AUF DEM RADAR

Räderwerk der «Republik», nutzlose Warnhinweise, den Jugend-Code knacken, extremer Experte

Schreckmomente beim «Republik»-Crowdfunding

Der Newsletter ist lang, aber die Lektüre lohnt sich. In ihrer aktuellen Aussendung bieten die Macherinnen und Macher des «Republik»-Magazins einen Einblick in die Crowdfunding-Kampagne, mit der sie alle Rekorde brachen und bei den künftigen Leserinnen und Lesern 3.4 Mio. Franken an Vorschuss einsammelten. Es hätte aber auch viel weniger sein können, wenn die Systeme im entscheidenen Moment versagt hätten. Einen Moment lang sah es ganz danach aus, aber die IT-Cracks des jungen Medienunternehmens konnten die Fehler rechtzeitig beheben und den Schaden so minimal halten. Wer den Programmiercode der Crowdfunding-Software verbessern will, damit solche Schreckmomente ausbleiben, kann das fortan tun. Die «Republik» stellt das Tool kostenfrei anderen Nutzern zur Verfügung, wie sie das auch mit all ihrer selbst entwickelten Software tun will.

Fact-Checking auf Facebook bringt nichts (und schadet sogar)

Im Kampf gegen Falschmeldungen ist Facebook dazu übergegangen, Meldungen zu kennzeichnen, die als Fake-News gelten. Doch das bringt nichts, sagt nun eine Studie der Universität Yale in den USA. Die Kennzeichnung ändere bei den Nutzern kaum etwas an der Einschätzung der Nachrichten. Die Massnahme könnte sich sogar als kontraproduktiv erweisen: Trump-Unterstützter und Jugendliche unter 26 könnten verstehen den Hinweis auf Fake-News gar als Gütesiegel für Informationen nach ihrem Geschmack.

Fragen für die Jugend

Alle wollen sie, nur wenige kriegen sie: Die junge Zielgruppe ist begehrter denn je. Für ihr Buch «Der Millennial Code» haben sich die beiden Medienwissenschaftler Leif Kramp und Stephan Weichert 19 Medienangebote für junge Leute angeschaut. Quasi als Essenz ihrer Beobachtungen haben die Autoren für das Magazin Meedia sieben Fragen formuliert, die sich stellen muss, wer die Jugend gewinnen will.

Ein radikaler Extremismus-Experte

Der Sender ZDFinfo stellte ihn als «Experten» vor. Doch der sachkundige Politologe, der dem öffentlich-rechtlichen Sender über Linksextremismus Auskunft gab, ist auch noch AfD-Politiker. Davon erfährt der Zuschauer aber nichts. Im Rückblick und auf Nachfrage der Tageszeitung taz finden die Veranwortlichen des ZDF, dass in diesem Fall «eine zusätzliche Einordnung hilfreich und nötig gewesen» wäre.

Medien unter Macron, auf Cicero folgt Cato, Krise im Newseum, Töne gucken

Der Kontrollfreak im Elysée

Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron pflegt ein nicht unproblematisches Verhältnis zu den Medien. Journalisten sprechen von «Verriegelung». Das geht von der Absage traditioneller Medientermine über die Produktion von eigenem, exklusivem Bildmaterial oder der Auswahl des Berichterstattungscorps per Fingerzeig. Inzwischen hat Macron angekündigt, die bisherige Medienstrategie zu überdenken. Die Medien sind skeptisch, ob sich wirklich was bessern wird.

Rechte Gedanken in neuem Gewand

Ein neues, konservatives Magazin für diese Zielgruppe: «Wer das drängende Problem hat, dass ihm das Magazin ‹Cicero› schon wieder zu links geworden ist, und wer mit der sogenannten neuen Rechten endlich aus der Schmuddelecke heraus will, für den gibt es jetzt die Zeitschrift ‹Cato›».

Sinnbild für die Befindlichkeit der Branche

In Washington steht ein Medienmuseum. Und diesem Newseum geht es nicht gut. Einer der Gründe für die Misere kommt einem bekannt vor: Zu hoher Eintritt in einer Umgebung mit zahlreichen Gratis-Museen. Man sagt, das Newseum schreibe pro Jahr 30 Mio. Dollar Verlust. Nun soll das Gebäude an bester Lage verkauft werden. Damit scheinen die Tage der erst neun jährigen Institution im bisherigen Prunk gezählt. Richard Gerste, Washington-Korrespondent der NZZ, rekapituliert die Geschichte des erfolglosen Newseum.

Zeigt her eure Töne

Audio ist das ungeliebte Stiefkind in Social Media. Die grossen Plattformen bieten keine oder nur unbefriedigende Lösungen für das Einbinden und Präsentieren von Tönen, alles ist auf Bild und Video ausgerichtet bei Facebook & Co. Um trotzdem die Sichtbarkeit von Audiobeiträgen zu erhöhen, bieten sich sogenannte Audiograms an. Tobias Gasser, Produzent «Echo der Zeit», bietet einen Überblick, welche Tools sich für die Produktion visualisierter Tonbeiträge eignen.

Hurrikanhelden, Eventisierung, Akademikeraufruf, Printhoffnung

Meteo im Kriegsmodus: «Irma» als TV-Spektakel

Mit den Hurrikans in den USA stehen die Meteo-Reporter der TV-Sender im Zentrum der Aufmerksamkeit. Als ob die Bilder der Unwetter allein nicht schon aussagekräftig und dramatisch genug wären, rücken sich die Fernsehmänner selbst auffällig in den Fokus. Ob mit Taucherbrille im Sturmregen oder angekettet auf einem Pier, damit ihn die Windböen nicht wegbläst – «Aussenreporter werden wie Kriegshelden inseniert», beobachtet Fredy Gsteiger im «Echo der Zeit».

Warum Medien verstärkt auf Events und Veranstaltungen setzen

Auch wenn Social Media ganz sozial sein mögen, sie ersetzen (vorerst) noch nicht das physische Zusammentreffen von Menschen. Das Bedürfnis nach einem unmittelbaren Austausch unter mehr oder weniger Gleichgesinnten machen sich vermehrt auch Medienunternehmen zunutze. Praktisch alle grossen europäischen Zeitungsverlage organisieren in der einen oder anderen Form irgendwelche Events und Kongresse. Aber in diesem Geschäft müssen sie sich gegen starke – branchenfremde – Konkurrenz beweisen. «Bekanntlich ist jedes Unternehmen heute ein Medienunternehmen und was immer klarer wird: Jedes Medienunternehmen ist künftig auch ein Veranstalter», schreibt Leander Wattig im Upload-Magazin. Das ist – wie so oft auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern – eine gute und eine schlechte Botschaft.

Akademiker und Aktivisten für starken Service public

Die Debatte um die Zukunft gesetzlich verankerter und öffentlich-rechtlich konstituierter Medien verläuft in groben Zügen überall gleich: Angriffe von liberal bis rechts (in der Schweiz Economiesuisse und SVP), Verteidigung mehrheitlich auf der Linken, aber auch in Akademikerkreisen. Das ist auch in Deutschland nicht anders. Dort melden sich nun eine ganze Reihe Wissenschaftlerinnen und Forscher zusammen mit netzpolitisch und gewerkschaftlich engagierten Aktivisten in einem Aufruf zu Wort. Sie skizzieren in zehn Thesen, wie eine zeitgemässe Weiterentwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aussehen könnt. Grundtenor: «Er muss adäquat ausgestattet erhalten bleiben. Veränderungen sind dennoch nötig.»

Hier hat der Druck eine Zukunft

Während der Zeitungsdruck einer Zukunft als ausgestorbene Technologie entgegensieht, geht es anderen Sparten besser, etwa dem sogenannten Spezialitätendruck. Darauf spezialisiert hat sich auch ein Unternehmen in Birmensdorf. In der Limmattaler Zeitung porträtiert Fabienne Eisenring den 115-jährigen Familienbetrieb. Womit die Druckerei heute punktet? Zum Beispiel mit einer lasergestanzten Immobilien-Broschüre sowie ein Flatbook mit Registerkarten als Kommunikationsmassnahme für ein Bauprojekt. Damit gewann man Gold und Silber bei den «Swiss Print Awards». Neben den kommerziellen Aufträgen setzt die Druckerei auch auf Steindruck für Künstler und hat sich damit einen Namen gemacht.

Globaler Social-Media-Power, Koalitionsjournalismus, Leserbindung, harmlose Hurrikans

Der unbekannte Social-Media-Riese der SRG

Das Auslandportal der SRG ist in der Schweizer Medienlandschaft eine eher unbekannte Grösse. Kein Wunder, befindet sich doch das Zielpublikum von Swissinfo ausschliesslich ausser Landes. Aber das sind inzwischen ganz viele. Mit sämtlichen Facebook-Seiten erreicht die zehnsprachige Redaktion eine Million Leute weltweit. Das schlägt sich inzwischen auch in Social-Media-Ranglisten nieder, wo Swissinfo in den Top-Rängen auftaucht.

Deutsche Zustände: Grosskoalitionärer Kungeljournalismus

Die politische Kultur im von einer grossen Koalition unter Führung Angela Merkels regierten Deutschland färbt unweigerlich auf den Journalismus ab. Ein Claus Struntz gilt mit seinen Fragen aus den Befindlichkeitszonen der AfD als Nestbeschmutzer, während sich kaum jemand daran stört, dass das ZDF die Forderungen der Bundeskanzlerin willig akzeptierte, um das TV-Duell nicht zu gefährden. Für Spiegel-Online-Kolumnist Jan Fleischhauer ist das Grund genug, ein Ende der grossen Koalition zu fordern.

Leserbindung: Newsletterschreiben mit der «Zeit»-Redaktion

Die Hamburger Wochenzeitung «Die Zeit» führt ein neues Abonnenten-Programm ein. Unter der Marke «Freunde der Zeit» sollen zahlende Leserinnen und Leser die Möglichkeit für einen institutionalisierten Austausch mit der Redaktion erhalten. Geplant ist unter anderem ein «Leserparlament», das mit Teilen der Redaktion diskutieren wird, was eine «gute ZEIT» ausmacht. Und Redaktor Markus Spörrle schreibt in seinem «Zeit»-Newsletter, dass er in diesem Rahmen auch wieder seinen «Meisterklasse»-Workshop zum Newsletterschreiben anbieten werde.

Lebensgefährliche Fake-News

Konservative Hetzer und Dampfplauderer werden zur Lebensgefahr, weil sie die Folgen von Wetterphänomenen verharmlosen. In den USA suggerieren rechte Medienfiguren wie Alex Jones (Infowars) oder Rush Limbough (Radiotalker), dass Hurrikans und Hochwasser womöglich gar nicht so schlimm seien. Die Medien hätten ein vitales Interesse daran, die Naturphänomene gefährlicher zu reden als sie tatsächlich sind. Schliesslich lebten sie von den Inseraten jener, die von der Katastrophe profitierten, wie etwa der Einzelhandel, der von Hamsterkäufen profitiert. Oder etwas verworrener: Da die Behörden behaupten, der Klimawandel sei menschengemacht, wollten sie das um jeden Preis beweisen. Ohne es explizit zu sagen, heisst das: Der Hurrikan ist von der Regierung inszeniert.

Monopolzeitung, Klimawandel, Massenmedien, Männersache

Berner Redaktionen protestieren mit «Monopolzeitung» gegen Abbaupläne

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der beiden Berner Tageszeitungen «Bund» und «Berner Zeitung» haben heute Morgen am Berner Hauptbahnhof eine «Monopolzeitung» an Passantinnen und Passanten verteilt. Damit machten sie auf die Situation ihrer Redaktionen aufmerksam. Der Tamedia-Verlag will ab kommendem Jahr grosse Teile der Berichterstattung aus zentralen «Kompetenzzentren» bedienen. In der Kampagne-Zeitung äussern sich prominente und weniger prominente Leser der beiden Blätter zur Medienvielfalt in Stadt und Kanton Bern. So sagt etwa Thuns Stadtpräsident Raphael Lanz, wie er sich daran erinnere, dass «Bund» und «Berner Zeitung» mit eigenen Regionalbüros aus der Stadt berichteten – was schon länger nicht mehr der Fall ist: «Ich stelle fest, dass es mit der zunehmenden Konzentration schwieriger wird, der Meinungsvielfalt gerecht zu werden. Debatten verarmen.»

Klimawandel auf den Redaktionen

Der Blogger Stefan Schaer hat in letzter Zeit einen Klimawandel in Schweizer Redaktionen bei der Berichterstattung zum Klimawandel festgestellt. Er zeigt das anhand aktueller Äusserungen in Tages-Anzeiger, Basler Zeitung und NZZ. Schaer schreibt: «Mit Begriffen wie ‹Ökoindustrie› oder ‹Behördenpropaganda› wird in fast allen Artikeln suggeriert, der derzeitige Stand der Wissenschaft sei grösstenteils dem Lobbying der sogenannten Green Economy zu verdanken.» Aber, schliesst Schaer, wenn jemand die Mittel und Möglicheiten hätte, die Medien manipulativ zu beeinflussen, dann wäre das wenn schon «die Erdöl- und die Kohlelobby», die ähnlich argumentiert wie der neue Anti-Klimawandel-Mainstream.

Massenmedien erreichen weiterhin die Massen

«Alternative» Medien am rechten politischen Rand stricken gerne an der Legende, wonach die grossen Medien an Publikum verlören, weil sie das Volk anlügen – und dies inzwischen durchschaut und mit Abokündigungen und Lektüreverweigerung quittiert werde. Bildblog hat sich nun die Mühe gemacht, diese These anhand konkreter Zahlen zu prüfen. Und siehe da: «Die These, den etablierten Medien laufe das Publikum davon, weil es deren vermeintliche Lügen durchschaue, ist anhand von Auflagenzahlen und Reichweitenmessungen nicht belegbar.» Die Massenmedien erreichen weiterhin die Massen, wenn auch immer weniger mit bedrucktem Papier, dafür umso mehr digital, was aber zu wenig einschenkt, um die Printverluste vollständig auffangen zu können. Das ist aber eine andere Geschichte und hat nichts mit Lügenpresse und Vertrauensverlust zu tun.

Als Journalismus reine Männersache war

Die neue ZDF-Serie «Zarah – Wilde Jahre» zeigt den Redaktionsalltag in den 1970er-Jahren. Der Film orientiert sich am Berufsleben der früheren Reporterin Ingrid Kolb, die selbst erlebt hatte, wie Journalistinnen bestenfalls zuständig waren für Kochrezepte und Schönheitstipps. Sie selbst wollte mehr und schaffte das auch. Als Reporterin beim «Stern» schrieb sie über die aufkommende Frauenbewegung. Sie blieb aber damals die Ausnahme, welche die Regel der Männerdominanz bestätigte.