AUF DEM RADAR

«Bild»-Pranger, Verleger-Verzweiflung, Facebook-PR, Native-Stellenanzeige

«Bild»-Zeitung betreibt «rechtswidrigen Pranger»

Die grösste Zeitung Deutschlands gefällt sich in der Rolle des Hilfssheriffs. Nach den Krawallen um den G20-Gipfel von Hamburg inszeniert das Blatt eine Fahndung nach mutmasslichen Straftätern. Die Aktion stösst auf harsche Kritik in der Fachwelt. «Wenn es um Kinderschänder, Extremisten oder Terroristen geht, verfällt die Bild gerne in eine Lynchstimmung», urteilt Medienanwalt Ralf Höcker im Interview mit dem Magazin Meedia.

US-Verleger verlangen nach Regulierung

Um die notorisch kurzen Spiesse im ungleichen Kampf gegen Google und Facebook wenigstens etwas länger erscheinen zu lassen, verlangt der Verband der US-Verleger vom Kongress, dass seine Mitglieder kollektiv mit den Plattform-Giganten verhandeln dürfen. Das erfordert eine Änderung der Antitrust-Gesetzgebung. Sollten New York Times, Washington Post, Walls Street Journal und weitere 2000 Verlage damit erfolgreich sein, hätten sie dies vor allem Rupert Murdoch zu verdanken, der weiterhin über die besten Lobbyfäden in den Kongress verfügt.

Facbook reagiert auf kritische Berichterstattung

Nach kritischer Berichterstattung über die Arbeitsbedingungen in den Löschzentren von Facebook ging nun der blaue Riese in die Charme-Offensive. Ausgewählten Medien wurde ein Einblick in die Arbeit der Bertelsmann-Tochter Arvato gewährt, die für Facebook die Drecksarbeit erledigt. Viel mehr als eine gesteuerte PR-Operation gab der Termin aber nicht her.

Wechsel auf die dunkle Seite des Journalismus?

Die Abteilung Commercial Publishing von Tamedia sucht mit den ihr eigenen Mitteln nach neuen Mitarbeitenden: Ein Text im Layout von tagesanzeiger.ch über Werbeguru Howard Gossage wartet darauf, mit attraktiven Titelelementen ergänzt zu werden. Wer das schafft, hat gute Chancen, auf die dunkle Seite des Journalismus zu wechseln und fortan Native Advertising zu texten.

Weitere Beiträge dieser Woche

Falschmeldungen nachgezählt, Journalistenwissen, der Springer-Chef und die Fakten, Tagesschau ade

Auch Halbwahrheiten sind Falschmeldungen

Anhand von 2000 Facebook-Posts auf den Seiten acht grosser deutscher Nachrichtenmedien hat Motherboard Vice herauszufinden versucht, wer wie oft Falschmeldungen verbreitet. Im Ergebnis zeigt sich, dass nicht nur die üblichen Verdächtigen, etwa die Russischen Staatsmedien, geneigt sind, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Auch politisch unabhängige Medien, etwa die Huffington Post, verbreiten regelmässig Halbwahrheiten. Überhaupt sei dies der häufigste Typus verbreiteter Falschmeldungen, also «Fälle, in denen die Grenze zwischen akzeptabler Sensationsberichterstattung und falscher Berichterstattung schwer zu ziehen ist. Es sind Meldungen, die zwar oft einen wahren Kern haben, aber in ihrer Überspitzung den Leser nicht mehr über zentrale Fakten informieren – das Ziel scheint die Eskalation und die sofortige Reaktion der Leser zu sein.»

Was Journalisten wissen müssen

Die FAZ stellt die Aufnahmeprüfung für die Henri-Nannen-Schule als «härtesten Wissenstest für Journalisten» vor. Auch die Journalistenschule selbst nennt den Katalog «ziemlich herausfordernd». Kennen Sie zum Beispiel die richtige Antwort auf diese Frage: «Casey ist der Bruder von Ben, und der hat sich vor einiger Zeit von Jennifer getrennt. Welche drei Personen sind gemeint?»

Wenn es der Springer-Chef mit den Fakten nicht so genau nimmt

In einem (medien)politischen Rundumschlag in seiner Funktion als Verlegerpräsident nahm es Mathias Döpfner mit den Fakten nicht so genau. Der Springer-Chef nannte in einer Rede als vermeintliche Anzeichen für die schleichende Islamisierung Deutschlands ausgerechnet Beispiele, die faktisch längst widerlegt sind; ein Wintermarkt hiess schon immer Wintermarkt und wurde nicht aus Rücksicht auf den Islam umgetauft und ein Freibad, das keine Bockwürste mehr verkauft, tut dies nicht aus religiösen, sondern aus geschäftlichen Gründen. Einigermassen peinlich für einen Verlagschef, der in der gleichen Rede die Bedeutung von Medien und Journalismus hochhalten wollte.

Experiment in Kanada: Tagesschau für die Jungen

Der Kanadische Rundfunk CBC macht einen Schnitt. In ein paar Wochen ist die jahrzehntealte Tagesschau «The Natioanal» Geschichte. Ab November geht die Sendung raus aus dem Studio. Vier Moderatoren, verteilt über das ganze Land, präsentieren die neue Nachrichtensendung und arbeiten selbst auch als Reporter. Der Umbau erfolgt als Teil einer Strategieänderung mit Blick auf das veränderte Nutzungsverhalten der jüngeren Zuschauer. «The National» soll darum als Marke über verschiedene Plattformen hinweg wirken.

Regionalmassaker, NGO-Recherche, Emmy-Nachlese, Sprachrevolution

Fast vierzig Schweizer Regionalsender in Gefahr

Sollten die Schweizer Stimmberechtigten die Gebührenfinanzierung für Medien verbieten, dann träfe dies in erster Linie die SRG. Sie ist schliesslich auch gemeint mit der «No-Billag»-Initiative über die 2018 an der Urne abgestimmt wird. Existenziell bedroht von einem Subventionsstopp wären aber aber auch 36 private Medienunternehmen, die heute zu grossen Teilen über Gebühren mitfinanziert werden, darunter nahezu sämtliche Regional-TV-Sender sowie Dutzende Lokalradios. «Die bisher insgesamt 67.5 Millionen öffentlicher Beiträge durch kommerzielle Aktivitäten zu ersetzen, wäre in den kleinen regionalen Märkten unmöglich», schreibt Philipp Cueni.

NGO-Recherche zwischen Aktivismus und Journalismus

Die entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisation Public Eye (früher: Erklärung von Bern) dokumentiert ihre Arbeit regelmässig mit journalistischen Formaten. So auch aktuell mit ihrer Recherche zu den Geschäften des Genfer Ölhändlers Gunvor im Kongo. Sowohl Web-Reportage als auch die gedruckte Broschüre kommen als sorgfältig produzierte redaktionelle Produkte daher. Doch ist das Journalismus oder einfach verkleideter Aktivismus? Klar ist: Hier beobachten wir eine Verschiebung statt, die nicht aufhalten lässt. NGOs transformieren sich zu Redaktionsbüros, heuern Journalisten an, Recherchieren mit den gleich Mitteln und Methoden wie unabhängige Medien. Allerdings mit einem zentralen Unterschied: Die Themenwahl erfolgt entlang der politischen Agenda der Organisation.

Die Emmy-Awards als Gradmesser für den TV-Wandel

Die diesjährige Verleihung der wichtigsten Fernsehpreise in den USA markiert einen Wendepunkt: Erstmals erhielt mit «The Handmaid’s Tale» die Produktion eines Streaming-Dienstes den Emmy in der wichtigen Kategorie «Bestes Drama». Der Erfolg von Streaming-Produktionen ist auch Zeichen eines Kulturwandels: Das lineare Fernsehen musste auf die Wünsche und Bedürfnisse von Werbekunden und Massenpublikum Rücksicht nehmen, Plattformen wie Netflix, Hulu und Amazon dagegen sind nur ihren zahlenden Abonnenten verpflichtet und können darum freier programmieren.

Der nächste Zug, den die Medien nicht verpassen sollten

Die Zukunft ist da, aber die Medienunternehmen merken es (noch) nicht. Mit Spracheingabe, smarten Lautsprechern und Künstlicher Intelligenz haben die grossen Technologiekonzerne wie Google, Amazon, Microsoft oder Apple den Weg vorgezeichnet. Bereits jede fünfte Suchanfrage auf Google wird gesprochen eingegeben. Dass diese Entwicklung auch Medien und Journalismus prägen wird in den nächsten Jahren, steht ausser Zweifel. Aber was tun? Allmählich reagieren erste Redaktionen und Verlage mit Experimenten und Angeboten. Trushar Barot hat eine umfassende Bestandesaufnahme zusammengetragen für Niemanlab.

Faktencheck im Gegencheck, europäisches Verlegerrecht, Hommage an das Radio, Trump-Verharmlosung

Der zentrale Mangel des «Arena»-Faktenchecks im Tages-Anzeiger

Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure? Fakten-Checks gerieren sich als ultimative Instanz der Wahrheitsfindung. Aber was, wenn diese vermeintlich neutralen Akteure selbst Schlagseite aufweisen? Der FDP-Lokalpolitiker und Medienblogger Alain Schwald hat darum einen Fakten-Check des Tages-Anzeigers zur «Arena» des Schweizer Fernsehens unter die Lupe genommen. Sein Urteil zum Check zur Sendung über die AHV-Reform fällt grundsätzlich positiv aus. Gleichzeitig ortet er aber einen zentralen Mangel: Bei vielen von der Redaktion geprüften Fakten handele es sich gar nicht um Fakten, sondern um Meinungen, diagnostiziert Schwald. Und Meinungen liessen sich nicht nach «richtig» oder «falsch» beurteilen.

EU unterstützt Verlage im Kampf gegen Google

Die Europäische Kommission hält an ihren Plänen fest, ein europäisches Verlegerrecht schaffen zu wollen, mit dem Zeitungsunternehmen vor Google geschützt werden sollen. Im Interview mit der Stuttgarter Zeitung erläutert EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger wie man sich das in Brüssel vorstellt mit diesem «verbesserten» Aufguss des in Deutschland implementierten aber letztlich untauglichen Leistungsschutzrecht. Im Behördensprech sagt der EU-Funktionär: «Wir streben eine moderne Gesetzgebung im digitalen Binnenmarkt an.» Oettinger sieht bessere Aussichten auf Erfolg, wenn sich ganz Europa gegen Google stellt als wenn das nur einzelne Länder tun. Kritiker des Vorgehens sehen die freie Verlinkung im Web in Gefahr, wenn bestimmte Formen des Zitats kostenpflichtig werden sollen.

Die vergessene Radiogeschichte

Audio ist ja gerade wieder mächtig im Kommen. Smarte Lautsprecher beflügeln Podcast-Fantasien und kein Tag vergeht, ohne dass nicht irgendeine Zeitung eine Audio-Offensive bekanntgibt und auch die Radiosender experimentieren mit neuen Formaten. Radio lebt. Das hat zwar nie jemand ernsthaft infrage gestellt, aber halt auch nie wirklich laut gesagt. Jochen Maass holt das nun nach in der Wirtschaftswoche mit seiner kleinen Radiogeschichte als Hommage an ein totgesagtes Medium.

Trump kriegt gute Presse – ist das gut?

Für einmal macht Trump positiv von sich reden in den Medien. Seine Annäherung an die Demokraten schlägt sich in der besten Presse für den US-Präsidenten seit den Raketenangriffen auf Syrien. Matthew Dessem findet das gefährlich: Die Medien liessen sich blenden von einem vermeintlich an seinem Amt gewachsenen Präsidenten. Dass machthungrige Staatsmänner nur ein wahres Gesicht haben, das sie aber gut verstecken können, dokumentiert Autor Dessem anhand verharmlosender Berichten über Hitler aus der US-Presse der 1930er-Jahre.

Verlegermanifest, Multimediapraxis, Halbwahrheiten, elektrischer Bleistift

Verlegerverband: Wir können das alleine und ohne den Staat!

Wer ein Manifest veröffentlicht, signalisiert damit, die Reihen geschlossen und sich auf einen Standpunkt geeinigt zu haben. Mit dem Medienpolitischen Manifest akzentuiert der Verband Schweizer Medien seine bisherigen Positionen. In drei von vier Punkten geht es um die «Grundproblematik». Damit meint der Verband das «Verhältnis zu Staatsbetrieben», wozu er Post, Swisscom und SRG zählt. Ins gleiche Kapitel gehört auch die Ablehnung weiterer gesetzlicher Medienregulierung, sowie der direkten Medienförderung. Das neue Profil des Verlegerverbands trägt stärker als zuvor eine starke Anti-Staat-Stossrichtung. Daran lässt sich auch die Handschrift von BaZ-Verleger Markus Somm ablesen, der im Verbandspräsidium für das Ressort Medienpolitik zuständig zeichnet.

Digitale Medienexperimente in Schaffhausen

Lokalzeitungen stehen zwar noch solider auf ihrem Papierfundament als die Blätter in den Grossagglomerationen. Doch in den nächsten Jahren steigt der Digitalisierungsdruck auch in den Regionen. Was tun? Oft fehlen Ressourcen und Fachwissen. Anders bei den Schaffhauser Nachrichten. Mit Janosch Tröhler verfügt die kleine Tageszeitung über einen umtriebigen und versierten Online-Produzenten. Am Multimedia-Tag der Journalistenschule MAZ bot Tröhler einen Einblick ins Digitallabor der Schaffhauser Nachrichten. Ein Leitsatz lautet: Experimente sind Trumpf. Das Risiko lasse sich zudem minimieren, weil die kleine Redaktion praktisch nur mit kostenlosen oder sehr günstigen Tools arbeitet. Im Handout zum MAZ-Vortrag findet sich ausführliches Anschauungsmaterial, sowie eine Liste der verwendeten Tool.

Roger Schawinski redet Online-Werbung schlechter als sie ist

Da hat sich wohl einer zu früh gefreut. In einem Blog-Beitrag für persoenlich.com begrüsst Roger Schawinski den Entscheid eines grossen Konsumgüterkonzerns, künftig weniger Online-Werbung zu buchen. Als Radiopionier weiss Schawinski natürlich, wo Werbung hingehört: ins Radio. Allerdings gibt das grosse Bild wenig Anlass zu solchen Jubelarien. Denn der erwähnte Konzern hat sein Werbebudget über alle Vektoren gekürzt, also auch die Radiowerbung.

Er war der erste Autor, der einen Roman am PC schrieb

Das Programm hiess «electric Pencil», elektrischer Bleistift, und kam als erste Textverarbeitungssoftware überhaupt 1976 auf den Markt. Der kürzlich verstorbene Science-Fiction-Autor Jerry Pournelle gab für den Betrieb von «electric Pencil» 12’000 Dollar aus, als er sich daran machte, als erster Schriftsteller einen Roman am Computer zu schreiben. Die Investitionskosten, so schätzte Pournelle, hätten sich durch den erhöhten Titelausstoss und dadurch erhöhte Verkaufszahlen bereits nach einem Jahr amortisiert, schreibt Ansgar Warner auf e-book-news.de.