders gerne lesen». Und es gibt den wöchentlichen Premium-Newsletter des Chefredakteurs Eric Gujer am Freitag. Er heisst «der andere Blick». Der sieht dann so aus: «Ohnehin neigt die deutsche Politik nicht dazu, Probleme ungeschminkt anzusprechen. Wer sich nicht an den Kodex des Beschönigens hält und sagt, der Umgang mit Gewalttätern sei zu lasch, sieht sich schnell als Störenfried des grossen Konsenses abgestempelt.»

Nun ja. Diesen Satz konnte man nach den gewalttätigen Protesten zu G20 so ähnlich in der FAZ, in der «Welt», im «Focus», im «Cicero», in Tichys Einblick und weiteren deutschen Medien lesen, die mir gerade nicht einfallen. Der «grosse Konsens» ist so gross geworden, dass er locker die einschliesst, die ihn zur rhetorischen Kampfformel erhoben haben und vorgeben, gegen ihn anzuschreiben. Nicht, dass man mich falsch versteht: Es gibt tatsächlich einen Anti-Mainstream in der deutschen Presselandschaft, die Organe heissen Junge Welt oder Junge Freiheit, aber die werden auch von der NZZ und seinem Publikum links oder rechts liegen gelassen.

Ratschläge eines Schweizers werden in Deutschland auch dann für putzig gehalten, wenn der mal so richtig durchgeben will, wo Bartel den Most holt.

Nun ist der «andere Blick» von NZZ-Chefredaktor Eric Gujer erst einmal eine wohlklingende Behauptung. Aber er kann auch ganz konkret werden. So verlinkt der Newsletter auf einen Artikel, der sagt, was die deutsche Polizei von den Kollegen der Schweiz lernen kann (Gummischrot einsetzen). An dieser Stelle muss ich eine bittere Wahrheit aussprechen, die man in meiner Heimat nicht gerne hört: Ratschläge eines Schweizers werden in Deutschland auch dann für putzig gehalten, wenn der mal so richtig durchgeben will, wo Bartel den Most holt. Oder gerade dann.

Bleibt der Humor. Der Newsletter endet mit einem «Gipfeli der Woche». Das erinnert mich an den Nebelspalter (gibt es den eigentlich noch?). Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein «Gipfeli der Woche» irgendjemanden anspricht, ausser ein paar sentimentale Auslandschweizer. Aber vielleicht unterschätze ich diese Zielgruppe. Auf dem E-Paper sehe ich gerade, dass im Ranking «Bei Leserinnen und Lesern in Deutschland besonders beliebt» auf Platz drei ein Nachruf auf Polo Hofer steht.

Belächelt für ihre Steifheit, geschätzt für ihren nüchternen Ton, ist die NZZ ein Bleisatz geronnenes Klischee.

In der digitalen Welt suchen wir Leser eben nach Heimat. Dazu gehört nicht zuletzt die Alte Tante selbst. Geliebt für ihre Auslandskorrespondenten, belächelt für ihre Steifheit, geschätzt für ihren nüchternen Ton, ist die NZZ ein Bleisatz geronnenes Klischee: Völlig unsexy, dafür total seriös. Die NZZ würde nie Skandale machen, aber sie würde über einem Skandal auch nicht hysterisch werden. Sie würde rasch zu Wichtigerem übergehen. Dafür wurde und wird sie nicht nur in Deutschland geschätzt, sondern weltweit. Bei uns in der Redaktion (ich arbeite bei der Wochenzeitung Der Freitag) liegt die «Internationale Ausgabe» der gedruckten NZZ oft im Zimmer des Auslandredakteurs aufgeschlagen, wenn ich sie suche.

Aber diese «Internationale Ausgabe» verschwindet eben nun so langsam in einem Medienmix aus E-Paper, Newslettern und Linksammlungen. Und die NZZ wird sich selbst etwas untreu, und fängt öfter an, selber Skandal, Skandal zu schreien.

Denn aus diesem Mix soll ja noch eine Marke werden. Und die braucht einen Claim. Für uns Leser in Deutschland: «der andere Blick». Folgende Geschichte dazu: Fast gleichzeitig mit NZZ Perspektive startete diese Woche ein auf deutsche Nutzer zugeschnittenes Angebot aus Österreich. derStandard.de wirbt ebenfalls mit einem «unabhängigen Blick von Aussen». Jetzt sind es also schon zwei. Und wenn das Lichtensteiner Volksblatt bald auch noch auf diese Geschäftsidee kommt, dann drei. Was soll das?

Warum soll es irgendwie einen Mehrwert haben, wenn jemand in Wien oder Zürich an einem Rechner sitzt und eine Meinung zu Frau Merkel in die Tasten haut?

Der Blick von Aussen mag in der Ethnologie um 1900 zu genauen Beschreibungen von fremdartigen Stämmen gedient haben. Aber warum soll er 2017 zu genauen Beschreibungen in einem Feld wie dem deutschen Wahlkampf führen, in dem buchstäblich zu jeder Zeit von allen alles gesagt wird? Ja, gibt es diesen «Blick von Aussen» überhaupt? Jetzt mal streng genommen: Warum soll es irgendwie einen Mehrwert haben, wenn jemand in Wien oder Zürich an einem Rechner sitzt und eine Meinung zu Frau Merkel in die Tasten haut? Tatsächlich wird dieser Blick von der NZZ immer wieder ad absurdum geführt. Etwa wenn der Leser aus Deutschland einen Artikel des Politikleiters der Bild-Zeitung über Angela Merkel in der NZZ liest. Weniger «anderer Blick» als mit der Bild-Zeitung auf Merkel zu schauen, geht fast gar nicht. Ralf Schuler: «Das Geheimnis der Angela Merkel». Heute im E-Paper drin. Nach Lektüre ist mir nicht klar, worin dieses Geheimnis bestehen soll. Dass Merkel abwartet, bis die anderen einen Fehler machen, wie da steht? Das ist weder ein Geheimnis noch eine Neuigkeit.

2015 war man noch ehrlicher. Da nannte man es «Gastkommentar», wenn der ehemalige Bild-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje in der NZZ über Merkels Flüchtlingspolitik schrieb.

Es ist eben lapidarer. Medienverlage verkaufen nicht «Blicke», sondern Texte. Die sind mal gut und mal schlecht, und in der NZZ sind sie, wenn ich das richtig sehe, öfter mal sogar sehr gut und überraschend. Und manchmal haben sie sogar einen unaufdringlichen Schweiz-Bezug. So finde ich heute auf der «Meinung und Debatte»-Seite einen spannenden Beitrag über Regeln im Cyberwar mit einem hübsche Detail: Microsoft schlägt eine neue Genfer Konvention vor.

Nicht Deutschland wird durch die NZZ irgendwie verschweizert. Die NZZ wird vielmehr immer deutscher.

Diese Texte verkauft die NZZ in einem Umfeld, das früher Zeitung hiess, und für das man heute noch keinen rechten Namen und keine rechte Verkaufsstrategie hat. Dabei kann man eine kleine List der Vernunft beobachten. Die behauptete Ethnisierung folgt in Wahrheit nämlich gerade andersherum. Nicht Deutschland wird durch die NZZ irgendwie verschweizert. Die NZZ wird vielmehr immer deutscher. Dazu passt die einzige Personalie, die im Rahmen der NZZ Perspektive bisher bekannt wurde. Marc Felix Serrao hat lange für die Süddeutsche Zeitung und kurz für die FAS geschrieben, bevor er bei der NZZ in Berlin anheuerte als einer von drei Redaktoren für die Deutschlandexpansion des Zürcher Weltblatts. Vermutlich, aber ich will ihm nichts unterstellen, weiss Herr Serrao nicht, wer Polo Hofer war und auch der Herr Schüüch wird ihm kein Begriff sein. Aber das ist egal. Sein Chef schliesslich war viele Jahre Korrespondent in Berlin, Gujer kennt den deutschen Politikbetrieb in- und auswendig. Wenn schon, hat er nicht einen Blick von «aussen», sondern von «innen».

Diese Verdeutschung der NZZ, wenn man so will, sieht man auch an der Entwicklung des Feuilletons. Fast alle spannenden Debattenbeiträge der letzten Zeit, jedenfalls die, die ich wahrgenommen habe, stammten von deutschen Publizisten und Publizistinnen. Das Feuilleton tut mit diesen Beiträgen das, was sie unter Martin Meyer geradezu krampfhaft vermieden hat: An Debatten teilnehmen. Ich finde das gut. Wenn mir die NZZ hier ein attraktives Angebot machen kann, bin ich dabei.

Die Alte Tante hat eben nicht einen «anderen Blick», sondern primär immer noch sich selbst. Und das findet schon ein Publikum. Es zeigt sich am NZZ Podium hier in Berlin. Professionell organisiert, bringt die Reihe seit drei Jahren interessante Diskussionen mit hochkarätigen und auch überraschenden Gästen, und ist ergo immer gut besucht. Wenn es die NZZ schafft, diesen Spin in ein publizistisches Angebot zu übersetzen, das mehr als eine Ansammlung von Artikeln und weniger als ein hohles Versprechen ist, ist mir nicht bange. Und meinetwegen kann man mit seiner Community so diskret verfahren, wie bisher. Vermeintlich mutige Meinungen zu diesem und jenem und besonders zur deutschen Flüchtlingspolitik, die hier gratis an jeder Strassenecke abgesondert werden, brauche ich persönlich nicht, allerdings gleich gar nicht gegen Bezahlung.

Update: In einer ersten Fassung hiess es, die Veranstaltungsreihe NZZ Podium
finde seit zehn Jahren in Berlin statt. Das stimmt nicht. NZZ-Podium Berlin
startete 2014. Dieses Jahr fand zudem eine erste Ausgabe von NZZ-Podium Baden-Würtemberg in Stuttgart statt.

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Leserbeiträge

Heinz Raschein 01. August 2017, 07:11

Fünfundzwanzig Jahre lang war ich mit der NZZ zufrieden, auch wenn ich vieles an ihr (zB. die Hysterie über das inzwischen verstorbene Waldsterben anfangs der achtziger Jahre) heute kritischer sähe. Vor etwa fünfzehn Jahren hat es mir mit ihrer zunehmenden Eindimensionalität und propagandistischen Tendenzen gereicht. Heute erscheint sie so überflüssig wie ein Kropf. Nach Swissair und UBS haben unsere geschätzten Miteidgenossen in Zürich eine weitere gute Marke aus angeborener Überheblichkeit geschlissen.

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