AUF DEM RADAR

Feuchter Werbe-Traum, hybride Zukunft, schlechte Journalisten, Twitter-Debakel

Product placement 2.0

Angesichts verbreiteter Adblocker und grassierender Aversion gegen Reklame jeglicher Art, klingt dieses Konzept wie der feuchte Traum der Werbung: spontan und digital auswechselbares Product placement in Filmen und Serien. Je nach zahlendem Kunde kann zum Beispiel ein Flugzeug das Logo dieser oder jener Fluggesellschaft tragen. Oder das Smartphone eines Darstellers ziert einmal ein angebissener Apfel und ein andermal der Schriftzug eines südkoreanischen Herstellers. Der Technologie-Dienstleister Accenture arbeitet mit Hochdruck daran, diese Form virtueller Werbung marktfähig zu machen. Noch gilt es aber technologische, regulatorische und (urheber)rechtliche Hürden zu nehmen. Accenture wittert ein Milliardengeschäft: Zum einen könnten ganze Back-Kataloge mit Filmen und Serien nachträglich mit bezahlten Produkten garniert werden, zum anderen wäre es möglich, je nach Zielgruppe in ein und demselben Film unterschiedlichen Marken eine Plattform zu bieten.

In visuelle Geschichten eintauchen

Video gewinnt zwar zunehmend an Bedeutung für die Vermittlung journalistischer Inhalte, doch Bewegtbild allein sei nicht die Zukunft, schreibt Cory Haik, Chefredaktor von Mic. Vielmehr würden hybride Formen aus Text, Bild und Video ansprechen. «Was der Markt zeigt, und was ich grundsätzlich glaube, ist, dass die Zuschauer in eine visuelle Geschichte eintauchen wollen, die von der ganzen Palette an kreativen Techniken Gebrauch macht, die der kleine kleine Computer in ihrer Hand bietet, der mit dem Internet verbunden ist.» Das sei eben nicht «Video», so Haik, sondern eine neue Form des Journalismus.

«Politisch und gesellschaftlich bevorzugte Männer»

Nach der Aufregung um das «Manifest» eines Google-Mitarbeiters, der die Eignung von Frauen in technologischen Berufen aufgrund biologischer Merkmale in Frage stellte, dreht «Welt»-Autorin Annet Selle in einer Glosse den Spiess um und erklärt, warum Männer die schlechteren Journalisten sind. Grund eins: «Männer haben längere Beine, einen kürzeren Rumpf und schmalere Hüften als Frauen. Deshalb können sie nicht so gut sitzen. Und Journalisten sitzen viel.» Und so geht es weiter. Selle findet Argument um Argument, «die Liste ist lang». Fazit: «Fühlt euch also bitte nicht angegriffen, liebe Kollegen. Ihr seid schlecht in eurem Job, den ihr nur habt, weil ihr politisch und gesellschaftlich bevorzugt werdet.»

Leo gibt Gas

Wer seinen Twitter-Account in die Hände eines ehemaligen Chefredaktors des Satire-Magazins «Titanic» legt, darf sich nicht wundern, wenn dieser tut, wie ihm gefällt. Doch das «Zeit Magazin» war naiv genug zu meinen, von Leo Fischer zu erwarten, dass er ganz brav und harmlos herumtippt. Doch gefehlt: Einmal am Drücker, gibt Leo Gas. Er vermeldet den Tod von Ex-Fussballer und Ex-TV-Experte Mehmet Scholl, sowie Explosionen in Nordkorea. Daraufhin dauert es nicht lange, bis das «Zeit Magazin» das Twitter-Experiment vorzeitig beendet. Leo Fischer zeigt sich nicht enttäuscht, höchstens etwas überrascht: «Ich hätte nur gedacht, dass ein Magazin, in dem ein Harald Martenstein publizieren kann, auch Spielraum für andere Wirrköpfe mit Geltungssucht hat.»

Weitere Beiträge

Rechter Pas-de-deux, Werbetolerante Podcast-Hörer, der Weg des modernen Journalismus, gegen die Propaganda des sauberen Krieges

Weltwoche und BaZ im Pas-de-deux gegen Gender-Forscherin

Zuerst legte die Weltwoche vor, dann zog die «Basler Zeitung» nach: die Attacken-Kaskade der beiden rechts-liberalen Blätter sollte die Basler Sozialwissenschaftlerin Franziska Schutzbach treffen, die sich in ihrem Blog und auf der Plattform «Geschichte der Gegenwart» immer wieder pointiert gegen rechts positioniert. So sinnierte sie einmal öffentlich darüber, was es hiesse, den «reaktionären Kräften sämtliche Legitimität abzusprechen, im Sinne eines Aktes zivilen Ungehorsams». Dazu gehörte etwa auch, die Weltwoche zu boykottieren. Solche Forderungungen, schrieb nun die Weltwoche, erinnerten «an den Nazi-Slogan ‹Kauft nicht bei Juden›» – die Faschismus-Keule von rechts. Gabriel Brönnimann analysiert in der Tageswoche den Vorgang. Sein Schluss: Die Autoren der «Schmutzkampagne» entlarvten sich selbst, weil sie beim Schreiben einige der Tatbestände selbst erfüllten, die sie von ihrem Opfer behaupten.

Studie: Podcast-Hörer sind für Werbung empfänglich

Mit zunehmender Beliebtheit beim Publikum werden Podcast auch attraktiver als Werbeträger. Das geht aus einer aktuellen Studie des deutschen Radiovermarktes AS&S hervor. 3000 Podcast-Hörerinnen und -Hörer der beiden Audio-Pattformen detector.fm und Viertausendhertz haben sich zu ihrem Nutzungsverhaltne geäussert. Dabei zeigte sich eine erstaunlich hohe Akzeptanz für Werbung in Podcasts. Über 87 Prozent der Hörer stören sich nicht an Werbung. Als erträglichste Werbeform gilt demnach das Sponsoring, gefolgt von Audio-Spots. Native Advertising, wie etwa Infomercials, landeten dagegen nur auf Platz drei.

«Guardian»-Chefin Viner: «Wir werden bei all unserer Arbeit sinnstiftend sein»

In einem langen Essay leitet die Chefredaktorin der britischen Zeitungen «Guardian» die Legitimation und die Aufgaben für den Journalismus im 21. Jahrhundert her. Was das für den redaktionellen Alltag bedeutet, fasst Katherine Viner so zusammen: «Wir werden Ideen entwickeln, die helfen, die Welt zu verbessern, nicht nur kritisieren; wir werden mit den Lesern und anderen zusammenarbeiten, um grössere Wirkung zu erzielen; wir werden diversifizieren, um eine reichhaltigere Berichterstattung aus einem repräsentativen Newsroom zu bieten; wir werden bei all unserer Arbeit sinnstiftend sein; und wir werden, um das alles zu untermauern, fair über Menschen und Macht berichten und Sachen herausfinden.»

Herausragende Recherche: Zivile Opfer im US-Drohnenkrieg

Der Drohnenkrieg gilt als sauber und effizient: mich chirurgischer Präzision werden Terroristen ausgeschaltet. Diese Bild zeichnet insbesondere die US-Regierung – es entspricht aber nicht der Wahrheit. In einer aufwändigen Recherche an 150 Orten im Nordirak, die von der US-geführten Koalition bombardiert wurden, suchten die Journalistin Azmat Khan und der Journalist Anand Gopal für das New York Times Magazin nach Hinweisen auf zivile Tote. Als Hauptergebnis ihrer Recherche steht fest: Jeder fünfte Drohnenangriff traf auch Zivilpersonen, das sind 2800 Fälle von insgesamt 14’000 ausgeführten Attacken. Die Koalition selbst dokumentiert nur 89 Attacken mit «Kollateralschäden».

Mit und ohne «Papers», Facebook vs. Journalismus, Schütz dich!, Lese-UFO

Investigative Zweiklassengesellschaft oder wer hat Zugang zu den «Papers»?

Bei der Publikation der grossen «Paper»-Enthüllungen der letzten Jahre, ob «Panama-Papers» oder unlängst «Paradise-Papers», spannen in Deutschland öffentlich-rechtliche Sender und Zeitungen zusammen. So arbeitet die «Süddeutsche Zeitung» Hand in Hand mit NDR und WDR. Das ist privaten Medien, die nicht Teil dieser Kooperation sind, schon länger ein Dorn im Auge. Von einem «Zitier-Kartell» sei die Rede, weiss «Spiegel»-Chefredaktor Klaus Brinkbäumer, dessen Magazin keinen Zugang zu den Daten hat. «Das ist eine ganz klare Form von Media-Leistung, von Markenwerbung für die Süddeutsche Zeitung», sagt «Bild»-Chefredaktor Julian Reichelt. Ähnliche Kritik kommt auch aus Teilen der Medienwissenschaft. «Tagesschau»-Chef Kai Gniffke hält die Vorwürfe für ungerechtfertigt. Er sagt: «Es gibt keine Vorzugsbehandlung für irgendein Medium».

Pressefreiheit: Protest gegen Facebook-Experiment mit dem Newsfeed

Der Chefredaktor des Online-Magazins «Krik» aus Serbien kritisiert in der New York Times ein aktuelles Facbeook-Experiment. In fünf Ländern zeigt Facebook die Meldungen von Fan-Seiten, also auch jene von Medienangeboten, nicht mehr im prominenten Newsfeed, sondern nur noch in einem neuen sogenannten Explore Feed, den aber kaum jemand kennt, geschweige denn auch regelmässig nutzt. Stevan Dojcinovic geisselt dieses Vorgehen als «zynisch» und «verantwortungslos». Ein solches Experiment in Ländern durchzuführen, wo keine gefestigten demokratischen Strukturen herrschten, gehe auf Kosten der Schwächsten. Publikationen, wie «Krik», die sich regelmässig mit der Staatsmacht anlegen, würden einer wichtigen Publikationsplattform beraubt, die ihnen Sichtbarkeit geboten habe abseits der etablierten Medienkanäle, die mit Staat und Behörden verbandelt sind.

Lass dich nicht hacken!

Was für alle gilt, die sich im Internet bewegen, sollte für Medienschaffende erst recht gelten: Sicherheit geht vor. Umso mehr, als dass Journalistinnen und Journalisten sensible Informationen bearbeiten, auf die weder Kriminelle noch Behörden Zugriff haben sollten. Das Magazin «Motherboard» hat eine praktische Anleitung zusammengestellt zum digitalen Selbstschutz. Das Dossier ein gut verständliches Update für eigentlich bekannte, aber oft vernachlässigte Massnahmen von sicherem Passwort, über Verschlüsselung der Festplatte bis zu einem Glossar mit Sicherheits- und Hackerbegriffen.

Holländische Star-Architekten bauen Büchertempel in China

«Spiegel Online» nennt sie ein «Lese-Raumschiff». Noch passender wäre ein «Lese-UFO», denn die neue Bibliothek in der chinesischen Stadt Tianjin sieht mit ihren geschwungenen Formen nicht eben nach einem irdischen Werk aus. Für Gestalt und Formgebung verantwortlich ist das niederländische Architekturbüro MVRDV, das für seine visionären Entwürfe bekannt ist. Das 33’700 Quadratmeter grosse Gebäude beherbert 1,2 Millionen Bücher und wurde Anfang Oktober eröffnet. In einer Bildstrecke bietet «Spiegel Online» eindrückliche Einblicke in die neue Bibliothek.

Online-Werbung hat ein Problem, Faktencheck als Feigenblatt, bei der Recherche verhaftet, «Ausländische Agenten» hüben und drüben

«Die grösste Gefahr für die Werbeindustrie der letzten Jahre»

Man hat es kommen sehen und jetzt ist es so weit: Wenn im kommenden Jahr die im Oktober verabschiedete E-Privacy-Verordnung in der EU in Kraft tritt, sieht es düster aus für die Online-Werbung. «Die Verordnung hat alle Zutaten, die Betreiber von grossen wie kleinen werbefinanzierten journalistischen Plattformen in die grösste Ratlosigkeit und Verzweiflung zu treiben», schreibt Volker Schütz in «Horizont». Datenerhebung und -bearbeitung, wie sie heute mittels Tracking und Cookies für das Ausspielen von Online-Werbung von elementarer Bedeutung sind, würden massiv erschwert und quasi verunmöglicht. Gestärkt würden Dienste, die Personendaten ihrer Nutzer mittels Login erheben – allen voran Facebook.

Facebook-Faktenchecker fühlen sich als Feigenblatt

Journalisten, die für Facebook als Factchecker arbeiten, beklagen sich über die Sinn- und Wirkungslosigkeit ihres Tuns. Der «Guardian» hat mit mehreren von ihnen gesprochen. Ein Jahr nach der vollmundig verkündeten Offensive gegen Fake News sieht die Bilanz ernüchternd aus. Die Journalisten halten das Projekt für «weitgehend gescheitert» und sehen sich als PR-Instrument missbraucht für die Image-Politur des Unternehmens.

Pressefreiheit in Frankreich: Journalistin von «Le Temps» während Recherche verhört

Die Journalistin Caroline Christinaz der Westschweizer Zeitung «Le Temps» recherchierte in den südlichen französischen Alpen zu neuen Fluchtrouten als die Polizei sie zusammen mit zwei anderen Journalisten und vier Flüchtlingen festhielt. In der Folge wurde Christinaz während zwei Stunden verhört, zu ihren Recherchen, aber auch zu den persönlichen Verhältnissen befragt. Ausserdem wurde sie gezwungen, ihr Mobiltelefon zu entsperren. Als Grund für ihre Verhaftung nannte die Polizei den Verdacht auf Fluchthilfe. Der Chefredaktor von «Le Temps», sowie schweizerische und französische Berufsverbände, protestierten gegen das Vorgehen der Polizei.

Ausländische Medien als «Agenten»: Russische Retourkutsche

Die USA haben jüngst den russischen Auslandsender RT dazu verpflichtet, sich als «ausländischer Agent» registrieren zu lassen und seine Finanzen offenzulegen. Das Gesetz dazu stammt von 1938 und richtete sich ursprünglich gegen Nazi-Propaganda. Neben RT fällt heute auch «China Daily» in diese Kategorie. Nun greift Russland zum selben Mittel und plant ausländische Sender ähnlichen Regeln zu unterwerfen und als «Agenten» zu erfassen. Im Unterschied zu den USA, wo nur staatliche Stellen auf die List kommen, will Russland aber auch unabhängige ausländische Medien unter verschärfte Beobachtung stellen.

Digitaler Krisenfunk, Audiogipfel, Yellow bleibt Yellow, Amazon-Hobbits

Digitalradio als Krisen- und Katasrophenfunk

In der Schweiz wird die Ultrakurzwelle UKW in ein paar Jahren ausgedient haben. Abgelöst wird die analoge Radioübertragung durch Digitalradio mit dem Standard DAB+. Mehr als drei Millionen Geräte sind bereits in Betrieb und der UKW-Empfang macht nur noch den kleineren Teil der Radionutzung aus. Aber wozu eigentlich Digitalradio, wenn es doch das Internet gibt mit dem man auch ganz gut Radio hören kann? Im Interview mit Swissinfo nennt Xavier Studer, Spezialist für neue Technologien, einen Grund, der gerne vergessen geht in der Diskussion: «Das Gerät ist nicht sehr teuer; es kann Programme kostenlos empfangen, überall und unabhängig von einer Internetverbindung; es hat eine sehr lange Batterielaufzeit. All dies sind Faktoren, die das Radio zu einer idealen Informationsquelle bei Katastrophen und Krisen machen.»

Audio-Innovation: so machen es die Besten

«Journalistische Podcasts haben in den USA Hochkonjunktur», schreibt der Berner Radiojournalist This Wachter – und darum ist er jüngst nach Chicago gereist zur Third Coast Conference in Chicago. Dort treffen sich die Audio-Grössen des Landes und geben einen Einblick in ihr Schaffen. So auch Ira Glass, der 1995 die Sendung This American Life schuf und sich damit «als meisterlicher Erzähler schon zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt hat», wie Wachter begeistert festhält. In seinem Blogbeitrag zum Konferenzbesuch fasst Wachter sieben Erkenntnisse von Glass zusammen: Vom gelungene Einstieg in einen Stoff, den alle zu kennen glauben über seinen Lernprozess als Radiomacher, aber auch die bittere Einsicht, dass er kein Patentrezeot gegen die grassierenden Fake-News kenne.

Sinneswandel auf dem Boulevard?

In letzter Zeit sind die Yellow-Press-Titel in Deutschland verstärkt unter Druck geraten. Ihnen wird vorgeworfen, mit dem, was sie unter Journalismus verstehen, ihren Teil zum Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Medien beigetragen zu haben. Das ist auch der Kern der Kritik des Vereins Netzwerk Recherche an die Adresse der Verlage Hubert Burda Media, Bauer Media und die Funke Mediengruppe. Inzwischen haben Vertreterinnen und Vertreter dieser Medienunternehmen Stellung genommen und ihr Geschäft verteidigt, unter anderem mit dem Hinweis, dass sie primär Unterhaltung böten und nicht kritischen Journalismus. Promi-Anwälte, die regelmässig gegen die Boulevard-Publikationen prozessieren, sehen darin keinen Sinneswandel und setzen auf höhere Geldentschädigungen für Persönlichkeitsrechtsverletzungen als Mittel gegen übergriffigen «Journalismus».

«Herr der Ringe» als TV-Serie – dank Amazon

Gute Nachrichten für Fantasy-Fans: Der Tolkien-Romanzyklus «Herr der Ringe» kommt als TV-Serie auf den Bildschirm. Möglich macht dies der Internet-Konzern Amazon, der sich die Rechte für die Verfilmung gesichert hat. Amazon soll dafür 250 Millionen Dollar bezahlt haben. Die Serie soll zeitlich vor dem ersten Teil der Kinotrilogie spielen.