AUF DEM RADAR

Tamedia-Einheitsbrei, Stalker-Medien, Monolog-Talkshow, Mittelwellen-Renaissance

Die radikalen Abbaupläne von Tamedia

Es ist schon länger bekannt, dass das Zürcher Medienhaus Tamedia gravierende Einschnitte bei seinen regionalen Tageszeitungen plant. Im Vordergrund steht das Szenario eines gemeinsamen Manteilteils für sämtliche Titel. Nur noch in der regionalen Berichterstattung würden sich die Blätter unterscheiden. Am stärksten betroffen von einem solchen Schritt wäre die verhältnismässig grosse Redaktion der Berner Zeitung BZ, die heute zahlreiche Tamedia-Titel beliefert, also im Kleinen das praktiziert, was nun auch im Grossen umgesetzt werden soll und somit die heutigen Leistungen der BZ obsolet werden liesse. WOZ-Reporter Andreas Fagetti hat sich in Bern umgehört und berichtet von einer Stimmung zwischen Galgenhumor und Schockstarre.

Vertrauen ist auch eine Frage der Technologie

Viel ist die Rede davon, wie Redaktionen das Vertrauen des Publikums (zurück)gewinnen könnten. Doch ist das nicht nur eine journalistische Aufgabe, sondern auch eine technologische. Und hier könnten Medien noch einiges verbessern, gehören doch ausgerechnet sie zu den Unternehmen, die das Verhalten der Nutzer am stärksten durch Drittanbieter verfolgen, aufzeichnen und vermarkten lassen. Jacob Hoffman-Andrews von der Electronic Frontier Foundation plädiert dafür, dass Medienunternehmen für die Analyse des Nutzungsverhaltens eigene Instrumente nutzen und die sogenannten Third-Party-Trackers so weit wie möglich reduzieren.

Die Gäste sind nur Staffage

Der TV-Tausendsassa und Skandalsatiriker Jan Böhmermann moderiert jeden Sonntag zusammen mit Olli Schulz auf ZDFneo eine Talkshow, die sich von anderen Fernsehgesprächsrunden vor allem darin unterscheidet, dass vor allem das Moderatorenduo spricht. Die Gäste sind weitgehend Staffage für die Selbstdarstellung von Schulz und Bömermann. FAZ-Autorin Johanne Dürrholz bilanziert: «Gemeinsam sind sie das netteste Entertainer-Team Deutschlands. Und sie sind die schlechtesten Moderatoren der Welt.»

Die Mittelwelle lebt – und profitiert vom Digitalradio

In Dänemark sollen in den nächsten Monaten drei neue Radioprogramm auf Mittelwelle auf Sendung gehen. Dabei profitiert die Uralttechnologie ausgerechnet vom Digitalradio. Es wird nämlich damit gerechnet, dass ein Teil der Radiohörer, die den Entwicklungsschritt von DAB auf DAB+ nicht mitmachen mögen, weil sie sich ein neues Gerät beschaffen müssten, auf die gute alte Mittelwelle zurück wechseln werden, die sie mit ihren alten Radioapparaten seit je her empfangen können.

Weitere Beiträge

Rechter Pas-de-deux, Werbetolerante Podcast-Hörer, der Weg des modernen Journalismus, gegen die Propaganda des sauberen Krieges

Weltwoche und BaZ im Pas-de-deux gegen Gender-Forscherin

Zuerst legte die Weltwoche vor, dann zog die «Basler Zeitung» nach: die Attacken-Kaskade der beiden rechts-liberalen Blätter sollte die Basler Sozialwissenschaftlerin Franziska Schutzbach treffen, die sich in ihrem Blog und auf der Plattform «Geschichte der Gegenwart» immer wieder pointiert gegen rechts positioniert. So sinnierte sie einmal öffentlich darüber, was es hiesse, den «reaktionären Kräften sämtliche Legitimität abzusprechen, im Sinne eines Aktes zivilen Ungehorsams». Dazu gehörte etwa auch, die Weltwoche zu boykottieren. Solche Forderungungen, schrieb nun die Weltwoche, erinnerten «an den Nazi-Slogan ‹Kauft nicht bei Juden›» – die Faschismus-Keule von rechts. Gabriel Brönnimann analysiert in der Tageswoche den Vorgang. Sein Schluss: Die Autoren der «Schmutzkampagne» entlarvten sich selbst, weil sie beim Schreiben einige der Tatbestände selbst erfüllten, die sie von ihrem Opfer behaupten.

Studie: Podcast-Hörer sind für Werbung empfänglich

Mit zunehmender Beliebtheit beim Publikum werden Podcast auch attraktiver als Werbeträger. Das geht aus einer aktuellen Studie des deutschen Radiovermarktes AS&S hervor. 3000 Podcast-Hörerinnen und -Hörer der beiden Audio-Pattformen detector.fm und Viertausendhertz haben sich zu ihrem Nutzungsverhaltne geäussert. Dabei zeigte sich eine erstaunlich hohe Akzeptanz für Werbung in Podcasts. Über 87 Prozent der Hörer stören sich nicht an Werbung. Als erträglichste Werbeform gilt demnach das Sponsoring, gefolgt von Audio-Spots. Native Advertising, wie etwa Infomercials, landeten dagegen nur auf Platz drei.

«Guardian»-Chefin Viner: «Wir werden bei all unserer Arbeit sinnstiftend sein»

In einem langen Essay leitet die Chefredaktorin der britischen Zeitungen «Guardian» die Legitimation und die Aufgaben für den Journalismus im 21. Jahrhundert her. Was das für den redaktionellen Alltag bedeutet, fasst Katherine Viner so zusammen: «Wir werden Ideen entwickeln, die helfen, die Welt zu verbessern, nicht nur kritisieren; wir werden mit den Lesern und anderen zusammenarbeiten, um grössere Wirkung zu erzielen; wir werden diversifizieren, um eine reichhaltigere Berichterstattung aus einem repräsentativen Newsroom zu bieten; wir werden bei all unserer Arbeit sinnstiftend sein; und wir werden, um das alles zu untermauern, fair über Menschen und Macht berichten und Sachen herausfinden.»

Herausragende Recherche: Zivile Opfer im US-Drohnenkrieg

Der Drohnenkrieg gilt als sauber und effizient: mich chirurgischer Präzision werden Terroristen ausgeschaltet. Diese Bild zeichnet insbesondere die US-Regierung – es entspricht aber nicht der Wahrheit. In einer aufwändigen Recherche an 150 Orten im Nordirak, die von der US-geführten Koalition bombardiert wurden, suchten die Journalistin Azmat Khan und der Journalist Anand Gopal für das New York Times Magazin nach Hinweisen auf zivile Tote. Als Hauptergebnis ihrer Recherche steht fest: Jeder fünfte Drohnenangriff traf auch Zivilpersonen, das sind 2800 Fälle von insgesamt 14’000 ausgeführten Attacken. Die Koalition selbst dokumentiert nur 89 Attacken mit «Kollateralschäden».

Mit und ohne «Papers», Facebook vs. Journalismus, Schütz dich!, Lese-UFO

Investigative Zweiklassengesellschaft oder wer hat Zugang zu den «Papers»?

Bei der Publikation der grossen «Paper»-Enthüllungen der letzten Jahre, ob «Panama-Papers» oder unlängst «Paradise-Papers», spannen in Deutschland öffentlich-rechtliche Sender und Zeitungen zusammen. So arbeitet die «Süddeutsche Zeitung» Hand in Hand mit NDR und WDR. Das ist privaten Medien, die nicht Teil dieser Kooperation sind, schon länger ein Dorn im Auge. Von einem «Zitier-Kartell» sei die Rede, weiss «Spiegel»-Chefredaktor Klaus Brinkbäumer, dessen Magazin keinen Zugang zu den Daten hat. «Das ist eine ganz klare Form von Media-Leistung, von Markenwerbung für die Süddeutsche Zeitung», sagt «Bild»-Chefredaktor Julian Reichelt. Ähnliche Kritik kommt auch aus Teilen der Medienwissenschaft. «Tagesschau»-Chef Kai Gniffke hält die Vorwürfe für ungerechtfertigt. Er sagt: «Es gibt keine Vorzugsbehandlung für irgendein Medium».

Pressefreiheit: Protest gegen Facebook-Experiment mit dem Newsfeed

Der Chefredaktor des Online-Magazins «Krik» aus Serbien kritisiert in der New York Times ein aktuelles Facbeook-Experiment. In fünf Ländern zeigt Facebook die Meldungen von Fan-Seiten, also auch jene von Medienangeboten, nicht mehr im prominenten Newsfeed, sondern nur noch in einem neuen sogenannten Explore Feed, den aber kaum jemand kennt, geschweige denn auch regelmässig nutzt. Stevan Dojcinovic geisselt dieses Vorgehen als «zynisch» und «verantwortungslos». Ein solches Experiment in Ländern durchzuführen, wo keine gefestigten demokratischen Strukturen herrschten, gehe auf Kosten der Schwächsten. Publikationen, wie «Krik», die sich regelmässig mit der Staatsmacht anlegen, würden einer wichtigen Publikationsplattform beraubt, die ihnen Sichtbarkeit geboten habe abseits der etablierten Medienkanäle, die mit Staat und Behörden verbandelt sind.

Lass dich nicht hacken!

Was für alle gilt, die sich im Internet bewegen, sollte für Medienschaffende erst recht gelten: Sicherheit geht vor. Umso mehr, als dass Journalistinnen und Journalisten sensible Informationen bearbeiten, auf die weder Kriminelle noch Behörden Zugriff haben sollten. Das Magazin «Motherboard» hat eine praktische Anleitung zusammengestellt zum digitalen Selbstschutz. Das Dossier ein gut verständliches Update für eigentlich bekannte, aber oft vernachlässigte Massnahmen von sicherem Passwort, über Verschlüsselung der Festplatte bis zu einem Glossar mit Sicherheits- und Hackerbegriffen.

Holländische Star-Architekten bauen Büchertempel in China

«Spiegel Online» nennt sie ein «Lese-Raumschiff». Noch passender wäre ein «Lese-UFO», denn die neue Bibliothek in der chinesischen Stadt Tianjin sieht mit ihren geschwungenen Formen nicht eben nach einem irdischen Werk aus. Für Gestalt und Formgebung verantwortlich ist das niederländische Architekturbüro MVRDV, das für seine visionären Entwürfe bekannt ist. Das 33’700 Quadratmeter grosse Gebäude beherbert 1,2 Millionen Bücher und wurde Anfang Oktober eröffnet. In einer Bildstrecke bietet «Spiegel Online» eindrückliche Einblicke in die neue Bibliothek.

Online-Werbung hat ein Problem, Faktencheck als Feigenblatt, bei der Recherche verhaftet, «Ausländische Agenten» hüben und drüben

«Die grösste Gefahr für die Werbeindustrie der letzten Jahre»

Man hat es kommen sehen und jetzt ist es so weit: Wenn im kommenden Jahr die im Oktober verabschiedete E-Privacy-Verordnung in der EU in Kraft tritt, sieht es düster aus für die Online-Werbung. «Die Verordnung hat alle Zutaten, die Betreiber von grossen wie kleinen werbefinanzierten journalistischen Plattformen in die grösste Ratlosigkeit und Verzweiflung zu treiben», schreibt Volker Schütz in «Horizont». Datenerhebung und -bearbeitung, wie sie heute mittels Tracking und Cookies für das Ausspielen von Online-Werbung von elementarer Bedeutung sind, würden massiv erschwert und quasi verunmöglicht. Gestärkt würden Dienste, die Personendaten ihrer Nutzer mittels Login erheben – allen voran Facebook.

Facebook-Faktenchecker fühlen sich als Feigenblatt

Journalisten, die für Facebook als Factchecker arbeiten, beklagen sich über die Sinn- und Wirkungslosigkeit ihres Tuns. Der «Guardian» hat mit mehreren von ihnen gesprochen. Ein Jahr nach der vollmundig verkündeten Offensive gegen Fake News sieht die Bilanz ernüchternd aus. Die Journalisten halten das Projekt für «weitgehend gescheitert» und sehen sich als PR-Instrument missbraucht für die Image-Politur des Unternehmens.

Pressefreiheit in Frankreich: Journalistin von «Le Temps» während Recherche verhört

Die Journalistin Caroline Christinaz der Westschweizer Zeitung «Le Temps» recherchierte in den südlichen französischen Alpen zu neuen Fluchtrouten als die Polizei sie zusammen mit zwei anderen Journalisten und vier Flüchtlingen festhielt. In der Folge wurde Christinaz während zwei Stunden verhört, zu ihren Recherchen, aber auch zu den persönlichen Verhältnissen befragt. Ausserdem wurde sie gezwungen, ihr Mobiltelefon zu entsperren. Als Grund für ihre Verhaftung nannte die Polizei den Verdacht auf Fluchthilfe. Der Chefredaktor von «Le Temps», sowie schweizerische und französische Berufsverbände, protestierten gegen das Vorgehen der Polizei.

Ausländische Medien als «Agenten»: Russische Retourkutsche

Die USA haben jüngst den russischen Auslandsender RT dazu verpflichtet, sich als «ausländischer Agent» registrieren zu lassen und seine Finanzen offenzulegen. Das Gesetz dazu stammt von 1938 und richtete sich ursprünglich gegen Nazi-Propaganda. Neben RT fällt heute auch «China Daily» in diese Kategorie. Nun greift Russland zum selben Mittel und plant ausländische Sender ähnlichen Regeln zu unterwerfen und als «Agenten» zu erfassen. Im Unterschied zu den USA, wo nur staatliche Stellen auf die List kommen, will Russland aber auch unabhängige ausländische Medien unter verschärfte Beobachtung stellen.

Digitaler Krisenfunk, Audiogipfel, Yellow bleibt Yellow, Amazon-Hobbits

Digitalradio als Krisen- und Katasrophenfunk

In der Schweiz wird die Ultrakurzwelle UKW in ein paar Jahren ausgedient haben. Abgelöst wird die analoge Radioübertragung durch Digitalradio mit dem Standard DAB+. Mehr als drei Millionen Geräte sind bereits in Betrieb und der UKW-Empfang macht nur noch den kleineren Teil der Radionutzung aus. Aber wozu eigentlich Digitalradio, wenn es doch das Internet gibt mit dem man auch ganz gut Radio hören kann? Im Interview mit Swissinfo nennt Xavier Studer, Spezialist für neue Technologien, einen Grund, der gerne vergessen geht in der Diskussion: «Das Gerät ist nicht sehr teuer; es kann Programme kostenlos empfangen, überall und unabhängig von einer Internetverbindung; es hat eine sehr lange Batterielaufzeit. All dies sind Faktoren, die das Radio zu einer idealen Informationsquelle bei Katastrophen und Krisen machen.»

Audio-Innovation: so machen es die Besten

«Journalistische Podcasts haben in den USA Hochkonjunktur», schreibt der Berner Radiojournalist This Wachter – und darum ist er jüngst nach Chicago gereist zur Third Coast Conference in Chicago. Dort treffen sich die Audio-Grössen des Landes und geben einen Einblick in ihr Schaffen. So auch Ira Glass, der 1995 die Sendung This American Life schuf und sich damit «als meisterlicher Erzähler schon zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt hat», wie Wachter begeistert festhält. In seinem Blogbeitrag zum Konferenzbesuch fasst Wachter sieben Erkenntnisse von Glass zusammen: Vom gelungene Einstieg in einen Stoff, den alle zu kennen glauben über seinen Lernprozess als Radiomacher, aber auch die bittere Einsicht, dass er kein Patentrezeot gegen die grassierenden Fake-News kenne.

Sinneswandel auf dem Boulevard?

In letzter Zeit sind die Yellow-Press-Titel in Deutschland verstärkt unter Druck geraten. Ihnen wird vorgeworfen, mit dem, was sie unter Journalismus verstehen, ihren Teil zum Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Medien beigetragen zu haben. Das ist auch der Kern der Kritik des Vereins Netzwerk Recherche an die Adresse der Verlage Hubert Burda Media, Bauer Media und die Funke Mediengruppe. Inzwischen haben Vertreterinnen und Vertreter dieser Medienunternehmen Stellung genommen und ihr Geschäft verteidigt, unter anderem mit dem Hinweis, dass sie primär Unterhaltung böten und nicht kritischen Journalismus. Promi-Anwälte, die regelmässig gegen die Boulevard-Publikationen prozessieren, sehen darin keinen Sinneswandel und setzen auf höhere Geldentschädigungen für Persönlichkeitsrechtsverletzungen als Mittel gegen übergriffigen «Journalismus».

«Herr der Ringe» als TV-Serie – dank Amazon

Gute Nachrichten für Fantasy-Fans: Der Tolkien-Romanzyklus «Herr der Ringe» kommt als TV-Serie auf den Bildschirm. Möglich macht dies der Internet-Konzern Amazon, der sich die Rechte für die Verfilmung gesichert hat. Amazon soll dafür 250 Millionen Dollar bezahlt haben. Die Serie soll zeitlich vor dem ersten Teil der Kinotrilogie spielen.