AUF DEM RADAR

Krisenanalyse, Gratisvorbild, Medienaktivismus, Ausnahmezustand

Hörtipp: Der Journalismus am Ende – oder doch nicht?

Kostendruck, Stellenabbau, die Rede von Fake News, von Lügenpresse, und ein weit verbreitetes Misstrauen – den freien Medien ging es auch schon besser. Der Tages-Anzeiger rationalisiert, die Zeitschrift l’Hebdo ist verschwunden, Christoph Blocher steigt zu einer neuen Macht im Gratisblätterwald auf. Und immer mehr Menschen orientieren sich an den sozialen Medien. Sind die klassischen Medien also am Ende, und auch der Journalismus? Darüber debattieren Daniel Vogler, Forschungsleiter am Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich, Susan Boos, Chefredakteurin der WochenZeitung und Matthias Zehnder, Buchautor, freischaffender Publizist und Medienexperte unter der Leitung von Christoph Keller.

«20 Minuten» als Massstab für die Bezahlzeitungen

Verglichen mit den letzten drei Jahren sei 2017 bisher das «schlimmste Jahr» für die Werbeumsätze der Zeitungen, kommentierte Tamedia-CEO Christoph Tonini die jüngst präsentierten Halbjahreszahlen. Gleichzeitig hat es das Pendlerblatt «20 Minuten» geschafft, durch Zuwächse bei der digitalen Werbung die Inserateverluste auszugleichen. Dieses Ziel wolle man auch mit den Bezahlmedien erreichen. Aus diesem Grund sei er überzeugt, so Tonini, dass das Umstrukturierungsprojekt 2020 für die bezahlten Tageszeitungen richtig ist.

Alte Debatte neu aufgelegt: Journalismus vs. Aktivismus

Wo endet der Journalismus und wo fängt der (politische) Aktivismus an? Oder geht gar beides zusammen? Ist Journalismus per se Aktivismus? Die Süddeutsche Zeitung nimmt die Rolle von Reportern an den G-20-Protesten und die Schliessung des linksradikalen Nachrichtenportals «linksunten/Indymedia» zum Anlass, diese oft diskutieren Fragen wieder aufzugreifen. Dabei erinnert Tim Neshitov in der Süddeutschen Zeitung u.a. an die Reporterlegende Egon Erwin Kisch, der von Journalisten «Haltung dem Elend der Welt gegenüber» forderte oder an die Debatte vor vier Jahren mit den promineten Exponenten Glenn Greenwald (Anwalt, Blogger, «Snowden»-Enthüller) und Bill Keller (Chefredaktor New York Times). Gerade des Beispiel von Glenn Greenwald zeige, dass Journalismus sehr viel Aktivismus verträgt, bilanziert der Autor: «Allerdings muss die journalistische Substanz dahinter stimmen. Haltung minus Substanz ist selten Journalismus.»

Die Redaktion, die Hurrikan «Harvey» trotzt

Ausnahmezustand auf der Redaktion des «Victoria Advocate» im von Hurrikan «Harvey» heimgesuchten Texas. In den letzten Tagen haben sich die Redaktionsräumlichkeiten in ein Schlaflager für einen Teil der Mitarbeitenden verwandelt, deren Häuser unter Wasser stehen. Ebenso dient der Redaktionssitz als Zuflucht für Haustiere. Nun arbeiten die Journalisten neben Katzen und Kaninchen. Wenn der Strom nicht gerade ausfällt, dann versucht die Lokalzeitung über die Entwicklung des Unwetters zu berichten. Reporter schwärmen aus und berichten via Facebook Live. Ausserdem hilft die Redaktion bei der Suche nach passierbaren Routen durch die unwetterversehrte Gegend und berät dazu Leute am Telefon.

Weitere Beiträge

Junge kaufen Abos, Druck auf ARD/ZDF, Medien schweigen, erfolgreicher New Yorker

Good News von der Paywall-Front: Junge zahlen wieder für Medien

Der vielzitierte Trump-Effekt bei der Abo- und Publikumsentwicklung der US-Medien zeigt sich nun auch und besonders bei der jungen Zielgruppe. Scharenweise strömten Junge herbei und kauften Abos, weiss Jason Schwartz für Politico zu berichten. Ob Magazine wie der New Yorker oder The Atlantic, oder Zeitungen wie Washington Post und New York Times, aber auch das Wall Street Journalis – sie alle beobachten die gleiche Entwicklung: ein massiver Anstieg der bezahlenden Leserschaft im jungen (18-34) und ganz jungen Segment (18-24), mit teils einer Verdoppelung der Abos in dieser Gruppe gegenüber dem Vorjahr. Neben dem Trump-Effekt sieht der Autor auch den Netflix-Effekt: Junge lernen zu zahlen für Inhalte.

Service public: Druck wächst auch in Deutschland

Während es in der Schweiz demnächst die Bürgerinnen und Bürger in der Hand haben, die Zukunft des öffentlichen Rundfunks massgeblich mitzubestimmen, indem sie über die Fortführung der Gebührenfinanzierung befinden können, erhöht derweil in Deutschland die Politik den Druck auf die öffentlich-rechtlichen Sender. Daniel Bouhs berichtet für «Zapp» über die Haltung der Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Bundesländer, die von ARD und ZDF mehr Zurückhaltung erwarten. Insbesondere Textformate sollen den privaten Verlagen vorbehalten bleiben. Die Öffentlich-rechtlichen dagegen müssten sich auf Audio- und Video konzentrieren, natürlich auch im Netz mit ihren Mediatheken. Hier sollen die Sender sogar mehr Spielraum erhalten als heute.

Frankreichs Medien haben ein Antisemitismus-Problem

Bis heute berichteten französische Medien auffällig zurückhaltend über eine offensichtlich antisemitisch motivierte Straftat, schreibt Jürg Altwegg in der FAZ, die im letzten April in Paris geschah: Ein jugendlicher hatte damals unter «Allahu Akbar»-Rufen eine alleinstehende, ältere Jüdin in ihrer Wohnung gequält und dann getötet. Die feministische Philosophin Elisabeth Badinter prangert das Schweigen öffentlich an. Sie weiss, wieso Journalisten den Mord nicht prominenter thematisierten: Der Mord ereignete sich zwei Wochen vor den Präsidentschaftswahlen. Eine solche Gräueltat wäre Wasser auf die Mühlen der islamfeindlichen Kandidatin Marine Le Pen gewesen. Badinter hat das aus Gesprächen mit Medienschaffenden erfahren, die auch auf eine ähnlich gelagerte Konstellation vor 15 Jahren hinwiesen: Damals verhalf die Berichterstattung über ein brutales Verbrechen an einem Rentner am Tag vor der Wahl dem damaligen Kandidaten Le Pen zum Einzug in die Stichwahl.

Die New-Yorker-Erfolgsgeschichte

«Ein Autor oder eine Autorin taucht tief in ein Thema ein, geht an Orte, die bisher von anderen übersehen wurden, nimmt sich die Zeit, die nötig ist, um eine möglichst perfekte Geschichte zu recherchieren (…).» Mit dieser Formel hält David Remnick das Magazin «New Yorker» seit 19 Jahren als Chefredaktor auf Kurs. Im Gegensatz zu anderen Wochenmagazinen hält sich der bei Condé Nast erscheinende Titel sehr stabil. Trotz drastischer Erhöhung des Abopreises von 36 auf 120 Dollar konnte der «New Yorker» unter Remnick die Auflage um 400’000 Exemplare erhöhen. Für das «Zeit Magazin» hat sich Christoph Amend mit David Remnick unterhalten und zeichnet die Erfolgsgeschichte einer aussergewöhnlichen Publikation nach.

Aktenzeichen XY, «Zeit Magazin»-Prognosencheck, Terror-Bilder, Apple vs. Facebook-Paywall

50 Jahre «Aktenzeichen XY»: Interview mit Moderator Rudi Cerne

Seit 1967 betreibt das ZDF mehr oder weniger erfolgreiche Öffentlichkeitsfahndung mit «Aktenzeichen XY» (Aufklärungsquote 40%). Seit 2002 moderiert Rudi Cerne die Sendung. Im Gespräch mit Teleschau erzählt der einstige Profi-Eiskunstläufer, dass er Öffentlichkeitsfahndung für nichts Schlechtes halte, zumal es keine Alternative gebe. Heute werde das aber nicht mehr so in Frage gestellt wie in den Gründungsjahren Ende der 1960er-Jahre. Den aktuellen Erfolg seiner Sendung sieht er in der Realität der Fälle, aber auch in der emotionalen Erzählweise: «Alles ist echt, dicht und spannend.» Während man in Deutschland feiert, wurde eben bekannt, das die BBC in England die nach dem Vorbild von «Aktenzeichen XY» geschaffene Sendung «Crime Watch UK» aus dem Programm streicht.

«Zeit Magazin» blickt auf die eigenen Fehlprognosen zurück

Seit zehn Jahren gibt es das «Zeit Magazin» als Beilage zur gleichnamigen Wochenzeitung. Und wie das mit dem Journalismus so ist, zumal dann, wenn er in die Zukunft blicken will, liegt er manchmal daneben. Meist bleibt die Fehlleistung einfach stehen. Das «Zeit Magazin» macht dies anders und greift seine gewagtesten (und falschesten) Prognosen anlässlich des Geburtstags noch einmal auf. Daneben lag die Redaktion bei Popstars, die nicht so berühmt wurden, wie vorausgesagt. Frappierende Fehleinschätzungen lieferte die Redaktion zu gleich zwei deutschen Parteien: Die Piraten würden gross und die AfD bald wieder verschwinden, orakelte die Redaktion vor sechs, respektive vier Jahren. Fälscher kann man nicht liegen.

Von RAF bis IS: die Macht der bewegten Bilder

Die Bilder gelten als «Quantensprung in der Geschichte der terroristischen Kommunikation». So bewerten Experten im Rückblick die Videoaufnahmen der später ermordeten RAF-Geisel Hanns Martin Schleyer. Die «Tagesschau» zeigte die Bilder nach einer kurzen Nachrichtensperre im Oktober 1977. Heute ist es gang und gäbe, dass Organisationen wie Al-Kaida oder der IS mit Videos operieren und dankt dem Internet die Bilder gleich selbst verbreiten können. Doch weiterhin sorgen erst die Massenmedien für die erwünschte Breitenwirkung, wenn sie die Terror-Kommunikation aufgreifen. «Es bleibt ein Dilemma von Medienöffentlichkeit und Aufmerksamkeitsökonomie, dass Terror, Angst und Schrecken eben für Schlagzeilen sorgen», bilanziert Gemma Pörzgen in der NZZ.

Apple will Verlage zur Kasse bitten und blockiert so die Facebook-Paywall

Wie angekündigt, hat Facebook damit begonnen, ausgewählten Medien die Möglichkeit zu bieten, ihre Artikel auch gegen Bezahlung anzubieten auf dem Smartphone. An der Entwicklung dieser Funktion beteiligt waren vor allem US-Medien. Aus dem deutschsprachigen Raum ist einzig «Der Spiegel» dabei. Nun gibt es allerdings ein Problem: Apple will die Funktion auf seinem Iphone nicht unterstützen, es sei denn, die Verlage überweisen 30% von jedem Abo-Abschluss, der innerhalb der Facebook-App ausgelöst wird, wie dies auch für andere kostenpflichtigen Angebote gilt. In Gesprächen konnten sich Apple und Facebook bisher nicht einigen. Damit läuft die neue Funktion vorerst nur auf Android-Mobilgeräten.

Die Medien sind schuld, Zeitung als Stadtgespräch, Privilegien verteidigen, der Weinstein-Protektor

Die Epoche des Mediennihilismus

Sascha Lobo sucht in seiner Kolumne nach Erklärungen für den grassierenden Mediennihilismus, der sich im Konsens von links bis rechts manifestiere: «Die Medien sind schuld». Was lässt sich dagegen tun? Lobo empfiehlt radikale Transparenz, denn: «Journalismus ist heute auch ein ständiger Kampf gegen die eigene Entlarvbarkeit, der nicht per Verschweigen oder gar Vertuschen geführt werden darf.»

Zeitungsleser einbinden: das «Stadtgespräch» als Community

Mitten im grossen Umbauprozess der Tamedia-Tageszeitungen unternimmt das Berner Blatt «Der Bund» einen Schritt in die digitale Zukunft. Mit dem «Stadtgespräch», einer Plattform für Leser-Beiträge, wolle man mit dem Publikum stärker in den Dialog treten. Denn nur «schlechte Journalisten glauben, immer schon alles zu wissen». Ähnlich wie das bereits die NZZ macht, will auch die «Der Bund»-Redaktion mit gezielten Fragen die Debatte anstossen. Zum Start des Projekts erklärt der Medienwissenschaftler Colin Porzlezza unter welchen Voraussetzungen ein solches Vorhaben gelingen kann. Zentraler Punkt: finanzielle und personelle Ressourcen. Davon wird bei Tamedia gerade im grossen Stil abgebaut.

«… es ist nicht vermessen daran zu erinnern, dass der Journalismus ständig zu verteidigen ist.»

Florian Klenk, einer der aktivsten investigativen Journalisten Österreichs, stimmt Journalismus-Studierende auf das kommende Berufsleben ein. In seiner Rede zum Studienabschluss erinnerte der «Falter»-Chefredaktor an die grossen Privilegien, die professionelle Journalistinnen und Journalisten genössen, etwa das Redaktionsgeheimnis und die damit verbundene Abwehrmöglichkeit gegen den Staat. Mit «Händen und Klauen» gelte es diese Privilegien zu verteidigen, die den Kern des Journalismus ausmachten und auch in Europa immer wieder unter Druck gerieten.

Branchenblatt «Variety» schonte Harvey Weinstein, wo es ging

«Variety», das einflussreiche Branchenblatt für die Filmindustrie in Hollywood, verlor in der Vergangenheit kein kritisches Wort über den Filmproduzenten Harvey Weinstein, der nun wegen mehrfacher sexueller Belästigung und Vergewaltigung beschuldigt wird. Der frühere «Variety»-Chefredaktor Peter Bart gilt als der einflussreichste Beschützer Weinsteins und als zentrale Figur, die half, das offene Geheimnis der sexuellen Übergriffigkeit geheim zu halten.

Sie wollte Malta ausmisten, erfolgreichster Print-Podcast, WOZ gewinnt, Hoffen auf «Republik»-Erfolg

Wer war Daphne Caruana Galizia?

Ihr Blog las die ganze Insel. «An seinen besten Tagen hatte es 400’000 Leser, was bei einer Bevölkerung von 420’000 höchst beeindruckend ist», schreibt NZZ-Korrespondentin Andrea Spalinger in einem Porträt der ermordeten Journalistin Daphne Caruana Galizia. Mit ihrer hartnäckigen Arbeit schuf sie sich in Malta nicht nur Freunde – kein Wunder auch. «Die verheiratete Mutter von drei Kindern brachte eigenhändig einen maltesischen EU-Kommissar und mehrere Minister zu Fall», schreibt Spalinger weiter. Eine Regierungskrise löste sie aus mit ihren Erkenntnissen aus den sogenannten Panama Papers, wo sie feststellte, dass die Frau des Regierungschefs dubiose Gelder aus Aserbaidschan erhalten hatte.

Mit diesem Podcast geht die Post ab

Es ist ein Erfolg der Sonderklasse, den die New York Times gerade mit ihrem Podcast «The Daily» einfährt. Seit neun Monaten im Angebot, wurde das Audioformat bis heute 100 Million Mal heruntergeladen. Im Podcast diskutieren werktäglich Journalistinnen und Redaktoren mit Michael Barbaro das Thema des Tages. Die Menschen hinter den Buchstaben kriegen eine Stimme und sind für das Publikum greifbarer als gedruckt auf Papier oder als Pixel am Bildschirm. Der Medienökonom Ken Doctor sieht in dem Erfolg das Potenzial für einen eigenen Geschäftszweig. Schon heute kann die New York Times für Werbung im Podcast die gleichen Tarife verlangen wie für Videoreklame.

Alle verlieren Leser – nur die «WOZ» nicht

Für das Branchenmagazin persoenlich.com hat der Media-Spezialist Urs Schneider die Entwicklung der Leserzahlen ausgewählter Schweizer Zeitungen über die letzten fünf Jahre angeschaut. Die wenig überraschende Erkenntnis: Alle Blätter verlieren Publikum. Am meisten der Tages-Anzeiger, der seit 2013 rund 100’000 Leserinnen und Leser verloren hat. Einziges Blatt, das sich halten und sogar leicht zulegen konnte im Fünfjahresvergleich, ist die «Wochenzeitung» WOZ – wenn natürlich auf viel tieferem Niveau als die grossen Tageszeitungen.

Experten hoffen auf Erfolg der «Republik»

Was darf man vom Online-Magazin «Republik» erwarten, das Anfang 2018 erstmals erscheinen wird?
Die Medienforschungs- und Beratungsfirma Publicom hat dazu (namentlich nicht bekannte) Expertinnen und Experten aus der Medienbranche befragt und grundsätzlich positive Signale vernommen. So stehen die Fachleute «dem Projekt wohlwollend gegenüber und wären wohl, wie das Gros der Schweizer Medienschaffenden, froh, wenn endlich mal eine Erfolgsstory aus dem Mediensystem zu vermelden wäre.» Was die Überlebenschancen des Projekts angehen, sind die Befragten aber skeptischer: «Nur gerade jeder sechste Experte des Panels glaubt daran, dass Republik mehr als fünf Jahre lang erfolgreich sein wird – jeder vierte rechnet mit nicht mehr als den durch das Startkapital garantierten zwei Jahren.»