von René Zeyer

Die fatale Furcht des «Spiegel» vor einer zum gefährlichen Machwerk dämonisierten Notizensammlung

Das Buch «Finis Germania» rückte in der «Spiegel»-Bestsellerliste auf Platz 6 vor. Dann verschwand es plötzlich. Verkäufe eingebrochen? Nein, es wurde von der Chefreaktion entfernt. Dieser Fall wirft ein bezeichnendes Licht auf die Befindlichkeit des einst führenden Nachrichtenmagazins Deutschlands.

«Der Spiegel» hat sich fest vorgenommen, das «Ende der Welt» zu verhindern und den US-Präsidenten Donald Trump wegzuschreiben. Das sei ihm unbenommen, auch wenn es überheblich und lächerlich ist. Nicht nur in seinem Jubiläumsjahr schmückt sich «Der Spiegel» gerne mit dem Satz seines Gründers Rudolf Augstein: «Sagen, was ist.» Ergänzt um den aktuellen Slogan: «Keine Angst vor der Wahrheit.»

«Die Wahrheit ist konkret», sagte Bertolt Brecht, also überprüfen wir mal Anspruch und Wahrheit an einem aktuellen Beispiel. Der deutsche Historiker Rolf Peter Sieferle veröffentlichte das Buch «Finis Germania». Eine Essaysammlung des langjährigen Professors für Geschichte an der Universität St. Gallen; er zog darin pessimistisch und polemisch Bilanz über den Umgang der Deutschen mit dem Holocaust, äusserte sich zur Kollektivschuld im Zusammenhang mit der aktuellen Flüchtlingsdebatte, bevor er sich letztes Jahr das Leben nahm. Der Inhalt soll hier nicht Thema sein.

Das Buch steht seit Wochen auf Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste und schaffte es am 15. Juli auf Platz 6 der «Spiegel»-Sachbuchbestsellerliste. In der darauffolgenden Woche war es hier verschwunden. Zum Verkaufserfolg trug nicht zuletzt bei, dass der «Spiegel»-Redaktor Johannes Salzwedel als Mitglied einer unabhängigen und angesehenen Sachbuchjury das Buch wärmstens empfohlen hatte. Darauf erhob sich grosses Geschrei, weil der Essaysammlung im deutschen Feuilleton «Antisemitismus» vorgeworfen wurde, nicht nur in Deutschland, aber gerade dort das Totschlagargument par exellence. Daraufhin zog sich Salzwedel aus der Jury für das «Sachbuch des Monats» zurück. Sein eigener Chefredaktor Klaus Brinkbäumer trat öffentlich nach, er habe «kein Verständnis» für diese Buchempfehlung und begrüsse den Rücktritt aus der Jury, «wegen des entstandenen Schadens».

Worin dieser Schaden genau besteht, erläuterte Brinkbäumer allerdings nicht. Der von ihm selbst angerichtete lässt sich aber beschreiben: Die Chefredaktion des «Spiegel» entschied kommentarlos, das Buch aus der eigenen Bestsellerliste zu entfernen, ohne dass es eine Lücke hinterliess. Der Nächstplatzierte rückte einfach nach. Das fiel dem Publizisten Henryk M. Broder auf, einem ehemaligen «Spiegel»-Autor, der in der «Welt» den Entscheid kritisierte. Daraufhin fühlte sich der «Spiegel» bemüssigt, seinen wohl historisch einmaligen Eingriff in die eigene Bestsellerliste zu begründen. Und machte es damit noch schlimmer. Die stellvertretende Chefredaktorin Susanne Beyer «erklärt den Vorgang»: In einer Rezension habe der stellvertretende Ressortleiter Kultur das Buch als «völkische Angstfantasie» bezeichnet, sie selbst habe es dann als «rechtsradikal, antisemitisch und geschichtsrevisionistisch» bewertet. Daher sei es so: «Der SPIEGEL, der sich auch bei historischen Themen als Medium der Aufklärung versteht, will den Verkauf eines solchen Buches nicht befördern.»

Dazu ist zu sagen, dass der «Spiegel» offensichtlich sehr wenig vom Zeitalter der Aufklärung verstanden hat. Dem grosse Aufklärer Voltaire (1694 – 1778), dessen Namen wohl auch in «Spiegel»-Kreisen bekannt sein dürfte, wird das Zitat zugeschrieben: «Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äussern dürfen.» Denn genau darin bestand die ungeheuerliche Wirkung der Aufklärung, der wir in Europa unsere moderne Zivilisation verdanken: Nur eine offene Auseinandersetzung über alles Denkbare ohne Tabus befördert den Fortschritt, bringt Erkenntnisgewinn, ermöglicht den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, wie das Immanuel Kant auf den Punkt brachte. Und zu den geschützten Meinungen im Sinne der Meinungsfreiheit als wichtigste Errungenschaft der Aufklärung zählen auch abgründige, grenzwertige, verschwurbelte – und politisch missliebige sowieso und zuerst.

Fuchteln wir kurz mit der Nazikeule zurück. Wie wäre es, wenn das wirre Buch «Mein Kampf» von Adolf Hitler, im Dritten Reich in Millionenauflage verbreitet, obwohl es schon damals kaum einer gelesen, geschweige denn verstanden hat, ein Revival erlebte und die Bestsellerlisten stürmen würde? Ein theoretisches Beispiel, denn der Freistaat Bayern als Besitzer des Urheberrechts verbietet bis heute seine Publikation in Deutschland. Abgesehen von der knapp 2000 Seiten umfassenden «kritischen Edition» durch das renommierte Münchner Institut für Zeitgeschichte. Diese Ausnahmebewilligung schaffte es sogar bis auf Platz eins der «Spiegel»-Bestsellerliste. Wäre es im Sinne der Aufklärung angebracht, dass der «Spiegel» auch den Verkauf dieses Buchs «nicht befördern» möchte und es deshalb aus seiner Bestsellerliste entfernte? Oder wäre nur eine «kritisch kommentierte» Ausgabe von Sieferles Sammelsurium statthaft? Die Fragen stellen, heisst sie beantworten.

Dem Buch von Sieferle wird zudem sein Verlag vorgeworfen. Es ist im Kleinverlag Antaios erschienen, der der «Neuen Rechten» in Deutschland zugeordnet wird, rund um die Denkfabrik «Institut für Staatspolitik». Hier werde antidemokratisches Gedankengut gepflegt, lautet ein häufiger Vorwurf. Aber weder der Verlag noch das Institut stehen unter Beobachtung des deutschen Verfassungsschutzes, der dafür besorgt ist, dass sich in Deutschland alles auf dem Boden des Grundgesetzes abspielen sollte. Dem Verlag Antaios ist es auch schon widerfahren, dass seine Neuerscheinungen aus der deutschen Webseite von Amazon gekippt wurden. Ist das alles gerechtfertigt, zumindest nachvollziehbar, macht es Sinn?

Die Grenzen zwischen «erlaubt» und «verboten» zieht zunächst das Gesetz. Ein besonders sensibles Gebiet ist dabei die berühmte Meinungsfreiheit. Auch ihr sind, wie jeder Freiheit, Grenzen gesetzt. In den USA sehr weite, dort sind Beschimpfungen, das Äussern jeglicher politischer Meinungen, inklusive rechts- oder linksradikale, faschistische, antisemitische, islamfeindliche, rassistische usw. erlaubt. In Europa, in Deutschland, in der Schweiz ist das anders. Besonders beim Rechtsnachfolger des Dritten Reichs ist alles, was mit Judenfeindlichkeit oder Antisemitismus zu tun hat, aus historischen Gründen höchst heikel. Wer öffentlich sagt «die Juden sind an allem schuld», wird zu recht ausserhalb des erlaubten Diskurses gestellt und sanktioniert. Die andere Seite der Medaille ist, dass der Vorwurf des «Antisemitismus», also das Schwingen der Nazikeule, als Allzweckwaffe missbraucht wird, mit der jede missliebige Meinungsäusserung von den grossinquisitorischen Beherrschern des öffentlichen Diskurses, dem neuen Juste Milieu, totgeschlagen wird. Diese Keule ersetzt jede inhaltliche Auseinandersetzung, auch mit schlicht falschen Meinungen, aber genauso mit diskussionswürdigen.

Im konkreten Beispiel hat der «Spiegel» nicht nur Zensur ausgeübt, sondern sich mit seinem zunächst kommentarlosen Vorgehen und den nachgeschobenen Erklärungen auch noch lächerlich gemacht. Nicht zuletzt durch sein stümperhaftes Vorgehen. Während der Titel «Finis Germania» im «Spiegel» selbst von einer Woche auf die andere aus der Bestsellerliste verschwand, klaffte bei deren elektronischer Version auf Amazon zunächst auf Platz 6 eine Lücke, die erst am nächsten Tag durch den nachrückenden Platz 7 ersetzt wurde. Dem Publizisten Broder fällt dazu der Vergleich ein, dass genau so auch sowjetischen Zensoren vorgingen: «Der Konterrevolutionär Trotzki wurde von Fotos wegretuschiert und die Spuren der Retusche ebenfalls beseitigt.» Mit solchen Vergleichen ist es immer so eine Sache. Aber unabhängig davon, ob die Essaysammlung von Sieferle nun ein «philosophisches Meisterwerk» oder ein «völkisch-antisemitisches Machwerk» ist: Zensur ist keine Art, mit der damit umgegangen werden darf.

Geradezu absurd ist, dass der «Spiegel» entgegen seiner Absicht nach Kräften alles dafür getan hat, dass das Buch zum Bestseller wurde. Zunächst wird es von einem «Spiegel»-Redaktor wärmstens empfohlen, dadurch stürmt es die Bestsellerlisten. Dann wird es kommentarlos entfernt und der eigene Chefredaktor haut seinem Redaktor öffentlich eins über die Rübe, der sich aus einer angesehenen Jury zurückzieht. Und schliesslich werden Erklärungen nachgeschoben, die das Ganze noch schlimmer machen, als es ohnehin schon ist. Wenn der «Spiegel» tatsächlich keine Angst vor der Wahrheit hat und schreiben würde, was ist, sähe das ungefähr so aus: «In dieser Angelegenheit haben wir uns wirklich wie Stümper und bescheuert verhalten. Wir gehen in uns, lesen das Buch nochmal und empfehlen das auch allen unseren Lesern.»

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Leserbeiträge

J.Fischer 30. Juli 2017, 08:25

Die Frage ist doch eine ganz andere:

Warum ist die Bücherbestsellerliste, also eine eigentlich staubtrockene Liste, die in vielen Buchhandlungen zur Orientierung dient, in der Hand einer politischen Zeitschrift?
Für die Analyse der Verkäufe bedarf es doch keiner subjektiven Zeitschrift, sondern eine neutrale Firma müsste nur stupide die Verkaufszahlen zählen und fertig. Warum liegt sowas in Deutschland, was von allgemeinem Interesse ist, in den Händen einer politisch geprägten Zeitschrift?

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Helmut 10. August 2017, 11:26

Sogar die New York Times schreibt über Sieferles Finis Germania!

Die Times schreibt jedoch eine faire, journalistisch sachliche und auch noch positive Kritik, im Gegensatz zu den sich links -drehenden Medien in Deutschland!

Nach dem New York Times Germanys newest intellectual -Artikel hat das Buch Finis Germania ABSOLUT NICHTS ANTISEMITISCHES an sich!

Ist es nicht eigenartig, dass die Times nur Positives über Finis Germania schreibt und die Mainstreampresse Deutschlands nichts als Zensur und die „Nazi-keule“ zu bieten hat..?

http://www.nytimes.com/2017/07/08/opinion/sunday/germanys-newest-intellectual-antihero.html

Link für Smartphones:

http://mobile.nytimes.com/2017/07/08/opinion/sunday/germanys-newest-intellectual-antihero.html

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