von Andres Eberhard

«Frutigländer»: Wo der Verleger den Gewinn noch in den Journalismus investiert

Bis vor zwölf Jahren folgte Bernhard Egger der über hundertjährigen Familientradition und betrieb eine Druckerei in Frutigen im Berner Oberland. Dann verkaufte er seine Anteile und gründete den «Frutigländer». Heute kommt das Lokalblatt mit 4000 Abonnenten gut über die Runden. Eggers Erfolgsrezept: Erzielt das Blatt einen Gewinn, wird dieser in die Redaktion investiert.

Bis er 50 Jahre alt war, entsprach Bernhard Eggers Lebenslauf den Erwartungen: Er führte in vierter Generation die von seinem Urgrossvater im Jahr 1898 gegründete Druckerei in Frutigen. Dann wurde er in einer Mischung aus Zufall und der Motivation, einmal etwas anderes zu machen, zum Zeitungsverleger.

Bernhard Egger steht an einem Besprechungstisch, hinter ihm ein Fenster mit Blick auf Balmhorn und Altels. Das Sitzungszimmer teilt sich die Frutigländer Medien AG mit der Druckerei, die noch immer Eggers Namen trägt. «Wir teilen uns die Räume und die Administration, davon profitieren beide Seiten», sagt Egger. Gedruckt wird jedoch in Aarau. «Für den Zeitungsdruck ist unsere Druckerei nicht eingerichtet.»

«Früher erfuhr man etwas vom Hörensagen am Stammtisch statt faktenbasiert durch die Zeitung.»
Egger ist Vater und Spiritus Rector der 2005 gegründeten, zweimal wöchentlich erscheinenden Bezahlzeitung «Frutigländer». Den Funken aber haben andere gelegt. Alles begann mit einer Kolumne, die am 9. Oktober 2004 in der Tageszeitung «Berner Oberländer» erschien. Geschrieben hatte sie Toni Koller, damals hauptberuflich als Regional-Redaktor bei Radio SRF tätig. «Was Adelboden gut täte», schrieb er, «ist eine eigene Zeitung.» Koller stammt selber aus Adelboden. Er habe sich immer daran gestört , dass über Dinge, die in Adelboden geschehen, kaum ein öffentlicher Diskurs statt finde, sagt er auf Anfrage. «Man erfuhr etwas nur vom Hörensagen am Stammtisch statt faktenbasiert durch die Zeitung.» So seien viele Fakten verdreht worden und Gerüchte entstanden.

Koller beendete seine Kolumne mit einer Aufforderung. «Tatsachen und Meinungen, schwarz auf weiss statt den verschlungenen Wegen des Hörensagens – wer packt’s an und lanciert das Projekt?» Wenig später klingelte sein Telefon. Am Apparat war Frank Müller, Herausgeber des «Anzeigers von Saanen», einer über 100-jährigen Lokalzeitung, die zwei Täler westwärts im Saanenland erscheint. Er habe ein solches Projekt in der Schublade, sagte Müller, ihm würden aber die Kontakte vor Ort fehlen. Also vermittelte Koller, bevor er sich aus dem Projekt zurückzog. Als Ergebnis gelangte Müller an Egger, welcher mit seiner Druckerei seit eh und je für die Herausgabe des Amtlichen Frutiger Anzeigers verantwortlich war. Danach ging es schnell: Fünf Monate nach dem ersten Treffen war der «Frutigländer» geboren.

Als Herausgeber des Amtlichen Anzeigers hat er den stärksten Trumpf in der Hand: Das Quasi-Monopol auf die Inserate in der Region.

Egger wirkt mit seiner sportlichen Statur, seinem braungebrannten Teint und seiner eckig-modernen Brille jünger als seine 61 Jahre. Als Jugendlicher hatte er zunächst auf eine Zukunft im Tourismus hingearbeitet. «Ich träumte von einem grossen Hotel in Ostasien.» Mit 22 aber, während eines halbjährigen Praktikums in Ghana, habe er sich entschieden, doch die Familientradition fortzuführen. In der Folge studierte Egger in St. Gallen Finanz- und Rechnungswesen. Mit 27 kehrte er nach Frutigen zurück, zwei Jahre später übernahm er den Betrieb. Damals konnte niemand ahnen, dass es die letzte Stabsübergabe innerhalb der Familie Egger bleiben würde.

Als die Idee für den «Frutigländer» an ihn herangetragen wurde, stimmte für Egger das Timing perfekt. «Freunden gegenüber hatte ich schon mit 40 gesagt, dass ich mit 50 etwas Neues machen möchte.» Dass die Zeitung ein finanzielles Risiko war, das wusste auch Egger. Immerhin: Als Herausgeber des Amtlichen Anzeigers hatte er den stärksten Trumpf in der Hand: Das Quasi-Monopol auf die Inserate in der Region. Denn der Anzeiger hat eine Abdeckung von 100 Prozent. Möglich macht es ein schweizweit einzigartiges Gesetz: Im Kanton Bern müssen sämtliche amtliche Publikationen in gedruckter Form jeden einzelnen Haushalt erreichen – und zwar in einer Publikation ohne ergänzenden redaktionellen Inhalt.

«Alles, was wir besitzen, sind ein paar Macs und Bürostühle.»

Nein, Bernhard Egger ist kein typischer Verleger. Ihm geht es nicht darum, Gewinne einzustreichen. Ein Beispiel: Kürzlich wurden Einsparungen gemacht, indem der Druckpartner gewechselt wurde – von der Dietschi Druck & Medien in Olten zur Mittelland Zeitungsdruck AG. Dieses Geld investierten Egger, seine Frau und die Gebrüder Müller aus dem Saanenland – die vier Aktionäre der AG – hauptsächlich in eine neue 60%-Redaktionsstelle. Egger sagt: «Ganz ehrlich, wir haben sozusagen keine Reserven. Alles was wir besitzen, sind ein paar Macs und Bürostühle.»

Auf der anderen Seite betont Egger aber auch, dass er kein Mäzen sei. «Wir haben noch kein einziges Mal rote Zahlen geschrieben», sagt er. Die ersten tauesend Abonnenten für das neue Blatt, das jeweils am Dienstag und Freitag erscheint, kamen ruckzuck. Die zweiten tausend auch. Damit war die Finanzierung der ersten beiden Redaktorenstellen bereits nach wenigen Monaten gesichert. Bei den dritten ging’s immer noch schnell. Bis zum 4000. Abonnenten dauerte es etwas länger, seit Jahren stagniert man bei dieser Zahl. Egger ist sich bewusst, dass der Plafond nun erreicht ist. Für ihn ist klar: Neue Abonnenten gibt es nur, wenn die journalistische Arbeit besser wird. Er sagt: «Wir stecken alles Geld, das wir verdienen, in die Redaktion.»

Das lohnt sich: Worüber früher geschwiegen oder höchstens genuschelt wurde, wird heute öffentlich diskutiert: sei es der Stellenabbau einer grossen Baufirma oder Ungereimtheiten auf einem öffentlichen Amt. Der «Frutigländer» fragt nach. Auch die Liebesgeschichte zweier 90-Jähriger, ein Kommentar über die Sanierung der Tellenburg bei Frutigen oder ein Selbstversuch beim Vogellisi-Berglauf würde es ohne die Lokalzeitung nirgends nachzulesen geben.

«Ich wollte einfach etwas Neues machen. Die Zeitung war eine spannende Ergänzung zu meiner früheren Tätigkeit.»

Weder Investor noch Mäzen. Was also ist es, das Bernhard Egger antreibt? «Ich wollte einfach etwas Neues machen. Die Zeitung war eine spannende Ergänzung zu meiner früheren Tätigkeit.» Skrupel, die über 100-jährige Tradition der Familiendruckerei zu beenden, hatte er keine. Einerseits ging die Druckerei an vertraute Gesichter: Aus dem Kader hatte sich eine interne «Übernahmecrew» gebildet. Andererseits war dieser Schritt für Egger ohnehin absehbar, denn er und seine Frau haben keine Kinder.

Egger versprüht eine ehrliche Offenheit, wie man sie sich auch von anderen Verlegern wünschte. «Ob es den Frutigländer in 20 Jahren noch gibt? Ich weiss es nicht.» In knapp vier Jahren wird sich Egger ohnehin pensionieren lassen. Er wird es so machen wie bei der Druckerei. Alle Anteile verkaufen, sich vollständig zurückziehen. «Viele haben Mühe loszulassen. Ich nicht. Etwas zu übergeben ist doch das Schönste», sagt er. Das einzige, was er sich von seinem Nachfolger wünscht: «Es muss jemand sein, der sich mit Herzblut für die Lokalzeitung engagiert.»

Bilder: Andres Eberhard

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Leserbeiträge

Kurt Metz 17. August 2017, 04:06

Faszinierend, erfrischend, erfreulich: weiter so!

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Fredi Lerch 17. August 2017, 05:22

Ich habe mehr als drei Jahrzehnte als Printjournalist zwischen Zürich und Bern gearbeitet, und ich habe den Niedergang meiner Branche in den urbanen Zentren mitbekommen. 2015/16 half ich mit, in Adelboden ein Chronikprojekt zu realisieren. Gleichzeitig bin ich aus privaten Gründen seit einigen Jahren oft in Kandersteg. Ich habe in den letzten Jahren Respekt bekommen vor dem «Frutigländer», den ich zwar nicht regelmässig, aber immer wieder sehe. Insbesondere meine ich, dass sich dieses Blatt – was Anteil und Qualität der journalistischen Eigenleistungen und was das Engagement der Kommentare betrifft – sehr wohl mit grösseren Zeitungen des Unterlands vergleichen lässt. Darum empfehle ich, Eberhards Bericht nicht zu unterschätzen. Wenn Print überhaupt noch eine Chance hat, dann durch solche Neugründungen von engagierten Leuten. Oder wie es der Schriftsteller Ludwig Hohl in seinen «Nachnotizen» formuliert hat: «Nicht vom Zentrum aus geschieht die Entwicklung, die Ränder brechen herein.» Danke für den Bericht.

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