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	<title>Frankfurter Allgemeine Zeitung | MEDIENWOCHE</title>
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	<link>https://medienwoche.ch</link>
	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
	<lastBuildDate>Tue, 19 Mar 2019 13:58:09 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
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		<title>«FAZ» entlässt Mitherausgeber Holger Steltzner</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/03/18/faz-entlaesst-mitherausgeber-holger-steltzner/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 Mar 2019 18:55:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Frankfurter Allgemeine Zeitung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Herausgebergremium der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» ist es zu einem Eklat gekommen. Die Hintergründe sind unklar.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Im Herausgebergremium der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» ist es zu einem Eklat gekommen. Die Hintergründe sind unklar.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/03/18/faz-entlaesst-mitherausgeber-holger-steltzner/">«FAZ» entlässt Mitherausgeber Holger Steltzner</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
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		<title>Lesefutter für die «kreative Elite»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2016/11/28/lesefutter-fuer-die-kreative-elite/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 28 Nov 2016 15:22:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[FAZ]]></category>
		<category><![CDATA[FAQ]]></category>
		<category><![CDATA[Frankfurter Allgemeine Quarterly]]></category>
		<category><![CDATA[Frankfurter Allgemeine Woche]]></category>
		<category><![CDATA[Frankfurter Allgemeine Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Tyler Brûlé]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Print hat Zukunft, sagt sich die Frankfurter Allgemeine und bringt gleich zwei neue Magazine auf den Markt. Nach dem Nachrichtenmagazin Frankfurter Allgemeine Woche im Frühjahr, folgte jüngst die Vierteljahrszeitschrift Frankfurter Allgemein Quarterly, mitentwickelt von Tyler Brûlé. Unser Autor hat beiden Magazine genauer angeschaut. Fünf zukünftige Leser stellt man auf der Seite des «Premium-Magazins» «Frankfurter Allgemeine Quarterly» (FAQ) <a href="https://medienwoche.ch/2016/11/28/lesefutter-fuer-die-kreative-elite/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Print hat Zukunft, sagt sich die Frankfurter Allgemeine und bringt gleich zwei neue Magazine auf den Markt. Nach dem Nachrichtenmagazin Frankfurter Allgemeine Woche im Frühjahr, folgte jüngst die Vierteljahrszeitschrift Frankfurter Allgemein Quarterly, mitentwickelt von Tyler Brûlé. Unser Autor hat beiden Magazine genauer angeschaut.<br />
<span id="more-28478"></span><br />
Fünf zukünftige Leser stellt man auf der <a href="https://www.quarterly.media/" target="_blank">Seite des «Premium-Magazins» «Frankfurter Allgemeine Quarterly» (FAQ) vor</a>: Der CEO, die Professorin, die Bankerin, der Jungunternehmer, der Kreative. Es ist die «kreative Elite», überdurchschnittlich gebildet, beruflich erfolgreich, einkommensstark und durchschnittlich 46 Jahre alt. Das soll die Leserschaft für diese neue Quartalszeitschrift sein. Für die nach eigenen Angaben 4,8 Millionen starke Zielgruppe steht die Erstauflage von 75.000 Exemplaren zur Verfügung. Hiervon wurden «25.000 Exemplare zielgruppengenau ausgesteuert an Abonnenten von F.A.Z. und F.A.S.». Man mag sich die Gesichter der Abonnenten vorstellen, die nicht berücksichtigt wurden.</p>
<p>Es war dann fast logisch, dass ich in meinem Stadtteil in Düsseldorf (Eller) an keinem Zeitschriftenladen oder gar Kiosk dieses «Hochglanzmagazin» bekam. Sie hörten wohl nicht zu den «Top-Verkaufsstellen», vermutlich weil die Bewohner nicht zielgruppenkompatibel sind. Die Inhaber der Läden wussten von einem neuen Frankfurter-Magazin nichts und dachten, ich meinte die «Frankfurter Allgemeine Woche». Einer rief seinen Grossisten an, der die Lieferung in acht bis zehn Tagen in Aussicht stellte. So lange wollte ich nicht warten, sondern besorgte mir das Heft am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Ein Exemplar gab es dort noch. Die anderen werden vermutlich inzwischen in den Erste- Klasse-Wagen der ICEs studiert.</p>
<p>Die 204 Seiten im Offset-Vierfarbdruck kosten 10 Euro bzw. 15 Franken. Abonniert man als «Verlags-Kunde» (d. h. Abonnent von F.A.Z./F.A.S.) das Heft, sinkt der Preis auf 6 Euro pro Ausgabe. Vor- und Rückseite und einige Seiten auf denen Kunstobjekte und Modefotografien gezeigt werden sind auf Hochglanzpapier gedruckt. Auf insgesamt 40 Seiten finden sich Werbeanzeigen, die meisten ganzseitig, die auf die Zielgruppe zugeschnitten sind. Sie reichen von Haute-Couture-Damenhandtaschen über Luxusuhren (jenseits der 6000 Euro) bis zu exquisitem Porzellan und sich zur Nachhaltigkeit verpflichtenden Banken. Zuweilen findet man einen Ausstellungshinweis oder eine dezente Buchwerbung. Und auch F.A.Z.-Produkte werden beworben. Irritierend die ganzseitige Anzeige der Deutschen Bundeswehr, die ausgerechnet unter der «kreativen Elite» Freiwillige sucht.</p>
<p>Die beiden Magazinleiter, der freie Journalist und Schriftsteller <a href="http://www.rainer-schmidt.org/ueber/" target="_blank">Rainer Schmidt</a> und der Feuilletonleiter der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» <a href="http://www.faz.net/redaktion/claudius-seidl-11104319.html" target="_blank">Claudius Seidl</a> geben in einem knappen Editorial zu Beginn die Richtung vor. Das Magazin widme sich der Zukunft, «mit Neugier und Zuversicht», denn die Zukunft sei «wieder da», mit «Chance und Herausforderung in der dreidimensionalen Realität». Man schüttelt sich und glaubt irgendeinen Text für eine Autowerbung zu lesen. Seidl konkretisiert später in einem Essay die Intention des Magazins und schreibt von der «Wiederkehr der Utopie». Zwar hätte die Menschheit in den 1960er Jahren mit einer gewaltigen Kraftanstrengung beispielsweise die Mondlandung geschafft, aber die Glücksversprechen der Utopisten hätten sich nicht zuletzt durch die Egoismus der Wohlstandsgewinnler nicht erfüllt. Heute stehen nun die Herausforderungen der Digitalisierung an. Kurz wägt er ab und kommt zu dem Schluss, dass eine Verweigerungshaltung nicht möglich sei. Es gebe kein Zurück. Und nahezu pathetisch beschwört er die Zukunft zu «erobern» statt sie multinationalen Konzernen (genannt werden die üblichen Verdächtigen Google, Amazon, Facebook und Apple) zu überlassen. Seidl entwirft manifestartig die Programmatik Kapitalismus mit Weltverbesserertum in Übereinstimmung bringen. Und «F.A.Q.» soll, so der Subtext, zum Sprachrohr derer werden, die hieran arbeiten.</p>
<p>Das Magazin ist in vier Rubriken gegliedert: In «FAQ» werden 13 «häufig gestellte Fragen» beantwortet. Etwa wer oder was nach Putin kommt, ob Tischtennis spielen gegen Alzheimer hilft und wie politisch krause Haare sind. Bret Easton Ellis schimpft über die Tyrannei des «Like-Mob» und der mir vollkommen unbekannte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rem_Koolhaas" target="_blank">Architekt Rem Koolhaas</a> (der auch nicht näher vorgestellt wird, weil man davon ausgeht, dass er dem Leser ein Begriff ist) entwirft die Zukunft des Wohnens auf dem Land. Ferner wird eine Luxusurlaubanlage auf Ibiza besucht, in der «W-Lan und Erholung, Hedonismus und Nachhaltigkeit» gleichzeitig möglich sein sollen. Es gibt einen Bericht über den Karriereknick der 12jährigen Schauspielerin Millie Bobby Brown und ein Projekt in Tansania wird vorgestellt, in dem ein Naturpark für das Grosswild mit den Anforderungen der steigenden Bevölkerung in Übereinstimmung gebracht werden. Das alles kommt in gebotener Kürze daher.Kein Text ist hier länger als drei Seiten, wobei es immer etliche Bilder zur Auflockerung gibt.</p>
<p>Im zweiten Teil widmet man sich dem Thema «Kampf um das Morgen». Hier ist auch Seidls Essay nach der ausführlichen Reportage über einen Besuch im Silicon Valley zu lesen. Natürlich ist das alles ungeheuer hip, revolutionär und manchmal auch skurril. Vor allem mit den Ideen von Elon Musk setzt sich Niklas Maak, der Autor des Textes, auseinander. Und so erfährt man viel über Mars-Missionen (immerhin: die Entwürfe der Behausungen aus Marsgestein von Norman Foster kann man schon bewundern), Elektromobilität und den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hyperloop" target="_blank">Hyperloop</a>. Und über die neuen Tech-Kommunen mit ihren innovativen Erfindungen und Ambitionen. Ergänzend sind in absoluter Kleinschrift zwei Kästen eingefügt die sich mit dem Haus von Elon Musk beschäftigen und eine ehemalige Bewohnerin der bereits existierenden Zukunftsstadt Songdo in Korea berichten lassen.</p>
<p>Wie die meisten Texte des Magazins ist auch die Silicon-Valley-Zukunftsgeschichte in eher beschreibend-affirmativem Ton verfasst. Ernsthaft werden beispielsweise Musks Projekte nicht reflektiert. Wie soll beispielsweise eine Lebensmittelversorgung für tausende von Menschen auf dem Mars gewährleistet werden? Was ist so toll an der Elektromobilität wenn der «getankte» Strom zu 50% aus Kohle und Atomkraftwerken gewonnen wird (wie in Deutschland derzeit)? Warum soll man einen Hyperloop konstruieren, wenn es andere Hochgeschwindigkeitszüge längst gibt? Schon klar: Man möchte auf der Party nicht den Spassverderber spielen. Aber muss dieser fast huldigende Fanzine-Ton wirklich sein?</p>
<p>Im dritten Teil wird der Leser mit «Materialien» unterschiedlichster Art versorgt. Carolin Wiedemann lässt Menschen, die mehrere Menschen gleichzeitig lieben und dies offen ausleben über ihr «polyamoren» Beziehungen erzählen. Auch dies erscheint so ganz neu nicht. Ein Stoff, wie man ihn auch bei Vice oder Nido finden würde. Der Leser lernt, dass in solchen Verhältnissen ungeheuer viel geredet wird und so erinnert man sich an den ein oder anderen Ingmar-Bergman-Beziehungsfilm der 1970er Jahre. Der Kulturwissenschaftler <a href="https://www.literatur.hu-berlin.de/de/institutsmitarbeiter/1680958/wissenschaftliche-biographie" target="_blank">Joseph Vogl</a> entwirft danach eine Kulturgeschichte des Amoklaufes und attestiert ihm eine «Grimasse der Rebellion». Vogl ist ein belesener Mensch, seine Texte sind normalerweise sehr komplex, aber hier kommt er leider kaum über den Whitman-Fall von 1966 hinaus. Der Essay endet ziemlich abrupt; die im Teaser versprochene Differenzierung zwischen Amoklauf, Attentat und Terror findet nicht statt (wobei ja die Autoren für die Teaser selten verantwortlich sind).</p>
<p>Um das Automobil geht es in einem Text über den VW-Patriarchen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_Pi%C3%ABch" target="_blank">Ferdinand Piëch</a> und die liegengelassene Chance von VW Anfang der 2000er Jahre ein bestehendes <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/VW_XL1" target="_blank">Ein-Liter-Auto</a> zu einem vernünftigen Preis in Serie zu schicken (es wurden nur 250 Wagen zum Stückpreis von 111.000 Euro produziert). Piëch erscheint in diesem Text als ein ökologischer Visionär, der leider zur falschen Zeit in den Aufsichtsrat gewechselt ist (und dadurch nach deutschem Aktiengesetz kaum direkten Einfluss auf das Tagesgeschäft eines Konzerns hat). In der Marginalie am Rand wird man belehrt, dass der Autor, Georg Mack, ein Buch über Piëch geschrieben hat, in dem er beschreiben soll, wie dieser den VW-Konzern «an Abgrund führte».</p>
<p>Die euphorische Zukunftsstimmung des Heftes wird kurz durch die Vorstellung diverser aktueller Projekte (Videos, Fotokunst, Installation) diverser KünstlerInnen ein wenig getrübt. In den Interpretationsgewittern, die von Kuratorinnen und Kunsthistorikerinnen in knapper Form nachgereicht werden, wimmelt es von apokalyptischen Ängsten: Vor dem Verlust des Menschen von Autonomie und Individualität, der Furcht vor Dauerüberwachung bis zum neuen Faschismus. Die anschließende Reportage über in Europa geborene oder aufgewachsene, aus afrikanischen Familien stammende «Rückkehrer» (die nicht als solche gesehen werden wollen) ist allerdings nicht von Zukunftsängsten in Europa geprägt. Die im Heft porträtierten gut ausgebildeten Kulturschaffenden oder der desillusionierte ehemalige Fussballspieler kehren in die Heimat ihrer Eltern zurück weil sie dort – man ahnt es schon – die politischen und sozialen Verhältnisse zum Besseren wenden.</p>
<p>Auch die «sanften Revoluzzer» &#8211; junge Unternehmensgründer, die sich nicht in Konzernstrukturen aufreiben wollen &#8211; wollen «die Menschheit nach vorne bringen». In einem Gespräch mit scheinbar typischen Protagonisten der Generation Y (1970-1995 geboren) und Generation Z (1995-2010) wird dies deutlich. Ihnen gemein ist, dass sie für eine neue Unternehmenskultur stehen. Es geht um flache Hierarchien, die Möglichkeit, dass auch der Praktikant problemlos dem Inhaber Vorschläge machen kann und die Möglichkeit sich jenseits starrer Hierarchien zu verwirklichen (auch dies klingt zuweilen verdächtig nach 1970er Jahre). Und so berichten sie von ihren Erfahrungen und Ambitionen, den Versuchen, unkonventionell und mit «organisiertem Chaos» statt mit den Techniken der (ja durchaus immer noch erfolgreichen) «Old Economy» zu reüssieren. Ein Headhunter ist auch beim Gespräch dabei. Er ist beeindruckt und beklagt, dass trotz finanzieller Anreize grosse Teile dieser Generationen den klassischen Unternehmen verloren gehen.</p>
<p>Zwischen diesen Zukunftsgestaltern wirkt der Aufsatz des deutschen Schriftstellers und Musikers Sven Regener über einen Schädlingsbekämpfer nicht ganz passend, auch wenn dieser immer wieder betont, dass die Bettwanzen sozusagen ein Produkt des globalisierten Tourismus sind, da Reisende diese in ihren Koffern nach Eruopa einführen. Regeners Text ist der mit Abstand Schlechteste des Heftes (und dies trotz der tollen Elektronenmikroskopbilder der Insekten). Ständig werden Aussagen wiederholt. Und obwohl der Schädlingsbekämpfer als «Held des Alltags» apostrophiert wird, bleibt er anonym, als sei sein Beruf ehrenrührig. Tatsächlich passt er weder in die Zielgruppe noch hat er Gemeinsamkeiten mit den sonst im Heft vorgestellten Protagonisten. Da ist sogar der bemüht-literaturwissenschaftlich daherkommende Beitrag von Cord Riechelmann über die Gemeinsamkeiten der Bedeutung von moderner Kunst im Werk der beiden Schriftsteller Rainald Goetz und Michel Houellebecq noch erträglicher. Obwohl Goetz&#8216; Werk dabei in fast unzulässiger Weise für die eigene These ausgeweidet wird. Das anschließende Houellebecq-Interview liefert ebenfalls nichts Neues; ein Beleg dafür, dass man derart meinungsfreudigen Intellektuellen nicht mit routinemässigem Abfragen gerecht werden kann.</p>
<p>Jetzt ist nur noch der vierte Teil überschrieben mit «Was kommt» zu überstehen. Zu Beginn wird «Science-Fashion» vorgestellt und der «Modekauf von morgen» vorweggenommen. Die vorgestellte visionäre Haute-Couture wird mit inszeniert-coolem Understatement von geschätzten Grösse 34-Models vorgeführt. Man wird über Neuentdeckungen von menschlicher Kunsthaut informiert, die den 68ern, die zeit ihres Lebens in der Sonne gebrutzelt haben, ein frisches, faltenfreies Äusseres bieten soll. «New-Technology»-Designer entwickeln Möbelstücke ohne sich von den lästigen «Anforderungen» wie beispielsweise Sitzkomfort bei einem Stuhl irritieren zu lassen. Dem «argumentative(n) Höllengewitter aus Moral und Ökologie» setzt Niklas Maak, der Autor der Silicon-Valley-Reportage, den neuen Trend zum Sportwagen mit dem schönen Wortspiel «Sport wagen» entgegen. Dass ein Automobil etwas mit Sport zu tun haben soll, werde ich nie verstehen. Immerhin: Soviel Dialektik ist also doch möglich. Es folgen Beiträge über exklusive Onlineshops, gesunde Ernährung, die neuen Projekte des einstigen Erfinders der Molekularküche Ferran Adrià (nicht viel Neues im Vergleich zu dem, was er vor <a href="http://www.zeit.de/zeit-magazin/essen-trinken/2014-09/molekularkueche-gastronomie-ferran-adria-zukunft" target="_blank">zwei Jahren</a> schon verlauten liess) und ein Reisebericht aus Tirana.</p>
<p>Erschöpft sinkt der Leser nach der Lektüre dann in seinen (bequemen) Stuhl. «Frankfurter Allgemeine Quarterly» ist eine Mischung aus dem vergangenen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tempo_(Zeitschrift)" target="_blank">«Tempo»</a>, der «Vogue» und dem «Zeit-Magazin», konzeptionell und gestalterisch unübersehbar inspiriert vom das Genre begründenden Globalisten-Magazin «Monocle» Die Eigenwerbung ist eine Spur zu grossmaulig; auch im Heft. Man habe für diese Ausgabe «mit grossartigen Autoren, Künstlern, Kreativen, Fotografen, Wissenschaftlern, Experten, Schriftstellern und Kollegen zusammengearbeitet» wird zu Beginn versprochen. Vorgestellt und im Index am Ende des Heftes werden nur diejenigen, die nicht den «Frankfurter»- Redaktionen angehören. Die Autorennamen sind generell sehr klein und zuweilen fast versteckt abgedruckt. Hier besteht also der Unterschied zu den Zeitgeist- und Lifestylemagazinen der Vergangenheit, die vor allem Autorenmagazine waren. Fast bleibt dabei unbeachtet, dass der F.A.Z.-Redakteur Niklas Maak vier Texte beisteuert (und mehr als 10% des Heftes geschrieben hat; womöglich gibt es deshalb eine Werbung für das neuestes Buch von ihm im Heft). Wenn jedoch einmal irgendwo Friedrich Nietzsche oder Edward Snowden auch nur erwähnt wird, erscheint der Name im Index. Andererseits werden die Bezüge in den diversen Texten über Personen wie Musk nicht konsequent aufgeführt.</p>
<p>Am nächsten Tag dann, am Freitag, darf der Leser wieder zum Zeitschriftenladen. Diesmal ist es einfacher: Das Heft der «Frankfurter Allgemeine Woche», seit dem Frühjahr diesen Jahres auf dem Markt, ist inzwischen bekannt und wird auch geführt. Auf rund 60 bis 70 Seiten gibt es einen kurzen politischen Nachrichtenüberblick, der fast ausschliesslich von Redakteuren der F.A.Z. (bzw. F.A.S.) erbracht wird. Das Titelthema hat drei bis Seiten, ansonsten ist zwei Seiten pro Artikel das Maximum, wobei meist mindestens noch eine halbe Seite für ein Bild, eine Karikatur oder ein Symbolfoto abgezogen werden muss. Die Texte könnten auch so in der Tageszeitung (bzw. der F.A.Z.) gestanden haben. Investigative Elemente fehlen; Hintergründiges gibt es selten. ebenso wie Hintergrundberichte. Verlässt man dennoch einmal das Ereignishafte und wagt mit Experten Ausblicke, ist das Format manchmal ein Fluch. So kam ein Experte in Heft 47/2016 zu dem Schluss, dass in der deutschen Automobilindustrie aufgrund der Umstellung auf Elektromobilität auf absehbare Zeit noch keine Arbeitsplatzverluste zu erwarten sind. Am Freitag dann, als das Heft erschien, gab VW die Kürzung von mehr als 23.000 Stellen in den nächsten neun Jahren in Deutschland bekannt. Der Schwerpunkt der «Frankfurter Allgemeine Woche» liegt auf deutsche Innen- und Wirtschaftspolitik. Dabei folgt die Berichterstattung dem Trend der Personalisierung, d.h. es wird weniger über Sachthemen sondern über Personen berichtet. Im Feuilletonteil dominieren Homestorys oder Interviews. Wer aus einem Safari- oder Klosterurlaub zurückkommt kann sich mit dem Heft schnell auf den aktuellen Stand bringen. Wer in der Woche das Tagesgeschehen in den Medien verfolgt hat, kann sich die Anschaffung sparen.</p>
<p>Es mag überraschend klingen, aber die Implementierung des Wochenmagazins scheint in Anbetracht der Konkurrenz von «Spiegel», «Zeit» und Focus überflüssiger als das neu geschaffene «Quarterly»-Magazin. Spannend wird es werden, wenn in einem der nächsten Vierteljahreshefte die politische Askese, die in Ausgabe Nr. 1 sicherlich absichtsvoll praktiziert wurde, aufgegeben wird. Irgendwann muss ja einmal über zukünftige politische und soziale Modelle in demokratisch verfassten Gesellschaften diskutiert werden. Dauerhaft dürfte man weder die «kreative Elite» noch die Hipster des linksliberalen urbanen Bürgertums mit Modetrends und spielerischen Utopien gewinnen können. Für ein solches Heft würde ich dann wieder zum Hauptbahnhof fahren.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/11/28/lesefutter-fuer-die-kreative-elite/">Lesefutter für die «kreative Elite»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<item>
		<title>Meister der Debatte</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2014/06/13/meister-der-debatte/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ronnie Grob]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 13 Jun 2014 08:16:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Frankfurter Allgemeine Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Google]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[FAZ]]></category>
		<category><![CDATA[Frank Schirrmacher]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Überwachung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Herzinfarkt mit 54 Jahren, der grosse deutsche Feuilletonist Frank Schirrmacher ist tot. Er war nicht nur ein Meister der Debattenführung, sondern auch ein Mann mit grossem Themengespür. Dass er sich zuletzt aktiv mit den Themen Internet und Überwachung auseinandersetzte, ist kein Zufall, sondern die konsequente Lebensführung eines stets neugierigen Menschen. Ich war mit Frank Schirrmacher <a href="https://medienwoche.ch/2014/06/13/meister-der-debatte/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2014/06/13/meister-der-debatte/">Meister der Debatte</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Herzinfarkt mit 54 Jahren, der grosse deutsche Feuilletonist Frank Schirrmacher ist tot. Er war nicht nur ein Meister der Debattenführung, sondern auch ein Mann mit grossem Themengespür. Dass er sich zuletzt aktiv mit den Themen Internet und Überwachung auseinandersetzte, ist kein Zufall, sondern die konsequente Lebensführung eines stets neugierigen Menschen.<br />
<span id="more-20240"></span><br />
Ich war mit Frank Schirrmacher eher selten einverstanden. Er war mir zu links und zu konservativ, seine Bücher zu <a href="http://www.ichwerdeeinberliner.com/post/17873820532/25-the-internet">ängstlich</a> und zu <a href="http://www.merkur-blog.de/2013/02/sorgfaltspflichten-wenn-frank-schirrmacher-einen-bestseller-schreibt/">unsorgfältig</a> und zum Internet hatte er eine völlig falsche Haltung, fand ich. Wiederum war ich fasziniert von ihm, diesem Menschen, der im deutschsprachigen Raum wohl am Meisten verstand vom Wesen der Debatte. So prophezeite er Filmproduzent Nico Hofmann mal bei einem Abendessen, welche Debatte sich nach der Ausstrahlung seines Films «Unsere Mütter, unsere Väter» in den deutschen Medien entspinnen wird. Hofmann erzählte dazu in einem <a href="http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2014-01/die-taegliche-pervertierung-die-weltwoche-ausgabe-022014.html">Weltwoche-Interview</a>:</p>
<blockquote><p>«Der Film war ja ein riesiger Erfolg mit über zwanzig Millionen Zuschauern. Wochenlang war er nach der Ausstrahlung Thema in den Medien – inklusive einer ­Titelgeschichte­ im Spiegel. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat das alles vor­ausgesehen. Er hat den Film vor der Ausstrahlung gesehen und mir bei einem Abendessen die gesamte Debatte mehr oder weniger voraus­gesagt. Ich habe ihm nicht glauben wollen, aber in vielen Punkten hat er recht erhalten.»</p></blockquote>
<p>Wie alle grossen Journalisten war Schirrmacher ein Mensch, an dem man sich wunderbar reiben konnte und der einen immer wieder überraschte mit neuen Ideen, Texten, Themen. Ein wacher Geist, keiner dieser verschnarchten Langweiler, die vor sich hindämmernd Spalten abfüllen und auf den Feierabend warten.</p>
<p>Schirrmacher, der 1985 zur FAZ stiess und 1994 mit erst 34 Jahren zum Mitherausgeber der Zeitung berufen wurde, führte im FAZ-Feuilleton echte Debatten, bei denen alle relevanten Positionen zu Wort kamen. Das ist unbestritten, auch wenn ich ihn öfters verdächtigte, Debatten so zu führen, dass sich am Ende beim Leser seine eigene Meinung festsetzen musste. Er hatte das Talent, Leute dazu zu bringen, für ihn Texte zu verfassen, in denen am Ende exakt das stand, was er von ihnen in seiner Zeitung lesen wollte. Internetmensch Sascha Lobo rief <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/abschied-von-der-utopie-die-digitale-kraenkung-des-menschen-12747258.html?printPagedArticle=true">im FAS-Feuilleton</a> «Das Internet ist kaputt» und vom unerschrockenen Kapitalisten Mathias Döpfner erschallte <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/mathias-doepfner-warum-wir-google-fuerchten-12897463.html?printPagedArticle=true">im FAZ-Feuilleton</a> ein ängstlicher Hilferuf nach Regulierungen. Frank Schirrmacher war ein genialer Strippenzieher und wäre wohl auch ein hervorragender Politiker oder Öffentlichkeitsarbeiter geworden (aber natürlich nur für die wirklich grossen Themen).</p>
<p>Von Schirrmacher wird unter anderem in Erinnerung bleiben, das Feuilleton der deutschsprachigen Zeitungen an die Netzthemen-Debatte angeschlossen zu haben und sich als einer der wenigen Top-Journalisten schon früh entschieden gegen die Überwachung gestellt zu haben. Eben weil er Debatten führen liess zu neufeuilletonistischen Themenkomplexen wie Internet, Überwachung und Suchmaschinen, brachte er Themen in Gang, um die sich die Kollegen Journalisten erst nach und nach zu kümmern beginnen. Anders als so viele seiner Printkollegen hat Frank Schirrmacher erkannt, welche grundlegende Umwälzung das Internet für alle Kommunikation bedeutet und welche Gefahr die Überwachung für die Freiheit und die Demokratie. Anders als so viele seiner Printkollegen machte er das absolut Naheliegende: Er nahm das Internet ernst, beschäftigte sich damit, und setzte diese neuen Themen wieder und wieder in die Zeitung. Er war auch mit 54 noch ausreichend neugierig, wollte dazulernen, sich ändern. «Er lernte in aller Öffentlichkeit», <a href="https://plus.google.com/113255309873341997679/posts/UY16LcsMAnz">schrieb</a> Wolfgang Blau in seinem kurzen Nachruf.</p>
<p>Ein Konservativer also, der sich redlich bemüht hat, die neue Zeit zu verstehen und so eben, viel früher als andere, auch einiges verstanden hat. Jene Positionen, die das FAZ-Feuilleton aktiv vertrat, standen allerdings unter dem Verdacht, den Zielen von Schirrmacher oder der FAZ zu dienen, vor allem der Kampf gegen Google wurde oft mit intellektuell verpackten, aber boulevardesken Methoden geführt. Den vielen dem Neuen reserviert bis offen ablehnend bleibenden Texte standen verhältnismässig wenige Texte gegenüber, welche das Neue auch einfach mal gut fanden. Errungenschaften des Internets wurden selten gewürdigt, meist wurde nur gewarnt. Verstörend war auch, wie das FAZ-Feuilleton oft die Rolle des Staats ausblendete und sich ganz der Kritik an den (US-amerikanischen) Grossunternehmen verschrieb. Die Positionen von Schirrmacher blieben oft eintönig und statisch. Der Perlentaucher <a href="http://www.perlentaucher.de/9punkt/2014-03-08.html">schrieb mal völlig erschöpft</a>:</p>
<blockquote><p>«Im Leitartikel der FAZ ruft Frank Schirrmacher wie jeden Samstag dazu auf, die digitale Revolution nicht allein der Mathematik und den Internet-Konzernen aus dem Silicon Valley zu überlassen, sondern politisch und gesellschaftlich zu verhandeln.»</p></blockquote>
<p>Der «Zeit» sagte er <a href="http://www.zeit.de/2012/22/DOS-Interview-Schirrmacher/komplettansicht">2012</a>:</p>
<blockquote><p>«Wir müssen erkennen, dass der sogenannte Empfänger ein Medium geworden ist, das selbst senden kann. Ein Blog kann genauso wichtig sein wie ein Leitartikel in der FAZ oder ein Spiegel-Artikel. Wir alle begreifen erst allmählich die Wirkung dieser Technologie auf unsere Gesellschaft.»</p></blockquote>
<p>Danke dafür, Frank Schirrmacher, dass Sie das Internet ernst genommen haben. Ihre Kollegen mögen von Ihnen lernen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2014/06/13/meister-der-debatte/">Meister der Debatte</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>«Eigentlich geht es den Zeitungen in Deutschland prächtig»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2011/03/23/eigentlich-geht-es-den-zeitungen-in-deutschland-prachtig/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ronnie Grob]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Mar 2011 11:53:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gespräche]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Für Kulturjournalisten und Feuilletoninteressierte ist der Perlentaucher seit vielen Jahren die Adresse, um sich online zu informieren, was in den Feuilletons der drei oder fünf wichtigsten deutschsprachigen Zeitungen steht, die man nicht täglich liest. Geschäftsführer des kleinen Berliner Unternehmens ist der 53-jährige Thierry Chervel. Wir haben ihn gefragt, was er selbst am liebsten liest, wie <a href="https://medienwoche.ch/2011/03/23/eigentlich-geht-es-den-zeitungen-in-deutschland-prachtig/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Für Kulturjournalisten und Feuilletoninteressierte ist der <a href="http://www.perlentaucher.de/">Perlentaucher</a> seit vielen Jahren die Adresse, um sich online zu informieren, was in den Feuilletons der drei oder fünf wichtigsten deutschsprachigen Zeitungen steht, die man nicht täglich liest.</p>
<p>Geschäftsführer des kleinen Berliner Unternehmens ist der 53-jährige Thierry Chervel. Wir haben ihn gefragt, was er selbst am liebsten liest, wie er die Zeitungsredaktionen einschätzt und was er von Schweizer Medien und Medienschaffenden denkt.</p>
<p><span id="more-28766"></span><em>Die Website Perlentaucher.de gibt es seit 2000, also schon 11 Jahre lang. Wie geht es dem Unternehmen Perlentaucher derzeit?</em><br />
So lala. Wir mussten ja einen Aufruf an die Leser lancieren, weil die Werbesituation im letzten Jahr recht unangenehm war für uns, besonders durch den Verfall der Preise bei der Displaywerbung.</p>
<p><em>Hat das etwas eingebracht?</em><br />
Ja. Nicht nur, dass uns viele, auch Schweizer Leser, sehr motiviert haben, weiterzumachen, sondern auch konkret etwa 22.000 bis 23.000 Euro. Wir haben nun auch einige Leser, die uns regelmässig Geld überweisen, was wir als eine Art informelles Honorar für unsere Leistungen betrachten, die ja kostenlos sind. Wir sind unseren Lesern sehr dankbar und werden dieses Jahr mit Sicherheit durchstehen.</p>
<p><em>Ist es richtig, den Perlentaucher als kleines Familienunternehmen zu bezeichnen?</em><br />
Eigentlich ja, wir sind sozusagen eine Currywurstbude: vier feste Leute, drei in der Redaktion, ein Techniker. Als Geschäftsführer bin ich für die Werbeakquise verantwortlich.</p>
<p><em>Welche Werbekunden hat denn der Perlentaucher?</em><br />
Die wichtigsten Werbekunden sind die klassischen Qualitätsbuchverlage.</p>
<p><em>Wir sind ja zwei der wenigen Frühaufsteher der Branche. Wann geht’s denn los am Morgen?</em><br />
Wir fangen um 7 Uhr an, zu dritt. Zuweilen arbeiten wir abends vor.</p>
<p><em>Welche Perlentaucher-Rubrik wird am meisten gelesen?</em><br />
Das Zentralstück ist schon die <a href="http://www.perlentaucher.de/Feuilletons/aktuell_liste.html">Feuilletonrundschau</a>, auch, weil sie täglich aktuell ist. Wenn wir Artikel von Autoren publizieren, dann wird das auch gut angeklickt. Auch die <a href="http://www.perlentaucher.de/teaserliste/2_Buecher.html">Buchseiten</a> haben gute Zugriffszahlen, das liegt aber auch an den Zugriffen über Suchmaschinen.</p>
<p><em>Lest ihr die Zeitungen im E-Paper oder auf Papier?</em><br />
Die FAZ lesen wir aus Tradition auf Papier, sonst lesen wir PDFs oder E-Paper. Es ist ja ein Irrtum, zu glauben, dass alle Zeitungen komplett im Netz stehen: Nur die taz ist komplett online.</p>
<p><em>Wie geht die Zeitungsauswertung konkret vor sich? Hat jeder seine festen Zeitungen?</em><br />
Feste Zeitungen ja, es kann aber jeder alles. Die Zuteilungen hängen von der Situation ab.</p>
<p><em>Die Feuilleton-Rundschau verweist in den letzten Jahren mehr und mehr auch auf Blogs und andere Online-Quellen. Warum?</em><br />
Die Öffentlichkeit hat sich verändert durch das Internet. Sie hat ihre Kristallisationspunkte verloren, was ja eigentlich begrüssenswert ist. Als Beispiel: Gerhard Schröder hat kürzlich in der «Peiner Allgemeinen Zeitung» ein Interview gegeben, wo er &#8211; vorsichtig gesagt &#8211; den Genozid an den Armeniern etwas milde beurteilt. Auch wenn die Quelle etwas abgelegen ist, wird das dann doch über die sozialen Netzwerke und Blogs weiterverbreitet und findet seinen Widerhall. Früher hätte ja niemand die «Peiner Allgemeine Zeitung» wahrgenommen.</p>
<p><em>Mit dem <a href="http://www.perlentaucher.de/blog/">«Ententeich»</a> hat der Perlentaucher ja seit einiger Zeit auch ein eigenes Blog. Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht?</em><br />
Die Erfahrung ist, dass ein Blog Arbeit bedeutet. Trotzdem ist es gut, eines zu haben, weil man, wenn man etwas zu sagen hat, ein Forum hat. Über die Zeit verdichtet sich dann schon was.</p>
<p><em>Du hast einen gut bezahlten und vergleichsweise sicheren Job bei der «Süddeutschen Zeitung» aufgegeben. Hast Du das je bereut?</em><br />
Nein. Insgesamt arbeitete ich fünf Jahre für das Feuilleton der «Süddeutschen Zeitung». Vier Jahre in Paris als Kulturkorrespondent, und dann ein Jahr lang als Feuilletonredakteur im Berliner Büro. Damals gab es eine Berlin-Seite, die wurde später eingestellt.</p>
<p><em>Wie ist der aktuelle Stand im nicht enden wollenden Prozess, der die FAZ und die SZ gegen Euch führt?</em><br />
Die FAZ und die SZ haben uns verklagt wegen den Resümees von Buchkritiken, die wir auf dem Perlentaucher veröffentlichen. Sie behaupten, darin sei zu wenig Eigenes &#8211; und wir bestreiten das. Die Zeitungen wehren sich vor allem dagegen, dass wir diese Notizen an Internetbuchhändler weitervertreiben. Im schlimmsten Fall müssten wir sie aus der Datenbank entfernen.</p>
<p><em>Wie sehr belastet das Euer Unternehmen?</em><br />
Das sind auch jetzt wieder Kosten, die auf uns zukommen. Insgesamt ist das nervend und behindernd. Die FAZ hat parallel uns sowohl juristisch als auch journalistisch attackiert. Wie weit das koordiniert war, kann ich nicht beurteilen. Die SZ hat nur juristisch angegriffen.</p>
<p><em>Was rätst Du Journalisten, die sich selbständig machen möchten?</em><br />
Ich kann nur jedem, der anfängt, raten, sich mit dem Internet auseinander zu setzen. Er sollte sich ein Blog zulegen und sei es, dass er es nur nutzt, um auf seine anderswo erscheinenden Artikel hinzuweisen und eine Kontaktmöglichkeit anzubieten.</p>
<p><em>Wie siehst Du den aktuellen Zustand der Zeitungsredaktionen?</em><br />
Eigentlich geht es den Zeitungen in Deutschland prächtig. Erst kürzlich war ja zu lesen, dass der Axel-Springer-Verlag 2010 über 500 Millionen Euro Gewinn gemacht hat. Aber klar, die Zeitungen sind immer noch traumatisiert von der Zeitungskrise 2003, die damals zu den ersten grösseren Entlassungen führte. Was gerne vergessen wird: Die grossen Profiteure des New-Economy-Booms waren ja die alten Medien, die sich mit Anzeigen von Internet-Startups dumm und dämlich verdient haben.</p>
<p><em>Und wie steht es mit dem geistigen Zustand?</em><br />
Natürlich sind die deutschen Kulturseiten publizistisch sehr wichtige Produkte und im internationalen Vergleich auch sehr gute. Ich kenne kein anderes Land, in dem so viele Bücher besprochen werden. Gut, die Feuilletons sind nicht mehr zehn oder elf Seiten dick wie in den goldenen Zeiten. Man darf dabei aber auch nicht vergessen, dass Feuilletons noch nie etwas zur wirtschaftlichen Situation einer Zeitung beigetragen haben.</p>
<p>Ein Problem der Redaktionen ist zudem die mangelnde Fluktuation. Auch die Devise, möglichst wenige Leute von aussen schreiben zu lassen, ist inhaltlich kontraproduktiv. Wir mochten die Feuilletons früher vor allem, weil sie Stimmen von aussen zuliessen, also Debattenraum waren.</p>
<p><em>Wie siehst Du die Homogenität in den Redaktionen?</em><br />
In der Islamdebatte gibt es eine grosse Homogenität der kulturellen Öffentlichkeit. Rund 80 Prozent der publizistischen Stimmen stehen auf der Seite der Kritiker der Islamkritik. Immerhin lassen die FAZ und die Zeit und die taz auch Gegenstimmen zu, während die SZ sehr dogmatisch verfestigt ist. Die Debatte zum Islam ist die derzeit wohl kontroverseste. Beim Medienwandel sind die Fronten eher Print gegen Internet.</p>
<p><em>Was sagst Du zur Debatte über Thilo Sarrazin?</em><br />
Ich fühle mich Sarrazin überhaupt nicht nah. Diskurse, die selber wieder kulturalistisch werden, lehne ich ab. Man braucht keinen neuen Populismus, sondern einen neuen Liberalismus. Wir müssen darüber nachdenken, warum es gut ist, in einem säkularen Staat zu leben, warum es ohne Kapitalismus nun mal nicht geht, warum Konsum nicht an sich etwas schlechtes ist. Die Moderne sollte sich gegenseitig befruchten und nicht in ihre kulturalistischen Lager zerfallen. Deswegen lehne ich Sarrazin mit seiner Tendenz zur genetischen Argumentation zutiefst ab.</p>
<p>Allerdings bin ich für weite Grenzen der Meinungsfreiheit und verteidige natürlich Sarrazins Recht, aufzutreten. Es muss in einer freien Öffentlichkeit hart zugehen können und man muss auch mal über die Stränge schlagen dürfen. Sonst ist die Öffentlichkeit nicht frei. Ich selber sympathisiere eher mit <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Henryk_M._Broder">Broder</a> und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Necla_Kelek">Necla Kelek</a> als mit Sarrazin.</p>
<p><em>Was sind die besten Publikationen im deutschsprachigen Raum? Und weltweit?</em><br />
Die Wirtschaftsseiten der FAZ sind grossartig, das ist mein Lieblingsmedium in Deutschland. International finde ich den Guardian und die New York Times online vorbildlich. Alles in allem kann man sehr froh sein, dass das Internet den Radius erweitert hat.</p>
<p>Auch wenn einige jetzt das Gesicht verziehen werden: Ich finde <a href="http://gawker.com/">Gawker</a> toll, das ist wunderbarer, moderner, frecher, schneller Boulevardjournalismus. Und Technikblogs wie <a href="http://techcrunch.com/">TechCrunch</a>. Ich mag aber auch abseitigeres, wie <a href="http://www.openculture.com/">Open Culture</a> oder <a href="http://www.3quarksdaily.com/">Three Quarks Daily</a>, was übrigens ein wunderbares Blog ist, um Essays zu finden. Es ist vielleicht kein Zufall, dass ich im Wesentlichen Englischsprachiges empfehle, im deutschsprachigen Bereich findet wenig Innovation statt. Gut, ich könnte sagen, der Spiegel ist ein wichtiges Institut &#8211; aber das hätte ich vor zwanzig Jahren auch schon sagen können.</p>
<p>Man muss wohl inzwischen konstatieren, dass eine Entwicklung, die in den USA stattgefunden hat, in Deutschland offenbar nicht stattfindet. Man sagt ja immer, die Entwicklung komme später, aber es ist in Deutschland keine <a href="http://www.huffingtonpost.com/">Huffington Post</a> entstanden, es gibt kein <a href="http://www.thedailybeast.com/">Daily Beast</a>, kein Gawker, kein Tech Crunch. Das ist schon schade.</p>
<p><em>Was denkst Du denn über deutschsprachige Blogs?</em><br />
Es ist gut, dass es sie gibt. Würde die Debatte über den Medienwandel nur von etablierten Medien bestritten werden, hätte sie eine Schlagseite. <a href="http://carta.info/">Carta</a> hat publizistisch viele Zeichen gesetzt, <a href="http://www.netzpolitik.org/">Netzpolitik</a> ist ein wichtiges Blog, auch das <a href="http://blog.zeit.de/joerglau/">Blog von Jörg Lau</a> find ich gut. <a href="http://www.achgut.com/dadgdx/">Die Achse des Guten</a> könnte ein Beispiel sein, wie ein politisches Blog aussehen könnte. Schade ist, wie wenige etablierte Journalisten Blogs führen. Die meisten Zeitungsredakteure lassen sich das Internet offensichtlich noch ausdrucken.</p>
<p>Und auch sehr schade ist, dass sich die Blogosphäre so sehr selbstbezüglichen Themen wie dem Medienwandel zuwendet. Ich würde gerne mehr themenspezifische Blogs lesen, zum Beispiel über klassisches Ballett, Theater oder Gesundheitspolitik. Ich glaube, dass jeder, der anfängt, ein Blog zu führen und sich ernsthaft mit einem Thema auseinandersetzt, von den Pressestellen auch wahrgenommen und beliefert wird, also Rezensionsexemplare oder Freikarten bekommt.</p>
<p>Schwieriger ist natürlich, überhaupt Geld zu verdienen. Am ehesten gelingt das wohl, in dem man sich thematisch spezialisiert und bei den Formen diversifiziert. Man sollte sich auch nicht zu schade sein, mal eine Powerpoint-Präsentation zu machen und einen Vortrag oder ein Seminar zu halten. Bei Seminaren werden in der Regel ja immerhin Tagessätze von 600 bis 800 Euro anerkannt. Freie Journalisten dagegen werden bekanntlich äusserst schlecht bezahlt.</p>
<p><em>Was denkst Du von den Schweizer Medien?</em><br />
Die Medienseite der NZZ ist eine der lesenswertesten. Wir mögen die NZZ sowieso gerne, andere Zeitungen beobachten wir nicht so intensiv. Was ich an der NZZ insgesamt schätze, ist ein gewisser Kosmopolitismus. Dieses natürlicherweise nach aussen Geöffnete schätze ich sehr, das haben viele kleinere Länder. Die grösseren Öffentlichkeiten in Europa, also die deutsche oder französische, sind zu stark auf sich selbst bezogen.</p>
<p><em>Welche zeitgenössischen Schweizer Medienschaffenden und Intellektuellen sind relevant?</em><br />
Das ist eine gute Frage. Ich könnte jetzt einige Redakteure der NZZ nennen, die ich gerne lese, aber ich weiss nicht recht. Man darf es ja kaum zugeben, aber ich habe eine gewisse Sympathie für Roger Köppel, allein, weil er die Mohammed-Karikaturen in der Welt abgedruckt hat. Von den anderen Zeitungen hat das ja sonst niemand gemacht.</p>
<p>Die eine Stimme der Schweiz könnte ich jetzt nicht nennen, doch das gilt auch für Deutschland. Wer sind denn heute die grossen Intellektuellen aus Deutschland, auf deren Äusserungen man wartet? Mal abgesehen von den ganzen alten Herren von Grass über Enzensberger bis Habermas, die seit 50 Jahren den Diskurs regieren (und jetzt am Ende doch auch etwas nachlassen)?</p>
<p>Wer ist denn da? Es gibt einige Professoren: Peter von Matt, Herfried Münkler oder Gerhard Schulze. Auch in Frankreich nennt man Leute, die man seit Jahrzehnten kennt, zum Beispiel André Glucksmann oder Alain Badiou. In ganz Europa sind keine repräsentativen Stimmen nachgewachsen. Die letzte Generation der bekannten und wichtigen Intellektuellen ist die 68er-Generation.</p>
<p><em>Kann es objektiven Journalismus geben? Also Journalisten, die es schaffen, ihre Haltung nicht in ihre Stücke zu tragen?</em><br />
Nein. Es muss keine Objektivität geben, sondern Nachvollziehbarkeit der Argumentation, Belegen der Quellen, Fairness, Einbezugnahme der Person. Was heisst schon Objektivität? Ich weiss nicht, ob das ein Kriterium sein kann.</p>
<p><em>In Deutschland gibt es viele Publikationen, die klar linke Positionen einnehmen, zum Beispiel die Taz oder die Jungle World. Welche Publikationen positionieren sich klar rechts, ohne dabei radikal zu sein?</em><br />
Ich wüsste gar nicht, was eigentlich links und rechts ist in diesem Spektrum. Ist die Jungle World eine linke Zeitung, auch wenn sie pro-israelisch ist, was unter vielen Linken ja als unanständig angesehen wird? Mein Eindruck ist: Linke können immer sagen, was links und rechts ist. Ich selber kann das nur schwer sagen. Wahrscheinlich gibt es nur pro- und anti-demokratisch.</p>
<p>Auch wenn die Linken traditionell als säkular und fortschrittlich gelten, stehen sie heute in vielen Punkten für konservative und kulturalistische Positionen ein. Eigentlich gibt es keinen Unterschied mehr zwischen der Linken und der Konservativen. Die Linke ist ein Teil des konservativen Lagers.</p>
<p>Meiner Meinung nach rechts ist zum Beispiel das aktuelle Buch von FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Patrick_Bahners#Die_Panikmacher">«Die Panikmacher &#8211; Die deutsche Angst vor dem Islam»</a>). Darin sind klassisch reaktionäre Positionen zu lesen: Verteidigung von Religion. Lob des Kopftuchs, weil es die Kostbarkeit und Sittlichkeit der Frau ausstellt. Aber auch Sorge um den Status von Religion jenseits von Islam in Deutschland. Festhalten am unklaren Verhältnis zwischen Religion und Staat in Deutschland. Das ist eine klassisch konservative, rechte Position &#8211; und gleichzeitig eine, die heute von den meisten Linken geteilt wird. Es ist kompliziert.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2011/03/23/eigentlich-geht-es-den-zeitungen-in-deutschland-prachtig/">«Eigentlich geht es den Zeitungen in Deutschland prächtig»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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