AUF DEM RADAR

Kriegsrhetorik, Werbeallianz, Drecksarbeit, Gemeinwohl

Ausschreitungen sind kein Krieg

Wer im Zusammenhang mit den ausgearteten Anti-G20-Demonstrationen in Hamburg von «Krieg» spricht, verharmlost reale Kriegsvorgänge, wie wir sie beispielsweise tagtäglich in Syrien beobachten können mit er flächendeckender Zerstörung ganzer Landstriche und tausenden von Toten. «Watson»-Autor William Stern mahnt in einer kleinen Sprachkritik zur zurückhaltenden und präzisen Verwendung martialischer Terminologie.

Allianz gegen Google und Facebook

In Frankreich schliessen sich Medienunternehmen, die sich bisher als Konkurrenten verstanden haben, zu zur «Skyline»-Allianz zusammen, um dem Abfluss von Werbegeldern in Richtung Google und Facebook Einhalt zu gebieten. Doch selbst gemeinsam erreichen die Medien weniger User als die internationalen Konzerne.

Krisen-PR oder die Elastizität der Wahrheit

Burson-Marsteller gilt bis heute als Inbegriff der skrupellosen PR-Agentur, die Diktatoren, Umweltsündern oder Söldnerfirmen unterstützend zur Seite steht. Die Arbeit für die berühmt-berüchtigten Kunden aus der Vergangenheit will die Agentur heute nicht kommentieren und spricht stattdessen lieber von seinem Selbstverständnis als «Agentur für heikle oder schwierige Kommunikationsaufgaben», die andere Agenturen vielleicht nicht angehen würden – also alles beim Alten…

Non-Profit-Journalismus in Deutschland

Gemeinnützige, nicht-kommerzielle Medien als eine von vielen Antworten auf die Medienkrise: ohne Profitdruck bleiben mehr Ressourcen für den Journalismus. Nur: Als Massenmedium geht keiner der bisher bekannten Titel durch, die eine Überblick über die entsprechenden Aktivitäten in Deutschland zeigt.

Weitere Beiträge dieser Woche

CNN vs. Röstigraben, Jim DeRogatis vs. R.Kelly, «Spiegel» vs. Realität, Fake vs. News

CNN für die ganze Schweiz

Der US-Nachrichtensender ­CNN rechnet sich für seinen Schweiz-Ableger nicht zuletzt deshalb gute Chancen auf dem Markt aus, weil es bisher in der Schweiz keine landesweiten Medien gebe: «Mit CNNMoney Switzerland erreicht ein CEO gleichzeitig die Schweiz und die ganze Welt», erklärt Andrew Morse, der für das Mutterhaus den Start in der Schweiz begleitet. Das Risiko hält der Konzern aus Atlanta insofern klein, als dass er kein Geld in das Schweizer Projekt investiert, sondern nur eine Lizenzvereinbarung mit der Schweizer Firma MediaGo eingeht für die Nutzung der Marke und den Zugang zu den CNN-Inhalten.

Investigativer Musikjournalismus

Der Musikjournalist Jim DeRogatis erzählt im Interview mit «Vox» wie er 17 Jahre lang den Missbrauchsvorwürfen gegen den R&B-Weltstart R.Kelly nachging. Zuletzt enthüllte DeRogatis auf Buzzfeed, dass der Musiker junge Frauen als Sexsklavinnen halte. Auch wenn er sich nicht gewünscht habe, an diesem Thema so lange dran zu bleiben, habe er als Journalist letztlich keine andere Wahl gehabt, wenn er seinen Job ernst nehme.

Die Geister, die wir riefen

Die stellvertretende Chefredaktorin des «Spiegel» erklärt in dieser Hausmitteilung, warum das Nachrichtenmagazin das Buch «Finis Germania» von der Bestenliste entfernt hat: Man wolle einem Werk, das die Chefredaktion als «rechtsradikal, antisemitisch und geschichtsrevisionistisch» eingestuft hat, keine Plattform bieten – zumal der Verkaufserfolg allein daher rühre, dass ein «Spiegel»-Redaktor zuvor das Werk mit einem Kniff bei der Punktevergabe in die Sachbuchliste von NDR und Süddeutscher Zeitung gehievt hatte. Mit er Entfernung erreicht der «Spiegel» allerdings genau das Gegenteil: «Finis Germania» verkauft sich nach Angaben des Verlags blendend – ganz ohne Präsenz auf irgendwelchen Listen.

Fake-News, war da was?

Auch wenn es manche nicht mehr hören mögen: Die Sache mit den Fake News ist nicht ausgestanden nur weil gerade kein grösserer Skandal . Da kommt es gerade zupass, dass das Computermagazin c’t ein umfangreiches Dossier vorlegt und einem kleinen Repetitionskurs gleich noch einmal zentrale Fragen (er)klärt; nichts grundlegend Neues, aber sauber aufbereitet.

Ab nach Berlin, Justizfarce am Bosporus, «Tatort»-Experiment, Sponsored Ghostwriter

Zürich und Wien expandieren nach Berlin

Zufällig zeitgleich kündigten die Neue Zürcher Zeitung und der Wiener «Standard» ihre Expansion mit neuen Produkten in den deutschen Markt an. Die NZZ bietet unter der Marke NZZ Perspektive neu für zehn Euro ein E-Paper an, das die Auslandberichterstattung, das Feuilleton, sowie Kommentare und Analysen zur deutschen Politik umfasst. Der «Standard» wiederum betrachtet seine neue Website derstandard.de als Labor, von dem auch die Produkte im Heimmarkt profitieren sollen. Damit unternimmt die Zeitung aus Wien den gleichen Schritt, den die NZZ mit ihrem Österreich-Ableger NZZ.at unternommen und im April mangels kommerziellen Erfolgs abgebrochen hatte – mit dem Unterschied, dass der Markt in Deutschland um einiges grösser ist als in Österreich.

Schwarzer «Tag der Pressefreiheit» in der Türkei

Ausgerechnet am «Tag der Pressefreiheit» standen in der Türkei 19 Mitarbeitende der Zeitung Cumhuriyet vor Gericht. Das ist kein Zufall. Denn das Erdoğan-Regime setzt mit diesem Prozess zum finalen Schlag gegen eben jene Pressefreiheit an, die schon jetzt nur noch in Fragmenten existiert. Die Anklageschrift bleibt nebulös. «Konkrete, nachvollziehbare Straftatbestände enthält sie nicht», schreibt die FAZ in ihrem Bericht zum ersten Prozesstag.

Das nächste «Tatort»-Experiment kommt aus der Schweiz

Nachdem die Schweizer Medien bereits vor zwei Wochen darüber berichteten, ist die Neuigkeit jetzt auch in Deutschland angekommen: Der nächste Schweizer «Tatort» (Flückiger/Ritschartd) wurde eben abgedreht – und das gleich viermal. Der Aufwand war erforderlich, weil Regisseur Dani Levy den Film mit einer einzigen Kameraeinstellung aufgenommen hat. Nach der improvisierten Folge aus Ludwigshafen wagt man beim beliebten Sonntagabend-Krimi binnen Jahresfrist bereits das nächste Experiment; der One-Take-Tatort soll im Frühjahr 2018 gezeigt werden.

Blogger lässt Sponsored Post von Ghostwriter verfassen – und kassiert dafür

Ein lustiges Experiment: Blogger Felix Schwenzel verfasst ab und zu gesponserte Beiträge in seinem Blog. Themenvorschläge und das Geld dazu erhält er von einer Agentur. Als diese nun als Kunden eine Ghostwriting-Agentur präsentierte, die über sich schreiben lassen wollte, griff Schwenzel zu – aber nicht wie man das nun erwarten würde, dass er die Vorzüge der Geisterschreiber vorstellen würde. Nein, der gewiefte Blogger erteilte der Agentur den Auftrag, über sich selbst zu schreiben – ist ja schliesslich ihr Geschäft. Dabei achtete Schwenzel darauf, dass der Preis für den fremdgeschriebenen Text unter dem Honorar lag, das er von der Auftragsvermittlung für den gesponserten Beitrag erhielt. Das Experiment und die Rechnung gingen auf.

Blind auf Reisen, Geraune vom Bürgerkrieg, der Experte soll zahlen, Sandwich vs. Hot-Dog

Rechte Radios am Rande des Bürgerkriegs

Trump-freundliche Radioprogramme raunen von einem Bürgerkrieg, an dessen Grenzen sich die USA bereits befänden. Schuld daran trügen die Demokraten, die das Land ins Chaos stürzen wollten. Das Magazin Newsweek weist im Zusammenhang mit der Kriegsrhetorik auf die Rolle der Radios bei der Entfachung des mörderischen Bürgerkriegs in Ruanda hin. Alex Jones, eine der zentralen Figuren dieser Radiorechten, will seine Aussagen nur ironisch verstanden wissen.

Experten sollen für Medienpräsenz bezahlen

Rechtsanwalt Martin Steiger beschreibt, wie er für teures Geld hätte als Experte auftreten können in einer sogenannten Themenbeilage einer Schweizer Zeitung. Er hat es nicht gemacht, weil: «Viele Leserinnen und Leser erkennen eine solche ‹Themenzeitung› vermutlich nicht ohne weiteres als Werbebeilage (…).»

Kleinliches Korrigendum

Eine Lokalzeitung in Kentucky (USA) entschuldigt sich für die seit über hundert Jahren fälschlicherweise verwendete Bezeichnung von Hot-Dogs als Sandwiches. Doch es gibt Kritik an der Selbstkritik. Ein Kolumnist im eigenen Blatt weist darauf hin, dass im «Merriam-Webster»-Wörterbuch Hot-Dogs als Sandwiches bezeichnet werden.

Diagnose Mainstream, 14 Jahre Public Editor, Lohntransparenz, Instagram-Krösusse

Mehr Volkserzieher als kritische Beobachter

Eine aktuelle Studie geht hart ins Gericht mit den politischen Tageszeitungen Deutschlands und ihrer Berichterstattung zur Flüchtlingssituation der letzten Jahre. Angela Merkels Politik sei nicht hinterfragt, sondern unkritisch nachgebetet worden. Der Journalismus von FAZ, Süddeutsche Zeitung, Welt und anderen habe so zur Spaltung des Landes beigetragen. «Die Studie liest sich bisweilen so, als hätten die Wissenschaftler dem Wunsch hinterhergeforscht, die Branche am Kragen zu packen und einmal kräftig durchzuschütteln», schreibt «Zeit»-Autor Jochen Bittner. Das ist allerdings so nur möglich, weil die Studie die durchaus vorhandene kritische Berichterstattung grosszügig ignoriert.

Vermittler zwischen Redaktion und Publikum

14 Jahre lange beschäftigte die New York Times einen sogenannten Public Editor. Insgesamt sechs Redaktorinnen und Redaktoren dienten in dieser Zeit als Schnittstelle zwischen Redaktion und Publikum. Nun wurde der Posten abgeschafft, der nach dem Plagiatsskandal um Jayson Blair 2003 eingeführt wurde um das Vertrauen der Leser zurückzugewinnen. Das Fachmagazin Columbia Journalism Review hat sich mit allen Stelleninhaberinnen und -inhabern unterhalten und Funktion und Selbstverständnis des Public Editor umfassend ausgeleuchtet.

Lohntransparenz von Fall zu Fall

Die britische BBC veröffentlichte erstmals die Gehälter ihrer Aushängeschilder. Spitzenverdiener sind der Radiomoderator Chris Evans und Gary Lineker, der frühere Fussballer und heutige Moderator. Sie beziehen im Jahr 2,2, respektive 1,75 Mio. Pfund. Zu dieser Transparenz wurde die BBC von der britischen Regierung gezwungen. In der Schweiz bleiben die Top-Saläre von Radio- und Fernsehmoderatoren weiterhin ein Geheimnis. Die SRG veröffentlicht keine konkreten Zahlen dazu. Nur von einzelnen Moderatoren, wie etwa Reto Lipp (Eco) oder Franz Fischlin (Tageschau) sind mehr oder weniger genaue Geldbeträge bekannt, die sie selbst preisgegeben haben.

Wie die Instagram-Influencer gross abkassieren

Hier fliessen also die Werbemillionen hin, die den Medien fehlen: Weltbekannte Figuren, die oft nur dafür bekannt sind, dass sie bekannt sind, sollen für ein einzelnes Bild auf Instagram bis zu einer halben Million Dollar kriegen, wenn sie Produkt X in die Kamera halten. Alles, was hier zählt, ist Reichweite. Und genau darüber verfügen Influencer mit ihren hunderttausenden von Fans und Followern.