von Christoph Lenz

Schaffhauser AZ: Eine Redaktion wie eine Indie-Band

Die Schaffhauser AZ war eigentlich schon tot. Dann nahm ihre Geschichte eine unwahrscheinliche Wendung. Heute ist sie eine der aufregendsten Lokalzeitungen der Schweiz.

Im Februar 2016 setzte die starke Frau im Schaffhauser Regierungsrat einen Brief auf. Einen Brief an die Redaktion der Schaffhauser AZ. Eine Reihe von Enthüllungen hatte zuvor ein schlechtes Licht auf Rosmarie Widmer-Gysels (SVP) Finanzdepartement geworfen. Die Lokalzeitung hatte den Behörden peinliche Rechenfehler bei den Steuereinnahmen nachgewiesen. Sie hatte enthüllt, dass die Kantonspolizei gewachsen war, weit über das von der Politik festgelegte Stellenmaximum hinaus. Als die AZ auch noch über grosszügige Steuerdeals für den Lebensmittelkonzern Unilever berichtete, hatte Regierungsrätin Widmer-Gysel genug. Die Kommunikations-Bemühungen ihres Departements seien ins Lächerliche gezogen worden, schrieb sie an die AZ: «Das Finanzdepartement wird in heiklen Fällen deshalb fortan auf eine Stellungnahme verzichten.»

Eine Informationssperre ist ein unorthodoxes Mittel. Andererseits: Die Arbeit der AZ war für die lokalen Verhältnisse ebenso ungewöhnlich. Bissiger, unbestechlicher Journalismus.

Die jüngere Geschichte des Medienplatzes Schaffhausen ist rasch erzählt: Bis Mitte der 1990er-Jahre bekämpften sich die freisinnigen Schaffhauser Nachrichten und die linke Schaffhauser Arbeiterzeitung – die AZ – Tag für Tag. Dann ging der linken Zeitung der Schnauf aus, wie allen sozialdemokratischen Tageszeitungen in der Schweiz. Entweder gaben sie direkt auf oder versuchten fortan als Wochenzeitung über die Runden zu kommen. Letzteres tat auch die Schaffhauser AZ. Sie baute Stellen ab und beschränkte sich aufs Lokale. Als einziges SP-Blatt sollte der AZ mit diesem Schritt das Überleben gelingen. Seit 1998 erscheint die Zeitung jeden Donnerstag im Tabloid-Format.

Die Schaffhauser Nachrichten festigten derweil unter Chefredaktor und Verleger Norbert Neininger (2015 verstorben) ihre Macht. Heute beherrscht der Meier Verlag, bei dem die SN erscheinen, nicht nur die regionale Tageszeitung, das regionale Radio und das regionale Fernsehen, sondern auch fast alle verbliebenen Lokalanzeiger im Kanton.

Journalistisch betrachtet waren die letzten 20 Jahre relativ ereignislos. Die SN lebten primär von ihrer Unentbehrlichkeit, die AZ vom Wohlwollen (und den Spenden) der Linken. Und beide Zeitungen schrumpften gemütlich ihrem Ende entgegen.

«Die AZ-Journalisten schreiben gut. Und sie überraschen mit Ideen – weit mehr als früher!» Peter Hartmeier, Schaffhauser und Ex-Chefredaktor Tages-Anzeiger

Für die AZ sind diese Zeiten vorbei. In den letzten 18 Monaten hat ein Generationenwechsel stattgefunden. Sechs End-Zwanziger bilden heute die Redaktion, vier Männer, zwei Frauen, alle im 60-Prozent-Pensum angestellt für 3600 Franken brutto. Sie machen eine sehr beschwingte Zeitung. Und sie gewinnen seit rund einem Jahr wieder Leser. Unter dem Strich kommt jede Woche ein Abo hinzu. Gut 1900 sind es insgesamt. Hält der Trend, dürften es nächstes Jahr, wenn die AZ ihr Hundertjähriges feiert, wieder über 2000 Abonnenten sein.

Einer, der diesen Wandel aus der Nähe verfolgte, ist Peter Hartmeier. «Am Familientisch und in meinem Freundeskreis wird viel öfter als früher über Geschichten und Kommentare der AZ diskutiert», sagt der in Schaffhausen wohnhafte Ex-Chefredaktor des Tages-Anzeigers. Warum? «Die AZ-Journalisten schreiben gut. Und sie überraschen mit Ideen – weit mehr als früher!» Manchmal ärgert sich Hartmeier zwar über die Staatsgläubigkeit der AZ und ihren Hang zum «Heimatschützlerisch-Provinziellen». Trotzdem, sagt er: «Wenn ich am Donnerstagabend nach einem Arbeitstag in Zürich nach Hause komme, will ich die AZ lesen.»

«Wir können machen, was wir wollen. Es gibt keine Strukturen, keine Hierarchien, keine festen Gärtchen.» Mattias Greuter, Co-Redaktionsleiter AZ

Vor gut einem Jahr traf ich die AZ-Redaktion in einem Café in Schaffhausen. Weil die Redaktorinnen beide etwas los hatten, sassen da nur die vier männlichen Kollegen, drei davon Teilzeit-Studenten. Mit ihren Strickpullovern und Jeans sahen sie aus wie eine Indie-Band. So redeten sie auch. «Wir können machen, was wir wollen. Es gibt keine Strukturen, keine Hierarchien, keine festen Gärtchen», sagte Mattias Greuter, 29 (auf dem Bild oben links).

Wie also sehen sie aus, die Geschichten dieser Redaktion? Einige Beispiele: Vorletzte Woche hat sich die AZ den globalen Steuerwettbewerb von unten her angeschaut: Sie observierte einen Briefkasten am Rande der Schaffhauser Altstadt. Er gehört dem Wal-Mart-Imperium. 13 Milliarden Franken hatte der weltgrösste Konzern zeitweilig an dieser unscheinbaren Adresse gelagert. Aber als die AZ anklopfte, war das Büro verwaist.

Mehrfach berichtete die AZ über den geschäftstüchtigen Schaffhauser Konditor Christian Köhler. Er führt ein Doppelleben als Immobilienhai und hat begonnen, das Stadtzentrum aufzukaufen. Die Nachbarn wundern sich: Nimmt Köhler in denkmalgeschützten Altstadt-Liegenschaften «Pinselrenovationen» vor, kann es sein, dass die Wände bedrohlich vibrieren. Was in den Häusern vorgeht, kann selbst die Baupolizei nicht prüfen. Köhler lässt sie nicht rein.

An Weihnachten 2015 brachte die AZ zwei Sandkastenfreunde zusammen, die sich irgendwann aus den Augen verloren hatten: Giorgio Behr, der es dank Fleiss und Härte vom Habenichts zum reichsten Schaffhauser gebracht, und Heinz Möckli, stadtbekannt, weil er konsequent barfüsselt und gerne Lolipops oder Raucherwaren verschenkt. Beim Treffen mit der AZ musterten sie sich und ihre Lebenswege. Daneben schwelgten sie in der Vergangenheit.
Heinz: Giorgios Familie hatte ein Bassin im Garten.
Giorgio: Das hatte mein Vater mit Bsetzisteinen gebaut. Während einiger Zeit lud ich dich ein, mit mir Hausboote zu bauen und schwimmen zu lassen.
Heinz: Schiffe aus Holzbrettli, Baumrinden und so weiter.
Giorgio: Lego gabs ja keine. Bis verboten wurde, ohne Zähler Wasser ins Bassin laufen zu lassen. Dann war es vorbei mit den Holzschiffen.

«Wir haben wenig Macht und nehmen keine Rücksicht.» Kevin Brühlmann, AZ-Redaktor

Die Verjüngung der AZ hat aber nicht nur mehr Themenvielfalt gebracht. Erkennbar ist auch eine politische Öffnung. Die AZ steht zwar weiterhin klar links (Ex-SP-Präsident Hans-Jürg Fehr ist seit 1996 Präsident des AZ Verlags). Sie berichtet aber unvoreingenommener über Themen und Akteure der Rechten – und mit etwas mehr Distanz über die ihr nahestehenden Milieus.

Gibts da keine Reklamationen der langjährigen Abonnenten? Selten, sagte Reporter Kevin Brühlmann an jenem Abend 2016 in Schaffhausen. Es sei aber schon auch ein Kampf gewesen, dieses Blockdenken abzulegen. «Früher hiess es immer wieder mal: Darüber schreiben wir nicht, das kommt von den Jungfreisinnigen. Heute denken wir nicht mehr so.»

Auch die Rivalität mit den Schaffhauser Nachrichten ist wieder aufgeblüht. Einerseits politisch: SN-Chefredaktor Robin Blanck und Verwaltungsratspräsident Gerold Bührer (Ex-Präsident der FDP Schweiz) halten die Tageszeitung auf einem stramm rechtskonservativen Kurs. Andererseits journalistisch: Im Kampf um die besseren Scoops hat die kleine AZ plötzlich die Nase vorn. Ihre Recherchen werden regelmässig von nationalen Medien aufgegriffen. Etliche Debatten im Schaffhauser Ratssaal gehen auf AZ-Enthüllungen zurück.

Die SN seien eine bequeme Konkurrenz geworden, sagte AZ-Redaktor Kevin Brühlmann im Sommer 2016. «Das Schicksal des Monopolblatts: Man hat viel Macht, muss aber auf alle Rücksicht nehmen. Wir haben wenig Macht und nehmen keine Rücksicht.»

Es komme nun öfter vor, dass Gegendarstellungen verlangt würden. «Aber unsere Juristin hat das meiste abgebügelt», sagt Co-Redaktionsleiter Mattias Greuter.

Vor einigen Wochen traf ich mich erneut mit Mattias Greuter. Er ist inzwischen zum Co-Redaktionsleiter der AZ aufgestiegen, gemeinsam mit Marlon Rusch. Es gibt nun also doch so etwas wie eine Hierarchie. «Nur wenn es ums Organisatorische geht», sagte Greuter. Was das heisst? «Zum Beispiel verhandelt die Redaktionsleitung mit Leuten, die eine Gegendarstellung verlangen. Das ist in letzter Zeit häufiger vorgekommen.» Sie hätten jetzt auch schon mal eine Juristin beiziehen müssen, weil die Gegenseite mit einem bekannten Medienanwalt aufmarschiert sei. Die Juristin habe das meiste abgebügelt. «Das war toll», sagte Greuter und lächelte stolz.

Auch mit Rosmarie Widmer-Gysel, der Regierungsrätin, habe sich das Verhältnis nach der Informationssperre im Frühling 2016 wieder entspannt, erzählte Greuter. Allerdings habe die AZ kürzlich über die Kantonspolizei geschrieben, «es gibt Vorwürfe gegen den Kommandanten», das habe der Finanzdirektorin gar nicht gefallen. Es sei «jetzt grad wieder ein bisschen schwierig». Aber das werde sich schon wieder einrenken.

Der Autor ist in Schaffhausen aufgewachsen. Von 2005 bis 2009 sass er für die Alternative Liste im Schaffhauser Stadtparlament. Er hat nie für die Schaffhauser AZ gearbeitet.

Bild: Schaffhauser AZ/zvg

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