AUF DEM RADAR

Monopolzeitung, Klimawandel, Massenmedien, Männersache

Berner Redaktionen protestieren mit «Monopolzeitung» gegen Abbaupläne

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der beiden Berner Tageszeitungen «Bund» und «Berner Zeitung» haben heute Morgen am Berner Hauptbahnhof eine «Monopolzeitung» an Passantinnen und Passanten verteilt. Damit machten sie auf die Situation ihrer Redaktionen aufmerksam. Der Tamedia-Verlag will ab kommendem Jahr grosse Teile der Berichterstattung aus zentralen «Kompetenzzentren» bedienen. In der Kampagne-Zeitung äussern sich prominente und weniger prominente Leser der beiden Blätter zur Medienvielfalt in Stadt und Kanton Bern. So sagt etwa Thuns Stadtpräsident Raphael Lanz, wie er sich daran erinnere, dass «Bund» und «Berner Zeitung» mit eigenen Regionalbüros aus der Stadt berichteten – was schon länger nicht mehr der Fall ist: «Ich stelle fest, dass es mit der zunehmenden Konzentration schwieriger wird, der Meinungsvielfalt gerecht zu werden. Debatten verarmen.»

Klimawandel auf den Redaktionen

Der Blogger Stefan Schaer hat in letzter Zeit einen Klimawandel in Schweizer Redaktionen bei der Berichterstattung zum Klimawandel festgestellt. Er zeigt das anhand aktueller Äusserungen in Tages-Anzeiger, Basler Zeitung und NZZ. Schaer schreibt: «Mit Begriffen wie ‹Ökoindustrie› oder ‹Behördenpropaganda› wird in fast allen Artikeln suggeriert, der derzeitige Stand der Wissenschaft sei grösstenteils dem Lobbying der sogenannten Green Economy zu verdanken.» Aber, schliesst Schaer, wenn jemand die Mittel und Möglicheiten hätte, die Medien manipulativ zu beeinflussen, dann wäre das wenn schon «die Erdöl- und die Kohlelobby», die ähnlich argumentiert wie der neue Anti-Klimawandel-Mainstream.

Massenmedien erreichen weiterhin die Massen

«Alternative» Medien am rechten politischen Rand stricken gerne an der Legende, wonach die grossen Medien an Publikum verlören, weil sie das Volk anlügen – und dies inzwischen durchschaut und mit Abokündigungen und Lektüreverweigerung quittiert werde. Bildblog hat sich nun die Mühe gemacht, diese These anhand konkreter Zahlen zu prüfen. Und siehe da: «Die These, den etablierten Medien laufe das Publikum davon, weil es deren vermeintliche Lügen durchschaue, ist anhand von Auflagenzahlen und Reichweitenmessungen nicht belegbar.» Die Massenmedien erreichen weiterhin die Massen, wenn auch immer weniger mit bedrucktem Papier, dafür umso mehr digital, was aber zu wenig einschenkt, um die Printverluste vollständig auffangen zu können. Das ist aber eine andere Geschichte und hat nichts mit Lügenpresse und Vertrauensverlust zu tun.

Als Journalismus reine Männersache war

Die neue ZDF-Serie «Zarah – Wilde Jahre» zeigt den Redaktionsalltag in den 1970er-Jahren. Der Film orientiert sich am Berufsleben der früheren Reporterin Ingrid Kolb, die selbst erlebt hatte, wie Journalistinnen bestenfalls zuständig waren für Kochrezepte und Schönheitstipps. Sie selbst wollte mehr und schaffte das auch. Als Reporterin beim «Stern» schrieb sie über die aufkommende Frauenbewegung. Sie blieb aber damals die Ausnahme, welche die Regel der Männerdominanz bestätigte.

Weitere Beiträge dieser Woche

No-Billag-Umfrage, Trittbrettfahrer im Wahlkampf, Text-Recycling, Sportrechte-Wahnsinn

Verlegerverband macht mit No-Billag-Umfrage Stimmung

Der Verband Schweizer Medien sorgt sich um die Zukunft der SRG. Der Programmausbau der letzten Jahre strapaziere die positive Haltung der Bevölkerung gegenüber der SRG, findet der Verband. Diesem Befund widerspricht die hohe Akzeptanz, die dem öffentlichen Radio- und Fernsehangebote regelmässig in Umfragen attestiert wird. Das lässt der Verband unerwähnt. Schliesslich geht es hier um Interessen- und Medienpolitik. Seine Forderung nach einer Selbstbeschränkung der SRG untermalt der Verlegerverband mit der Drohkulisse einer möglichen Zustimmung der Bevölkerung zur «No-Billag»-Initiative, die jegliche Gebührenfinanzierung von Medien in der Schweiz verbieten will. Gemäss einer vom Verband in Auftrag gegebenen Umfrage würde heute eine Mehrheit dem Gebührenverbot zustimmen.

Die andere Wahlwerbung

Zahlreiche Firmen versuchen von der gesteigerten Aufmerksamkeit des Publikums für die bevorstehenden Wahlen in Deutschland zu profitieren. Mit Werbekampagnen, die entweder die Wahlwerbung der Parteien imitieren oder anderweitig auf den Urnengang Bezug nehmen, suchen sie den kommerziellen Erfolg. Das Fachmagazin «Horizont» hat sich sieben Kampagnen von Beate Uhse bis Gourmetfleisch genauer angeschaut und bewertet, ob sie funktionieren oder nicht.

Die Süddeutsche Zeitung setzt weiter auf Text-Recycling

Wieviele tolle Texte verpassen wir, weil wir keine Zeit finden, sie zu lesen? Diesem weit verbreiteten Phänomen wirkt nun das Magazin der Süddeutschen Zeitung mit einem Text-Recycling entgegen. In einem eigenständigen Heft bringt der Verlag aus München ein Best-of-Heft heraus. Es ist dies nicht das erste Recycling-Produkt der Süddeutschen. Mit SZ-Langstrecke bringt sie bereits ein vierteljährliches Best-Of der Zeitungsartikel heraus.

Der Sportrechte-Wahnsinn geht weiter

Offenbar haben Facebook und Amazon grosses Interesse daran, künftig englischen Spitzenfussball der Premier League zu zeigen. Wenn die Rechte das nächste mal vergeben werden, wollten die beiden Technologie-Giganten aus den USA mitbieten. Das sagte Ed Woodward, stellvertretender Vorsitzender von Manchester United. Ein Schritt, den der reichste englische Klub begrüssen würde. Bereits im Geschäft ist Amazon mit der ATP-Tennis-Tour, wo der US-Händler den TV-Anbieter Sky ausstach bei der Vergabe der Ausstrahlungsrechte für Grossbritannien.

Stämpfli-Interview, iPhone-Berichterstattung, «Zeit» im digitalen Wandel, Medienfeind Mexiko

Gescheiterter Interview-Versuch

WOZ-Reporter Daniel Ryser wollte mit der Politologin Regula Stämpfli ein Interview führen über das Verhältnis der Linken zum Islam. Doch der Versuch ging schief. Statt eines Interviews lesen wir in der WOZ nun ein ausführliches Making-of.

Die beste iPhone-Berichterstattung

Es gibt sie durchaus, die Berichterstattung über neue Apple-Produkte, die den Namen Journalismus auch verdient – oder die zumindest kreativ mit dem Marketing-Grossanlass umgeht. Verständlich auch, denn schliesslich gibt es «interessantere Herausforderungen im Leben eines Journalisten, als die Sätze aus den Werbeabteilungen der Technologiekonzerne weiterzuverarbeiten.» Chanchal Biswas listet in der NZZ am Sonntag ein paar gelungene Beispiele auf, wozu er auch «20 Minuten» zählt, die den Live-Ticker mit gesponserten Tweets garnierten. Biswas Bilanz: «Sich von der einen Firma [Apple] einladen lassen, dann eine andere Firma [Swisscom] zur Kasse bitten – darauf muss man erst mal kommen.»

Wie eine Redaktion den digitalen Wandel meistert

Jochen Wegner (Chefredaktor «Zeit Online») erklärt, wie Redaktionen mit dem Tempo des digitalen Wandels mithalten können: «Die Kunst besteht vielleicht darin, ein Spielbein frei zu haben und mit Neuem herumzukicken – ohne immer gleich garantieren zu können, dass es ein Tor wird.» Mit diesem Spielbein hat «Zeit Online» jüngst drei Podcasts angekickt, «ohne grössere Erwartungen», wie Wegner betont. Auf der anderen Seite stünden die geschäftskritischen Grossprojekte, die viel risikobehafteter seien und das Kreative zu ersticken drohten. Im Interview mit «Horizont» geht Wegner ausführlich auf den permanenten Umbau seiner Redaktion im Zuge des digitalen Wandels ein.

Wenn der Staat Journalisten töten lässt

Der mexikanische Bundesstaat Veracruz sei die gefährlichste Region in der ganzen westlichen Hemisphäre, um dort als Journalist zu arbeiten, schrieb vor einem halben Jahr die New York Times. 21 Medienschaffende wurden in den letzten Jahren hier getötet. Und der grösste Feind der freien Medien sind nicht etwa die Drogenkartelle, sondern es ist der Staat. So schrieben die meisten der getöteten Journalisten gar nicht über Narco-Syndikate, sondern über lokale Politiker.

Falschmeldungen nachgezählt, Journalistenwissen, der Springer-Chef und die Fakten, Tagesschau ade

Auch Halbwahrheiten sind Falschmeldungen

Anhand von 2000 Facebook-Posts auf den Seiten acht grosser deutscher Nachrichtenmedien hat Motherboard Vice herauszufinden versucht, wer wie oft Falschmeldungen verbreitet. Im Ergebnis zeigt sich, dass nicht nur die üblichen Verdächtigen, etwa die Russischen Staatsmedien, geneigt sind, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Auch politisch unabhängige Medien, etwa die Huffington Post, verbreiten regelmässig Halbwahrheiten. Überhaupt sei dies der häufigste Typus verbreiteter Falschmeldungen, also «Fälle, in denen die Grenze zwischen akzeptabler Sensationsberichterstattung und falscher Berichterstattung schwer zu ziehen ist. Es sind Meldungen, die zwar oft einen wahren Kern haben, aber in ihrer Überspitzung den Leser nicht mehr über zentrale Fakten informieren – das Ziel scheint die Eskalation und die sofortige Reaktion der Leser zu sein.»

Was Journalisten wissen müssen

Die FAZ stellt die Aufnahmeprüfung für die Henri-Nannen-Schule als «härtesten Wissenstest für Journalisten» vor. Auch die Journalistenschule selbst nennt den Katalog «ziemlich herausfordernd». Kennen Sie zum Beispiel die richtige Antwort auf diese Frage: «Casey ist der Bruder von Ben, und der hat sich vor einiger Zeit von Jennifer getrennt. Welche drei Personen sind gemeint?»

Wenn es der Springer-Chef mit den Fakten nicht so genau nimmt

In einem (medien)politischen Rundumschlag in seiner Funktion als Verlegerpräsident nahm es Mathias Döpfner mit den Fakten nicht so genau. Der Springer-Chef nannte in einer Rede als vermeintliche Anzeichen für die schleichende Islamisierung Deutschlands ausgerechnet Beispiele, die faktisch längst widerlegt sind; ein Wintermarkt hiess schon immer Wintermarkt und wurde nicht aus Rücksicht auf den Islam umgetauft und ein Freibad, das keine Bockwürste mehr verkauft, tut dies nicht aus religiösen, sondern aus geschäftlichen Gründen. Einigermassen peinlich für einen Verlagschef, der in der gleichen Rede die Bedeutung von Medien und Journalismus hochhalten wollte.

Experiment in Kanada: Tagesschau für die Jungen

Der Kanadische Rundfunk CBC macht einen Schnitt. In ein paar Wochen ist die jahrzehntealte Tagesschau «The Natioanal» Geschichte. Ab November geht die Sendung raus aus dem Studio. Vier Moderatoren, verteilt über das ganze Land, präsentieren die neue Nachrichtensendung und arbeiten selbst auch als Reporter. Der Umbau erfolgt als Teil einer Strategieänderung mit Blick auf das veränderte Nutzungsverhalten der jüngeren Zuschauer. «The National» soll darum als Marke über verschiedene Plattformen hinweg wirken.

Regionalmassaker, NGO-Recherche, Emmy-Nachlese, Sprachrevolution

Fast vierzig Schweizer Regionalsender in Gefahr

Sollten die Schweizer Stimmberechtigten die Gebührenfinanzierung für Medien verbieten, dann träfe dies in erster Linie die SRG. Sie ist schliesslich auch gemeint mit der «No-Billag»-Initiative über die 2018 an der Urne abgestimmt wird. Existenziell bedroht von einem Subventionsstopp wären aber aber auch 36 private Medienunternehmen, die heute zu grossen Teilen über Gebühren mitfinanziert werden, darunter nahezu sämtliche Regional-TV-Sender sowie Dutzende Lokalradios. «Die bisher insgesamt 67.5 Millionen öffentlicher Beiträge durch kommerzielle Aktivitäten zu ersetzen, wäre in den kleinen regionalen Märkten unmöglich», schreibt Philipp Cueni.

NGO-Recherche zwischen Aktivismus und Journalismus

Die entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisation Public Eye (früher: Erklärung von Bern) dokumentiert ihre Arbeit regelmässig mit journalistischen Formaten. So auch aktuell mit ihrer Recherche zu den Geschäften des Genfer Ölhändlers Gunvor im Kongo. Sowohl Web-Reportage als auch die gedruckte Broschüre kommen als sorgfältig produzierte redaktionelle Produkte daher. Doch ist das Journalismus oder einfach verkleideter Aktivismus? Klar ist: Hier beobachten wir eine Verschiebung statt, die nicht aufhalten lässt. NGOs transformieren sich zu Redaktionsbüros, heuern Journalisten an, Recherchieren mit den gleich Mitteln und Methoden wie unabhängige Medien. Allerdings mit einem zentralen Unterschied: Die Themenwahl erfolgt entlang der politischen Agenda der Organisation.

Die Emmy-Awards als Gradmesser für den TV-Wandel

Die diesjährige Verleihung der wichtigsten Fernsehpreise in den USA markiert einen Wendepunkt: Erstmals erhielt mit «The Handmaid’s Tale» die Produktion eines Streaming-Dienstes den Emmy in der wichtigen Kategorie «Bestes Drama». Der Erfolg von Streaming-Produktionen ist auch Zeichen eines Kulturwandels: Das lineare Fernsehen musste auf die Wünsche und Bedürfnisse von Werbekunden und Massenpublikum Rücksicht nehmen, Plattformen wie Netflix, Hulu und Amazon dagegen sind nur ihren zahlenden Abonnenten verpflichtet und können darum freier programmieren.

Der nächste Zug, den die Medien nicht verpassen sollten

Die Zukunft ist da, aber die Medienunternehmen merken es (noch) nicht. Mit Spracheingabe, smarten Lautsprechern und Künstlicher Intelligenz haben die grossen Technologiekonzerne wie Google, Amazon, Microsoft oder Apple den Weg vorgezeichnet. Bereits jede fünfte Suchanfrage auf Google wird gesprochen eingegeben. Dass diese Entwicklung auch Medien und Journalismus prägen wird in den nächsten Jahren, steht ausser Zweifel. Aber was tun? Allmählich reagieren erste Redaktionen und Verlage mit Experimenten und Angeboten. Trushar Barot hat eine umfassende Bestandesaufnahme zusammengetragen für Niemanlab.