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	<title>Blattmacher | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
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		<title>Wenn man plötzlich fordern statt liefern muss</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Antonio Fumagalli]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 04 Jul 2016 10:53:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Standpunkt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Für eine einzige Zeitungsausgabe übernahm unser Kolumnist eine neue Rolle: Bei ihm liefen die Fäden für eine Sondernummer zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels zusammen. Warum er dabei «auf die Welt kam» – und warum ihn stets das schlechte Gewissen begleitete. Bei aller gewünschten Selbstbestimmung als Journalist kann es eine durchaus willkommene Entlastung sein, wenn einem ein <a href="https://medienwoche.ch/2016/07/04/wenn-man-ploetzlich-fordern-statt-liefern-muss/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Für eine einzige Zeitungsausgabe übernahm unser Kolumnist eine neue Rolle: Bei ihm liefen die Fäden für eine Sondernummer zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels zusammen. Warum er dabei «auf die Welt kam» – und warum ihn stets das schlechte Gewissen begleitete.<br />
<span id="more-27689"></span><br />
Bei aller gewünschten Selbstbestimmung als Journalist kann es eine durchaus willkommene Entlastung sein, wenn einem ein Entscheid abgenommen wird. So erging es mir, als ich Anfang April nach einem dreimonatigen <a href="https://medienwoche.ch/2016/01/18/selbstzensur-aus-angst-vor-der-hexe/">Aufenthalt in Nicaragua</a> wieder in den Redaktionsalltag der Aargauer Zeitung einstieg. Gleich bei der ersten Sitzung wurde mir mitgeteilt, dass wir die Ausgabe vom 28. Mai monothematisch der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels widmen werden. Und vor allem: Dass ich dafür verantwortlich sein soll – sozusagen als Blattmacher für eine Nummer.</p>
<p>Natürlich hätte ich mich dagegen wehren können, aber warum auch? Ganz ohne Bauchschmerzen verliess ich die Sitzung dennoch nicht. Auch wenn es noch weit weg war, ahnte ich: Das wird eine komplett neue und mit vielen Unwägbarkeiten verbundene Aufgabe.</p>
<p>Wie geht man solch ein Projekt an? Ja, wie soll so eine Sondernummer überhaupt aussehen? An dieser Stelle nicht unwichtig zu erwähnen: Es liefen bei mir zwar die Fäden zusammen, aber die grundlegenden Entscheidungen fällte ich nicht in Eigenregie, sondern in Absprache mit dem eisenbahnaffinen Chefredaktor und seinem Stellvertreter, seines Zeichens Blattmacher im normalen Tagesgeschäft. Das letzte Wort war stets bei ihnen.</p>
<p>Wir definierten: Die Mantelbund der Zeitung kommt praktisch monothematisch daher. Das wären inklusive Werbung dann also fast zwanzig Seiten Gotthard. Dafür bringen wir im Vorfeld kaum Artikel zum Thema, wie das andere Zeitungen gemacht haben. Die Aktualität und die notwendigste Vorschau, etwa auf den gleichentags stattfindenden Champions-League-Final, findet auf maximal vier Seiten am Ende des Bundes statt. Die klassische Einteilung nach Ressorts entfällt und die Front- und Backpage müssen so aussehen, dass die Leser zwar merken, ihre angestammte Zeitung in den Händen zu halten, gleichzeitig aber sofort das Sonderkonzept erkennen.</p>
<p>Für die Feinplanung setzten wir auf Basisdemokratie. Eines Montags &#8211; einen guten Monat vor Publikationsdatum &#8211; sassen alle Ressortleiter zusammen und brachten ihre Ideen ein. Ich sammelte, ergänzte und schrieb endlich ein Konzept, das jede Seite mitsamt dazugehörigen Artikeln definierte.</p>
<p>Das alles brauchte Zeit – Zeit, die ich normalerweise im Redaktionsalltag nicht habe. Meine Vorgesetzten haben mich stets ermuntert und es mir ermöglicht, dass ich sie mir auch nehmen konnte. Auch von Seiten meiner Redaktionskollegen kam nie ein negatives Wort. Dennoch begleitete mich ihnen gegenüber an vielen Tagen, an denen ich mich ausschliesslich der Sonderausgabe widmete, ein schlechtes Gewissen. Grundlos, ich weiss. Und dennoch vorhanden. Denn während ich abklärte, ob die Werbung auf Seite 13 vielleicht in den Regionalbund verlegt werden könnte, damit die Kulturredaktorin den «Mythos Gotthard» in angemessener Zeilenzahl erklären konnte, schrieben meine Kollegen wie üblich Inland-Artikel für den Folgetag. «Ich arbeite heute an der Gotthard-Nummer, sorry», geht einem nicht ganz einfach über die Lippen, wenn an der nachmittäglichen Redaktionssitzung noch ein Autor für den Front-Kommentar gesucht wird.</p>
<p>Von solchen Tagen gab es einige. Denn mit dem Konzept alleine wars natürlich noch nicht getan. Was ich sonst immer nur aus umgekehrter Perspektive erlebte, blühte mir jetzt selbst: Plötzlich war es an mir, für die verschiedenen Ideen Autoren zu suchen (sofern sie sich nicht selbst schon gemeldet hatten), mit ihnen die Stossrichtung ihrer Artikel abzusprechen, sie auf die nahende Deadline hinzuweisen, Grafiker zu instruieren, mit der Foto-Redaktion Bilder auszuwählen, Texte gegenzulesen und Anmerkungen anzubringen. Stets musste ich die Gesamtausgabe im Hinterkopf haben, damit keine inhaltlichen und gestalterischen Doubletten entstanden. Kurz: Ich musste fordern und nicht wie üblicherweise einfach nur liefern.</p>
<p>Auch der Web-Auftritt musste besprochen werden. Online können Überthemen naturgemäss weniger gut zurückgehalten und portioniert werden, wenn man sich nicht – mehr noch als bei der Zeitung – den Vorwurf machen will, es zu verpassen. Einige Erzählformen, etwa das Quiz, das im Print auch stattfand und natürlich Bewegtbilder, eignen sich digital besser. Dennoch ist nicht wegzudiskutieren, dass der Fokus auf der gedruckten Ausgabe lag. Nicht zuletzt, weil wir uns erhofften, dass manche Leser die Sonderausgabe zur Seite legen und aufbewahren.</p>
<p>Zum ersten Mal in meinem Berufsleben musste ich überdies finanzielle Überlegungen anstellen: Was kriegt ein altgedienter Historiker für sein Lesestück über die Geschichte der alpenquerenden Eisenbahnverbindungen? Und darf man auf die Forderung eines Fachverlags eingehen, ein Foto gratis verwenden zu dürfen, sofern man das dazugehörige Buch mitsamt Coverbild am Ende des Artikels erwähnt? Fast wäre es mir zum Verhängnis geworden, dass ich neben einem längeren Artikel auch «Beigemüse» wie die Leserservice-Seite oder das Gotthard-Quiz selbst verfassen wollte &#8211; denn die Zeit dafür lief mir davon.</p>
<p>Wie immer, wenn man eine Deadline hat &#8211; diese Kolumne lässt grüssen! &#8211; geht es am Ende ja dann doch irgendwie. Es ging sogar ziemlich gut, sowohl redaktionsintern wie auch von aussen gab es überwiegend <a href="https://twitter.com/ChristianDorer/status/736514523398557696" target="_blank">positive Rückmeldungen auf die unübliche Samstagsausgabe</a>. In der Nacht auf Sonntag schlief ich wie ein Stein. Ob ich vom Gotthard träumte, weiss ich nicht mehr.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/07/04/wenn-man-ploetzlich-fordern-statt-liefern-muss/">Wenn man plötzlich fordern statt liefern muss</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Tote Flüchtlinge oder FC Aarau?</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2015/06/15/tote-fluechtlinge-oder-fc-aarau/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Antonio Fumagalli]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Jun 2015 10:16:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Standpunkt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wovon soll sich ein Blattmacher leiten lassen, wenn er die Frontseite der Zeitung gestaltet? Bei einer Regionalzeitung mit nationalem Anspruch ist diese Frage besonders heikel. Unser Kolumnist schildert das Dilemma anhand eines aktuellen Falles: Todesdrama im Mittelmeer oder Abstiegskandidat FC Aarau? Vor ein paar Wochen hatte ich Sonntagsdienst. Es war der Tag, an dem sich <a href="https://medienwoche.ch/2015/06/15/tote-fluechtlinge-oder-fc-aarau/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wovon soll sich ein Blattmacher leiten lassen, wenn er die Frontseite der Zeitung gestaltet? Bei einer Regionalzeitung mit nationalem Anspruch ist diese Frage besonders heikel. Unser Kolumnist schildert das Dilemma anhand eines aktuellen Falles: Todesdrama im Mittelmeer oder Abstiegskandidat FC Aarau?<br />
<span id="more-24804"></span><br />
Vor ein paar Wochen hatte ich Sonntagsdienst. Es war der Tag, an dem sich das bisher folgenschwerste Flüchtlingsdrama im Mittelmeer ereignete. Bis zu 900 Menschen kamen ums Leben, die genaue Zahl wird nie jemand wissen. Es war aber auch der Tag, der im Falle einer Niederlage in Vaduz den Abstieg des FC Aarau besiegelt hätte. Im Verlauf des Nachmittags, als sich das Ausmass der Katastrophe immer deutlicher abzeichnete, der kapitale Match in Liechtenstein aber noch nicht mal angepfiffen war, musste sich der Blattmacher der Aargauer Zeitung / «az Nordwestschweiz» eine heikle Frage stellen: Mit welchem der beiden Themen soll man auf der Frontseite aufmachen, welches soll man kommentieren?</p>
<p>Es ist ein Fall, der schwarz-weiss nicht ist. Doch es ist einer, der ein stetig wiederkehrendes Dilemma einer Regionalzeitung mit nationalem Anspruch exemplarisch aufzeigt. Wovon soll sich ein Zeitungsmacher in seinen Entscheidungen leiten lassen? In erster Linie natürlich davon, was seine Konsumenten interessiert. Untersuchungen, etwa die Leserforschung mit der Reader-Scan-Methode, zeigen, dass ein Artikel markant häufiger gelesen wird, wenn sich der Leser persönlich betroffen fühlt. Journalisten können dabei alleine durch die Erzählform und insbesondere die Titelsetzung schon viel herausholen.</p>
<p>Aber natürlich nicht alles. Der FC Aarau dürfte vielen Aargauer Lesern – so gefühlskalt sich das anhört – emotional näher liegen als Flüchtlinge, die einen elenden Tod finden. Kaum ein Thema ist so von persönlicher Abstumpfung gefährdet wie die menschlichen Tragödien, die sich in regelmässigen Abständen im Mittelmeer ereignen. Die 50 Somalier, die in den Fluten ertranken, sind die gleiche Anzahl Personen, wie gestern Abend rund um uns in der vollgestopften Gartenbeiz sassen. Also ziemlich viele. Die 250 Syrer, von denen nur ein paar Dutzend gerettet werden konnten, sind die gleich grosse Gruppe, die beim letzten Konzert im Kulturlokal eine einmalige Stimmung herbeizauberte. In den Nachrichten jedoch finden die toten Flüchtlinge nur dann ernsthafte Beachtung, wenn ein neuer Höchstwert vermeldet wird oder wenn sich auf der Überfahrt bisher unbekannte Schicksale ereignen («Muslime werfen Christen über Bord»). Dann spielt der Sensationsfaktor, der beim Publikum das Interesse weckt.</p>
<p>Also auf den FC Aarau setzen? Nein. Denn die Leser erwarten von der Zeitung nicht nur das, was ihnen persönlich nahe geht. Sie erwarten auch eine Einordnung gemäss bekannten Relevanzkriterien. Dass auf dieser Ebene das Pendel zu den Flüchtlingen ausschlägt, leuchtet ein. Bezeichnenderweise hat sich bei uns noch nie ein Leser darüber beklagt, dass die Zeitung zu seriös sei. Das Gegenteil ist hingegen immer wieder der Fall. Fairerweise muss aber auch gesagt sein, dass die Ausgangslage für ein Printmedium wie die «az Nordwestschweiz», die eine Abonnentenquote von über 99 Prozent aufweist, eine bedeutend andere ist als diejenige einer Publikation, die sich wöchentlich oder gar täglich am Kiosk behaupten muss. Und: Leser, die in ihrer Zeitung über einen längeren Zeitraum nicht mehr das finden, was sie suchen, bestellen das Abo gleich ganz ab – und kehren womöglich nie mehr zurück.</p>
<p>Der Rückschluss, dass das Schicksal von verunglückten Migranten nun bei jedem neuen Fall auf der Frontseite erwähnt sein sollte, wäre falsch. Siehe Abstumpfung, siehe Leserinteresse, siehe Abokündigungen. Die Losung, die unser Chefredaktor in umstrittenen Fällen herausgibt, ist aber nicht falsch: Im Zweifel für die Relevanz.</p>
<p>Übrigens: Der FC Aarau hat damals das Spiel gegen Vaduz gewonnen und damit den Kopf nochmals, allerdings nur vorübergehend, aus der Schlinge ziehen können. Die Sportgötter können von Zeit zu Zeit auch die Freunde der Blattmacher sein.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2015/06/15/tote-fluechtlinge-oder-fc-aarau/">Tote Flüchtlinge oder FC Aarau?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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