AUF DEM RADAR

Glaubwürdige Lüge, unkontrollierte Kontrolleure, Zensur-Vorbild, Türkei-Inserat

Fifa-Fakes glaubt man gerne

Zu früh gefreut: Die Meldung, wonach die Fifa erwäge, die Fussball-WM 2022 doch nicht in Katar auszutragen, sollte sich als frei erfunden erweisen. Wer hinter dem Fake steckt, ist noch nicht bekannt. Dafür die Machart: Ein identisch gestaltetes Abbild des schweizerischen Ablegers von «The Local» vermeldete die News und das wirkte offenbar so echt und vertrauenswürdig, dass sogar die Agentur Reuters und die New York Times auf die Manipulation hereinfielen – wohl auch deshalb, weil man Negativmeldungen zur Fifa gewohnt ist.

Wer kontrolliert den Presserat?

Auch der Presserat kann irren. Zwei aktuelle Entscheide stehen in der Kritik. BaZ-Bundeshausredaktor Dominik Feusi greift zum Zweihänder und stellt die Existenzberechtigung des Gremiums an sich in Frage. So weit braucht man indes nicht zu gehen, um berechtigterweise zu fragen, ob und wie das Selbstkontrollgremium auf seine Einschätzungen zurückkommen und sie allenfalls korrigieren wird.

Zensur nach deutschem Vorbild

«Reporter ohne Grenzen» haben davor gewarnt, jetzt ist es eingetroffen: Russland orientiert sich bei der Beschneidung der Meinungsäusserungsfreiheit im Internet explizit am sogenannten Netzwerkdurchsetzungsgesetz aus Deutschland. «Unsere schlimmsten Befürchtungen werden wahr: Das deutsche Gesetz gegen Hassbotschaften im Internet dient undemokratischen Staaten nun als Vorlage, um gesellschaftliche Debatten im Internet einzuschränken», kommentiert Christian Mihr von «Reporter ohne Grenzen».

«Krasses» Türkei-Inserat in Süddeutscher Zeitung

Ein Inserat, das der redaktionellen Berichterstattung diametral entgegenläuft: In der Süddeutschen Zeitung verteidigte ein türkischer Unternehmensverband auf einer gekauften Zeitungsseite die Vorgänge um den Putsch vor einem Jahr in der Türkei. Darin wird das Handeln von Regierung und Armee beschönigt und die gravierenden Konsequenzen für Gesellschaft und Demokratie mit keinem Wort erwähnt. Andere Medien, etwa «Bild» oder «Der Spiegel», haben das Inserat abgelehnt. Der Kommunikationswissenschaftler Volker Lilienthal ordnet den Fall und das Verhalten der Süddeutschen Zeitung ein.

Instakids, Killer-TV, Retrokritik, Besserwisser

Mit Instagram die Jugend zum TV (ver)führen

Das norwegische Fernsehen NRK scheint eine Antwort auf die Millionenfrage gefunden zu haben: Jugendliche schauen wieder fern. Aber nicht einfach so. Entscheidend für den überwältigenden Erfolg der Serie «Skam» (dt. Scham) bei der jungen Zielgruppe war der Einsatz von Instagram. Auf dem Social-Network führen die Charaktere der Serie mit eigenen Profilen ein Eigenleben, interagieren mit dem Publikum und nehmen auch zu Vorgängen ausserhalb des fiktiven Serienwelt Stellung.

Mord und Totschlag auf allen Kanälen

In Italiens Medien sind Verbrechen omnipräsent. Sogar in den Hauptnachrichten auf Rai Uno nehmen die «Cronaca Nera» (schwarze Chronik) ein einen überproportional grossen Platz ein, gemessen an der Kriminalitätsrate. Weil es in Italien keine klassische Boulevardpresse gibt, erscheinen die blutrünstigen Meldungen auch in den grossen politischen Tageszeitungen. Warum Krimis gucken, wenn die Realität die schaurigsten Verbrechen bietet?

Historische Blattkritik oder wie die Zukunft 1997 aussah

Medien mögen Prognosen, umso mehr, wenn sie die Zukunft betreffen. Und die Zukunft ganz fest im Auge hatte schon immer das Internet- und Technologiemagazin Wired aus den USA. Nun wagt das Heft einen Blick zurück. Jeden Donnerstag knöpft sich ein Redaktor eine historische Ausgabe vor und sieht, dass doch nicht ganz alles so herausgekommen ist wie vorhergesagt. Ein simples Format, das sich auch für weniger zukunftsversessene Medien zur Nachahmung anbietet.

Zeitgeistsurfer und Grenzgänger

Der ehemalige Radiojournalist Ken Jebsen entwickelte sich zum Internetphänomen. Mit seinen Youtube-Kommentaren und -Interviews bedient er ein breites Spektrum von links bis rechts, das den Massenmedien den Rücken gekehrt hat und nach «alternativen» Antworten auf aktuelle Fragen aus Gesellschaft und Politik sucht. Jebsen ist Grenzgänger und Zeitgeistsurfer zugleich und vor allem ein eitler Geck, der sich selbst am liebsten reden hört. Eine nicht besonders kritische, aber dennoch lesenswerte Annäherung an einen Medienmacher neuen Typs.

Helikopter-News, Calibri-Affäre, Gladwell-Podcast, Eisberg-Vergleiche

Die Anfänge des Helikopters im News-Geschäft

Die verrückte Lebensgeschichte des TV-Helikopter-Pioniers Jerry Foster in einem attraktiv aufbereiteten Longread des Online-Reportagenmagazins «Epic». Foster, der sich immer stärker als Pilot, denn als Journalist verstanden hatte, prägte einen neuen Zugang zu den News aus einer – wortwörtlich – anderen Perspektive und vor allem mit mehr Tempo.

Calibri-Schrift als «Kronzeuge» in Geldwäscherei-Verfahren

Nachwehen der Panama Papers: Ein Dokument, das die Tochter des pakistanischen Präsidenten vom Vorwurf der Geldwäscherei entlasten sollte, ist auf das Jahr 2006 datiert, aber im Schrifttyp Calibri verfasst. Microsoft hat den Font aber erst ein Jahr später veröffentlicht. Nun tobt auf Wikipedia ein Editwar um das Calibri-Erscheinungsdatum. Derweil liess sich eine pakistanische Zeitung vom Designer der Calibri die genau Entstehungsgeschichte der Schrift erklären.

Gladwell spürt den übersehenen Details der Geschichte nach

Den kanadischen Journalisten und Bestseller-Autor Malcolm Gladwell (Blink, Tipping Point) gibt es nun auch regelmässig zu hören. In seinem neuen Podcast «Revisionist History» nimmt Gladwell kleinere und grössere Ereignisse und Vorgänge aus der Weltgeschichte unter die Lupe, die mehr Aufmerksamkeit verdient haben. Als Geschichtsrevisionismus im herkömmlichen Verständnis will der Autor seine Beiträge natürlich nicht verstanden wissen. Vielmehr versucht er den negativen Begriff positiv zu besetzen. Aber letztlich macht er in seinem Podcast vor allem, was ihm gefällt.

Nur der Vergleich mit den Fussballfeldern fehlt

Andere Länder, andere Vergleichsmassstäbe: Das Online-Magazin «Quartz» hat verdienstvollerweise zusammengestellt, womit Medien rund um den Erdball die Fläche des jüngst abgebrochenen Eisbergs in der Antarktis vergleichen. Das reicht von der «Hälfte Flanderns», über «25 Mal Buenos Aires» bis zur Grösse von Delaware.

Beschattete Journalisten, krasser «Kurier», Propaganda-Bots, moderne Medienarbeit

BKA beschattet seit Jahren Journalisten

Immer deutlicher tritt zutage, in welch eklatanter Weise anlässlich des G20-Gipfels in Hamburg die Pressefreiheit beschnitten wurde. So wurde 32 bereits akkreditierten Medienschaffenden wegen «Sicherheitsbedenken» nachträglich die Akkreditierung wieder entzogen. Daraufhin stellte sich heraus, dass bestimmte Journalisten von Sicherheitbeamten «begleitet» werden. Das Netzwerk Recherche dokumentiert die laufende Berichterstattung zu den Vorgängen.

Rechtsnationaler Extrem-Boulevard

Mit dem «Deutschland-Kurier» ist am Mittwoch erstmals das AfD-nahe Wochenblatt in einer Auflage von 300’000 Exemplaren erschienen. «Im Grund ist jeder der sehr kurzen Artikel ein Kommentar», beobachtet Christian Meier von der «Welt». Der neuen Publikation geht es offenbar weniger um eine journalistische Alternative als um die Verbreitung rechtsnationaler Meinung.

Schwarzmarkt für Propaganda-Bots

Eine Untersuchung der University of Southern California legt den Schluss nahe, dass es einen Schwarzmarkt gibt für wiederverwendbare Twitter-Bots. Die Autoren stützen sich dabei auf die Beobachtung, dass 20 Prozent der Anti-Macron-Twitter-Bots identisch waren mit früheren Pro-Trump-Propagandaschleudern.

Den Meister im besten Licht zeigen

Erfolgreiche Sportvereine kommunizieren immer stärker direkt mit Fans und Publikum, so auch der FC Basel. Eine Schlüsselrolle nimmt dabei der Social-Media-Manager ein, der unzählige Kanäle bespielt und so auch den Medien den Rohstoff für ihre Folgeberichterstattung liefert. Ein Porträt der Arbeit von Simon Walter.

«Bild»-Pranger, Verleger-Verzweiflung, Facebook-PR, Native-Stellenanzeige

«Bild»-Zeitung betreibt «rechtswidrigen Pranger»

Die grösste Zeitung Deutschlands gefällt sich in der Rolle des Hilfssheriffs. Nach den Krawallen um den G20-Gipfel von Hamburg inszeniert das Blatt eine Fahndung nach mutmasslichen Straftätern. Die Aktion stösst auf harsche Kritik in der Fachwelt. «Wenn es um Kinderschänder, Extremisten oder Terroristen geht, verfällt die Bild gerne in eine Lynchstimmung», urteilt Medienanwalt Ralf Höcker im Interview mit dem Magazin Meedia.

US-Verleger verlangen nach Regulierung

Um die notorisch kurzen Spiesse im ungleichen Kampf gegen Google und Facebook wenigstens etwas länger erscheinen zu lassen, verlangt der Verband der US-Verleger vom Kongress, dass seine Mitglieder kollektiv mit den Plattform-Giganten verhandeln dürfen. Das erfordert eine Änderung der Antitrust-Gesetzgebung. Sollten New York Times, Washington Post, Walls Street Journal und weitere 2000 Verlage damit erfolgreich sein, hätten sie dies vor allem Rupert Murdoch zu verdanken, der weiterhin über die besten Lobbyfäden in den Kongress verfügt.

Facbook reagiert auf kritische Berichterstattung

Nach kritischer Berichterstattung über die Arbeitsbedingungen in den Löschzentren von Facebook ging nun der blaue Riese in die Charme-Offensive. Ausgewählten Medien wurde ein Einblick in die Arbeit der Bertelsmann-Tochter Arvato gewährt, die für Facebook die Drecksarbeit erledigt. Viel mehr als eine gesteuerte PR-Operation gab der Termin aber nicht her.

Wechsel auf die dunkle Seite des Journalismus?

Die Abteilung Commercial Publishing von Tamedia sucht mit den ihr eigenen Mitteln nach neuen Mitarbeitenden: Ein Text im Layout von tagesanzeiger.ch über Werbeguru Howard Gossage wartet darauf, mit attraktiven Titelelementen ergänzt zu werden. Wer das schafft, hat gute Chancen, auf die dunkle Seite des Journalismus zu wechseln und fortan Native Advertising zu texten.