AUF DEM RADAR

Vertrauensverlust, Service public 2.0, Rechercheinflation, Radiodesign

Der totale Vertrauensverlust

Der britische «Guardian» zeichnet die Geschichte nach des inzwischen mit Händen greifbaren Vertrauensverlusts der Medien. Was sich mit dem Murdoch-Abhörskandal 2011 andeutete, explodierte förmlich mit dem politischen Chaos auf der Insel im Zuge von Schottland-Referendum, Brexit und Grenfell-Brandkatastrophe. «Die Medien», von den Fundamentalkritikern oft als monolithischer Block adressiert, werden von links bis rechts, von oben und unten für missliebige Entwicklungen verantwortlich gemacht in einem bisher nicht gekannten Mass. Davon profitieren neue Publikationen, die sich aber oft ausserhalb der bisher anerkannten journalistischen Ethik bewegen.

Journalismus als Service public

Die MAZ-Dozentin und Redaktionsberaterin Alexandra Stark wagt eine Auslegeordnung zur schweizerischen Medienpolitik: Woran mangelt es? Was braucht es? Die Diagnose klingt vertraut – kein Geld für Journalismus, die Rezepte noch vage, weisen aber in eine klare Richtung: Service public lautet der Schlüsselbegriff; nicht, wie er heute als Synonym für die SRG steht, sondern als von den Bedürfnissen des Publikums her gedachtes Leitmotiv.

Alles ist Recherche

Die inflationäre Verwendung des Recherche-Begriffs für jegliche Form journalistischer Fragerei wertet den Begriff ab. Oder anders: Je weniger recherchiert wird, desto offensiver wird die Nicht-Recherche als Recherche verkauft. Anlass genug für Michael Furger, dieser Unsitte in der aktuellen NZZ am Sonntag seine Medienkritik zu widmen.

Radio fürs Auge

Heute kommt Funktionalität vor der Form: Beim Radio spielt die äussere Gestalt keine grosse Rolle mehr, egal ob als App oder digitales Empfangsgerät. Im 20. Jahrhundert verhielt sich das anders. Radioapparate aus dieser Zeit gelten völlig zurecht als Design-Ikonen, Tischgeräte und Taschenempfänger zeichneten sich durch originelle Formgebung aus. Das Cooper-Hewitt-Museum in New York zeigt nun Meilensteine der Radiogeschichte. CNN.com widmet der Ausstellung einen Kurzessay und würdigt das Radio als «eine der wichtigsten Erfindungen der Geschichte».

Weitere Beiträge dieser Woche

Die Medien sind schuld, Zeitung als Stadtgespräch, Privilegien verteidigen, der Weinstein-Protektor

Die Epoche des Mediennihilismus

Sascha Lobo sucht in seiner Kolumne nach Erklärungen für den grassierenden Mediennihilismus, der sich im Konsens von links bis rechts manifestiere: «Die Medien sind schuld». Was lässt sich dagegen tun? Lobo empfiehlt radikale Transparenz, denn: «Journalismus ist heute auch ein ständiger Kampf gegen die eigene Entlarvbarkeit, der nicht per Verschweigen oder gar Vertuschen geführt werden darf.»

Zeitungsleser einbinden: das «Stadtgespräch» als Community

Mitten im grossen Umbauprozess der Tamedia-Tageszeitungen unternimmt das Berner Blatt «Der Bund» einen Schritt in die digitale Zukunft. Mit dem «Stadtgespräch», einer Plattform für Leser-Beiträge, wolle man mit dem Publikum stärker in den Dialog treten. Denn nur «schlechte Journalisten glauben, immer schon alles zu wissen». Ähnlich wie das bereits die NZZ macht, will auch die «Der Bund»-Redaktion mit gezielten Fragen die Debatte anstossen. Zum Start des Projekts erklärt der Medienwissenschaftler Colin Porzlezza unter welchen Voraussetzungen ein solches Vorhaben gelingen kann. Zentraler Punkt: finanzielle und personelle Ressourcen. Davon wird bei Tamedia gerade im grossen Stil abgebaut.

«… es ist nicht vermessen daran zu erinnern, dass der Journalismus ständig zu verteidigen ist.»

Florian Klenk, einer der aktivsten investigativen Journalisten Österreichs, stimmt Journalismus-Studierende auf das kommende Berufsleben ein. In seiner Rede zum Studienabschluss erinnerte der «Falter»-Chefredaktor an die grossen Privilegien, die professionelle Journalistinnen und Journalisten genössen, etwa das Redaktionsgeheimnis und die damit verbundene Abwehrmöglichkeit gegen den Staat. Mit «Händen und Klauen» gelte es diese Privilegien zu verteidigen, die den Kern des Journalismus ausmachten und auch in Europa immer wieder unter Druck gerieten.

Branchenblatt «Variety» schonte Harvey Weinstein, wo es ging

«Variety», das einflussreiche Branchenblatt für die Filmindustrie in Hollywood, verlor in der Vergangenheit kein kritisches Wort über den Filmproduzenten Harvey Weinstein, der nun wegen mehrfacher sexueller Belästigung und Vergewaltigung beschuldigt wird. Der frühere «Variety»-Chefredaktor Peter Bart gilt als der einflussreichste Beschützer Weinsteins und als zentrale Figur, die half, das offene Geheimnis der sexuellen Übergriffigkeit geheim zu halten.

Sie wollte Malta ausmisten, erfolgreichster Print-Podcast, WOZ gewinnt, Hoffen auf «Republik»-Erfolg

Wer war Daphne Caruana Galizia?

Ihr Blog las die ganze Insel. «An seinen besten Tagen hatte es 400’000 Leser, was bei einer Bevölkerung von 420’000 höchst beeindruckend ist», schreibt NZZ-Korrespondentin Andrea Spalinger in einem Porträt der ermordeten Journalistin Daphne Caruana Galizia. Mit ihrer hartnäckigen Arbeit schuf sie sich in Malta nicht nur Freunde – kein Wunder auch. «Die verheiratete Mutter von drei Kindern brachte eigenhändig einen maltesischen EU-Kommissar und mehrere Minister zu Fall», schreibt Spalinger weiter. Eine Regierungskrise löste sie aus mit ihren Erkenntnissen aus den sogenannten Panama Papers, wo sie feststellte, dass die Frau des Regierungschefs dubiose Gelder aus Aserbaidschan erhalten hatte.

Mit diesem Podcast geht die Post ab

Es ist ein Erfolg der Sonderklasse, den die New York Times gerade mit ihrem Podcast «The Daily» einfährt. Seit neun Monaten im Angebot, wurde das Audioformat bis heute 100 Million Mal heruntergeladen. Im Podcast diskutieren werktäglich Journalistinnen und Redaktoren mit Michael Barbaro das Thema des Tages. Die Menschen hinter den Buchstaben kriegen eine Stimme und sind für das Publikum greifbarer als gedruckt auf Papier oder als Pixel am Bildschirm. Der Medienökonom Ken Doctor sieht in dem Erfolg das Potenzial für einen eigenen Geschäftszweig. Schon heute kann die New York Times für Werbung im Podcast die gleichen Tarife verlangen wie für Videoreklame.

Alle verlieren Leser – nur die «WOZ» nicht

Für das Branchenmagazin persoenlich.com hat der Media-Spezialist Urs Schneider die Entwicklung der Leserzahlen ausgewählter Schweizer Zeitungen über die letzten fünf Jahre angeschaut. Die wenig überraschende Erkenntnis: Alle Blätter verlieren Publikum. Am meisten der Tages-Anzeiger, der seit 2013 rund 100’000 Leserinnen und Leser verloren hat. Einziges Blatt, das sich halten und sogar leicht zulegen konnte im Fünfjahresvergleich, ist die «Wochenzeitung» WOZ – wenn natürlich auf viel tieferem Niveau als die grossen Tageszeitungen.

Experten hoffen auf Erfolg der «Republik»

Was darf man vom Online-Magazin «Republik» erwarten, das Anfang 2018 erstmals erscheinen wird?
Die Medienforschungs- und Beratungsfirma Publicom hat dazu (namentlich nicht bekannte) Expertinnen und Experten aus der Medienbranche befragt und grundsätzlich positive Signale vernommen. So stehen die Fachleute «dem Projekt wohlwollend gegenüber und wären wohl, wie das Gros der Schweizer Medienschaffenden, froh, wenn endlich mal eine Erfolgsstory aus dem Mediensystem zu vermelden wäre.» Was die Überlebenschancen des Projekts angehen, sind die Befragten aber skeptischer: «Nur gerade jeder sechste Experte des Panels glaubt daran, dass Republik mehr als fünf Jahre lang erfolgreich sein wird – jeder vierte rechnet mit nicht mehr als den durch das Startkapital garantierten zwei Jahren.»

Korruptes Malta, ARD ohne «Das Erste», Fake-News 2020, Social-Schleichwerbung

Malta: Journalistin ermordet nach Aufdeckung von Korruptionsskandal

Sie löste mit ihren Recherchen den grössten Polit- und Wirtschaftsskandal im Inselstaat Malta aus. Jetzt ist Daphne Caruana Galizia tot. Die Bloggerin und Journalistin wurde gestern Nachmittag mit einer Autobombe ermordet. Im Mai schrieb Tages-Anzeiger-Korrespondent Oliver Meiler ausführlich über diesen «Politthriller, wie er selbst in der skandalerprobten Geschichte ihrer stets zerrissenen Politik noch nicht vorgekommen ist.» Die Korruptionsvorwürfe an Spitzenpolitiker wogen so schwer, dass Maltas Premier – selber ein früherer TV-Journalist – Neuwahlen ausrufen musste. Am Anfang des Skandals standen die Veröffentlichungen von Daphne Caruana Galizia. Ihre Arbeit hat sie nun wohl mit dem Leben bezahlt. Über die Täterschaft ist bisher noch nichts bekannt.

ARD unter Druck: «Das Erste» soll verschwinden, ZDF reicht

In der Debatte um die Zukunft des öffentlichen Rundfunks in Deutschland liegt ein weiterer Vorschlag auf dem Tisch Rainer Robra (CDU), für Medien zuständiger Minister in Sachsen-Anhalt, schlägt die Auflösung von «Das Erste» vor – und damit auch der «Tagesschau». Die ARD solle sich auf ihre regionalen Inhalte konzentrieren. Als nationales Programm reiche das ZDF.

In der Fake-News-Hauptsadt bereitet man sich auf die US-Wahlen 2020 vor

Im letzten US-Präsidentschaftswahlkampf kursierten unzählige Falschmeldungen auf zweifelhaften Onlineportalen, die dank Social Media eine beträchtliche Reichweite fanden. Ein Teil davon stammte aus Mazedonien, von wo aus eine regelrechte Industrie den US-Medienmarkt mit Fake News versorgte. Isa Soares hat für CNN Money das Städtchen Veles besucht, wo die zentralen Figuren sitzen. Aus ihren Aussagen wird klar: In Mazedonien bereitet man sich bereits auf den US-Wahlkampf 2020 vor.

Täuschung ist Programm: Schleichwerbung auf Social Media

Eigentlich würde ein klarer Hinweis reichen. «Der Konsument müsste auf den ersten Blick sehen können, dass es sich hier um Werbung handelt», sagt Thomas Meier von der Schweizerischen Lauterkeitskommission. Aber genau das fehlt in vielen Fällen. Auf Social Media findet sich vermehrt undeklarierte Werbung, Schleichwerbung also. Und die ist illegal. Die Branche setzt auf Selbstregulierung und erarbeitet dazu einen Verhaltenskodex. In Deutschland dagegen werden Schleichwerber schon mal vor Gericht gebracht und gebüsst.

Franzen über Kraus, Social-Media-Maulkorb, «Ultras» als Freiwild, Multitasking für die Untertitel

Jonathan Franzen über die Aktualität von Karl Kraus

Der Schriftsteller Jonathan Franzen teilt die Technologie-Skepsis von Karl Kraus und zieht Parallelen vom damaligen Fortschrittsglauben zur heutigen Zeit: «Das Problem ist heute dasselbe wie vor hundert Jahren: die Schmalspurigkeit der Gehirne, welche die Technologie nutzen. Nur dass die Technologien heute wesentlich mächtiger sind als zu Kraus’ Zeiten.» Als eine Folge davon sieht Franzen auch den Journalismus bedroht. Darum müssten wir «lernen, lebenswichtige gesellschaftliche Dienstleistungen wie den professionellen Journalismus zu unterstützen, statt sie zu zerstören.»

Social-Media-Maulkorb für New-York-Times-Journalisten

In einem internen Memo fordert Dean Baquet, Chefredaktor der New York Times, seine Mitarbeitenden zu grösster Zurückhaltung auf mit politischen Äusserungen auf Social Media. Persönliche Meinungsäusserungen hätten zu unterbleiben, weil dies der Glaubwürdigkeit der Zeitung schaden könnte. David Uberti findet dies ein heikles Vorgehen und kritisiert auf «Splinter», dass damit auch legitime Kritik, etwa an Präsident Trump, unterminiert werde. Ihn als «inkompetent» oder als «Lügner» zu bezeichnen, seien mit Fakten belegbare Aussagen und müssten auch weiterhin möglich sein.

Fussballjournalismus: Angriff auf die «Ultras»

Der gemeine «Ultra» ist ein glühender Anhänger einer Sportmannschaft. Mit glühenden Fackeln hingegen hantieren nur die wenigsten dieser eingefleischten Fans. Und dennoch dominieren Bilder von Fackelmeeren in den Kurven die Berichterstattung über «Ultras». Am Beispiel Hannover zeigen Daniel Bouhs und Andrej Reisin im Medienmagazin «Zapp», wie eine Verquickung von Medien und Polizei ein «Ultra»-feindliches Klima anheizen können, das mit der Stimmung im Stadion oft nichts mehr zu tun hat.

So kommen Untertitel in Echtzeit auf den TV-Bildschirm

Im Rahmen der Publikumswoche bei Schweizer Radio und Fernsehen SRF gab es auch einen Einblick in eine der wohl anspruchsvollsten Tätigkeiten in der TV-Produktion: die Simultan-Untertitelung. Die Dolmetscherin spricht in Echtzeit die Aussagen der Protagonisten in Hochsprache nach, da die Spracherkennungssoftware keinen Dialekt versteht. Was sie sagt, erscheint dann mit nur geringer Verzögerung zum Gesagten als Untertitel auf dem Bildschirm. Die porträtierte Übersetzerin nennt denn auch als Grundvoraussetzung für ihren Job eine «gewisse Veranlagung zum Multitasking».