von Matthias von Wartburg

In Tel Aviv hängen geblieben

Die Zürcher Journalistin Joëlle Weil (28) lebt seit vier Jahren in Tel Aviv und schreibt für Schweizer Zeitungen und Magazine. Freier Journalismus sei für sie in Israel einfacher als in der Schweiz.

Vor vier Jahren musste sich Joëlle Weil entscheiden. Nach einer Festanstellung bei der Schweizer Illustrierte liess eine neue Stelle auf sich warten. Was tun? Übergangsjob, Freier Journalismus oder doch in die PR wechseln? Joëlle Weil entschied sich für – Ferien. «Ich wollte eine Auszeit von sechs Monaten nehmen. Dabei vielleicht ein, zwei Texte schreiben.» Und: Während dieser Zeit wollte Joëlle Weil, aus den Ferien, eine neue Stelle in der Schweiz finden.

Weil flog nach Tel Aviv. Die 28-Jährige kennt die Israelische Grossstadt als Ferienort aus ihrer Kindheit und Jugend. «Tel Aviv war mir genug bekannt, dass ich mich schnell daheim fühlen konnte und trotzdem fremd genug, dass es sich noch als Abenteuer anfühlte.»

«Die Geschichten liegen hier auf der Strasse»

Zum Ferienmachen oder Jobsuchen ist Weil aber gar nicht gekommen. In Tel Aviv angekommen, drohte Iran mit einem Militärschlag gegen Israel. «Da war ich eigentlich noch im Ferienmodus.» Sie konnte aber schnell den ersten Artikel schreiben. «Ich realisierte, dass ich gar keine Pause machen muss, die Geschichten liegen hier auf der Strasse.»

Nach einem halben Jahr merkte Weil, dass sie «irgendwie vom freien Journalismus leben kann.» Sie hängte ein weiteres halbes Jahr an und ist mittlerweile seit vier Jahren im Nahen Osten.

Während Joëlle Weil die Fragen für diesen Text per Skype beantwortet, sitzt sie in einem Café im Zentrum von Tel Aviv. «Eines meiner Arbeits-Cafés. Ich sitze oft hier. Die nehmen es einem auch nicht übel, wenn man fünf Stunden hier ist und nur einen Kaffee bestellt.» Der Lärmpegel im Arbeits-Café ist mindestens so hoch wie in einem Newsroom. Weil hat ihr Smartphone auf dem Tisch hingestellt und stützt sich mit ihren Ellenbogen auf. Haare offen, schwarzes Top, Lesebrille.

«Für die harten Polit-Storys greifen die Redaktionen lieber auf die eigenen Korrespondenten zurück.»

Neben ihrer wöchentlichen Kolumne im Blick am Abend schreibt Weil zwischen ein und vier Texte pro Monat. Zum Beispiel «Riot Girl» für die NZZ am Sonntag über ein 10-jähriges palästinensisches Mädchen, welches die Zusammenstösse mit der Israelischen Armee in ihrem Dorf in der Westbank mit der Kamera dokumentiert. Oder «Das vegane gelobte Land», wo Weil für das Vegan-Magazin über Esskultur in Israel schreibt. Momentan porträtiert sie für das Sonntagsblick-Magazin einen ultraorthodoxen transsexuellen Mann, der heute in Jerusalem als Frau lebt. Weil hat sich zum Ziel gemacht, sich künftig stärker mit harten Polit-Storys zum Nahost-Konflikt zu positionieren. «Als Freelancer ist das jedoch sehr schwer. Da greifen die Redaktionen lieber auf die eigenen Korrespondenten zurück. Oder es kommen die zum Zug, die das schon sehr lange machen.»

Sie ist überzeugt, als Freie in Zürich hätte sie deutlich mehr Mühe als in Tel Aviv. «Nur schon finanziell: Die Lebenskosten sind hier tiefer, so habe ich weniger Druck und mehr Zeit für meine Geschichten.» Konkret muss Joëlle Weil neben dem Honorar der Kolumne im Blick am Abend, das sie nicht verraten will, um die 2000 Franken einnehmen. «Damit komme ich über die Runden, habe aber noch nichts zur Seite gelegt.»

«Arabisch zu lernen, braucht extrem viel Disziplin.»

Viele Storys schnappt sie in lokalen Medien oder im Gespräch mit der Bevölkerung auf. «Es gibt eigentlich keinen Ecken in diesem Land, der vom Israelischen TV nicht bis ins Detail besprochen wird. Da gibt es oft gute Geschichten, die ich weiter verfolgen kann.» Ausserdem seien die Israelis sehr offen und hätten ein grosses Mitteilungsbedürfnis. «Wenn man noch fliessend Hebräisch spricht, kommt man sehr schnell ins Gespräch und schnell zu neuen Ideen für Geschichten», sagt Weil während sie ihre langen Locken mit beiden Händen nach Hinten streicht. Weil hatte bereits als Kind Hebräisch gelernt. Jetzt lernt sie Arabisch. Den ersten Arabischkurs besuchte sie 2014. Ein Jahr später zog sie für eine intensive Lernphase für einen Monat in ein arabisches Dorf. «Arabisch zu lernen, braucht extrem viel Disziplin.»

Dank ihren Sprachkenntnissen hat Weil in Tel Aviv eine Art Nische gefunden. Neben ihr gibt es in Tel Aviv nur wenige andere Journalisten, die fliessend hebräisch sprechen. «Das habe ich bei vielen Reportagen gemerkt, dass mir das einen unglaublichen Vorteil bringt.» In der Schweiz wäre sie nur eine unter vielen.

Dass Medien mit Aufträgen auf sie zugehen, komme selten vor. «Während des Gaza-Kriegs 2014, da sind einige Anfragen gekommen, auch aus Deutschland.» Aber sonst sei es halt wie bei jedem Freien: «Es hat niemand auf dich gewartet. Und wenn du dich nicht anbietest, hast du keine Arbeit», sagt Weil und muss sich dabei Mühe geben, die Lärmkulisse ihres Arbeits-Cafés zu übertönen.

«Als freie Journalistin arbeitest du viel bewusster. Halb ausgereifte Ideen nimmt kaum eine Redaktion.»

Joëlle nippt an ihrem Wasser, im Glas schwimmt eine Mange Grünzeug. «Das ist Nana, israelische Pfefferminze.» Vor dem Interview sei sie mit ihrem Hund Gassi gegangen – bei 30 Grad am Schatten. «Darum brauche ich zum Kaffee eine Erfrischung.»

Nach vier Jahren Tel Aviv zieht die freie Journalistin eine positive Bilanz. Die Erfahrung sei für sie äusserst wertvoll. «Als freie Journalistin arbeitest du viel bewusster. Musst dich viel stärker mit den Geschichten auseinandersetzen. Halb ausgereifte Ideen nimmt kaum eine Redaktion.»

Warum ist sie eigentlich nicht schon lange offizielle Nahost-Korrespondentin für eine Redaktion? «Das wäre in absehbarer Zukunft sicher ein toller Karriereschritt. Aber auch als Freie gefällt es mir hier sehr gut.»

Man merkt, Joëlle Weil fühlt sich wohl in ihrer neuen Heimat, ist längst keine Touristin mehr. Auch die latente Terrorbedrohung macht ihr keine Mühe. Das sei längst Normalität geworden. «Und ich bin so oder so ein furchtfreier Mensch. Da müssten mir schon acht düstere Männer im Dunkeln folgen, dass es mir mulmig würde.» Und ausserdem habe sie das Gefühl, dass Israel beinahe sicherer sei als Europa. «Dieses Land ist schon seit seiner Gründung in Alarmbereitschaft.»

Joëlle Weil sieht neben dem Tisch zu Boden. «Shismo sitz!» Sie richtet die Kamera auf ihren Hund, ein Husky-Mischling. Er war ein Wachhund bei einer arabischen Familie. «Ich habe ihn aus seiner misslichen Lage frei gekauft. ‹Shu-ismo› heisst auf Arabisch, ‹wie heisst er›. Ich musste immer wieder fragen, wie er heisst, so wurde das sein neuer Name.»

«Rückkehr in die Schweiz? Israel ist beruflich ein viel zu spannendes Pflaster.»

Joëlle Weil ist inzwischen in Tel Aviv fest verankert. Sie hat nicht nur einen Hund, seit einem Jahr ist sie mit einem Israeli zusammen. Hund, Freund, Job: Kommt Joëlle Weil gar nie mehr zurück in die Schweiz? «Ou, wenn ich jetzt das so sagen würde, bekäme meine Mutter beim Lesen einen Heulkrampf.» Und doch, wenn sie ehrlich ist, dann ist die Schweiz momentan keine Option. «Israel ist beruflich ein viel zu spannendes Pflaster.» Es fühle sich an, wie als Modeliebhaber in einen Second-Hand-Laden zu stöbern: «Man kann einfach wühlen und dann finden man immer irgendwas Spannendes.»

Das Portfolio von Joëlle Weil unter www.joelleweil.ch.

Bilder: Joëlle Weil/zvg

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