AUF DEM RADAR

Politisch publizieren, mächtigstes Medienunternehmen, lest die Leserkommentare, automatisch aus der App

«In dieser Welt darf man nicht unpolitisch publizieren.»

Was fehlt: ein unabhängiges Nachrichtenmagazin für die junge Zielgruppe, findet Oliver Gehrs, der selbst das vierteljährlich erscheinende Kultur- und Gesellschaftsmagazin «Dummy» mitherausgibt. «Wir haben jetzt wirklich genug Magazine über Whisky-Destillerien und Fahrräder mit nur einem Gang. Jetzt müssen wir mal wieder schauen, wie wir als Blattmacher in dieser Welt Stellung beziehen können (…)». Die grossen Verlage täten das zu wenig und Magazin-Flaggschiffe wie «Spiegel» oder «Stern» erreichten die Jugend nicht mehr, weil sie für das Vergangene stehen.

Youtube: ein Medienunternehmen, mächtiger als alle zuvor

Vom ersten Video aus dem Zoo in San Diego bis zur Plattform mit 1.5 Milliarden Zuschauern dauerte es zwölf Jahre. Nils Boeing erzählt im «NZZ Folio» die unglaubliche Geschichte von Youtube, der Videoplattform, die heute zum Google-Imperium gehört. Der Erfolg gründe auf einer «Mischung aus Zufällen, Wendigkeit, sehr viel Kapital und einigen schlauen Ideen», schreibt der Autor.

Das enorme Potenzial der Leserkommentare

Die Klage ist nicht neu, der Missstand (alt)bekannt: Leserkommentare triefen vor Hass und Missgunst und bieten keinerlei publizistischen Mehrwert. Und weil das so ist, vernachlässigen manche Medien den Kommentarbereich, überlassen die schreibwütigen Leser sich selbst Das ist aber falsch, schreibt Andrew Losowsky in Wired. Denn kommentierende Leser sind mitunter die treusten Nutzer und verbringen am meisten Zeit auf der Seite. Auch sonst steckt enormes Potenzial in den Kommentaren. Ob für das Talentscouting auf der Suche nach neuen Autoren oder um Inputs für Recherchen zu erhalten. Auch das ist (alt)bekannt und manche Medien pflegen ihre Community auch. Aber eben längst nicht alle.

Eine App hilft kleinen Fussballclubs, professionelle Spielberichte zu erstellen

Ist dies der Anfang vom Ende der von Journalisten verfassten Matchberichte? Ein Unternehmen aus München hat eine App entwickelt, mit der sich die Fussballberichterstattung automatisieren lässt. Dazu arbeitet der «ReportExpress» mit wiederkehrenden Textelementen und verspricht, «selbst hochkomplexe Spielverläufe und aussergewöhnliche Situationen realitätsgetreu» abbilden zu können. Zielpublikum sind indes nicht die grossen Redaktionen, sondern die Öffentlichkeitsarbeit der Clubs in den unteren Ligen. Sie sollen so mit wenig Aufwand professionelle Spielberichte produzieren können.

Weitere Beiträge

Wo das Geschäft mit Digitalabos floriert, Google bringt den Medien massig Traffic, die Quelle in der Krise, Korrespondenz mit Köppel

Schwedische Zeitungen verkaufen Rekordzahl an Digitalabos

Nutzer wollen nicht für digitalen Journalismus zahlen? In Schweden schon. Und das gleich massenweise. Das Boulevardblatt Aftonbladet zählt inzwischen 250’000 Digitalabos – und das in einem Land mit 10 Millionen Einwohnern. Für einen Abopreis zwischen umgerechnet sieben und 20 Franken erhalten die Kunden Zugriff auf sämtliche Artikel. Für die höheren Tarife gibt es Zusatzangebote wie Podcasts oder Spielfilme auf einer Streamingplattform. Dass der Erfolg von Aftonbladet keine Ausnahme ist, zeigen auch die Zahlen der Qualiätszeitung Dagens Nyheter, die in nur zwei Jahren 100’000 Digitalabos verkaufen konnte.

Wenn die Quellen zu versiegen drohen

«Was machen wir in Zukunft mit Zitaten, Zitierungen und Verlinkungen, wenn Info-Bits jederzeit gegen andere Info-Bits ausgetauscht werden können?», fragt Florian Felix Weyh in einem wissenschaftsphilosophischen Essay. Bietet Blockchain eine Lösung? Oder taugt am Ende doch nur das gute alte Papier als verlässlicher Quellenbeleg?

Instinktmensch Köppel

Eine aufschlussreiche Korrespondenz zwischen Roger Köppel und Nikolaus Wyss, Sohn von Schriftstellerin und «Magazin»-Gründerin Laure Wyss. Der Weltwoche-Chef und SVP-Nationalrat wollte von Wyss eigentlich nur wissen, ob er der Sohn von Laure Wyss sei. Daraufhin entspinnt sich ein Dialog, der viel über Köppels politisches und publizistisches Selbstverständnis aussagt. So gesteht der streitbare Journalist, dass er sich als instinktiven Menschen verstehe und weniger strategisch und politisch. Wyss, der bis 1991 selber als Journalist gearbeitet hatte, tut sein Unbehagen kund über die Wirkung der Weltwoche und Köppels Politik. «Ich halte die Schweiz für eine feinziselierte soziale Skulptur, die durch grobes Handeln und durch mangelnde Solidarität durchaus ihrer grossen Vorteile verlustig gehen kann.» Wyss kann Köppels Antwort leider nicht im Wortlaut dokumentieren, da dieser seine Aussagen nicht im Wortlaut zur Veröffentlichung auf Wyss’ Blog freigab. Nur so viel: Auch Köppel sieht die feinziselierte Schweiz in Gefahr, weshalb er eben in die Politik gestiegen sei. Sicher hätte er sich zuweilen unnötig drastisch ausgedrückt. Keiner sei schliesslich perfekt.

Getrübte Freude über Freilassung, teures Zeitungspapier, rechte Info-Krieger, begehrter Snack Content

Deniz Yücel: Einer ist frei, mehr als 150 bleiben im Gefängnis

Auf die Meldung von der Freilassung von Deniz Yücel, dem ein Jahr lang in der Türkei inhaftierten Korrespondenten der «Welt», folgte ein bitterer Nachgeschmack. Gleichentags wurden sechs andere Journalisten zu lebenslanger Haft verurteilt. Damit befinden sich in der Türkei weiterhin mehr als 150 Medienschaffende im Gefängnis. Viele, wie Yücel, ohne Anklage, inhaftiert ausschliesslich aufgrund ihrer Berufstätigkeit. Daran erinnert «Zeit Online» mit einer Liste sämtlicher 155 Journalistinnen und Journalisten die der türkische Staat weggesperrt hat.

Deutsche Zeitungsverlage sorgen sich wegen gestiegenem Papierpreis

Auch das noch! Als sorgte der digitale Wandel nicht schon für genügend Ungemach bei den Zeitungsverlagen, steigt nun auch noch der Papierpreis. Eine Tonne Zeitungspapier kostet in Deutschland neu 485 Euro, bisher waren es 425. Ein Grund für den Anstieg sei die Nachfrage aus China und Indien, schreibt Gregory Lipinski in Meedia. Dorthin exportierten deutsche Hersteller inzwischen beträchtliche Mengen. Ausserdem wurden viele Fabriken geschlossen nach Jahren mit Überkapazitäten. Doch jetzt schlägt das Pendel zurück.

Frontbericht aus dem Info-Krieg

Die Aktion war von langer Hand geplant und der Schauplatz gezielt ausgewählt: rechtsextreme Internet-Aktivisten aus dem Umfeld der sogenannten Identitären Bewegung kaperten die Diskussion um den ARD-Film «Aufbruch ins Ungewisse». Darin wird das Fluchtszenario von heute auf den Kopf gestellt: Deutsche flüchten massenweise nach Südafrika. Für Rechte eine Provokation. Als Einfallstor diente den rechtsradikalen Trollen, die dem Netzwerk «Reconquista Germanica» zuzuordnen sind, der offizielle Twitter-Hashtag zum Film, wo sie ihre Porpagandabotschaften placierten. Dass es sich nicht um eine spontane Aktion handelte, zeigen interne Diskussionen der Trolltruppe, sowie präpariertes Bildmaterial, das sie gezielt verbreiteten. Mit nur rund 230 involvierten Twitter-Accounts haben sie es geschafft, die Diskussion in ihre Richtung zu lenken. Für das Medienblog Übermedien hat Laura Lucas das ganze Ausmass der rechten Kampagne analysiert.

Rezept: Info-Häppchen für zwischendurch

Snack Content ist gefragt – diese Info-Häppchen, «die leicht bekömmlich sind, gut schmecken und nicht zu lange aufhalten». Etablierte Formate dafür sind etwa animierte GIFs, Memes, Kurzvideos, Infografiken und Cinemagraphs. Klar, dass bei einer Aufmerksamkeitsspanne von gerade noch ein paar Sekunden mit der Smartphonenutzung alle Inhalte-Anbieter möglichst schmackhafte Snacks bereitstellen wollen. Wie das am besten geht, hat Cornelia Dlugos für das Magazin t3n aufgeschrieben.

Wir Service-public-Profiteure, ade alte Mediendemokratie, Adblocker und Krypto-Mining, Blockchain im Mediengeschäft

Wer alles vom Service public profitiert (sogar jene, die ihn nicht nutzen)

Warum sollen auch jene eine Medienabgabe bezahlen, die ein damit finanziertes Angebot gar nicht nutzen? In der «Republik» geben die Medienwissenschaftler Mark Eisenegger und Linards Udris Antworten auf jene Frage, die den Gegnern öffentlich finanzierter Medien als Argument für die Gebührenabschaffung dient, so auch aktuell im Abstimmungskampf um «No Billag». Von Service-public-Medien profitiere das gesamte Mediensystem, schreiben Eisenegger und Udris, die sich dabei auf zahlreiche internationale Studien stützten. Mit der Abschaffung von Service-public-Medien «würde nicht nur ein sehr hochwertiger Teil des Mediensystems wegbrechen, sondern es würde auch die Qualität der anderen Anbieter leiden, weil Benchmarks verloren gingen, an denen sich auch die Privatmedien orientieren.» Einen weiteren indirekten Effekt sehen die Autoren bei der gesellschaftlichen Integration, wobei sie darunter mehr verstehen als nur den Zusammenhalt zwischen den Sprachregionen und Landesteilen der Schweiz, sondern auch den Beitrag des Service public für die «zahlreichen Schweizen» (Thomas Maissen), für alt und ganz jung, die nicht zur «werberelevanten Zielgruppe» zählen oder für Sinnesbehinderte. Das Fazit: «Service-public-Medien bieten eine kommunikative Infrastruktur, von der wir alle profitieren.»

Medienwandel und Demokratie: wir stehen an einem Wendepunkt

«Ich würde sagen, wir sind im Moment in einer Übergangsphase von der Mediendemokratie alten Typs, gekennzeichnet durch klares Agenda-Setting und Gatekeeping von Journalistinnen und Journalisten, hin zu einer Empörungsdemokratie; jeder kann sich nun zuschalten.»
Medienwissenschaftler Bernhard Pörsksen im Gespräch mit Claudia Schwartz in der NZZ.

Online-Werbung: Adblocker ausschalten oder Krypro-Währung schürfen

Das US-Magazin Salon.com geht neue Wege im Umgang mit den ominpräsenten Adblockern. Während andere Verlage, etwa Tamedia, die Leute zur Kasse bitten, wenn sie die Seite ohne Werbung sehen wollen, zapft Salon Rechenleistung der User an. Damit wird die Krypto-Währung Monero geschürft. Die Einnahmen davon kommen dem Verlag zugute. Doch der Anbieter der Schürf-Software gibt zu bedenken, «dass erst eine lange Verweildauer mit entsprechender User-Anzahl zu akzeptablen Einnahmen führt.»

Mit Blockchain den wahren Wert von Medieninhalten eruieren

Eine Personalie mit Signalwirkung: Der Entwicklungschef der «Washginton Post» verlässt die Zeitung in Richtung des Start-ups po.et, das mit der Blockchain-Technologie dem Mediengeschäft neuen Schwung verleihen will. Wie Jarrod Dicker gegenüber dem Fachmagazin Ponyter erklärt, sieht er das zentrale Problem darin, dass man heute nicht wisse, was journalistische Inhalte eigentlich wert seien. Das sei auch der Grund, warum die Verlage immer wieder auf Probleme stiessen bei der Tarifbemessung für Werbung und Abos. Mit einer Blockchain-basierten Plattform, die es erlaube «Inhalte besser zu organisieren, zu speichern und zu schützen», werde es möglich sein, einen Marktplatz zu schaffen, wo der Wert der Inhalte von der Community bewertet und bemessen werden könne, glaubt Dicker.

ORF-Wolf verklagt FPÖ-Strache, Bewegung im Fall Yücel, ein richtiges Musikradio, Google bringt die interaktive E-Mail

Irgendwann ist genug: ORF-Star Armin Wolf verklagt Vizekanzler Strache

War alles gar nicht so gemeint, ist nur Satire 😉 Österreichs Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) versucht sich mittels Verharmlosung aus der Affäre zu ziehen. Zuvor hatte der Politiker auf seinem Facebook-Profil den ORF-Moderator Armin Wolf der Verbreitung von «Fake News, Lügen und Propaganda» bezichtigt. In 32 Jahren als Journalist habe er sich einiges anhören müssen, aber nie dagegen geklagt. Jetzt mache er eine Ausnahme, schreibt Wolf in seinem Blog. Daran ändere auch nichts, dass sich Strache nun mit einem «gar nicht so gemeint» aus der Affäre zu ziehen versuche.

Deniz Yücel: Ein Buch mit den Texten, die ihn ins Gefängnis brachten

Seit genau einem Jahr befindet sich der Journalist Deniz Yücel, Korrespondent der Zeitung «Die Welt», in der Türkei im Gefängnis. Was ihm genau vorgeworfen wird, ist weiterhin unklar, Anklage gibt es keine. Nur so viel weiss man: Die Untersuchungshaft wird mit Terrorprapaganda begründet, u.a. gestützt auf ein Interview, das Yücel mit dem PKK-Chef geführt hatte. Dieser und weitere Texte aus dem vielfältigen Schaffen des deutschen Journalisten erscheinen heute als Buch, das auch daran erinnern soll, worum es mit der Inhaftierung Yücels geht: «Es gibt nur einen Grund, Leute wie Deniz Yücel wegzusperren», schreibt Mitherausgeberin Doris Akrap: «Man will sie zwingen, endlich die Klappe zu halten. Damit klar ist, dass daraus nichts wird, erscheint dieses Buch.» Inzwischen hat der türkische Ministerpräsident überraschend gesagt, er hoffe auf eine Freilassung des Journalisten. Den Entscheid träfen allerdings die Gerichte.

«Webradio für gute Musik»

Es gibt sie noch, die Radiosender mit gepflegtem Musikjournalismus. Als herausragendes Beispiel dafür steht im deutschsprachigen Raum das Webradio Byte FM aus Hamburg. Dank Mitgliederbeiträgen bleibt sein Anbgebot werbefrei. Gesendet wird ein rund um die Uhr moderiertes Musikprogramm mit einer thematischen und formalen Breite, wie sie nicht einmal mehr der öffentliche Rundfunk anbietet. «Das Programm füllt eine Lücke: Inhalte, die früher in Musiksendungen öffentlich-rechtlicher Sender stattfanden, werden mittlerweile nicht selten bei Byte FM produziert», schreibt Hendrik Maaßen in seinem Porträt von Byte FM für das Medienmagazin ZAPP.

Google macht E-Mail zur interaktiven «Postfach-Webseite»

E-Mail ist bekanntlich nicht totzukriegen. Die Uralttechnologie erfreut sich weiterhin grosser Beliebtheit, wie etwa der Newsletter-Boom der letzten Jahre zeigt. Als direkter Kanal zu den Kunden, ohne Umweg über eine Algorithmus-gesteuerte Plattform, dürfte sich die E-Mail noch lange halten. Aber die Form wird sich verändern. Google arbeitet daran, E-Mails interaktiv zu gestalten. Was an Interaktionen auf einer Website möglich ist, soll auch das elektronische Postfach erlauben. Die Inhalte der interaktiven E-Mails würden sich automatisch aktualisieren. So könnten z.B. die Inhalte eines Newsletters aktuell gehalten werden, auch wenn er erst ein paar Tage nach dem Eingang ins Postfach gelesen wird.