AUF DEM RADAR

Auf den Punkt, vor Gericht, unter Druck, totaler Fake

Kurz und bündig statt lang und fädig

Die News-Site Axios setzt auf «kluge Kürze». Ihren Ansatz versteht sie auch als Kritik an anderen Nachrichtenseiten: Das grösste Problem der Medien liege darin, dass viele Artikel seien schlicht zu lang seien und Journalisten vor allem für Journalisten schrieben statt für den Leser. Als «klug» versteht Axios seine selbst deklarierte Unvoreingenommenheit gegenüber US-Präsident Donald Trump. Kritiker sind sich nicht sicher, ob Axios seien Ansprüchen gerecht wird.

Journalisten müssen sich nicht alles gefallen lassen

Ein Reporter verklagt mit Erfolg einen Blogger, der ihn «Nachrichtenfälscher» und «Fake-News-Produzent» genannt hatte. Laut Gericht darf er das nicht behaupten, weil damit dem Journalisten ein Vorsatz unterstellt wird, der sich nicht belegen lasse. Konkret ging es um die Berichterstattung von stern.de über ein twitterndens Mädchen aus Syrien. Der Blogger hielt das für eine «offensichtliche Lügengeschichte».

Noch ist Polen nicht verloren

Polen galt in Mittel- und Osteuropa als eines der besten Beispiele für eine gelungene Transformation vom Sozialismus zur Demokratie. Mit der Medienfreiheit wollte es aber nie so richtig klappen. Jede Regierung stand im Verdacht, die öffentlich-rechtlichen Medien zu ihren Gunsten zu instrumentalisieren. Doch so stark wie die aktuelle Regierung der PiS-Partei hatte noch niemand Radio und TV beeinflusst. Doch die private Konkurrenz hält dem tapfer entgegen.

Wollt ihr die totale Manipulation?

Die Wissenschaft hat die Grundlagen für Fake News 2.0 geschaffen: Algorithmen können aus einer Audiodatei plausible Lippenbewegungen formen und sie über die eigentlichen Gesichtsausdrücke einer Videoaufnahme legen. Mitarbeiter der University of Washington demonstrierten die neue Manipulationsmöglichkeit am Beispiel eines Videos von Barack Obama.

Weitere Beiträge

«No Billag»: schiefer Vergleich mit Luxemburg, wenn die Regierung wortreich schweigt, Yellow Press und Fake News, Bücher aus dem Müll

Die Schweiz ist nicht Luxemburg

Im Hinblick auf die «No Billag»-Abstimmung werfen Gegner und Befürworter gerne einen Blick auf Mediensysteme anderer Länder um ihre Argumentation zu stützen. So tat das unlängst auch der Radiounternehmer Giuseppe Scaglione, der die Gebührenabschaffungsinitiative unterstützt. In der Sendung «Medienclub» von SRF brachte Scaglione Luxemburg ins Spiel. Das Land sei klein und mehrsprachig und das Mediensystem funktioniere auch ohne Rundfunkgebühren. Wie Matthias Zehnder nun zeigt, taugt Luxemburg gerade nicht als leuchtendes Vorbild für einen gebührenfreien Medienmarkt. Das Grossherzogtum sei schlicht zu klein, als dass mit dem potenziellen Gebührenertrag ein öffentliches Medienunternehmen mit Radio- und TV-Sendern finanziert werden könnte. «Wer behauptet, die Luxemburger könnten gut ohne öffentlich-rechtlichen Rundfunk leben, blendet aus, dass die Luxemburger sich vor allem über die grossen, ausländischen Fernsehsender informieren», schreibt Zehnder auf seinem Blog.

Eine Lektion in Regierungsnichtkommunikation

Seit drei Jahren löchert der Journalist Tilo Jung für sein Format «Jung & naiv» auf der Bundespressekonferenz regelmässig die deutschen Regierungsvertreter mit ebenso simplen wie kritischen Fragen. Gestern ging es um einen Exportstopp für Waffen an die Krieg führenden Parteien im Jemen. Jung wollte wissen, ob das Ausfuhrverbot auch die USA betreffe, die ja in Jemen ebenfalls aktiv seien. Eine Antwort auf die eigentlich einfache Frage erhält der Journalist aber keine. Stattdessen führt Regierungssprecher Steffen Seibert einen minutenlangen Eiertanz auf, um nichts sagen zu müssen. Als ein anderer anwesender Journalist Jung sekundiert und einwirft, dass der Kollege vielleicht einfach wissen möchte, «ob wir an die USA Waffen exportieren», folgt zuerst peinliches Schweigen und schliesslich die Floskel, dass alles gesagt sei, was es dazu zu sagen gebe – also nichts.

«Wir sehen das nicht als Fake News, das sind Träumereien»

Der deutsche Klatschblatt-Verleger Kai Rose, Geschäftsführer der Mediengruppe Klambt, die Titel herausgibt wie «7 Tage», «Woche der Frau» oder «Frau mit Herz», lässt die Kritik an seinen Magazinen nicht gelten, wonach diese vor allem Fake News und erfundene Geschichten von Promis verbreiteten. Im Gespräch mit Jens Twiehaus von turi2 verteidigt sich Rose mit dem Hinweis: «Wir sehen das nicht als Fake News, das sind Träumereien, das sind Geschichten und das weiss unsere Leserschaft auch.» Die Leser nähmen das nicht so ernst und wollten einfach unterhalten werden. Die Grenzen des Fabulierens sieht Rose dort, wo es teuer wird, wo also mit Klagen und Kosten zu rechnen ist.

Wegwerfliteratur

In der türkischen Hauptstadt Ankara haben Müllmänner damit begonnen, weggeworfene Bücher aus dem Kehricht zu fischen und sie in einer eigenen Bibliothek dem Publikum zugänglich zu machen. So stehen bereits 4700 Titel zur Ausleihe bereit und 1500 warten darauf, einsortiert zu werden. Als nächstes wollen die Müllmänner eine mobile Bücherei einrichten und damit Schulen besuchen. Ob sie dazu einen ausrangierten Kehrichtwagen verwenden, ist dagegen nicht bekannt.

Von «No Billag» zu Fox News Switzerland, Verlage verlieren digitales Know-How, Amazons Podcast-Offensive, Facet für bessere Kollaboration

Was Fox News mit «No Billag» zu tun hat

Daniel Binswanger erzählt in der «Republik» die Geschichte von Fox News und wie der konservative US-Kabelsender «von der Polarisierung der amerikanischen Politik profitiert, sie beschleunigt und verstärkt» hat. Binswanger richtet dabei den Blick fest auf die anstehende «No Billag»-Abstimmung. Nach einer allfälligen Annahme entstünde in der Schweiz, so ist der Autor überzeugt, eine Radio- und TV-Landschaft vergleichbar mit jener in den USA. «Niemand weiss, ob sich auch hierzulande ein Nachrichtenkanal etablieren würde, der als rechte Propagandaplattform fungiert. Fest steht aber, dass die regulatorischen Rahmenbedingungen dafür gegeben wären.» Und – ohne sie beim Namen zu nennen – stünden gewichtige politische Akteure bereit, «die keine Anstrengung unversucht gelassen haben, die öffentliche Meinung durch den Aufbau eigener Medienmacht zu beeinflussen.» Die Botschaft ist klar: Was Fox News für die USA, wäre Blocher-TV in der Schweiz.

So vergraueln Medienunternehmen ihre Digitalprofis

Im Gespräch mit kress.de erklärt Katharina Borchert, ehemalige Geschäftsführerin von Spiegel Online, warum viele Digitalprofis die Medienbranche verlassen und zu Technologiekonzernen wechseln – was sie selbst auch getan hat. Borchert arbeitet als Innovationsleiterin beim Firefox-Entwickler Mozilla. Die Antwort: Viele sähen ausserhalb der Medien eher die Möglichkeit, «Dinge zu bewegen und sich weiterzuentwickeln.» Sie glaube, vielen Medienhäusern fehle ein tiefes digitales Produktverständnis und die erforderliche Produktkompetenz.

Amazon-Tochter Audible mit Journalismus-Offensive

Zuerst waren die Hörbücher, jetzt kommt der Journalismus: Die Audio-Plattform Audible, eine Tochter des Internet-Handelskonzern Amazon, erweitert gerade ihr Angebot. Mit 22 journalistischen Podcasts ist Audible gestartet und nun kommen jeden Monat zwei neue Formate dazu, die dann mit wöchentlichen Folgen erscheinen. Das sagt Paul Huizing, der für die Audible-Podcasts verantwortlich ist, gegenüber Daniel Bouhs vom WDR5-Medienmagazin. Bei den Radiosendern beobachtet man diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Einerseits betont Audible, dass man in Partnerschaft mit den Radios neue Angebote aufbauen wolle. Andererseits sagt ein Robert Skuppin, Senderchef des öffentlich-rechtlichen Radio eins, dass er keine Lust habe, als Steigbügelhalter der neuen Konkurrenz zu dienen. Der Konflikt ist programmiert. Wobei in solchen Konstellationen in der Regel der globale Player die Nase vorn hat.

Kollaboration braucht Infrastruktur, z.B. die Plattform Facet

Wenn die Geschichten grösser werden, als dass sie eine Redaktion alleine stemmen kann, dann ist Kooperation angesagt. Längst haben sich moderne Formen der Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Medien über Kontinente und Kulturen hinweg etabliert. Kooperation und Kollaboration sei ein zentraler Erfolgsfaktor für die Branche, schreibt Heather Bryant für Monday Note. «Unsere Herausforderung besteht darin, dass wir Redaktionen nie für diese Zusammenarbeit konzipiert haben. Uns fehlt die Infrastruktur, um den Redaktionsprozess zu managen, wenn mehrere Partner involviert sind.» Als möglichen Lösungsansatz stellt Bryant das Projekt Facet vor, das im Kern aus einer Plattform besteht, wo der Informationsfluss innerhalb der Redaktion aber auch mit externen Partnern organisiert werden kann. Denn ein Problem ist heute, dass im Redaktionsalltag zu viele kleine Tools, die mehr Effizienz versprechen, am Ende das Gegenteil bewirken. Im Einsatz befindet sich Facet aktuell beim Alaska’s Energy Desk, einem kollaborativen Recherheprojekt verschiedener öffentlicher Radiosender im nördlichsten US-Bundesstaat.

«Watson»: Trump-Push-Statistik, Facebook: mehr Emotionen, Digitalradio: in Norwegen läufts nicht rund, Wikileaks: Julian Assanges letzter Freund

Was wäre «Watson» ohne Trump?

Das Online-Magazin «Watson» hat nachgezählt: Im ersten Amtsjahr von Donald Trump als US-Präsident verschickte die Redaktion 522 Push-Meldungen, die das Wort «Trump» enthielten. Was heisst: Jeden Tag im Durchschnitt eineinhalb Alerts zum Thema. Zwar zeigt man sich bei «Watson» ob der Zahl überrascht, findet den Wert aber nicht zu hoch. Man werde Donald Trump auch in seinem zweiten Amtsjahr eng begleiten, schreiben Martin Lüscher und Lea Senn. «Ob dazu künftig auch so viele Push-Nachrichten nötig sind? Wir werden sehen.»

Newsfeed ohne Medieninhalte: Facebook soll emotionalisiert werden

Welches sind die Folgen für die Nutzerinnen und Nutzer von Facebook, wenn Medieninhalte aus dem Newsfeed zurückgedrängt werden, wie Mark Zuckerberg das angekündigt hat? Im Kern gehe es darum, schreibt Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung, die Nutzungszeit zu erhöhen. Und das gehe nur über Emotionen – mit absehbar problematischen Folgen: «Zuckerbergs Plan, Facebook zu emotionalisieren, wirkt deswegen, als würde er einem aufgebrachten Stammtisch einen Beutel Crystal Meth hinstellen und den Erzürnten viel Vergnügen damit wünschen.»

Norwegen doch kein Vorbild bei der Radiodigitalisierung?

Norwegen gilt in Fachkreisen als Musterbeispiel für eine gelungene Migration von UKW zu DAB+. Ende 2017 wurde die analoge Radiotechnologie für die landesweit verbreiteten Programme durch Digitalradio ersetzt. Im Lokalen bleibt UKW vorderhand noch erhalten. Inzwischen zeigt sich aber, dass die Migration ganz so reibungslos nicht läuft, wie das die Verantwortlichen gerne darstellen. «Alle Umfragen haben ergeben, dass 50-70% der Norweger gegen die UKW-Abschaltung sind», schreibt Christer Hederström im Fachmagazin Radioszene. Und zwar aufgrund konkreter Hörerfahrungen mit DAB+. «Bei Verlust des DAB+-Signals beim Autofahren gibt es kein automatisches UKW-Backup-Signal wie in anderen Ländern mit dualen Systemen wie Grossbritannien – es bleibt nur Stille.» Die Probleme mit dem Digitalradio führen dazu, dass das Publikum vermehrt Internet-Radio hört. Ausserdem geht Hederström davon aus, dass UKW überleben wird: «UKW wird überleben, weil die Menschen es als einen alten, zuverlässigen Freund ins Herz geschlossen haben.»

Julian Assanges letzter Freund

Aus Furcht vor einer Auslieferung in die USA hält sich Julian Assange, Kopf der Enthüllungsplattform Wikileaks, seit über fünf Jahren in der Botschaft Ecuadors in London auf. Einer seiner wenigen und letzten Freunde, die den Kontakt zur Aussenwelt aufrecht erhalten und ihn regelmässig in London besuchen, ist der langjährige Sprecher des Chaos Computer Clubs Andy Müller-Maghun. Die Washington Post hat den deutschen Informatiker bei einem Besuch in der britischen Hauptstadt begleitet. Dabei geht es auch um die Frage, ob er es war, der Assange die gehackten Daten der US-Demokraten überbrachte, die Wikileaks vor den Präsidentschaftswahlen veröffentlichte um so der Kandidatur Clintons zu schaden. Tatsächlich überreichte Müller-Maguhn im Herbst 2016 Assange einen USB-Stick, betont aber, nie im Besitz des kompromittierenden Materials aus Russland gewesen zu sein.

Werbung weiss alles über dich, die Blender vom Dienst, McCain vs. Trump, Geschäfte in den asozialen Medien

Wenn dich Werbung wie ein Spion auf Schritt und Tritt verfolgt

Was weniger bekannt ist, aber aufgrund der technischen Möglichkeiten eigentlich auf der Hand liegt: Zielgerichtete Online-Werbung kann auch auf eine einzelne Person zugeschnitten werden. Wenn persönliche Identifikatoren wie Telefonnummer oder E-Mail-Adresse bekannt sind, kann man jemanden auf Schritt und Tritt verfolgen und findet so ziemlich viel über Verhalten und Vorlieben der betreffenden Person heraus. Eine aktuelle Untersuchung der Paul Allen School of Computer Science & Engineering an der Universität von Washington zeigt nun, wie einfach es ist, so im Netz zu spionieren einzurichten.

Wenn Werbung nicht als solche erkennt werden soll

Der erste Satz des Artikels sagt eigentlich schon alles und überrascht auch nicht sonderlich: «Trotz entsprechender Warnhinweise erkennen die meisten Mediennutzer Native Advertising nicht, wenn sie es sehen.» Da die Anbieter solcher Werbeformate eine Täuschungabsicht bestreiten und auf die ihrer Meinung nach ausreichende Kennzeichnung als kommerzielle Inhalte hinweisen, ist es umso wichtiger, die These der Täuschung auch empirisch zu belegen. Aktuelle Zahlen stammen von zwei Studien aus den USA. «Die Ergebnisse sind ernüchternd», schreibt dazu Georgia Ertz auf EJO zur ersten Untersuchung. «Insgesamt konnten mehr als zwei Drittel (67,9%) der Probanden den Artikel trotz der Angabe nicht als Native Advertising erkennen». In der anderen Studie ist der Wert der Getäuschten etwas geringer, aber immer noch bedenklich hoch: Fast die Hälfte (49%) der Teilnehmer hielt in diesem Setting Native Ads für unbezahlten Inhalt.

McCain warnt vor der globalen Wirkung von Trumps «Fake News Awards»

Der frühere republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain wendet sich via Washington Post an den amtierenden US-Präsidenten Donald Trump. Anlass sind die sogenannten «Fake News Awards», mit denen Trump seine «Lieblingsmedien» bedacht hat. McCain gibt zu Bedenken, dass repressive Regimes, welche die Medien gängeln und verbieten, sehr genau zuhören und mit den Worten Trumps gegen die Pressefreiheit vorgehen. Gerade der Begriff der «Fake News» hat hierbei eine unrühmliche Karriere hinter sich – massgeblich von Trump befeuert.

Nur ein kleiner Betriebsunfall auf dem Influencer-Karussell

Loagan Paul, ein 22-jähriger Selbstdarsteller mit ausreichend grosser Gefolgschaft in den sogenannten Sozialen Medien, dass er davon leben kann, hat sich gerade ins temporäre Abseits katapultiert. Weil er auf Youtube, einem seiner bevorzugten Kanäle, 15 Millionen Menschen haben ihn abonniert, einen erhängten Selbstmörder zeigte, beendeten oder sistierten zahlreiche Partner ihre Geschäftsbeziehungen mit dem jungen Mann, der zur internationelen Top-Liga der sogenannten Influencer zählt. Es war dies nicht der einzige respektlose und rüpelhafte Akt des Youtube-Stars. Aber diesmal war die Empörung so laut, dass seine Partner nicht mehr anders konnten als sein Verhalten zu sanktionieren. «Aber die Maschinerie, die Trottel wie Logan Paul hervorbringt, wird weiter funktionieren», folgert Tilman Baumgärtel in der taz. Die Gier nach Klicks dreht auch hier da Niveau kräftig nach unten: «So ist eine Dynamik der gegenseitigen Unterbietung entstanden, die irgendwann damit ­endet, dass man die Leiche eines japanischen Selbstmörders filmt.»