von Ronnie Grob

Flaggschiff auf Kuschelkurs

Oft Sprachrohr der Behörden, häufig harmlos moderiert: Die Tagesschau bezieht ihre Inputs aus Pressekonferenzen und lässt Kritiker zu wenig zu Wort kommen. Und von schönen Bildern versteht sie mehr als von Wirtschaftsfakten. Wir haben uns während einer Woche die Hauptausgabe der Tagesschau auf SF1 angesehen.

Wie Soaps erzeugt auch die Tagesschau ein Familienfeeling. Jeden Abend das Gleiche im vertrauten Setting, Fortsetzung garantiert. Bekannte und sympathische Figuren wechseln sich nicht nur in der Moderation ab, sondern auch bei den Korrespondenten. Dieser innerredaktionelle Austausch vorgefertigter Fragen und Antworten nennt sich Moderationsgespräch. Aus journalistischer Perspektive ist das viel, viel einfacher als harte Fragen an zugeschaltete, externe Gesprächspartner zu stellen. Viele andere Journalisten, im angelsächsischen Raum oder auch beim ZDF-Heute-Journal, machen vor, wie das geht: Sie haken, wenn eine Frage nicht beantwortet wird, auch mehrfach nach. In der SF-Tagesschau dagegen flirten plaudern die Moderatorinnen Katja Stauber, Beatrice Müller und Cornelia Boesch gutgelaunt mit den Korrespondenten Jonas Projer (Brüssel), Michael Gerber (Paris), Werner Van Gent (Athen), Stefan Reinhart (Berlin) und Hanspeter Forster (Bern). Und das jeden Abend wieder um die gleiche Zeit. Wie bei einer Daily Soap auch.

Es ist ja nicht so, als wären diese Gespräche nicht auch aufschlussreich, positiv hervorzuheben sind die Einschätzungen von Jonas Projer und Stefan Reinhart. Aber wenn man schon über ein Budget verfügt, von dem andere Medienunternehmen nur träumen können, dann sollte man das auch ausnützen. Warum steuern die über 20 Inlandkorrespondenten der Tagesschau nicht mehr zum Inhalt bei? Zum Vergleich: Ein VJ bei einem Regionalfernsehsender bringt jeden Tag eine Story nach Hause. Es ist wohl kein Zufall, dass wenn einmal ein Beitrag aus dem üblichen Rahmen fällt («Gemüse leidet unter Bodenfrost»), der Autor (Marcel Anderwert) ein ehemaliger Mitarbeiter von «Tele Züri» ist.

Was der Zuschauer hingegen zur Genüge sieht, sind Pressekonferenzen. In den vier Werktagen des Beobachtungszeitraums durften mindestens vier verschiedene Bundesräte ihre Positionen darlegen (Maurer, Leuthard, Sommaruga, Burkhalter). Statements werden zumeist unwidersprochen direkt in die heimischen Stuben ausgestrahlt. So wird das Schweizer Öffentlich-Rechtliche den Übernamen «Staatsfernsehen» nicht so schnell wieder los.

Und generell fragt man sich: Ist das eine «Tagesschau», wie der Name sagt – oder doch eher ein Magazin, das seine Themen selbst setzt? Bei der ARD-Tagesschau wird die 20-Uhr-Ausgabe nach wie vor zur Vermeldung der Tagesereignisse genutzt, von denen dann einzelne in den Tagesthemen vertieft werden. Vielleicht wäre dem öffentlich-rechtlichen Auftrag mit einer kürzeren, sich auf die Fakten konzentrierenden Sendung besser genüge getan als mit einer «seriös» daher kommen wollenden Kopie von «10 vor 10».


Freitag, 11. Mai: Ein Verlust der US-Bank JPMorgan Chase wird sowohl von der Moderatorin als auch von der Off-Stimme als «peinlich» eingestuft. Der Verlust in der Höhe von 2 Milliarden US-Dollar sei «ein Beweis, dass es schärfere Kontrollen doch braucht. Damit ist der Ball wieder beim amerikanischen Kongress. An ihm wird es jetzt liegen, die Vorschriften eben doch zu verschärfen, um solches Geschäftsgebaren zu verhindern», sagt die Off-Stimme weiter. Mit Verlaub, aber Gesetze haben noch nie Verluste verhindert. Und werden das auch nie tun. Aus diesen Sätzen spricht ein absurdes Verständnis der Marktwirtschaft, bei der Too-Big-To-Fail-Diskussion geht es um etwas anderes. Hier wird auf die Wirtschaft geblickt wie auf ein kleines Kind, das wieder nicht brav war. Die Einbusse muss ausserdem in Relation zu anderen Kennwerten gesehen werden: 2011 betrug das Eigenkapital der Bank gemäss NZZ 184, der Reingewinn 19 Millarden US-Dollar.

Samstag, 12. Mai: Offenbar ist heute weltweit überhaupt rein gar nichts passiert, denn der Aufhänger der Sendung ist das 10-Jahres-Jubiläum der Expo 02; sie wird rückblickend zum Erfolg verklärt, ein «nicht eben billiger» halt. In einer Live-Schaltung aus Biel sagt der damalige Not-Präsident Franz Steinegger, viele Schweizer würden befriedigt auf diesen Supersommer 2002 zurückblicken – eine Einschätzung, die so wahr ist wie ihr Gegenteil. Kritiker der Expo, die im Anlass eher ein regionales Konjunkturprogramm sahen, von dem besonders ausgewählte Kunst- und Eventschaffende profitieren, kommen aber keine zu Wort.

Sonntag, 13. Mai: Der Beitrag über die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen beginnt mit einer Panne. Die Grafik der ZDF-Hochrechnung wird zunächst nicht eingeblendet. Viel schlimmer aber ist, dass man zwei Zahlen vertauscht, also falsch abgeschrieben hat: Nicht die FDP hat über sechs Prozent zugelegt, sondern die Piratenpartei. ZDF-Endergebnis: FDP 8,6% (+ 1,9%), Piratenpartei 7,8% (+ 6,3%).

Screenshot sf.tv

Eine Entschuldigung oder eine nachträgliche Korrektur dieses den Zuschauer irreführenden faktischen Fehlers gibt es keine, weder in der Sendung, noch in der (übrigens durchaus unterhaltsamen) «Korrekt»-Spalte auf der Website. Als Gegensatz dazu: Die «New York Times» hat kürzlich einen im Jahr 1935 gemachten Fehler korrigiert.

Dienstag, 15. Mai: Die Schweizer Konjunkturpakte werden rückblickend betrachtet, Anlass für den Bericht ist eine Pressekonferenz des Seco. Der Beitrag dazu hätte auch gleich von der Pressestelle produziert werden können. Immerhin gibt es noch einen Folgebeitrag mit Reaktionen zweier Verbände, deren Mitglieder direkt oder indirekt von solchen Paketen unterstützt werden: Der Gewerkschaftsbund hält den Umfang der Konjunkturpakete für zu klein und die Economiesuisse für angemessen gross. Kritik daran, die es natürlich gibt, wird keine gesendet. Der Zuschauer muss nach so einem Beitrag fast zur Meinung kommen, dass Konjunkturpakete gut und richtig sind – dass sie mit dazu führen, ganze Staaten in den Bankrott zu ziehen, wird nicht erwähnt.

Donnerstag, 17. Mai: Die Tagesschau ist dabei, als Peter Bichsel (77) und Giovanni Orelli (83) mit dem mit 30.000 Franken dotierten Grossen Schillerpreis ausgezeichnet werden und sich für die zufällig anwesenden Kameras begrüssen und unterhalten.

Gute Fernsehbilder liefern natürlich auch Ausstellungen von Jeff Koons (Sonntag), Kris Martin (Freitag) sowie die Sammlung von Hubert Looser (Donnerstag). Gleiches gilt für das geplante Chaplin-Museum (Montag), den Tod von Carlos Fuentes (Mittwoch) oder die Kunstmarkt-Rekordpreise (Samstag). Der Gedanke, dass nicht das, was relevant ist, in die Tagesschau kommt, sondern das, was sich gut zeigen lässt, liegt nahe.

Die Sendungen zum Nachschauen:
Freitag, 11.5.2012: 424.000 Zuschauer, 44,7 Prozent Marktanteil
Samstag, 12.5.2012: 576.000 Zuschauer, 43,3 Prozent Marktanteil
Sonntag, 13.5.2012: 629.000 Zuschauer, 40,0 Prozent Marktanteil
Montag, 14.5. 2012: 660.000 Zuschauer, 50,8 Prozent Marktanteil
Dienstag, 15.5.2012: 432.000 Zuschauer, 45,1 Prozent Marktanteil
Mittwoch, 16.5.2012: 635.000 Zuschauer, 48,3 Prozent Marktanteil
Donnerstag, 17.5.2012: 674.000 Zuschauer, 51,9 Prozent Marktanteil

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

Peter Schwarz 18. Mai 2012, 14:51

Was mich an der Tagesschau stört und dafür sorgt, dass ich häufig umschalte, sind die vielen Interviews mit den Korrespondenten. Sowas sieht man in Deutschland und Frankreich deutlich seltener. Zudem halte ich die Wirtschaftskompetenz für verbesserungswürdig.

Antworten...

Marcuccio 21. Mai 2012, 17:45

Mag sein, dass die SF-Tagesschau ein Stück weit zu magazinig und soft daherkommt – die 2008 eingeführte Verlängerung von 20 auf 25 Minuten könnte man getrost wieder rückgängig machen.

Insgesamt – und das sollte man schon positiv erwähnen – haben die Schweizer Hauptnachrichten aber im Vergleich zur ARD-Tagesschau oder ZDF-“heute” eine viel bessere, weil kontinuierliche Performance an Auslandsberichterstattung. Und den Wert von Korrespondenten kann man nicht nur an vier Testtagen messen. Adrian Arnold hat viele Jahre sehr gut aus Frankreich berichtet, Andre Marty immer exzellent aus Israel… Und auf einen Iran-Kenner wie Ulrich Tilgner glaubte das ZDF irgendwann verzichten zu können, SF hielt an ihm fest. Was er wert ist, zeigt sich jedesmal, wenn er auf Sendung ist.

Klar darf die Korrespondentenschalte nicht zum Selbstzweck verkommen. Ich würde aber immer soweit gehen, zu behaupten: Ein Zuschauer der SF-Tagesschau wird durchschnittlich viel besser übers europäische Ausland informiert als ein Zuseher der ARD-Tagesschau.

Antworten...