AUF DEM RADAR

Täglich lesen, was die Medien bewegt.
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Von Montag bis Freitag vier aktuelle Lektüretipps aus schweizerischen und internationalen Publikationen zum Medienwandel. Ausgewählt und kommentiert von Nick Lüthiredaktion@medienwoche.ch Jetzt auch als Newsletter abonnieren.

Fördermöglichkeiten für Zeitungen im neuen Mediengesetz vorgesehen

Die Medienpolitik kommt nicht zur Ruhe. Nach «No Billag» wird das geplante Mediengesetz für die nächste Grundsatzdebatte sorgen. Damit soll das geltende Radio- und Fernsehgesetz abgelöst werden. Gemäss dem wenigen, was bereits bekannt ist, soll es künftig auch möglich sein, Online-Medien und Zeitungen mit Geldern aus der Medienabgabe zu unterstützen. Die Gegner einer solchen Ausweitung des Service public sehen dafür gar keine Verfassungsgrundlage und lehnen das Mediengesetz ab. Es sind dies die gleichen Kreise, welche die Gebühren ganz abschaffen wollen.

Direkt, konfrontativ, spontan: Radionachrichten in der Romandie klingen anders

Wer es nicht selbst schon gehört hat, kann hier nachlesen, wie gross der Unterschied zwischen den Informationshintergrund-Sendungen der Radios in Deutsch- und Westschweiz sind: Hier das behäbige «Echo der Zeit» von Radio SRF, das sich dank eines grossen Korrespondentennetzes vor allem der Weltpolitik widmet, dort das «Forum» von Radio RTS, das dank Doppelmoderation dynamischer wirkt und sich stärker der Innen- und Lokalpolitik zuwendet. Antonio Fumagalli hat genauer hingehört und in der Aargauer Zeitung auch eine Erklärung parat, warum die Romands am Radio lockerer wirken: Sie reden in ihrer Muttersprache, während in der Deutschschweiz nicht in Dialekt, sondern Standardsprache gesendet wird.

Er brachte das System des Staatsdopings in Russland ans Licht

Der Journalist Hajo Seppelt hat mit seinen Recherchen zum systematische Einsatz von Doping im russischen Spitzensport vieles in Bewegung gebracht und nicht zuletzt dafür gesorgt, dass das Thema einen angemessenen Raum in den Medien erhält. Das war nicht immer so. Nachdem Seppelt den unkritischen Sportjournalismus der ARD kritisiert hatte, wurde er 2005 entlassen. Zwei Jahre später, nach einem Chef- und Klimawechsel, wird er zurückgeholt. 2007 wird die ARD-Dopingredaktion begründet. Den grössten Coup landete Seppelt 2014 mit der TV-Dokumentation «Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht», wo er die Informationen des Ehepaars Julia und Witali Stepano auswertete; sie frühere Spitzenläuferin, er ehemaliger Dopingkontrolleur in Russland und beide nun Whistleblower. Warum Seppelt das macht? Sein Credo lautet: «Ich will, dass Zuschauer ernst genommen und nicht für dumm verkauft werden. Ich will, dass aus den Rundfunkgebühren nicht ungewollt Sportbetrug mitfinanziert wird. Ich will, dass Journalisten nicht auf dem Schoss von Trainern und Sportlern sitzen. Ich will, dass der Betrug im Sport beim Namen genannt wird.» Ariel Hauptmeier, Textchef des Online-Magazins «Republik», kennt Seppelt persönlich und hat den Investigativjournalisten nun im Rahmen Serie «Geheimsache Doping» porträtiert.

Burma: Wenn der Algorithmus die Medienfreiheit unterläuft

Nach Jahrzehnten der Zensur unter dem Militärregime kennt Burma nun freie Medien. Dazu gehört auch, dass sich die Leute informieren können, wie und wo sie wollen. Am liebsten tun sie das auf Facebook. 30 der gut 50 Millionen Einwohner des Landes nutzen das soziale Netzwerk. Und dort kriegen sie wenig mit von dem, was international für Schlagzeilen sorgt: die Vertreibung der muslimischen Minderheit der Rohingya durch die buddhistische Mehrheitsbevölkerung im Norden des Landes. «Was Burmesen in Rangun auf Facebook sehen, ist eine Parallelwelt. In ihrem Newsfeed finden keine Säuberungen statt. Stattdessen beschützt die angeblich heldenhafte Armee das Land vor islamistische Terroristen», beschreibt Lukas Messmer die Wirkung von Facebook in Burma im SRF-Magazin «10 vor 10».

Weitere Beiträge dieser Woche

20 Jahre «Surprise»: Vom Selbsthilfeprojekt zum professionellen Magazin

Sie sind aus dem Strassenbild der grossen Schweizer Städte nicht mehr wegzudenken: Seit zwanzig Jahren verkaufen sozial benachteiligte Menschen das Magazin «Surprise». War das Vorläufermagazin «Stempelkissen» noch ein Selbsthilfeprojekt, wird «Surprise» von einem Verein getragen und einer Redaktion professionell produziert. Gekauft werden kann es nur bei einer der rund 400 Personen, die das Heft auf der Strasse anbieten.

Schwache Erinnerung an die Medienmarken auf Social Media

Wer Nachrichten nicht direkt auf der Website eines Anbieters nutzt, erinnert sich schlechter an die Medienmarke. «Von den Nutzern, die über eine Suchmaschine Nachrichten konsumierten, wussten jedoch nur noch 37 Prozent, von welchem Medium der Beitrag stammte. Von den Nutzern, die auf Nachrichten zugriffen, die im Newsfeed von Facebook oder Twitter erschienen, konnten sich 47 Prozent an die Nachrichtenquelle erinnern.» Die Zahlen stammen aus einer Ende September veröffentlichten Studie der Universität Oxford. Mit Blick auf eine zahlende Kundschaft stellt dieser Befund ein Problem dar: «Je weniger Nutzer einer Nachrichtenmarke sich daran erinnern können, dass sie eine ihrer Nachrichten gelesen haben, desto schwieriger könnte es werden, zahlende Kunden zu finden», schreibt Antonis Kalogeropoulos, einer der Studienautoren, auf der Plattform des European Journalism Observatory.

Das ist abgefahrenes Fernsehen

Slow TV, also Entschleunigung vor der Glotze, ist kein neues Konzept. In der Nachtschleife loderte schon vor Jahren ein Kaminfeuer oder man schwebte durch das Weltall. Vor ein paar Jahren fand das Langsamfernsehen auch ins Tagesprogramm. Am Samstag zeigt der Rundfunk Berlin Brandenburg rbb die Fahrt mit dem ICE von München nach Berlin, ungeschnitten und in Echtzeit. Dauer: vier Stunden, von 5.55 Uhr bis 9.55. Gefilmt wurde mit zwei Smartphones, eines im vorderen und eines im hinteren Führerstand des Zugs. Die unterschiedlichen Perspektiven werden auf den beiden Kanälen rbb Berlin und rbb Brandenburg gleichzeitig gezeigt.

Netflix macht einem Plot twist

137 Millionen Menschen nutzen weltweit das Filmangebot von Netflix. Allein im letzten Quartal sind sieben weitere Millionen dazugekommen. Die Börse zeigt sich von dieser Entwicklung überrascht. Es ist noch nicht lange her, da galt Netflix wegen stagnierender Nutzerzahlen als Sorgenkind. «Man könnte sagen, Netflix ist an der Börse das gelungen, was auch seine Serien bei vielen Nutzern so erfolgreich macht: ein echter plot twist, eine radikale Kehrtwende in der Erzählung», kommentiert Victor Gojdka in der Süddeutschen Zeitung.

Junge Frauen besprechen Bücher im Netz

Wie die Zeitung steht auch das Buch für die sich zu Ende neigende Epoche gedruckter Medien. Doch im Netz erleben Bücher eine Renaissance. Die sogenannten Booktuber, meist jüngere Frauen, die ihre Lektüre auf Youtube vorstellen, erfreuen sich grossen Zulaufs, wie Matthias Zehnder beobachtet. Sechs davon stellt Zehnder in seinem Blog kurz vor, darunter mit dem Prädikat «empfehlenswert» die 27-jährige Freiburgerin Margaud Quartenoud: «Sie erzählt in ihren Videos von ihren Leseerfahrungen, dies aber zuweilen auf sehr journalistische Art und Weise. Eines ihrer letzten Videos handelt vom möglichen Eintritt von Amazon in die Schweiz und den Folgen für den Buchmarkt. Sie spricht ein gut verständliches Französisch.»

Ein Print-Magazin in Staffel-Form

Wie TV-Serien die Zuseher fesseln, so sollte es auch möglich sein, mit einem gedruckten Heft die Leser über mehrere Ausgaben bei der Stange zu halten. Das zumindest hofft Daniel Höly mit seinem Magazin «Shift», das seit 2013 in unregelmässigen Abständen erscheint. Neu will er das Heft in Staffel-Form herausgeben. Höly erklärt das so: «Ich will weg davon, Magazine wie singuläre Hollywood-Blockbuster zu konzipieren und stattdessen lieber die Netflix-Schiene in den Printjournalismus holen.» Über zwei Jahre sollen vier Ausgaben erscheinen, finanziert mittels Crowdfunding. Das Binge-Reading, also alles an einem Stück zu lesen, analog zum Binge-Watching der TV-Serien, deren Folgen oft alle gleichzeitig erscheinen, wird mit einem zeitlich gestaffelten Erscheinen der vier Magazinausgaben allerdings nicht möglich sein.

Die Jungen mit Storytelling und Social Media zurückgewinnen

Eine Runde mit Praktikerinnen und Forscherinnen begab sich im «Medienclub» des Schweizer Fernsehens auf die Suche nach Mitteln und Möglichkeiten, ein jüngeres Publikum für redaktionelle Medien zu begeistern; keine einfache, aber auch keine unmögliche Aufgabe. Der Schlüssel zum Erfolg, so war man sich einig, liegt in Storytelling und Social Media: das Publikum dort abholen, wo es sich aufhält, mit Formaten, die das Nutzungsverhalten auf den neuen Plattformen berücksichtigen, mit dem Ziel, die Jungen an die traditionellen Medienmarken heranzuführen.

Die Digitalisierung hat die Musikbranche zerstört – und baut sie wieder auf.

Ab 1999 zeigte die Entwicklung nur noch in eine Richtung: Mit der Musikbranche ging es von da an nur noch abwärts. Sharing-Dienste im Internet wie Napster, machten der zuvor dank CD-Verkäufen florierenden Industrie das Leben schwer. Es sollte aber nicht lange dauern, bis sich die ersten Anzeichen einer Trendwende zeigten. Als erstes sorgte Apple mit dem iTunes-Store dafür, dass für Musik im Netz wieder bezahlt wurde. Die positive Entwicklung setzte sich später dank Streamingdiensten wie Spotify fort. Heute geht es mit der Branche wieder aufwärts, wenn auch auf viel tieferem Niveau als zu Zeiten der CD-Blüte. «Die Digitalisierung hat die Musikindustrie zerstört – und hilft jetzt mit, sie wieder aufzubauen», bilanziert Marcel Speiser in der Handelszeitung.

Das Jahr, als die Musikmagazine starben

Am kommenden 27. Dezember erscheint Spex zum letzten Mal. Damit verschwindet nicht nur ein Musikmagazin, sondern eine Institution der Popkultur; nach 38 Jahren und 384 Ausgaben ist Schluss. Obwohl Spex schon immer mehr war als nur eine Navigationshilfe durch die Flut an Veröffentlichungen, sondern sich als Magazin verstand, «das seine Geschichten dort sucht, wo Pop und Gesellschaft am heftigsten aufeinanderprallen», vermochte das den Niedergang nicht aufzuhalten. Spex ist damit nicht allein. In diesem Jahr stellten mit dem New Musical Express NME und den deutschen Publikationen «Intro» und «Groove» bereits drei andere Musikmagazine das gedruckte Heft, respektive den Betrieb komplett («Intro»), ein.

Ein Jahr nach der Ermordung von Daphne Caruana Galizia

Am 16. Oktober 2017 wurde in Malta die Bloggerin und Journalistin Daphne Caruana Galizia in ihrem Auto mit einer Bombe getötet. Obwohl bereits kurz nach dem Anschlag drei Kriminelle verhaftet werden konnten, welche den Sprengsatz am Auto angebracht und ihn gezündet hatten, bleiben die Hintergründe der Tat bis heute im Dunkeln. Spuren führen in die Politik, doch diese behindert die Ermittlungen bis heute. Derweil zeigen Erkenntnisse des «Daphne Project», mit dem zahlreiche internationale Medien im Sinne der getöteten Kollegin weiterrecherchieren, dass Wirtschaftsminister Chris Cardona Kontakt zu einem der drei Mörder hatte. Wie Andrea Spalinger in der NZZ schreibt, hätte der Minister auch ein Motiv gehabt, die ihm lästige Journalistin loszuwerden, «war Cardona doch eine beliebte Zielscheibe der frechen Bloggerin. Unter anderem hatte Daphne aufgedeckt, dass er während einer Amtsreise nach Deutschland ein Bordell besucht hatte. Der Minister leitete deswegen eine Verleumdungsklage gegen sie ein und liess ihre Bankkonten sperren.»

Was macht eigentlich Harald Schmidt?

Zwanzig Jahre lang war er eine der prägendsten Figuren des deutschen Fernsehens. Von 1995 bis 2014 verkörperte Harald Schmidt das Format des Late-Night-Talks schlechthin. Heute ist Schmidt «Rentner und Spaziergänger», wie er jüngst in einem Zeitungsinterview sagte und nun auch auf SWR 1 bestätigte. Schmidt war letzte Woche zu Gast beim Südwestrundfunk zu einem launigen Gespräch über sein Leben nach der TV-Karriere.

Meienberg vs. Schawinski

Das Magazin «Persönlich» publiziert in seiner aktuellen Ausgabe einen bisher unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Niklaus Meienberg und Roger Schawinski aus dem Jahr 1991. Gegenstand ist der Zweite Golfkrieg, als eine von den USA angeführte Koalition den Irak angegriffen hatte. Meienberg kritisierte polemisierend die in seinen Ohren US-freundliche Berichterstattung von Schawinskis Radio 24. Der Sender sei «eine Agentur für zionistisch-militaristische Propaganda» und sein Chef ein «ausgemachter Medienspekulant», der «schon längst kein journalistisches Ehrgefühl mehr» habe. Schawinski zeigte sich ob des Tons und der Anwürfe schockiert: «Noch nie habe ich ein so hasserfülltes Schreiben erhalten, gespickt mit Unterstellungen und Verwünschungen. Deine faschistoide Sprache und Denkweise erschweren es mir, mich in Ruhe mit deinen Äusserungen auseinanderzusetzen…»

Wie das Schweizer Fernsehen die Jungen für sein Angebot gewinnen will

Mit der neuen SRG-Konzession, die per Anfang 2019 in Kraft tritt, wird das Schweizer Fernsehen SRF verpflichtet, «Angebote für junge Menschen» bereitzustellen. Aus gutem Grund: Das Publikum des öffentlichen Senders ist stark überaltert. Andreas Tobler hat für die «Sonntagszeitung» nachgeschaut und nachgefragt, was SRF genau vorhat mit der jungen Zielgruppe. Im Zentrum der Strategie stehen Formate, die ausschliesslich online veröffentlicht werden. Was die Umsetzung angeht, bleibt Toblers Bilanz durchzogen. Neben Formaten «vollends ohne Anspruch», wie etwa die Youtube-Morgenshow «Zwei am Morge», findet er auch Anspruchsvolleres, wie das Informationsformat «Bytes / Pieces». Ob die Produktionen beim Zielpublikum ankommen, ist indes nicht ganz klar. Demographische Zahlen will oder kann SRF nicht liefern.

Kauft sich Google gute Presse?

Man nimmt, was man kriegt. In diese Zeiten sind Medienunternehmen um jeden Rappen froh. Und komme er vom grössten Konkurrenten. So haben Schweizer Verlage bisher mehr als drei Millionen Franken von Google erhalten. Damit realisieren sie Projekte, die sie aus der eigenen Kassen nicht (mehr) zu finanzieren imstande wären. Doch was heisst es, wenn ausgerechnet jener Konzern, der den Medien das Leben schwer macht, als Mäzen auftritt? Adrienne Fichter hat sich für die «Republik» das komplizierte Verhältnis zwischen Google und den Medien genauer angeschaut und gefragt, was das für den (kritischen) Journalismus bedeutet.

Erinnerungen an den «Musenalp-Express»

Vor zehn Jahren starb mit Othmar Beerli der Gründer und Macher des «Musenalp-Express». Aus diesem Anlass blickt ein ehemaliger Geschäftspartner auf das legendäre Jugendmagazin zurück, das ohne Redaktion auskam und ausschliesslich eingesandte Beiträge von Jugendlichen veröffentlichte. Burkhard Riedel war beim deutschen Ableger verantwortlich für PR, Kooperationen und Auswahl der Leserbeiträge. In Deutschland, wohin das Heft vor dreissig Jahren expandierte, sind denn auch die Gründe zu suchen, warum das erfolgreiche und bei der jungen Zielgruppe beliebte Magazin nach vierzehnjährigem Erscheinen 1990 den Betrieb einstellen musste. Anders als in der Schweiz, funktionierte der Versandhandel, mit dem der «Musenalp-Express» das Geld verdiente, in Deutschland nicht. «Die roten Zahlen rissen auch das Schweizer Kerngeschäft mit in den Abgrund», erinnert Riedel in der «Süddeutschen Zeitung».

Lest mehr Sachbücher und konsumiert weniger News!

Der Wissenschaftskabarettist Vince Ebert wirft die – nicht ganz neue – Frage auf, ob wir dank der schieren Fülle an Nachrichtenquellen, die uns heute zur Verfügung stehen, denn auch besser informiert sind; er findet eher nicht. Vielmehr neigten wir dazu, «unsere Zeit mit Scheindebatten und Pseudoproblemen zu verschwenden.» Denn: «In Wirklichkeit regen wir uns nicht deswegen auf, weil irgendetwas gefährlich ist, sondern wir denken, irgendetwas ist gefährlich, weil wir uns aufregen. Am Ende glauben wird nicht das, was wissenschaftlich erwiesen ist, sondern das, was wir überall massenhaft gehört, gelesen oder gesehen haben.» Ebert empfiehlt darum: «Wenn Sie weniger News und dafür mehr Sachbücher und Fachartikel lesen, werden Sie merken, dass die Probleme, die bei uns so hysterisch diskutiert werden, oft gar nicht so dramatisch sind wie gedacht.»