AUF DEM RADAR

Täglich lesen, was die Medien bewegt.
author-img

Von Montag bis Freitag vier aktuelle Lektüretipps aus schweizerischen und internationalen Publikationen zum Medienwandel. Ausgewählt und kommentiert von Nick Lüthiredaktion@medienwoche.ch Jetzt auch als Newsletter abonnieren.

Facebook: Nur noch gegen Bezahlung in den Newsfeed?

Es wäre eine Hiobsbotschaft für Medienanbieter, wenn ihre Inhalte auf Facebook nur noch gegen Bezahlung sichtbar wären. Schon heute geben Verlage stattliche Summen aus, um die Sichtbarkeit zu erhöhen. Nun experimentiert Facebook damit, die Inhalte von Facebook-Seiten, wie sie die Medien betreiben, nur noch im neuen Explore-Feed zu zeigen und…

Wenn der Polizei-Tweet danebengeht

Behörden unterliegen in der Kommunikation besonderen Wahrheitspflichten. Das gilt auch für Twitter, wo Polizeibehörden in den letzten Jahren ihre Aktivitäten stark ausgebaut haben und teils in Echtzeit ihre Einsätze kommunikativ begleiten. Das kann aber auch daneben gehen, wie Markus Pohl auf RBB 24 anhand mehrerer Beispiele aus Deutschland zeigt, wo…

Eine kleine Geschichte der «Lügenpresse»

Von der Märzrevolution 1848 über den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik bis in die Gegenwart hält sich der Terminus der «Lügenpresse» als Schmähbegriff für politisch missliebige Zeitungen und Medien allgemein. Maximilian Probst zeichnet im Magazin «Zeit Geschichte» nach, welche Akteure mit welcher Interessenlage die Medien der Lüge bezichtigten und…

Homogene Redaktionen

Migrantinnen und Migranten oder allgemeiner, Menschen ohne Schweizer Pass, muss man im Impressum von Schweizer Medien immer noch mit der Lupe suchen. Unverständlich eigentlich, findet Anna Jikhareva: «Selbst wenn man rein ökonomisch argumentieren würde, ist es übrigens unverständlich, dass die meisten Medien so leichtfertig auf diese Stimmen verzichten. Mit grösserer…

Weitere Beiträge dieser Woche

Tamedia-Roboter Tobi erklärt die Abstimmungsresultate

Die Autorenzeile des Artikels lautet: «Ihr Tobi, Textroboter» Tobi hilft dem Tages-Anzeiger bei der Abstimmungsberichterstattung. Für 526 Gemeinden der Kantone Bern und Zürich produzierte der Textroboter am vergangenen Abstimmungswochenende «individualisierte Texte aus Textbausteinen». Wer eine Postleitzahl eintippt, kriegt einen Artikel angezeigt, der die Resultate der betreffenden Gemeinde referiert. Der automatisch generierte Text lässt sich zudem personalisieren, indem man sein persönliches Abstimmungsverhalten angibt und Tobi dieses im Verhältnis zu den Ergebnissen reflektiert. Der Einsatz von Tobi zeigt, wohin die Reise mit dem Roboterjournalismus gehen könnte. Im vorliegenden Fall gleicht das Experiment noch weitgehend einer Spielerei und bietet gegenüber «händischer» Berichterstattung keinen wirklichen Mehrwert. Wie es weitergeht? Die Autoren schreiben: «Wenn die Ergebnisse ermutigend sind und die Reaktionen der Leserinnen und Leser positiv ausfallen, können wir uns vorstellen, Tobi bei zukünftigen Abstimmungen oder sogar Wahlen einzusetzen.»

Eine Beichte zum 25. Todestag Niklaus Meienbergs

Der Titel klingt knackig und irritiert zugleicht. In der aktuellen Ausgabe der Weltwoche steht die Zeile: «Ich tötete Niklaus Meienberg». Im Artikel dazu erklärt der Autor und Werber Dominik Imseng, wie er als junger Journalist vor 25 Jahren der lebensmüden Reporterlegende den ultimativen Tipp gegeben hatte, mit welcher Methode er sich umbringen könne. Meienberg fragte zwar «für einen Freund», aber man hätte ahnen können, worum es ihm wirklich ging. Im Tages-Anzeiger fragt nun Philippe Zweifel, warum der junge Imseng diesen Tipp gegeben hatte. Dieser antwortet: «Aus einer Mischung von Naivität, Dummheit und Gefallsucht heraus. Im Nachhinein ist mir das klar, auch, dass ich mir davon eine vertrautes Verhältnis mit ihm erhoffte.»

Dänischer Rundfunk reagiert auf rechten Druck

Einen Tag bevor die SRG am letzten Mittwoch ihr Sparprogramm mit dem Abzug der Radioinformation aus dem Studio Bern bekannt gegeben hatte, informierte auch in Dänemark das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen DR über ein massives Sparprogramm: Jede sechste Stelle wird gestrichen, was einem Abbau von 400 Stellen gleichkommt. Weiter wird die Anzahl TV-Kanäle von sechs auf drei halbiert und Radiosender gibt es künftig noch fünf, heute sind es acht. Das Sparprogramm ist eine Konsequenz der Abschaffung der Rundfunkgebühr. Künftig wird das dänische Radio und Fernsehen aus dem Staatshaushalt finanziert. Auch inhaltlich gibt es Anpassungen, wie Reinhard Wolff in der taz schreibt. So betonen die neuen Programmrichtlinien die Rolle des Christentums explizit. Im Kulturangebot solle vor allem das «dänische und christliche Kulturerbe» vermittelt werden. Diese «Präzisierungen» erfolgten auf Druck der rechten Dänischen Volkspartei DF.

Sozialismus als Verkaufsargument

Das Magazin «Jacobin» ist eine Erfolgsgeschichte und spiegelt das Erstarken einer sozialistischen Linken in den USA wieder. Sozialismus? USA? Doch, das passt (wieder) zusammen. Eine wichtige Triebfeder für diese Entwicklung war der Erfolg des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders. Und eines der wichtigsten Sprachrohre der neuen Bewegung ist «Jacobin». «Zur Popularität des Magazins trägt, neben dem konsequenten Design, vor allem der Verzicht auf all das bei, was an den Jargon marxistischer Intellektueller erinnert. Im besten Fall kombinieren die Texte in ‹Jacobin› analytische Strenge mit popkulturellen Referenzen, Originalität mit Aggressivität», schreibt Harald Staun in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

«Unser Streik war ein Luxusstreik von Privilegierten»

«Republik»-Redaktor Dennis Bühler dokumentiert ein Stück Schweizer Mediengeschichte: Den Streik bei der Migros-Zeitung «Die Tat». Vor vierzig Jahren, im Herbst 1978, tritt die 60-köpfige Redaktion praktisch geschlossen in den Ausstand. Sie protestiert damit gegen die Entlassung von Chefredaktor Roger Schawinski. Als Reaktion auf den Streik entscheidet Migros-Chef Pierre Arnold die Tageszeitung einzustellen. Bühler spricht mit mehreren Protagonistinnen und Protagonisten von damals. Einer der Streikführer war der heutige Weltwoche-Kolumnist und Medienjournalist Kurt W. Zimmermann. Mit Blick auf den Streik der SDA-Belegschaft vom letzten Frühjahr sagt er:
«Wir wussten: Wenn wir heute streiken und morgen entlassen werden, finden wir übermorgen wieder einen Job. Unser Streik war ein Luxusstreik von Privilegierten, jener der SDA-Belegschaft war ein Notstreik von Unterprivilegierten.»

Jessica Gmür erklärt die SRG-Standortpolitik

Sie sind zurück, und wie: Die beiden Westschweizer Satiriker und Parodisten Vincent Veillon und Vincent Kucholl kommentieren das Zeitgeschehen in alter neuer Frische im wöchentlichen Radioformat «120 Secondes», das sie nach einer kreativen Schaffenspause mit mehreren Bühnenprogrammen, wiederbelebt haben. Ob Armee, Politik oder Medien – alle kriegen sie ihr fett weg. Und jetzt sogar der eigene Arbeitgeber. In der jüngsten Folge von «120 Secondes» nimmt eine Jessica Gmür, mit verstellter Stimme gespielt von Vincent Kucholl, die als Projektverantwortliche Rationalisierung Infrastruktur und Gebäude bei der Generaldirektion der SRG vorgestellt wird, zum Entscheid der SRG Stellung, das Radiostudio Bern nach Zürich zu verlegen. Gmür begründet das so: «Das Rationalisierungsprojekt Gebäude und Infrastruktur besteht darin, die Infrastruktur und die Gebäude zu rationalisieren, um sie rationeller zu machen.»

«Die letzte Königin der Verlagswelt»

Mit Inge Feltrinelli ist eine der prägenden Figuren der italienischen Literaturlandschaft im Alter von 87 Jahren verstorben. Die FAZ nennt sie in ihrem Nachruf «die letzte Königin der Verlagswelt». Die gebürtige Deutsche arbeitete in den 1950er-Jahren erfolgreich als Fotoreporterin mit Einsätzen rund um den Erdball. So porträtierte sie unter anderem Politiker von Fidel Castro bis John F. Kennedy, aber auch Geistesgrössen und Künstler wie Simone de Beauvoir oder Marc Chagall. 1958 lernte sie den italienischen Verleger Giangiacomo Feltrinelli kennen, der mit einem Millionenerbe einen Verlag aufgebaut hatte. Nach dem Tod ihres politisch radikalisierten Ehemanns 1972 bei einem mutmasslichen Anschlagsversuch auf einen Hochspannungsmast nahe Mailand, übernahm Inge Feltrinelli die Geschicke des Verlags. Sie leitete das Unternehmen bis 1998. Danach übergab sie das Geschäft ihrem Sohn, blieb aber bis zu ihrem Tod Präsidentin des renommierten Verlagshauses.

Parallelporträts aus Nord- und Süd-Korea

Eindrückliche Bildergeschichte des AFP-Fotografen Ed Jones im «Guardian»: Er zeigt Menschen in Nord- und Süd-Korea in identischen Situation. Die beiden Motive sind jeweils übereinandergelegt und können dank einem Slider gleichzeitig angeschaut werden. «Man kann die Bilder nebeneinander stellen, aber die Leute können im wirklichen Leben nicht Seite an Seite stehen, und das hat etwas Faszinierendes an sich», kommentiert Jones seine Arbeit.

So kam es zum SRG-Studioentscheid – das Dossier zum Thema

Jetzt ist klar, wohin die Reise geht: Bis in drei Jahren soll ein Grossteil der Informationssendungen, die Radio SRF heute im Studio Bern produziert, nach Zürich zum Fernsehen SRF verlegt werden. Der Entscheid war höchst umstritten und sorgte im vergangenen halben Jahr für intensive Debatten, in die sich auch die MEDIENWOCHE eingemischt hat. In unserem Dossier dokumentieren wir den Prozess seit April bis heute.

«Ich habe meinen Job als Reporter gemacht. Punkt.»

Er hat kürzlich eine schon jetzt vielbeachtete und kontrovers diskutierte Biografie von SVP-Nationalrat und Weltwoche-Verleger Roger Köppel veröffentlicht. Im Gespräch mit Ex-Weltwoche-Autor Markus Schär, der für die Köppel-Biografie dem Autor ausführlich Red und Antwort stand, gibt Daniel Ryser Einblicke in seine Arbeitsweise als Reporter und Buchautor. Nur am Rande gestreift wird dabei die interessante Frage, ob es richtig sei, einer umstrittenen Figur wie Köppel eine so grosse Plattform zu bieten. Ryser sagt dazu nur: «Ich habe meinen Job als Reporter gemacht. Punkt.»

Amazon mit Ambitionen auf dem Werbemarkt

Wirklich überraschen kann den Schritt niemanden: Amazon setzt verstärkt auf den Verkauf von Werbeplätzen auf seiner Handelsplattform. So können etwa, ähnlich wie bei Suchmaschinen, Top-Platzierungen für Produkte in der Trefferliste gekauft oder Werbeanzeigen geschaltet werden. Das bringt gutes Geld. Allein im ersten Halbjahr 2018 setzte Amazon mit Werbung mehr als vier Milliarden US-Dollar um. Das macht bereits vier Prozent des Gesamtumsatzes aus. Das Unternehmen rechnet mit einem weiteren Anstieg in den kommenden Jahren. Auswirkungen hat das auch auf den Werbemarkt, wie NZZ-Korrespondentin Christiane Hanna Henkel aus New York berichtet: «Galten Google und Facebook lange als unangefochtene Marktführer im Online-Werbemarkt, so sieht es nun so aus, als ob Amazon das Duopol empfindlich stören könnte.»

«Beförderung auf Knopfdruck»

Es ist zum Markenzeichen des Autoverleihers Sixt geworden, aktuelle politische Vorgänge zeitnah in seine Werbekampagnen einzubauen. Das macht das deutsche Unternehmen auch jetzt wieder, nach der Wegbeförderung von Verfassungsschutzchef Massen ins Innenministerium. Als unfreiwillige (und wohl ungefragte) Werbefigur empfiehlt Massen die Dienste der Autovermietung mit dem Slogan: «Auch bei Sixt: Beförderung auf Knopfdruck».

Darf man einen geständigen Beschuldigten «Täter» nennen?

Im Zusammenhang mit dem Vierfachmord von Rupperswil bezeichneten die Ermittlungsbehörden den Beschuldigten immer wieder als «Täter», obwohl noch kein rechtskräftiges Urteil gegen ihn vorlag. Zwar war der Mann geständig, aber entbindet das Polizei und Staatsanwaltschaft der Unschuldsvermutung? In einem Aufsatz für das rechtswissenschaftliche Magazin «Sui Generis» sehen der Zürcher Strafrechtsprofessor Marc Thommen und sein Assistent Martin Seelmann das Kommunikationsverhalten der Behörden in diesem Punkt kritisch. Die Juristen nennen Gründe dafür, warum auch ein Geständiger bis zur Verurteilung als unschuldig zu gelten habe. Mit dem Geständnis sei der Schuldnachweis ja noch nicht abgeschlos­sen, so Thommen und Seelmann. Wichtig auch: Ein Geständnis kann jederzeit widerrufen werden. Im gleichen Aufsatz untersuchen die Strafrechtler weiter die Frage, inwiefern die Behörden eine Amtsgeheimnisverletzung begehen, wenn sie Details aus der Untersuchung preisgeben, wie das beim Mordfall Rupperswil auch vorkam.

Ein Ausreisser aus der geschlossenen Front gegen den Studioumzug

Im Streit um die Zukunft des Radiostudios Bern schienen die Fronten bisher einigermassen klar und eindeutig zu verlaufen. Hier das Management von SRG und SRF, das einen Umzug von Bern nach Zürich als alternativlos darstellt. Auf der anderen Seite Belegschaft und Trägerschaft des Berner Studios, die im Verbund mit Politik und Behörden ebenso hartnäckig dagegen halten. Kurz vor dem Entscheid des Verwaltungsrats in der heiss diskutierten Standortfrage, meldet sich Beat Hayoz, Vizepräsident der Berner SRG-Trägerschaft, mit einem offenen Brief zu Wort. Die «Basler Zeitung» veröffentlicht eine bearbeitete und gekürzte Version davon als Gastbeitrag. Mit teils überzogen martialischer Wortwahl («stalinistische Methoden») kritisiert Hayoz die Diskussionskultur seiner Gremien bei der Standortdiskussion. Argumente, die für einen Umzug sprächen, seien ignoriert und abgeblockt worden. Dass Hayoz allein auf weiter Flur steht, überrascht nicht weiter und rührt nicht zuletuzt von seiner Vision her, die SRG auf je einen Radiostandort pro Sprachregion zu konzentrieren. Den Anspruch des Tessins auf ein eigenes Radiostudio stellt Hayoz gar zur Disposition. Die aktuelle föderalistische Struktur der SRG hält er für nicht mehr zeitgemäss. Einen Einfluss auf den Entscheid des Verwaltungsrats in Sachen Studio Bern, der heute gefällt werden soll, dürfte der Brief nicht mehr haben. Aber die Berner Trägerschaft sieht sich gefordert, adäquat auf die heftige Wortmeldung zu reagieren.

Facebook und die Aufgabe des staatlichen Gewaltmonopols

Eine auf den ersten Blick plausibel erscheinende und in letzter Zeit vermehrt vernommene Forderung geht dahin, dass Facebook das Grundrecht auf Meinungsfreiheit genau gleich gewährleisten solle, wie das für den Staat auch gilt. Für Malte Engeler, Datenschutzspezialist und Richter in Schleswig-Holstein, eine abwegige Vorstellung. «Um die Macht der Digitalkonzerne zu regulieren, ist eine solche verfassungsrechtliche Verrenkung nicht nur unnötig, sie wäre sogar ein wahrer Bärendienst an unserem modernen Demokratieverständnis», hält Engeler in einem Gastbeitrag auf netzpolitik.org fest. Denn: «Nur Gesetzgeber, Verwaltung und Justiz sollen Staatsgewalt ausüben und sind im Gegenzug der Achtung der Grundrechte verpflichtet. Private im Umkehrschluss ebenfalls den Grundrechten zu verpflichten, ist also nicht möglich, ohne Facebook gleichzeitig als der Staatsgewalt ebenbürtig anzuerkennen. Eine unmittelbare Grundrechtsbindung von Facebook & Co ist daher im Grunde nur eines: Die Aufgabe des staatlichen Gewaltmonopols gegenüber den Digitalkonzernen.»

Er diagnostizierte den «rasenden Stillstand»

Der französische Philosoph und Zeitdiagnostiker Paul Virilio prägte den Begriff des «rasenden Stillstands». Er meinte damit den Zustand einer Gesellschaft, die Zeit und Raum technologisch beherrscht, aber damit gleichzeitig sich selbst auszulöschen droht. Neben der Philiosophie galt die zweite grosse Leidenschaft Virilios der Architektur, wo er es als Autodidakt zu erstaunlichen Meriten brachte. Am 10. September ist Virilio im Alter von 86 Jahren gestorben. In einem Nachruf im Berliner «Tagesspiegel» schreibt Gregor Dotzauer, dass die von Virilio begründete Denkrichtung der Dromologie, eine «wilde, in viele Disziplinen ausgreifende Theorie, die er zusammenbastelte –, anregender war als so manche akademische Abhandlung.»